Als Konjunktur bezeichnet man die Gesamtsituation einer Volkswirtschaft. Sie leitet sich aus der gleichzeitigen Betrachtung verschiedener volkswirtschaftlicher Größen ab. Der wichtigste Indikator ist das BIP (Bruttoinlandsprodukt).
Sie ist dabei durch Konjunkturzyklen, mehrjährige Schwankungen der wirtschaftlichen Aktivität in marktwirtschaftlich organisierten Volkswirtschaften, gekennzeichnet. Diese Zyklen betreffen die Wirtschaft als Ganzes und weisen eine Regelmäßigkeit auf. Konjunkturzyklen bestehen im Regelfall aus Aufschwungphasen (Expansion), der Hochkonjunktur (Boom), Abschwungphasen (Rezession) und der Depression. Während das Wirtschaftswachstum hauptsächlich auf Angebotseffekte zurückzuführen ist, sind konjunkturelle Schwankungen stets nachfragebedingt.
Solche Schwankungen werden schon seit Langem beobachtet, waren aber oft Folge singulärer Ereignisse wie z.B. Spekulationskrisen. Eine gewisse Regelmäßigkeit dieser Schwankungen lässt sich zumindest bis ins 19. Jahrhundert hinein belegen. Diese Regelmäßigkeit ist es, die letztlich eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen "Konjunktur" begründet.
Die Länge, die man einem Konjunkturzyklus zuschreibt, hängt wesentlich davon ab, ob man das Niveau der wirtschaftlichen Aktivität (in der Regel gemessen an der gesamtwirtschaftlichen Produktion, also dem Bruttoinlandsprodukt) als Maßstab heranzieht, oder die Wachstumsraten. Grenzt man Anfang und Ende eines Konjunkturzyklus danach ab, ob die Wirtschaftsleistung absolut rückläufig war („Klassische Konjunkturzyklen“), so findet man längere Zyklen. Eine Einteilung anhand von Zuwachsraten führt zu einer größeren Zahl von kürzeren „Wachstumszyklen“. Alternativ kann man Konjunkturen auch daran messen, wie stark die Produktionskapazitäten der Unternehmen ausgelastet sind. Hier sind Schwankungen zwischen etwa 70 Prozent (Rezession) und 100 Prozent (Boom) denkbar. Entsprechend lautet die betriebswirtschaftliche Definition der Konjunktur nach gängiger Lehrmeinung: Schwankungen im Auslastungsgrad des Produktionspotentials einer Volkswirtschaft. Hier wird sowohl ein Makrozyklus von mehreren Jahren bis zu Jahrzehnten Dauer beschrieben als auch beinhaltete Microzyklen von wenigen Jahren, nicht jedoch unterjährige Saisonszyklen.
Von nun an nimmt das Bruttoinlandsprodukt nicht weiter zu, eine Wende ist eingetreten. Die Phase des Abschwungs wurde eingeleitet.
Die ebenfalls häufig verwendete Bezeichnung Depression (von lat. "deprimere" = niederdrücken) meint im eigentlichen Sinne nicht ein Konjunkturtief, sondern eine negative Wachstumsrate, also ein sinkendes, absolutes Bruttoinlandprodukt. Häufig wird der Begriff Depression mit der Weltwirtschaftskrise am Ende der 1920er Jahre in Zusammenhang gebracht, wo er erstmals genannt wurde. Diese Depression war geprägt von einer Massenarbeitslosigkeit bisher unbekannten Ausmaßes. Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise war der Zusammenbruch der Börsen am sogenannten schwarzen Freitag.
Den Befürwortern psychologischer Gründe für Wirtschaftskrisen zufolge liegt der Hauptgrund für eine Depression in einem Vertrauenszusammenbruch der Bevölkerung in das Wirtschaftssystem. Angst vor Jobverlust führt ihnen zufolge zu verminderten Ausgaben, die wiederum zu vermehrten Entlassungen führen. Andere machen wirtschaftspolitische Fehlentscheidungen verantwortlich (im Fall der Weltwirtschaftskrise z. B. übermäßiger Protektionismus und mangelnde Maßnahmen um Einflüsse von Kursverlusten auf wichtige Märkte zu reduzieren) oder andere Faktoren - exogene Einflüsse, Herdentrieb bei Investitionen, usw.
