Politische Korrektheit ist eine aus den USA (dort engl.: Political Correctness) stammende, meist abwertend gemeinte Verallgemeinerung von Aktivitäten zur Gleichstellung oder zum Abbau von Diskriminierung in den westlichen Industriestaaten.
Die Bezeichnung bezieht sich meist auf einen bestimmten feministischen oder multikulturellen Sprachgebrauch, der den traditionellen Sprachgebrauch ersetzen soll und von Kritikern anhand von Euphemismen, Neologismen oder Fachbegriffen charakterisiert wird, welche diesen Kritikern als überzogen oder – durch die zu ihrer Durchsetzung angewandten Maßnahmen – manipulativ erscheinen.
Darüber hinaus kennzeichnen Sprecher damit Verhaltensmuster, Sitten und Bräuche, die aus dem gleichen Weltbild abgeleitet werden.
Die bereits aus dem Begriffsteil korrekt ablesbare Kritik an unnachgiebigem Verhalten richtet sich gegen eine tatsächliche oder aus politischen Gründen unterstellte sprachliche oder politische Bevormundung. Die Begriffsverwender lassen sich nicht ohne Weiteres einer politischen Richtung zuordnen, weil der Begriff ursprünglich sogar von der Neuen Linken (USA) intern gegen rigorose Vorgaben verwandt wurde und deshalb mit der Begriffsverwendung noch keine Aussage über die Ablehnung von Gleichstellungsbemühungen verbunden ist. Inzwischen kommt die Kritik unter diesem Begriff allerdings weitaus häufiger von politischen Gegnern (etwa Libertären, Liberalen, Konservativen, Nationalisten und Rechtsextremisten) und außenstehenden Beobachtern.
Die später hinzugekommene Substantivierung Political Correctness und die Eindeutschung Politische Korrektheit werden häufig schlicht als Alternative verwendet, haben jedoch den Nebeneffekt einer Personalisierung dieser Phänomene, die von einigen Sprechern dann auch in dieser Weise genutzt wird. In der politischen Auseinandersetzung kann auf diese Weise ein imaginärer Gegner beim Namen genannt werden, ohne dass der Sprecher sich die Mühe machen müsste, die tatsächlichen Grundlagen einer zusammenhängenden und – wie oft suggeriert – planvoll agierenden Bewegung zu beschreiben. Mithilfe der Synonyme Zeitgeist und Mainstream machen einzelne Sprecher sogar eine solche imaginäre Bewegung entbehrlich und behaupten eine die Mehrheit der Bevölkerung erfassende Stimmung, mit der die beanstandeten Phänomene gefördert würden.
Vehemente Gegner des Multikulturalismus gehen noch darüber hinaus und verwenden in ihren Diskursen die Substantivierung synonym für einen angeblichen Terror der Gutmenschen oder einen Tugend- oder Meinungsterror, um damit eine erhebliche Gefahr für Freiheit und Demokratie auszudrücken.
Speziell in Deutschland und Österreich kommt der Substantivierung zusätzlich eine Entlastungsfunktion zu. Synonym zu Moral- und Auschwitzkeule setzen sich einige Sprecher damit stellvertretend für die Nation in eine Verteidigungsposition, aus der heraus sie sich moralisch bestärkt sehen, einen Schlussstrich unter die Verbrechen der Vergangenheit zu ziehen und damit speziell die Erinnerung an den Holocaust gegenüber ruhmreichen Seiten der eigenen Geschichte zurückzudrängen, um den angeblichen Vorwurf einer Kollektivschuld damit endgültig abwehren zu können. Diese Art des Diskurses hatte sich in den 1980er Jahren aus dem Historikerstreit ergeben und wird allgemein unter dem Stichwort Geschichtsrevisionismus diskutiert. Nach der Paulskirchenrede von Martin Walser von 1998 geriet dieser Diskurs erneut in die Öffentlichkeit und weitete sich zu einem vielbeachteten Gegenstand der Antisemitismusdebatte aus.
Binnen-i-radfahrerinnen.jpg auf einem Linzer Verkehrszeichen]]
Seit den 1960er Jahren wurde der Begriff im Zuge der Bürgerrechtsbewegung, der Anti-Vietnamkriegsbewegung und der zweiten Welle der feministischen Bewegung zur moralpolitischen Beurteilung von Sprache und Verhaltensweisen genutzt. Linke, Schwarze und Feministinnen in den USA kämpften damals mit einer Kampagne für Political Correctness für die Veränderung von Sprache, von der sie sich eine Zurückdrängen der Diskriminierung von Minderheiten erhofften.
