Tradition bezeichnet die mündlich, schriftlich, erzieherisch oder auf dem Wege des spielerischen Nachahmens erfolgende Weitergabe bestimmter Denkansichten und Verhaltensweisen innerhalb einer dadurch zur 'Kultur' werdenden Gruppe aus sozialen Lebewesen. Tradiert oder von einer Generation zur nächsten weitergeben werden brauchen oder müssen nur Sachverhalte, für die keine angeborenen Grundlagen* bestehen (* s. Instinkte.) Das sind u.a.: Fähigkeiten zur Herstellung von Werkzeugen, hygienische und medizinische Errungenschaften (s. hierzu auch: Kulturen der Schimpansen), weiterhin religiöse Sitten oder Gebräuche (z.B. Pubertätsrituale, Jugendweihe, Konfirmation) und auch naturwissenschaftlich-philosophische Weltanschauunen oder Erkenntnisse. Der Gebrauch des Wortes Tradition ist allerdings nicht einheitlich und in machen Kulturen ganz unbekannt. Unter anderem wird Tradition verstanden als
- das Überlieferte, die Überlieferung selbst (traditum)
- das Überliefern, die Weitergabe (tradendum)
- Gepflogenheiten, Konventionen, Brauchtum
Begriff
Allgemein
Tradition stammt von
lateinisch traditio („Übergabe, Auslieferung, Überlieferung“). Das
Substantiv leitet sich wiederum her vom
Verb tradere (aus „trans-“ 'hinüber-' und
-dare 'geben'). Die Wortbedeutung entspricht weitgehend dem
altgriechischen Wort
paradosis.
Insgesamt lassen sich zwei Hauptbedeutungen unterscheiden: 1. Tradition als kulturelles Erbe und 2. Tradition als Tradierung. Forschungen zum Begriff und zum Verhältnis der beiden Hauptbedeutungen fallen in den Bereich der Traditionstheorie.
Tradition als kulturelles Erbe
Unter Tradition wird in der Regel die Überlieferung der Gesamtheit des
Wissens, der
Fähigkeiten sowie der Sitten und Gebräuche einer
Kultur oder einer
Gruppe verstanden. Tradition ist in dieser Hinsicht das kulturelle Erbe, das von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird. Wissenschaftliches Wissen und handwerkliche Kunst gehören ebenso dazu, wie
Rituale, moralische Regeln und Speiseregeln.
Neben diesen hochkulturellen Inhalten werden zuweilen auch nur temporär gültige Üblichkeiten als Tradition bezeichnet. In diesem Sinne wird der Ausdruck traditionell gebraucht; es ist das Übliche und Gewohnte. Der eher bildungssprachliche Ausdruck traditional wird dagegen auf die hochkulturellen Inhalte bezogen.
Tradition als Tradierung
Seltener bezeichnet Tradition die Tradierung, also den
Prozess der Überlieferung selbst, auch wenn in
systematischer Hinsicht der Traditionsprozess die Grundlage für die Tradition als kulturelles Erbe bildet.
Traditionstheorie
Traditionstheorien gibt es in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen: In der
Ethnologie, der
Volkskunde, der
Soziologie, der
Philosophie, der
Theologie, der
Literaturwissenschaft und der
Rechtswissenschaft. Dabei konzentrieren sich die einzelnen
Wissenschaften jeweils auf Teilaspekte des
Phänomens
Tradition. Bislang liegt kein Ansatz für eine systematisch entwickelte Traditionstheorie vor.
Vor allem die Soziologie hat sich dem Phänomen Tradition zugewandt: Max Weber zählt die Orientierung an Tradition zu einem der vier Grundtypen sozialen Handelns. Edward Shils und Shmuel N. Eisenstadt haben der Entwicklung der Traditionstheorie für die Soziologie große Bedeutung beigemessen und ihre Überlegungen dazu monographisch dargelegt.
Auch der Philosoph Karl Popper sah die Entwicklung einer Traditionstheorie vor allem als Aufgabe der Soziologie.