Die verschiedenen Schulen der Volkswirtschaftslehre favorisieren dabei unterschiedliche Erklärungsansätze:
Diese unterschiedlichen Auffassungen spiegeln sich auch in den konjunkturpolitischen Empfehlungen wider.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war die wirtschaftliche Entwicklung in vielen Industrieländern für viele Jahre kräftig und ohne all zu kritische Einbrüche aufwärtsgerichtet. Die Gründe dafür lagen darin, dass vielfach ein erheblicher Nachholbedarf bestand, die USA mit dem Marshallplan und einem hohen Dollarkurs Europa zu einem Bollwerk gegen den Kommunismus machten, und der kommende Bedarf sich relativ genau abschätzen ließ. Als es in den sechziger Jahren erstmals nach 1945 wieder zu einer größeren konjunkturellen Schwäche kam, hatte sich das keynesianische Gedankengut so weit durchgesetzt, dass viele Wirtschaftspolitiker davon ausgingen, konjunkturelle Schwankungen mit Hilfe einer antizyklischen Fiskalpolitik ausgleichen zu können.
In Deutschland fand dies den Niederschlag in der Verabschiedung des Stabilitäts- und Wachstumsgesetzes, das eine stetige Wirtschaftsentwicklung zum Ziel der Politik erhob und Instrumente einführte, dieses Ziel auch prinzipiell zu erreichen, z.B. einen Konjunkturzuschlag zur Einkommensteuer oder eine Konjunkturausgleichsrücklage.
Allerdings scheiterte die antizyklische Finanzpolitik in Deutschland wie in anderen Ländern in den siebziger Jahren. Zum einen waren die Schwierigkeiten unterschätzt worden, Ausgabenprogramme zeitgerecht zu verabschieden und richtig zu dimensionieren. Es kam zu Verzögerungen bei Erkennen des Abschwungs sowie bei Verabschiedung, Umsetzung und Wirkung der Programme, so dass sie oft erst im folgenden Aufschwung spürbar wurden, die Politik also prozyklisch wirkte. Zum anderen waren Politiker nicht bereit, in der Rezession erlassene Ausgabenprogramme wieder abzuschaffen, wie dies nach dem Konzept der antizyklischen Politik erforderlich gewesen wäre. Es wurden auch selten die nötigen Steuersenkungen durchgeführt, stattdessen sogar Steuern erhöht, um die mit den Konjunkturprogrammen verbundenen Ausgaben zu decken, was zu einer allgemeinen Verringerung des Wachstums führte. Teilweise führten die staatlichen Ausgaben zu einer Verlangsamung der Anpassung der Wirtschaft an sich verändernde Märkte. Außerdem verloren die staatlichen Ausgaben immer mehr an Effizienz, was z. B. mit einer Sättigung beim Straßenbau und einem Schwenk von angebots- zu nachfrageorientierter Wirtschaftspolitik zu tun hatte.
Mit dem (in Deutschland allerdings sehr moderaten) Schwenk zur Angebotspolitik und mehr fiskalischer Zurückhaltung in den achtziger Jahren verzichtete die Politik auf eine antizyklische Konjunkturpolitik. Sie lässt aber weiterhin automatische Stabilisatoren zu; d. h., wenn aus konjunkturellen Gründen höhere Ausgaben (z. B. für die Arbeitslosenversicherung) fällig werden oder geringere Steuereinnahmen anfallen, so nimmt die Politik dies teilweise hin und wiederholt nicht den von vielen als Fehler angesehenen Versuch aus der Weltwirtschaftskrise, unter allen Umständen einen ausgeglichenen Staatshaushalt herbeiführen zu müssen. Allerdings wird auch hier eine Trendwende erkennbar, wie die immer deutlicher werdenden Sparbemühungen zeigen. Viele Länder haben es deutlich erfolgreicher geschafft, sich von den Fehlern der 70er Jahre zu lösen und wieder zu hohen Wachstumsraten zurück zu finden.
