Mykenisches Griechisch ist die älteste bekannte Form der Griechischen Sprache. Sie wurde während der mykenischen Ära, d.h. zwischen dem 16. und 11. Jahrhundert v. Chr. auf dem griechischen Festland und auf Kreta gesprochen. Überliefert ist sie durch Inschriften in der Silbenschrift Linear B, hauptsächlich auf Tontafeln aus den Palastarchiven von Knossos, Pylos und anderen mykenischen Burgen.
Entzifferung
Die mykenische Sprache ist erst seit 1952 bekannt. Die Linear-B-Tafeln wurden bereits Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckt, konnten aber lange nicht gelesen werden, und es war nicht bekannt, in welcher Sprache die Texte verfasst waren. Neben zahlreichen Spekulationen ging man, da die meisten Tafeln auf
Kreta gefunden wurden, davon aus, dass es sich um die vermutlich vor
indogermanische Sprache der
Minoer handelte. Erst als
Michael Ventris und
John Chadwick die Linearschrift B entzifferten, zeigte sich, dass es sich um eine frühe Form des Griechischen handelte.
Die Kenntnis der mykenischen Sprache ist aufgrund des Charakters der überlieferten Texte beschränkt. Bei den Tontäfelchen handelt es sich hauptsächlich um Inventarlisten und andere Notizen zu wirtschaftlichen und Verwaltungszwecken. Literarische oder sonstige Prosatexte sind nicht überliefert.
Phonologie und Orthographie
Die Linearschrift B ist eine
Silbenschrift mit etwa 90 Silbenzeichen und 160
Logogrammen (Zeichen mit Wortbedeutung). Sie stammt von der noch nicht entzifferten
Linearschrift A ab, die für die nicht verwandte
minoische Sprache verwendet wurde. Der griechische Lautstand lässt sich mit dieser Schrift nur ungenau wiedergeben. So kann nur die Folge
Konsonant-
Vokal wiedergegeben werden. Konsonantenhäufungen oder Konsonanten im Silbenauslaut wurden entweder aufgelöst oder weggelassen: Das Wort für „Stall“,
*stathmos, wurde
ta-to-mo (𐀲𐀵𐀗) geschrieben. Außerdem wird weder zwischen
r und
l noch zwischen
stimmhaften (z. B.
b),
stimmlosen (z. B.
p) und
aspirierten (z. B.
ph)
Verschlusslauten unterschieden.
Die Ungenauigkeit der Schrift erschwert die Lesung der mykenischen Texte. Beispielsweise kann das Wort pa-te (𐀞𐀳) entweder für *pantes („Alle“) oder *patēr („Vater“) stehen.
Mykenisch und Altgriechisch
Das Mykenische ist wesentlich altertümlicher als das
klassische Griechisch und steht der
indogermanischen Ursprache noch näher:
- Die Labiovelare sind noch erhalten und werden in der Linear-B-Schrift mit dem Zeichen q wiedergegeben
Beispiel: mykenisch qa-si-re-u (𐀣𐀯𐀩𐀃), qo-u (𐀦𐀄), qe (𐀤) gegenüber altgriechisch βασιλεύς basileus („König“), βοῦς bous („Rind“), τε te („und“)
- Der w-Laut (Digamma) ist noch erhalten. Im Altgriechischen ist er in den meisten Dialekten geschwunden.
Beispiel: mykenisch we-ko (𐀸𐀒), e-ra-wa (𐀁𐀨𐀷) gegenüber altgriechisch ἔργον ergon („Werk“), ἐλαία elaia („Olive“)
Die Sprache Homers steht dem Mykenischen in mancher Hinsicht noch näher.
- Formenlehre: Der Genitiv der o-Deklination endet auf -o-jo bzw. -οιο
- Wortschatz: Mykenisch wa-na-ka (𐀷𐀙𐀏), bei Homer ἄναξ anax („Fürst“)
Seit der Dorischen Wanderung wurde in den meisten früher mykenischen Gebieten der dorische Dialekt gesprochen. Nur in Arkadien und auf Zypern hielt sich der arkadisch-kyprische Dialekt, der dem Mykenischen nahe steht.
Funde
Der mykenische
Textkorpus besteht aus etwa 6000 Tontafeln, die nach ihrem Fundort eingeteilt werden:
- Knossos KN, ca. 4360 Tafeln (myk. ko-no-so (𐀒𐀜𐀰) /Knōsos/)
- Pylos PY, 1087 Tafeln (myk. pu-ro (𐀢𐀫) /Pulos/)
- Theben TH, 337 Tafeln (myk. te-qa (𐀳𐀣) /Thēgwai/)
- Mykene MY, 73 Tafeln
- Tiryns TI, 27 Tafeln
- Chania KH, 4 Tafeln (myk. ku-do-ni-ja (𐀓𐀈𐀛𐀊) /Kudōnia/)
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