Mitte der 1980er Jahre wandten sich Studenten in Kalifornien gegen Pflichtkurse zur „Western Civilization“, in denen nach ihrer Auffassung die Werke „toter, weißer europäischer Männer“ („dead white European males“) – gemeint waren vor allem die Philosophen der Aufklärung – zu sehr im Vordergrund standen. Sie verlangten eine Ausweitung der affirmative action auf den Lehrstoff, um damit die Gleichstellung von Frauen und Minderheiten sowie den Multikulturalismus zu fördern. Zu diesem Zweck schufen sie sanktionsbewehrte Sprachkodizes (Speech codes) für einen besseren Umgangston gegenüber kulturellen Minderheiten. Den zunächst intern von Linken und Liberals ironisch verwendete Begriff politically correct übernahmen konservative Studenten, Akademiker und Journalisten später mit anderer Konnotation.
Die Substantivierung political correctness bekam in den 1990er Jahren durch den Einfluss von US-Konservativen den Charakter eines politischen Kampfbegriffs zur Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner, besonders mit radikalen Linken. Der Begriff sollte vermittelten, dass dahinter eine einheitliche Bewegung mit ausgearbeitetem Reformvorhaben stehe.
Die mit dem Begriff Politische Korrektheit verallgemeinerten Interessengruppen beanstanden unter anderem eine andro- und eurozentrisch geprägte Mehrheitsgesellschaft, in welcher der allgemeine Sprachgebrauch Personen mit davon abweichenden Merkmalen vernachlässige (weibliches Geschlecht) oder durch abwertende oder gedankenlose Kennzeichnung diskriminiere (wegen Abstammung, Herkunft, körperlicher oder geistiger Fähigkeiten, sexueller Veranlagung, religiösen Bekenntnisses, sozialer Stellung usw.). Dieses Weltbild sei über die Sprache zu korrigieren, weil so ein Bewusstseinswandel der Öffentlichkeit und schließlich eine Gleichberechtigung der Minderheiten erreicht werde. Deshalb treten an die Stelle der beanstandeten Formulierungen vorzugsweise solche, die von den zu schützenden Gruppen selbst verwendet werden.
Art und Intensität der Maßnahmen zur Veränderung dieses Weltbildes sind sehr unterschiedlich und reichen von der bloßen Ablehnung bestimmter Begriffe über einfache Formulierungsvorschläge bis zu rechtlich verbindlichen und sogar sanktionsbewehrten Vorgaben. Dabei kann die Durchsetzung von Diskriminierungsverboten zu schwerwiegenden Folgen wie der Entlassung aus dem Arbeitsverhältnis oder hohen Schadensersatzforderungen führen, besonders in den USA, wo sich die als politisch korrekt bezeichnete Antidiskriminierung am weitesten in der Gesellschaft verbreiten konnte. Dort umfasst antidiskriminatorisches Handeln mit Rücksicht auf andere Glaubensrichtungen bisweilen sogar eine Änderung der Bräuche während der christlichen Feiertage im öffentlichen Leben.
Zurückhaltende Vertreter einer nicht diskriminierenden Sprachverwendung betonen die Wichtigkeit der Diskussion und halten die Entwicklung sprachlicher Sensibilität für wichtiger als die Schaffung normativer Regeln. Sensibilität bewirke erhöhte soziale Kompetenz und Aufmerksamkeit gegenüber sprachlichen Stereotypen einerseits und benachteiligten gesellschaftlichen Gruppen andererseits.
Die durch die feministische Sprachforschung im deutschsprachigen Raum vorgeschlagenen Änderungen im Sprachgebrauch bilden ein Beispiel für Symbolpolitik. Beispiele hierfür sind die Verwendung des so genannten Binnen-I („ArbeitnehmerInnen“) um Frauen sprachlich „sichtbar“ zu machen, die Nennung aller Beteiligten (Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer), die alternative Schreibung der Pronomina „er/sie“ oder „jede/r“ oder die Nutzung „neutraler“ Formulierungen wie „Arbeitnehmende“ oder „Studierende“ (besonders in staatlichen Einrichtungen wie Universitäten, Schulen, Verwaltung etc. üblich).