In Deutschland begann die Konjunkturforschung mit Gründung des Instituts für Konjunkturforschung in Berlin (heute: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, DIW), das entstand, um jene Konjunkturanalysen durchzuführen, für die das Statistische Reichsamt kein Mandat hatte und die im Hochschulbereich auf wenig Interesse stießen. Daneben etablierten sich in Deutschland fünf unabhängige Wirtschaftsforschungsinstitute, die regelmäßig Konjunkturprognosen veröffentlichen:
Der 1963 gegründete Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung erstellt ebenfalls einmal pro Jahr eine Konjunkturprognose, welche jeweils im November veröffentlicht wird.
Regelmäßig Prognosen veröffentlichen auch die internationalen Organisationen OECD, EU und IWF.
2005 hat sich das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts auf 1,0 % verringert. 2004 war es noch um 1,6 % gestiegen. Berücksichtigt man aber die unterschiedliche Zahl der Arbeitstage wuchs die gesamtwirtschaftliche Produktion 2005 mit 1,1 % ebenso stark wie 2004.
Nach wie vor wurde die Konjunktur hauptsächlich von der Auslandsnachfrage getragen. Die Inlandsnachfrage nahm kaum zu (+ 0,2 %). Die Konsumausgaben der privaten Haushalte stagnierten. Die Kaufkraft der Haushalte wurde zwar durch Entlastungen bei der Einkommensteuer gestärkt, durch stark gestiegene Energiepreise aber geschwächt.
Ohne die Verteuerung von Haushaltsenergie und Kraftstoffen wäre der Anstieg der Verbraucherpreise, der sich 2005 von 1,6 % auf 2,0 % beschleunigte, auf 1,1 % zurückgegangen. So verzeichnete Deutschland die höchste Teuerungsrate seit 4 Jahren.
Die Anlageinvestitionen sanken auch nach vierjährigem Rückgang weiter (- 0,3 %). Ausschlaggebend dafür war der weitere Rückgang der Bauinvestitionen. Die Ausrüstungsinvestitionen zogen hingegen weiter an (+ 4,0 %).
Die Arbeitslosenzahl stieg 2005 um 482.000 Personen auf 4,863 Millionen. Der sprunghafte Anstieg war jedoch kaum konjunkturell bestimmt, sondern weit überwiegend durch die erstmalige Aufnahme erwerbsfähiger Sozialhilfeempfänger in die Arbeitslosenstatistik bedingt. Allerdings hielt auch der Abbau sozialversicherungspflichtiger Arbeitsplätze an. Insgesamt hat sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt im Jahresdurchschnitt 2005 also weiter verschlechtert. Immerhin gab es im Jahresverlauf Anzeichen für eine Besserung: die Arbeitslosenzahlen sind saisonbereinigt in den letzten Monaten gesunken.
Auch bei der Verringerung der öffentlichen Defizite konnten 2005 keine deutlichen Fortschritte erzielt werden. Das gesamtstaatliche Defizit näherte sich nur sehr langsam der „Maastricht-Grenze“ (3 % des Bruttoinlandsprodukts), die es seit 2002 deutlich überschritten hat. 2005 ist es voraussichtlich auf 3,5 % des BIP gesunken. Dazu trugen allerdings vor allem verschiedene “Sondereffekte“ bei, z.B. Zahlungen von Landesbanken an die Länder.
Die Gemeinschaftsdiagnose der Institute war Mitte Oktober 2005 noch zu dem Schluss gekommen, das Bruttoinlandsprodukt werde 2006 voraussichtlich um 1,2 % steigen. Nachdem Mitte November der Koalitionsvertrag bekannt wurde, hoben viele Konjunkturbeobachter ihre Prognosen jedoch etwas an. Die von der Bundesregierung Anfang 2007 geplante drastische Anhebung der Mehrwertsteuer von 16 % auf 19 %, die bei voller Überwälzung den Verbrauchern rund 24 Mrd. Euro entziehen würde, dürfte 2006 zu vorgezogenen Käufen beim privaten Verbrauch und beim Wohnungsbau führen. Zudem wird die geplante Verbesserung der Abschreibungsbedingungen die Unternehmen zu zusätzlichen Investitionen veranlassen. Diesen konjunkturanregenden Effekten stehen 2006 allerdings auch nachfragedämpfende Wirkungen des Abbaus von Steuervergünstigungen entgegen.
