Der mathematische Konstruktivismus ist eine Richtung der Philosophie der Mathematik, die den Standpunkt vertritt, der Existenzbegriff solle auf konstruierbare Objekte beschränkt werden. Er entspricht somit einer Einschränkung der axiomatischen Mathematik. In der Gegenwart ist er wegen seiner Nähe zum Berechenbarkeitsbegriff hauptsächlich in der Informatik aufgegangen.
Konstruktivismus wird oft verwechselt mit Intuitionismus, jedoch ist der Intuitionismus nur eine von mehreren Arten des Konstruktivismus. Nach dem Intuitionismus liegen die Grundlagen der Mathematik in der Intuition des individuellen Mathematikers, wodurch die Mathematik zu einer inhärent subjektiven Tätigkeit wird. Der Konstruktivismus vertritt diese Ansicht nicht, sondern bezieht sich auf ein objektives Verständnis der Mathematik.
Im Konstruktivismus sind unendliche Objekte (wie unendliche Mengen und Folgen) nur unter der Bedingung zulässig, dass sie konstruierbar sind. Konstruktivisten bezeichnen dies als potentielle Unendlichkeit dieser Objekte. Im Gegensatz zum Ultrafinitismus gibt es keine obere Grenze für die Anzahl der Konstruktionsschritte.
Stattdessen werden von dem konstruktiven Mathematiker Errett Bishop reelle Zahlen als Konstruktionsanweisung repräsentiert, die aus einer positiven natürlichen Zahl ein Paar rationale Zahlen konstruiert, so dass
und für größere das Intervall kleiner wird, sowie die Schnittmenge der ersten Intervalle nicht leer ist. kann benutzt werden, um eine beliebig genaue rationale Annäherung an die dadurch repräsentierte reelle Zahl zu konstruieren.
Analog kann die reelle Zahl durch die Konstruktionsanweisung repräsentiert werden, die für alle die größte natürliche Zahl konstruiert, so dass , und dann das Paar ausgibt.
Entsprechend der Definition der reellen Zahlen lassen sich mit der zusätzlichen Einschränkung der Konstruierbarkeit der Cauchy-Folgen die konstruktivistischen reellen Zahlen definieren. Diese Zahlen bilden die Grundlage für die konstruktivistische Analysis und Algebra. Da die Menge der konstruktivistischen reellen Zahlen selbst jedoch nicht konstruierbar ist, betrachten Konstruktivisten immer nur konstruierbare Teilmengen davon.
Da jede Konstruktionsanweisung notwendigerweise eine endliche Folge von Anweisungen aus einer endlichen Menge ist, gibt es eine bijektive Funktion . Also sind die konstruktivistischen reellen Zahlen eine abzählbare Menge. Aus Cantors Diagonalbeweis folgt, dass die konstruktivistischen reellen Zahlen eine niedrigere Kardinalität haben als die Menge der reellen Zahlen und somit eine echte Teilmenge von ihnen sind. Konstruktivisten vertreten den Standpunkt, diese Teilmenge enthielte alle reellen Zahlen, die man für Anwendungen braucht.
Errett Bishop versuchte 1967 in seiner Arbeit Foundations of Constructive Analysis, diese Zweifel durch die Entwicklung eines großen Teils der Analysis nach konstruktivistischen Prinzipien zu entkräften. Jedoch sind nicht alle Mathematiker der Meinung, dass Bishop damit erfolgreich war, da das Buch notwendigerweise komplizierter war als klassische Texte über Analysis. In Deutschland arbeitete Paul Lorenzen an einer operativ-konstruktiven Mathematik einschließlich Analysis und Algebra. Diesem mathematisch-philosophischen Ansatz, der auch in den Erlanger Konstruktivismus einfloss, geht es (im Vergleich zum deduktiven axiomatischen Ansatz) um einen induktiven Aufbau durch die auf Symbole bezogene ausübende und kalkulierende Tätigkeit des Mathematikers.
Unabhängig davon sehen jedoch nahezu alle Mathematiker keine Notwendigkeit, sich auf konstruktivistische Verfahren zu beschränken, selbst wenn dies möglich wäre.
Die konstruktive Mathematik definiert viele Begriffe anders als in der Mathematik sonst üblich, was sehr häufig zu Missverständnissen geführt hat. Die konstruktivistische Mathematik selbst lässt den Konstruktionsmechanismus undefiniert, jedoch lassen sich die Begriffe wie folgt berechenbarkeitstheoretisch interpretieren:
| konstruktivistische Bezeichnung | berechenbarkeitstheoretische Interpretation | Existenz/ Konstruierbarkeit | Berechenbarkeit | Menge | rekursiv aufzählbare Menge | Folge | berechenbare Folge | aktual/aktuell unendlich | nicht berechenbar (folglich auch unendlich) | potentiell unendlich | unendlich, aber berechenbar | Reelle Zahlen | geeignet zu wählende, rekursiv aufzählbare Teilmenge der berechenbaren Zahlen | Reelle Zahl | ein Element der gerade betrachteten Teilmenge | Konstruktionsmittel | Algorithmus | indefiniter Quantor | Quantor über die Elemente einer nicht rekursiv aufzählbare Menge |
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Mathematik Theoretische Informatik Philosophie der Einzelwissenschaften Konstruktivismus
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