Auf philosophischer Seite haben sich insbesondere Josef Pieper, die so genannte Ritter-Schule und Alasdair MacInytre mit traditionstheoretischen Fragen befasst: Pieper hat vor allem die Verbindung von mittelalterlicher Philosophie und Katholizismus in den Blick genommen. Die Ritter-Schule hat Tradition vor allem wegen der geschichtlichen Einbettung allen kulturellen Lebens diskutiert. MacIntyre hat als Kommunitarist auf die Notwendigkeit traditionaler und regional gültiger Maßstäbe für die gegenwärtige Ethik und Politik verwiesen.
Traditionskritik
Traditionskritik ist zum einen der Name einer Methode in der historisch-kritischen Textforschung, zum anderen eine Bezeichnung der
Kritik an Tradition und den tradierten Inhalten selbst.
Historisch-kritische Methode
Traditionskritik als
historisch-kritische Methode dient dazu, in verschriftlichten Texten die zugrundeliegenden mündlich verbreiteten Fassungen zu rekonstruieren (beispielsweise bei biblischen Texten, Lehrmärchen, Gebetssammlungen, Mythen).
Die Traditionskritik steht im Verbund mit anderen historisch-kritischen Methoden, zum Beispiel der
Textkritik und der
Formkritik, und lässt sich aus dem Forschungszusammenhang nicht als eigenständige Methode herauslösen.
Kritik der Tradition
Traditionskritik meint auch
Kritik an Tradition als dem überlieferten, kulturellen Bestand. Tradition wird dann problematisch, wenn Formen sich verselbstständigen, deren ursprünglicher Sinn verloren ging: „Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage“ (Goethe).
In Europa begann mit der Reformation, später mit Rationalismus und Aufklärung, ein kritisches Infragestellen überlieferter Formen des Wissens, Glaubens und der Moral. Mit der Betonung des Vernunftprinzips (das an die Stelle des reformatorischen Schriftprinzips trat) wurde die Gültigkeit jedes Traditionsprinzips in Frage gestellt. Darauf reagierte schon frühzeitig der Französische Traditionalismus, Ausdruck der konservativen Reaktion.
Das Kräftemessen von Tradition und Vernunft hält bis in die Gegenwart an. Zusammen mit der Eigendynamik eines rationalisierenden Kapitalismus und den Folgen kultureller und ökonomischer Globalisierung ist derzeit eine weltweite Revision überkommener Werte und Überlieferungen zu beobachten. Als Gegenreaktion sind ebenfalls weltweit fundamentalistische Tendenzen zu verzeichnen. Wie schon der Französische Traditionalismus ist die konservative Reaktion in der Gegenwart häufig religiös legitimiert und gewaltbereit.
Tradition in den Kultur- und Geisteswissenschaften
Ethnologie
Geschichtswissenschaft
Auch die
Geschichtswissenschaft versteht unter dem Begriff Tradition alles, was von Begebenheiten in irgendeiner Form überliefert worden ist und durch menschliche Auffassung hindurchgegangen und wiedergegeben ist.
In den vergangenen Jahren sind so genannte „erfundene Traditionen“ (invented traditions, vergleiche Eric Hobsbawm), die zur Legitimierung bestimmter Dinge und Handlungsweisen dienen sollen, zunehmend ins Blickfeld der Historiker gekommen.
Rechtswissenschaft
In der antiken Rechtssprache (
römisches
Recht) war Tradition (traditio) der Übergabeakt einer (beweglichen) Sache zum Beispiel bei der Vererbung und beim Kauf. Daher auch die noch heute manchmal begegnende Verwendung von Tradition als Auslieferung (vergleiche englisch: trade).
In der modernen Rechtswissenschaft bezeichnet Traditionstheorie einen bestimmten Ansatz zur Abgrenzung des öffentlichen Rechts vom Privatrecht. Die Traditionstheorie bezeichnet danach die Auffassung, dass bestimmte Rechtsgebiete traditionell dem öffentlichen Recht zugeordnet werden. Dazu gehören zum Beispiel Rechtsstreitigkeiten innerhalb des Polizei-, des Ordnungs- und des Verwaltungsrechtes.
