Pulmonale Hypertonie (Abk. PH oder PHT) und pulmonal-arterielle Hypertonie (Abk. PAH) sind Sammelbezeichnungen für Krankheiten, die durch einen zunehmenden Anstieg des Gefäßwiderstandes und einen Anstieg des Blutdrucks im Lungenkreislauf gekennzeichnet sind, oft verbunden mit einer darauf folgenden Rechts-Herzinsuffizienz. Die Patienten leiden unter stark eingeschränkter körperlicher Leistungsfähigkeit, Kreislaufstörungen und Müdigkeit. Die durchschnittliche Lebenserwartung ohne Therapie beträgt drei Jahre ab Diagnose. Eine pulmonale Hypertonie wurde erstmalig 1891 durch Ernst von Romberg beschrieben. Die pulmonale Hypertonie zählt zu den seltenen Krankheiten.
Symptome
Eine pulmonale Hypertonie liegt vor, wenn der mittlere Blutdruck in der Lungenschlagader (Pulmonalarterie) vom Normalwert (< 20
mmHg) auf mehr als 25 mmHg in Ruhe und 30 mmHg unter Belastung ansteigt. Im Bereich von 30 bis 40 mmHg können erste klinische Symptome, insbesondere unter Belastung, beobachtet werden. Im Bereich von 50 bis 70 mmHg nimmt die Herzauswurfleistung kontinuierlich ab. Die Patienten leiden unter stark eingeschränkter körperlicher Leistungsfähigkeit, Kreislaufstörungen einschließlich
Synkopen,
Angina Pectoris,
Raynaud-Syndrom, peripheren
Ödemen und Müdigkeit. Der pulmonal-arterielle Blutdruck kann weiter auf über 100 mmHg ansteigen.
Pathophysiologie
Während einer akuten pulmonal-arteriellen Hypertonie stellen sich die Lungengefäße eng, verdicken ihre Gefäßmuskulatur, und der Innenraum im Gefäß wird dadurch kleiner. Bei der chronischen pulmonal-arteriellen Hypertonie nimmt die Gefäßmuskulatur an Umfang zu. Danach folgt ein langsamer Umbau der
Muskulatur zu
Bindegewebe. Die Wand ist dann weniger flexibel, und in diesem Zustand ist eine Rückbildung nicht mehr möglich. Dieser Zustand führt zu einem fixierten Lungenhochdruck. Bei einer zusätzlichen Kalkeinlagerung in den Gefäßwänden und in den inneren Gefäßwänden spricht man dann von einer Sklerosierung der Gefäße. Durch den Umbau der Lungengefäße wird immer weniger
Sauerstoff über die Lunge aufgenommen, während sich durch den erhöhten pulmonal-arteriellen Widerstand die Herzauswurfleistung verringert.
Pulmonale Hypertonie als Komplikation
Eine pulmonale Hypertonie ist oft die Folge einer
chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD), kann aber auch sekundär als Folge anderer Erkrankungen, wie z. B.
Lungenembolie,
Lungenfibrose,
Sarkoidose,
Asthma,
AIDS,
Sichelzellanämie und angeborener Herzfehler auftreten.
Idiopathische pulmonale Hypertonie
Die Ursachen einer primären (oder idiopathischen) pulmonalen Hypertonie sind hingegen nicht genau bekannt. Eine verstärkte Freisetzung von
Blutgefäß kontrahierenden Faktoren, wie z. B.
Endothelin und
Thromboxan, eine verminderte Produktion relaxierender Faktoren, wie z. B.
Stickstoffmonoxid und
Prostazyklin werden als Ursachen für einen erhöhten Tonus der Blutgefäße diskutiert. Die bei Patienten mit einer primären pulmonalen Hypertonie erhöhten
Serotonin-Spiegel werden als eine Ursache für die Serotonin-vermittelte Umgestaltung der Gefäßmuskulatur angesehen. In diesem Prozess können auch proinflammatorische
Zytokine eine wichtige Rolle spielen
[Eddahibi S.,Morrell N., d'Ortho M.P.*, Naeije R. & Adnot S. (2002). Pathobiology of pulmonary arterial hypertension. Eur. Respir. J. 20: 1559–1572.]. Auf
genomischer Ebene wird eine
Mutation des Bone morphogenic protein Rezeptors 2 (BMPR2) als eine mögliche Ursache für die familiäre Häufung dieser Erkrankung angesehen. Auch eine Mutation der Activin receptor like Kinase 1 (ALK1) und die
Polymorphie des
Promotors des
Sertonin-Transporters (SERT) als eine mögliche Ursache für die primäre pulmonale Hypertonie diskutiert. Somatische genetische Veränderungen konnten auch in Endothelzellen von Patienten mit einer pulmonal-arteriellen Hypertonie festgestellt werden
[Humbert M. & Trembath R.C. (2002). Genetics of pulmonary hypertension: from bench to bedside. Eur. Respir. J. 20: 741–749.].