Einige Kritiker weisen auf die Bedeutung des generischen Maskulinums und die Unterscheidung zwischen Genus und Sexus (Sprache) in der deutschen Sprache hin.
Bezüglich der Benennung Angehöriger bestimmter Volksgruppen sind einige Regierungen und Massenmedien dazu übergegangen, deren als politisch korrekt gewertete Selbstbezeichnungen zu verwenden. So werden etwa in Kanada die indigenen Völker in die Gruppen First Nations, Métis und Inuit (statt Eskimo) unterteilt. In letzterem Fall führte das Umdenken im Umgang mit den Inuits dazu, dass die kanadische Provinz Nunavut entstand, die den Inuit ein gewisses Maß an Autonomie zugesteht. Ein weiteres Beispiel ist der Begriff Sinti und Roma statt Zigeuner. Der Sonderfall, dass nämlich einige Zigeuner sich selber als Zigan, bzw. „Zigeuner“, bezeichnet sehen wollen, und das auch energisch - bisher allerdings eher vergeblich - einfordern, wurde bisher kaum in Erwägung gezogen.
Gegen das Herausheben zweier Gruppen der Zigeuner (genauer: einer Gruppe zuzüglich des Oberbegriffs) wird eingewandt, dass damit die anderen, zahlreichen Gruppen zurückgesetzt würden. Dass dafür jedoch das Bemühen um Politische Korrektheit die Verantwortung trage, wird oftmals bezweifelt, da ja gerade die Tatsache, dass die Fremdbezeichnung „Zigeuner“ viele unterschiedliche Gruppen unter einem negativ besetzen Wort subsumiere, erst durch die politisch-korrekte Sprachwandlung allgemeine Aufmerksamkeit erlange.
Hinweise auf die Hautfarbe werden so weit wie möglich vermieden. Traditionelle Produkt-Bezeichnungen oder literarische Werke, die darauf anspielen, werden von einigen auch ohne direkten persönlichen Zusammenhang durch neue Begriffe ersetzt, um die beanstandeten Begriffe nicht fortleben zu lassen. Zum Beispiel werden zur Vermeidung der umstrittenen Bezeichnungen „Neger“ oder „Mohr“ Negerküsse (Mohrenköpfe) als Schoko- oder Schaum-Küsse bezeichnet oder ganz andere Bezeichnungen gewählt. Im Jahre 2003 änderte der Scherz-Verlag nach Protesten den Titel der deutschen Übersetzung von Agatha Christies 1939 erschienen Buch Ten Little Niggers (1989 in And Then There Were None umbenannt) von „Zehn kleine Negerlein“ zu „Und dann gab’s keinen mehr“.
Polizeiberichte und Medienkommentare vermeiden die Formulierung „südländischer Typ“ oder ähnliche Umschreibungen. Soweit auf eine Kennzeichnung nicht ganz verzichtet wird, wird etwa die Formulierung „Jugendliche mit Migrationshintergrund“ verwendet.
Statt als abwertend empfundener Formulierungen wie „Krüppel“ werden neutralere Ausdrücke wie „Menschen mit Behinderung“ benutzt. Vor allem in den USA, wo die meisten dieser Begriffsschöpfungen entstanden sind, werden Begriffe ins Positive verschoben, um den Fokus nicht auf den Mangel zu lenken; etwa: „anders begabt“ für „geistig behindert“ oder „vertikal herausgefordert“ (vertically challenged) für kleinwüchsig. Die Grenzen zur Parodie sind fließend, so Kritiker (vgl. dazu auch die Theorie der Euphemismus-Tretmühle).
Auch so genannte Behindertenorganisationen beteiligten sich an der Diskussion. Ihnen zufolge beinhalte die Bezeichnung „Behinderung“ zwar eine Wertung, zugleich sage sie aber wenig darüber aus, wodurch ein Mensch „behindert“ sei, so etwa durch die Umgangsweise der so genannten Nichtbehinderten.