Neben der Traditionstheorie gibt es als weitere Abgrenzungstheorien die Interessentheorie, die Subordinationstheorie (auch: Subjektstheorie) und die Sonderrechtstheorie (auch: modifizierte Subjektstheorie]].
Tradition und Religion
Tradition im Judentum
Tradition ist im
Judentum immer im Zusammenhang von Tradierung,
Lehre und
Erinnerung gesehen worden. In
Deuteronomium 6 (5. Mose 6) findet sich die Anweisung, das jüdische
Glaubensbekenntnis als Summe des (göttlichen) Gesetzes an den Sohn weiter zu geben, dass dieser es an seinen Sohn weiter gebe. Außerdem soll die Erinnerung an die Geschichte des eigenen Volkes, seine Entstehung und an den mit Gott am Berge
Sinai geschlossenen Bund tradiert werden.
Kern des jüdischen Traditionsverständnisses ist das Gesetz, die Tora. Bei der Überlieferung der Tora wird unterschieden zwischen der schriftlichen Tora (die so genannten fünf Bücher Mose) und der mündlichen Tora, der (zunächst) mündlich überlieferten Auslegung der schriftlichen Tora. Diese ist wiederum zum Teil verschriftlicht im Talmud.
Einen eigenen Begriff für solche Tradition gibt es im Tanach nicht. Es gibt wohl das Wort magan, das überliefern im Sinne von ausliefern meint, nicht aber im hier behandelten Sinn. Ein solches Wort entwickelt sich erst später aus dem Wort masorät (das Verpflichtende, Bindende). Daraus leiten sich die Bezeichnung Masoreten ab, die im speziellen für eine jüdische Gelehrtengruppe des Mittelalters gebraucht wird. Die Masoreten bemühten sich um eine möglichst genaue schriftliche Überlieferung der Tora. Sie erstellten unter hinzufügen der Masora, einem umfangreichen textkritischen Apparat, den sogenannten Masoretischen Text. Masora gilt heute als Kernbegriff des jüdischen Überlieferungsverständnisses.
Tradition im Christentum
Katholizismus
In der
römisch-katholischen Kirche wird unter Tradition die neben der
Bibel stehende, aber genauso verbindliche Glaubenslehre seit den
Aposteln und
Kirchenvätern verstanden. Als
Traditionsprinzip dient diese Glaubenslehre in der römisch-katholischen
Exegese zur Auslegung der christlichen
Heiligen Schrift; nach römisch-katholischer Auffassung kann die wahre Aussage christlich-biblischer Texte nur durch die Auslegungstradition der Kirche verstanden werden. Das Traditionsprinzip ergänzt demnach das
Schriftprinzip.
Christliche Orthodoxie
Der Begriff der
Orthodoxie verweist bereits auf die beiden wesentlichen Aspekte des orthodoxen Traditionsverständnisses: Orthodoxie heißt zugleich „richtiger Glaube“ und „ richtiger Lobpreis“.
Die „Rechtgläubigkeit“ bezieht sich vor allem auf die biblische Überlieferung. Für den orthodoxen Glauben ist wichtig, sich dem Ursprünglichen zuzuwenden und diesem Ursprünglichen treu zu bleiben. Der biblische Text gilt als Garant, Herzstück und Kern der Tradition. An diesem Punkt unterscheidet sich die Orthodoxie wesentlich vom römischen Katholizismus, der die kirchliche Lehrtradition eher gleichberechtigt neben die Bibel stellt. In den Anfängen der Reformation sahen die ersten Reformatoren in den orthodoxen Kirchen mögliche Verbündete. Erste Kontaktaufnahmen bereits in der ersten Hälfte des
