Die Theorie der komparativen Kostenvorteile (v. lat.: comparare = vergleichen) wurde im Jahre 1806 von David Ricardo als Weiterentwicklung der Theorie der absoluten Kostenvorteile Adam Smiths vorgestellt und ist ein Kernpunkt der Außenwirtschaftstheorie, wobei einige Ideen Ricardos bereits bei David Hume auftauchten.
Die Theorie des komparativen Kostenvorteils besagt, dass die Vorteilhaftigkeit des Handels zwischen zwei Ländern nicht von den absoluten Produktionskosten abhängt, sondern von den relativen Kosten der produzierten Güter zueinander. Grundsätzlich ist demnach der Handel zwischen zwei Ländern immer vorteilhaft, wenn bei beiden Handelspartnern unterschiedliche Produktionskostenstrukturen existieren, d.h. wenn ein Land für ein produziertes Gut auf weniger Einheiten eines anderen Gutes verzichten muss als das andere Land (niedrigere Opportunitätskosten). In diesem Fall sollte jedes Land sich auf das Gut spezialisieren, das es relativ (komparativ) günstiger herstellen kann. Somit sind nach der Theorie internationaler Handel und internationale Arbeitsteilung selbst für solche Länder von Vorteil, die alle Güter nur zu höheren Kosten erzeugen können als das Ausland. In der Realität lässt sich dies vor allem auf Handelsbeziehungen zwischen hoch und niedrig industrialisierten Ländern anwenden. Die Theorie Ricardos beinhaltet generell eine Forderung nach einem weltweit freien Handel, der bei Spezialisierung der Staaten auf ihre komparativen Kostenvorteile zum Vorteil aller ist.
Dabei ist zu beachten, dass nichts über die Verteilung des Handelsgewinnes oder die Effekte der Spezialisierung ausgesagt wird.
Diese Bedingung wurde bereits vom Begründer der Theorie, David Ricardo formuliert:
Auf Deutsch etwa:
| Tabelle 1: Produktionsmöglichkeit pro Stunde | ||
|---|---|---|
| Land | Tuch | Weizen |
| A-Land | 10 | 100 |
| B-Land | 1 | 50 |
| Tabelle 2: absolute Kosten pro Gütereinheit | ||
|---|---|---|
| Land | Tuch | Weizen |
| A-Land | 0,1 (=1/10) | 0,01 (=1/100) |
| B-Land | 1 (=1/1) | 0,02 (=1/50) |
| Tabelle 3: komparative Kosten pro Gütereinheit | ||
|---|---|---|
| Land | Tuch | Weizen |
| A-Land | 10 Weizen | 0,1 Tuch |
| B-Land | 50 Weizen | 0,02 Tuch |
Bei beiden Produkten hat B-Land höhere absolute Kosten. Werden aber die Opportunitätskosten betrachtet, d. h. die Menge Tuch, auf die verzichtet werden muss, um eine Einheit Weizen produzieren zu können (und umgekehrt), ergibt sich folgendes Bild (siehe Tabelle 3): B-Land muss nur auf 0,02 Tuch verzichten, um ein Weizen mehr zu produzieren, während A-Land für eine Einheit Weizen auf 0,1 Tuch verzichten muss. Dieser geringere notwendige Verzicht ist der komparative Vorteil von B-Land in der Weizenproduktion.
| Tabelle 4: Produktion ohne Außenhandel (Bsp.) | ||
|---|---|---|
| Land | Tuch | Weizen |
| A-Land | 80 | 200 |
| B-Land | 8 | 100 |
| Summe: | 88 | 300 |
| Tabelle 5: Produktion bei Außenhandel | ||
|---|---|---|
| Land | Tuch | Weizen |
| A-Land | 100 | 0 |
| B-Land | 0 | 500 |
| Summe: | 100 | 500 |
Im Beispiel werden die Vorüberlegungen deutlich: da der Rechtsanwalt keine Möglichkeit hat, sein "Kapital" - seine Ausbildung als Schreibmaschinenschreiber- auf die Sekretärin zu verschieben, wirken komparative Kostenvorteile. In der jetzigen Weltwirtschaft ist die Bewegung von Kapital jedoch so einfach und verbreitet, dass komparative Kostenvorteile kaum wirken können, es setzen sich vielmehr fast ausschließlich absolute Kostenvorteile durch, was in der Kapitalbewegung in Niedriglohnländer deutlich wird.