Auf die bei politisch korrekter Wortwahl nicht ausbleibenden sprachlichen Komplikationen weist unter anderem Max Goldt am Beispiel des Gebrauchs von „Studierende“ statt „Studenten“ hin: die Formulierungen „biertrinkende Studierende“ bzw. „sterbende Studierende“ (im Falle eines Massakers an einer Universität) seien wohl kaum passend, denn: Man kann nicht gleichzeitig sterben und studieren, wie man wohl auch selten Bier trinkt und zugleich studiert.
Bei der Bezeichnung negativ wahrgenommener Personengruppen kollidieren die Ansprüche der Politischen Korrektheit oft mit sich selbst, was dazu führt, dass die weibliche Form fast ausschließlich bei positiv besetzen Gruppen hinzugefügt wird. Zum Beispiel wird aus Gründen der Politischen Korrektheit bei der Gruppe „Terroristen“ ohne Widerspruch auf die Voranstellung von „Terroristinnen und ...“ verzichtet, obwohl es genügend weibliche Terroristen gibt. Auch von Straftäterinnen wird nur gesprochen, wenn es sich ausschließlich um Frauen handelt. Bei gemischt-geschlechtlichen Opfergruppen werden bei Nachrichten Frauen meist extra hervorgehoben, während sie in Tätergruppen nicht erwähnt werden.
Slavoj Žižek weist darauf hin, dass sich politisch korrekte Begriffe abnutzten, wenn sie mit einer gewissen Aggressivität weiter benutzt würden. So sei durch eine fortwährende Neuschöpfung von Ersatzbegriffen wie in dem (US-amerikanischen) Beispiel Negro – black people – coloured people – African-Americans nichts gewonnen, wenn nicht den Worten eine tatsächliche Integration folge (siehe auch Euphemismus-Tretmühle). Der heutige verbale Exzess der Politischen Korrektheit enthülle vielmehr die Unfähigkeit, die tatsächlichen Ursachen von Rassismus und Sexismus zu überwinden. Žižek meint, dass die Geisteshaltung der Politischen Korrektheit versuche, alle Spuren der Begegnung mit "dem Realen" (Lacan) zu beseitigen (vgl. Sexuelle Belästigung).
Frigga Haug kritisiert die Politische Korrektheit, sofern diese nur einen Streit um Symbole darstelle und nicht für einen größeren, Politischen Streit um Emanzipation stehe: „Es gelang fast überall, die Legitimität der kulturellen Kämpfe umzudeuten in einen illegitimen Fundamentalismus. Die solcherart Angegriffenen schlugen auf der gleichen Ebene zurück und verhalfen damit dem Fundamentalismusvorwurf zu Rang und Würden.“ Sie meint, dass sich die Politische Korrektheit schon von einem politischen Kampf entfernt habe: Die Ablösung als „bloße Sprachpolitik * war einer der Hauptsiege im ideologisch-kulturellen Feld selbst, den die konservative Rechte in den letzten zehn Jahren erzielte“. (Haug 1996)
Auch Wolfgang F. Haug wendet sich gegen „politisch korrekte Sprachnormierungen“: Er plädiert stattdessen für Spracharbeit, als Gegenpunkt zu jeder Statik einer Sprachregelung, der einer „Verbeamtung der Sprache“ und einer „Schaffung einer künstlichen Gegenwelt mit administrativen Mitteln“ (Verena Krieger zit. n. Haug 1999) zugrundeliege. Einer normativen Regelung zieht er die „Kritik mit Witz“ vor. Kritiker der Politischen Korrektheit weisen darauf hin, dass gerade diese Beeinflussung des Denkens über das Unterbewusstsein wiederum vielfältige Sprachmanipulationen durch Sprachnormierungen ermögliche („PC-Neusprech“).
Bemerkenswert ist dabei, dass diese Auseinandersetzung bereits eine Schieflage hinsichtlich der an der Auseinandersetzung Beteiligten enthielt, die sich in der späteren Entwicklung des Anti-PC-Arguments fortschreibt. An ihr beteiligt waren fast ausschließlich selbst von der angeprangerten Diskriminierung nicht Betroffene, die sich allerdings mit den Betroffenen verbunden fühlten. Auch aus dieser Schieflage formulierten Linke für diejenigen, für die sie Politik machen wollten, ob es politisch korrekt sei, so oder so politisch zu agieren, diese oder jene Ausdrücke zu verwenden. Dieser Widerspruch zeigt sich auch an den Stellungnahmen in dieser Auseinandersetzung:
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