Diagnose
Die Messung des pulmonal-arteriellen Blutdrucks erfolgt klassisch mittels
Herzkatheteruntersuchung mit Hilfe des
Swan-Ganz-Katheters. Eine Alternative ist die indirekte Messung des pulmonal-arteriellen Blutdrucks über die trikuspidale Auswurfleistung mit Hilfe der
Echokardiografie.
Blutuntersuchungen und
Röntgen des
Thorax zählen ebenfalls zu den Standarduntersuchungen. Eine
Biopsie des Lungengewebes wird nur bei Verdacht auf eine sekundäre pulmonale Hypertonie durchgeführt. Der „6-Minuten-Lauftest“, bei dem die Strecke ermittelt wird, die der Patient in sechs Minuten zurücklegen kann, liefert Erkenntnisse über die körperliche Verfassung des Patienten während der Therapie.
Einteilung
Die Einteilung der pulmonalen Hypertonie sollte heute nach der im Jahr 2003 auf dem
3rd World Symposium on PAH beschlossenen „funktionellen“ Klassifikation erfolgen (s. u.). Daneben sind noch traditionelle Bezeichnungen gebräuchlich, wie etwa die Unterscheidung in eine primäre (IPAH und FPAH der neuen Klassifikation) und eine sekundäre (alle übrigen Formen) pulmonale Hypertonie.
Funktionelle „Venedig“-Klassifikation 2003
- Pulmonalarterielle Hypertonie (PAH)
- Idiopathische pulmonalarterielle Hypertonie (IPAH)
- Familiäre pulmonalarterielle Hypertonie (FPAH)
- Pulmonalarterielle Hypertonie bei (APAH)
- Bindegewebserkrankung
- Angeborenen systemisch-pulmonalen Shunts (u.a. Herzfehler)
- Portaler Hypertension
- HIV-Infektion
- Medikamenten und Giftstoffen
- Anderen Erkrankungen (der Schilddrüse, Glykogenspeicherkrankheit, Morbus Gaucher, Splenektomie usw.)
- Pulmonalarterielle Hypertonie mit relevanter venöser oder kapillärer Beteiligung
- Pulmonale veno-okklusive Erkrankung (PVOD)
- Pulmonale kapilläre Hämangiomatosis (PCH)
- Persistierende pulmonalarterielle Hypertonie des Neugeborenen (PPHN)
- Pulmonale Hypertonie bei Erkrankungen des linken Herzens
- Erkrankung des linken Vorhofes oder Ventrikels
- Mitral- oder Aortenklappenfehler
- Pulmonale Hypertonie bei Lungenerkrankung und/oder Hypoxie
- Chronisch obstruktive Lungenerkrankung
- Interstitielle Lungenerkrankung
- Schlafapnoe-Syndrom
- Alveolärer Hypoventilation
- Chronischer Höhenkrankheit
- Anlagebedingten Fehlbildungen
- Pulmonale Hypertonie aufgrund chronischer Thrombembolien (CTEPH)
- Thrombembolischer Verschluss proximaler Lungenarterien
- Thrombembolischer Verschluss distaler Lungenarterien
- Nicht-thrombotische Lungenembolien (Tumor, Parasiten, Fremdkörper)
- Verschiedenes (Sarkoidose, Histiozytose X, Lymphangiomatosis usw.)
Idiopathische pulmonalarterielle Hypertonie (IPAH)
Diese selten auftretende pulmonale Hypertonie (
Inzidenz 1 bis 2 : 1.000.000) stellt im Gegensatz zur sekundären pulmonalen Hypertonie keine
Komplikation einer anderen Grunderkrankung dar. Für sie kann häufig keine Ursache gefunden werden. Die Veränderungen können trotz gesunden Herzens ähnlich sein wie bei einer sekundären pulmonalen Hypertonie in Folge eines angeborenen Herzfehlers. Die
Prognose bei dieser Form der pulmonalen Hypertonie beträgt ohne Therapie knapp drei Jahre ab der Diagnosestellung.