Mitte Mai 2006 reichen die Wachstumsprognosen von 1,3 % (Internationaler Währungsfonds) bis zu Schätzungen von gut 2 % von einigen Geschäftsbanken. Die im April vorgelegte Gemeinschaftsdiagnose der deutschen wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitue nimmt mit einer Wachstumsprognose von 1,8 % eine mittlere Position ein.
Sehr unterschiedlich wird im Frühjahr 2006 die weitere Konjunkturentwicklung im Jahr 2007 gesehen, insbesondere weil die Einschätzungen der Folgen der Mehrwertsteuererhöhung sehr stark voneinander abweichen. Die Schätzungen reichen von 0,1 % (Deutsche Bank) bis 1,7 % (ifo Institut).
Nachstehend die Prognosen der Gemeinschaftsdiagnose der Forschungsinstitute vom 27. April 2006 für 2006 und 2007:
2006 verdoppelt sich das Wirtschaftswachstum bei einer weiterhin kräftig wachsenden Weltwirtschaft auf 1,8 % (arbeitstäglich bereinigt: + 2,0 %).
Das starke Wachstum der Ausfuhr bleibt ein Konjunkturmotor. Die Inlandsnachfrage dürfte mit 1,1 Prozentpunkten aber anders als im Vorjahr mehr zum Wachstum beitragen als der Außenbeitrag. Die Anlageinvestitionen ziehen an, wobei die Ausrüstungsinvestitionen beschleunigt zunehmen und die Bauinvestitionen nach langjährigem Rückgang etwas wachsen. Der private Verbrauch erhält zwar Impulse von der 2007 bevorstehenden Erhöhung der Mehrwertsteuer um 3 Prozentpunkte, weil Käufe vorgezogen werden. Sein Anstieg bleibt jedoch schwach (+ 0,4 %). Insgesamt wird das Wirtschaftswachstum durch den „Vorzieheffekt“ der Mehrwertsteuererhöhung um 0,2 Prozentpunkte erhöht.
Die Arbeitsmarktsituation bessert sich jedoch nur langsam. Die Arbeitslosenzahl sinkt um rd. 280.000 Personen (rd. – 6 %) auf knapp 4,6 Millionen, die Zahl der Erwerbstätigen steigt nur um gut 100.000 (+ 0,3 %).
Das beschleunigte Wirtschaftswachstum sorgt aber dafür, dass das Haushaltsdefizit bereits 2006 mit 2,9 % des Bruttoinlandsprodukts den im Maastricht-Vertrag für eine Qualifikation zur Europäischen Währungsunion genannten Höchstwert (3 % des BIP) knapp unterschreitet.
2007 schwächt sich das Wachstum auf 1,2 % ab.
Das wirtschaftspolitische „Maßnahmenpaket“ der Bundesregierung verringert das Wachstum insgesamt um etwa einen halben Prozentpunkt. Dabei dämpft die Mehrwertsteuererhöhung den privaten Verbrauch (- 0,1 %). Den Anstieg der Verbraucherpreise beschleunigt sie auf 2,5 %.
Zur Abschwächung des Wachstums tragen neben der „deutlich restriktiven Finanzpolitik“, die das Haushaltsdefizit auf nur noch 2 % des BIP zurückgehen lässt, auch höhere Zinsen und ein langsameres Wachstum der Weltwirtschaft bei. Die Arbeitslosenzahl sinkt voraussichtlich nur noch halb so stark wie 2006 um rd. 140.000 Personen.
Die Institute legten ihren Prognosen folgende Annahmen zugrunde:
Каньюнктура | Konjunktur | Business cycle | Konjunkturo | Ciclo económico | Cycle économique | 景気循環 | Conjunctuur | Cykl koniunkturalny | Konjunktur
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