Man könnte jedoch einwenden, dass der Rechtsanwalt nicht unbegrenzt Zeit hat. Er kann nicht beide Tätigkeiten zugleich ausführen. Wenn man diesen Gedanken auf zwei Länder überträgt: Länder haben eingeschränkte Produktionsmöglichkeiten und wenn sie ihre knappen Ressourcen benutzen, um die Ware zu produzieren, in der sie jeweils einen komparativen Kostenvorteil haben, können sie den Ertrag und somit auch den Konsum steigern. Wenn man davon ausgeht, dass Länder eingeschränkte Produktionsmöglichkeiten haben, setzen sich komparative Kostenvorteile durch.
Der komparative Kostenvorteil ist in der Wissenschaft weitgehend anerkannt und wird selten grundlegend kritisiert. Nachfolgend folgen dennoch einige Aspekte, die sich kritisch mit den Annahmen des Konzeptes befassen.
Kritiker äußern Bedenken gegen die Verwendung der Theorie zur Begründung von Vorteilen des Freihandels. Vor allem wird kritisiert, dass die Theorie der komparativen Kostenvorteile ein simples mathematisches Modell sei, mit dem Vorgänge in der realen Welt beschrieben werden sollen. Als Modell enthalte es jedoch bestimmte Grundannahmen, die in der realen Welt möglicherweise so nicht vorkommen bzw. in der heutigen Welt nicht mehr so vorkommen wie zu Zeiten Ricardos vor 200 Jahren.
In Anbetracht der nachfolgenden Kritikpunkte, kommen gelegentlich Kritiker zum Schluss, dass die Theorie der komparativen Kostenvorteile im Zeitalter der Globalisierung stets hinterfragt werden muss. Eine grundlegende Ablehnung des Konzeptes hingegen ist unter Berücksichtigung der Annahmen jedoch selten.
Von manchen Kritikern wird die Grundaussage des Modells (jedes Land spezialisiert sich auf seinen komparativen Vorteil) in Frage gestellt. Würde man statt Ländern Unternehmen betrachten, so könnte man mit demselben Modell auch begründen, dass zwei Unternehmen (und nicht Staaten) nebeneinander am Markt existieren könnten, obwohl das eine Unternehmen in allen Bereichen unproduktiver arbeitet. Letzteres sei offensichtlich unzutreffend. Dem wird entgegnet, dass Unternehmen nicht in allen Bereichen tätig seien, sondern sich gerade wegen ihrer komparativen Kostenvorteile auf die Produktion einzelner Güter spezialisierten, auch wenn sie mit ihrer vorhandenen Belegschaft weitere Güter absolut kostengünstiger herstellen könnten als andere Unternehmen. Insofern sei es offensichtlich zutreffend, dass zwei Unternehmen nebeneinander existieren können, auch wenn eins von ihnen in allen Bereichen produktiver arbeiten kann. Eine andere Situation ergäbe sich erst, wenn der Faktor Arbeit völlig mobil sei. Das aber wäre gerade zwischen verschiedenen Ländern nicht der Fall, so dass der Vergleich hinke.
Im Zeitalter der Globalisierung wird das wirtschaftliche Geschehen zunehmend von transnationalen Konzernen (TNKs) statt wie zu Zeiten Ricardos von souveränen Staaten bestimmt, womit Kritiker der Theorie veraltete Annahmen unterstellen. Staaten sind im Gegensatz zu Unternehmen nicht stark profitorientiert, sie sind nicht verantwortlich für die Erwirtschaftung größerer Gewinne, die in Form von Dividenden an Aktionäre ausgeschüttet werden, sondern ein Staat ist verantwortlich für die Sicherstellung der Grundbedürfnisse seiner Bürger. Da Kapital nunmehr mobil ist und somit die Vorbedingung der Theorie nicht mehr existiert, verlagern die profitorientieren TNKs ihr Kapital in das Land, in dem sie absolute Kostenvorteile vorfinden, da dies nunmehr weitaus profitabler für die wirtschaftsbestimmenden TNKs ist als die Spezialisierung auf komparative Kostenvorteile.