Eine der idiopathischen pulmonalen Hypertonie zugeordnete Form kann bei prädisponierten Personen durch Arzneistoffe, vor allem einige Appetitzügler ausgelöst werden. Die betreffenden Appetitzügler Fenfluramin, Dexfenfluramin und Aminorex wurden auf Grund dieser Nebenwirkung mittlerweile vom Markt genommen. Als Ursache für die durch diese Arzneistoffe ausgelöste pulmonale Hypertonie wird eine Aktivierung von Serotonin-Rezeptoren (5-HT2B-Typ) und eine damit verbundene Veränderung (Remodeling) pulmonaler Blutgefäße diskutiert.
Pulmonale Hypertonie bei angeborenen Herzfehlern
Folgende angeborene Herzfehler können zur Entwicklung dieses Krankheitsbildes führen:
- auf Kammerebene
- auf Vorhofebene
- auf aorto-pulmonaler Ebene
Therapie
Eine dauerhaft erfolgreiche Behandlung setzt voraus, dass eine zur PH führende Grunderkrankung rechtzeitig beseitigt wird, bevor eine fixierte pulmonale Hypertonie eingetreten ist. Geschieht das zu spät oder ist es medizinisch nicht möglich, ist lediglich eine
palliative Behandlung mit Medikamenten oder eine Lungen- oder Herz-Lungen-
Transplantation möglich. Deswegen werden Kinder mit angeborenen Herzfehlern heute möglichst so frühzeitig operiert, dass sich eine pulmonale Hypertonie nicht entwickeln kann. Die technischen Möglichkeiten (
Herz-Lungen-Maschine) und die chirurgische Erfahrung bei der Korrektur angeborener Herzfehler schon im Säuglings- oder Kleinkindalter liegt heute vor.
Die medikamentöse Therapie des pulmonalen Hochdrucks ist schwierig. Neuerdings sind einige Arzneistoffe für die Therapie der pulmonalarteriellen Hypertonie, teilweise mit Einschränkungen, zugelassen. Für andere Formen der pulmonalen Hypertonie besteht keine behördliche Zulassung. Es kommt daher allenfalls eine Behandlung im Rahmen eines Therapieversuchs (sog. off-label-use) in Frage.
Je nach Schweregrad der Erkrankung empfehlen die internationalen Leitlinien der Konsensuskommission des 3. PAH-Weltsymposiums in Venedig 2003 [Galie N et al, J am Coll Cardiol 2004; 43:81S-88S]
im NYHA-Stadium III:
in zweiter Linie
- Sildenafil (Revatio®), Phosphodiesterase-Hemmer, der die Lungengefäße erweitert
- Iloprost (Ventavis®), stabiles Prostazyklinanalogon, eine inhalative und selektive Therapie Alternative: i. v. Dauerinfusion.
- Treprostinil oder
- Beraprost
im NYHA-Stadium IV:
in zweiter Linie
oder evtl. eine
Atrioseptostomie oder eine
Lungentransplantation.
In Fällen, in welchen ein positiver Vasoreaktivitätstest (eine signifikante Abnahme des Lungenarteriendrucks im Akuttest mit NO) aufweisen, können auch hochdosierte Calciumkanalblocker (Nifedipin z. B. Adalat® oder Diltiazem z. B. Dilzem®) gegeben werden.
Des Weiteren wird wegen des hohen intrakardialen Thromboserisikos empfohlen, eine Antikoagulation durchzuführen.
Eine dauerhafte Sauerstoffgabe kann ebenfalls in einigen Fällen zu einer Besserung des pulmonalen Hochdrucks führen.
Zur Behandlung der Rechtsherzinsuffizienz sind geeignet:
Keinen Platz in der Behandlung der pulmonalen Hypertonie (außer infolge einer Linksherzinsuffizienz) haben:
Nur in der Veterinärmedizin eingesetzt:
Bei Therapie der pulmonalen Hypertonie des Erwachsenen sind ein Nikotinverzicht des Patienten und eine Reduzierung eines vorhandenen Übergewichtes auf Normalgewicht unverzichtbar.
Spätfolgen
Bei angeborenen Herzfehlern, die nicht diagnostiziert wurden, bevor sich eine fixierte PH entwickelt hat oder die nicht operabel waren, kann es durch den weiteren Druckanstieg im Lungengefäßsystem zu einer
Shunt-Umkehr kommen. Der Lungendruck liegt dann über dem Druck im Körperkreislauf. Dieses Krankheitsbild wird als
Eisenmenger-Reaktion bezeichnet. Die Patienten haben eine
Zyanose und ihnen kann auf Dauer nur durch eine Herz-Lungen-Transplantation geholfen werden.
Weblinks
Quellen
Kardiologie | Kinderkardiologie | Pneumonologie | Pulmologie
Pulmonary hypertension | Pulmonale hypertensie