16. Jahrhunderts blieben am Ende aber folgenlos.
Der „rechte Lobpreis“ bezieht sich auf den liturgischen Gottesdienst. Die sogenannte „Göttliche Liturgie“ geht im Kern auf jüdische und frühestchristliche Formen zurück; seit gut 1000 Jahren wird sie in unveränderter Form gefeiert. Allerdings haben sich unterschiedliche Varianten dieser Liturgie entwickelt. Die bekannteste Form geht auf die Liturgie aus Konstantinopel zurück und ist in allen Orthodoxen Kirchen in Gebrauch. Diese liturgische Tradition, zu der neben den Texten auch Melodien, Handlungsabläufe, Gewänder, liturgische Geräte, der Kirchenbau selbst, Ikonen etc. gehören, hat eine ebenso große Bedeutung wie die biblische Lehre und wird auch oft zur Auslegung der Bibel herangezogen.
Protestantismus
Seit der
Reformationszeit, in der das
römisch-katholische Traditionsverständnis kritisiert wurde, entwickelte sich der Begriffsgegensatz von christlicher
Heiliger Schrift und Tradition. Das Traditionsprinzip wurde zugunsten des
Schriftprinzips als notwendiges Element des wahren
Schriftverständnisses aufgegeben; nach evangelischer Lehre ist die heilige Schrift selbsterklärend und deshalb allein die Schrift verbindlich für Fragen des Glaubens (vergleiche
sola scriptura). In einer gewissen Spannung hierzu stehen die neuen Traditionen, die sich in den einzelnen evangelischen Konfessionen herausgebildet haben.
Die neuzeitliche Traditionskritik der Aufklärung verdankt sich wesentlich des traditionskritischen Impulses der Reformation, ging aber auch wesentlich darüber hinaus, indem sie auch die Bibel selbst als zu kritisierende Tradition verstand.
Tradition im Islam
Im Kern des islamischen Traditionsverständnisses steht der Begriff der
Sunna (arabisch für „Tradition, Überlieferung“). Weil im Koran als dem geoffenbarten Gotteswort nicht für alle Lebensbereiche Regeln niedergeschrieben waren, hat sich nach dem Tod
Mohammeds ein Lehr- und Rechtssystem entwickelt, das verschiedene säkulare Rechts- und Brauchtumstraditionen aufnahm und in Verbindung mit Mohammed religiös fundierte. Nach zunächst mündlicher Überlieferung in vier verschiedenen Rechtsschulen, die auf verschiedene Imame als Nachfolger Mohammeds zurückgehen, wurde die Sunna gut 200 Jahre nach Mohammeds Tod in mehreren Büchern verschriftlicht.
Die überlieferten Rechtssammlungen gelten nicht in allen islamischen Glaubensrichtungen. Die
Sunniten halten alle vier Rechtsschulen für orthodox und akzeptieren die gesamte Sunna. Die
Schiiten halten nur die Rechtstradition jener Gelehrten für orthodox, die sich zu
Ali ibn Abi Talib als einzig legitimen Nachfolger Mohammeds bekennen.
Weiteres
Literatur
- Aleida Assmann: Zeit und Tradition. Kulturelle Strategien der Dauer (1999) ISBN 3-412-03798-2
- Karsten Dittmann: Tradition und Verfahren (2004) ISBN 3-8334-0945-2
- Samuel N. Eisenstadt: Tradition, Wandel und Modernität (1973; dt. 1979) ISBN 3-518-57901-0
- Till R. Kuhnle: "Tradition und Innovation", in: Barck, Karlheinz u.a. (Hg): Ästhetische Grundbegriffe. Historisches Wörterbuch VI, Stuttgart/Weimar: Metzler 2005, 74-117.
- Josef Pieper: Über den Begriff der Tradition (1958)
- Leonhard Reinisch (Hrsg.): Vom Sinn der Tradition (1970) ISBN 3-406-02468-8
- Edward Shils: Tradition (1981) ISBN 0-226-75325-5
Siehe auch
Weblinks
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