Ricardo forderte einen weltweit freien Handel, da dieser durch Spezialisierung der Länder auf ihre komparativen Kostenvorteile zum Vorteil aller sei. Diesen freien Handel, so wird kritisiert, hätte es nie und auch nicht heute gegeben. Das Wirtschaftsgeschehen sei geprägt von Protektionismus, den jeder Staat mehr oder weniger und gegen die Bestimmungen der Welthandelsorganisation WTO betreibe. Durch die Handelshemmnisse wie z.B. Zölle entstünden weitere Kosten, die nicht mit einberechnet werden würden und somit komparative Kostenvorteile unprofitabler gestalten, da die Gewinnspanne kleiner ausfallen würde.
Als Gegenargument wird angeführt, dass bei einem freien Warenaustausch ohne staatliche Einflussnahme zwischen zwei marktwirtschaftlich organisierten Ländern das produktivere Land bei begrenzter Nachfrage zwar alle nachgefragten Gütermengen möglicherweise selbst herstellen könne, dies aber gerade wegen des komparativen Kostenvorteils des anderen Landes bei einem der beiden betrachteten Güter nicht geschehen würde.
Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass die Theorie die notwendigen Transporte zwischen den Ländern ignoriere, die sowohl Kosten verursachen, die in die Preise eingerechnet werden müssen, als auch externe Effekte in Form von Umweltschäden. Die Realisierung des komparativen Kostenvorteils führt zu einer erheblichen Steigerung der weltweiten Transporte und der davon verursachten Umweltschäden.
Dem kann entgegnet werden, dass die Transportkosten zwar den komparativen Kostenvorteil des exportierenden Landes verringern, damit aber nicht Gültigkeit des Modells an sich aufheben. Zudem wird entgegnet, dass die Transportkosten durch Globalisierungseffekte relativ niedrig lägen, da zum einen durch moderne Technik große Massen transportiert werden, was die Transportkosten senkt und zudem die Transportunternehmen niedrige Preise anbieten können, da ihre Lohnkostenausgaben gering sind. Darüber hinaus ist die Externalisierung der Umweltbelastungen ein weiterer Grund für die relativ niedrigen Transportkosten.
Was die Umweltschäden genauer angeht, so liegt hier ein von dem Ricardinischen Modell losgelöstes Problem vor, nämlich dass externe Effekte des Verbrauchs bestimmter Rohstoffe (z.B. Erdöl für Treibstoff der Transportvehikel) im Preis nicht berücksichtigt werden und somit eine Ausbeutung der Natur entsteht, die im Widerspruch zum allseits angestrebten Prinzip der Nachhaltigkeit steht. Die Umweltschäden schaden der gesamten Welt, obwohl bei weitem nicht die ganze Weltbevölkerung diese Umweltbelastungen verursacht hat. Eine Integration dieser negativen Effekte würde die Transportkosten tendenziell erhöhen und somit sowohl dem Prinzip der Nachhaltigkeit nachkommen als auch zu einer weiteren Einschränkung der komparativen Kostenvorteile führen, da die Transportkosten dann nicht mehr unerheblich wären, wie einige Befürworter der Theorie behaupten. Aber dieser Aspekt widerspricht generell nicht dem Modell an sich.
Als Gegenargument wird angeführt, dass es nicht das Ziel des Modells sei, Aussagen über die Entwicklung von Produktionskosten, Lohnhöhen und nachgefragten Mengen zu machen. Diese könnten zwar zu Veränderungen der komparativen Kostenvorteile führen, dies widerlege aber die Schlußfolgerungen aus dem einfachen Modell nicht.
Beispiel: Bei genereller Gültigkeit des Arguments würden im einen Land alle Menschen Rechtsanwalt bzw. Rechtsanwältin und im anderen Land alle Menschen Sekretär bzw. Sekretärin.
Gegenargumentation: Aus der fehlenden Homogenität des Faktors Arbeit folge nur, dass eine vollständige Spezialisierung nicht möglich sei, nicht aber, dass Arbeitslosigkeit entstehe, da sich die Preise für Arbeit auf den Arbeitsmärkten bilden. Auf einem nicht-regulierten Arbeitsmarkt würden sich die Löhne so einstellen, dass Angebot und Nachfrage ausgeglichen wären.
Das Modell des komparativen Kostenvorteils gehe davon aus, dass in beiden Ländern Vollbeschäftigung herrsche. Der komparative Kostenvorteil eines Landes bezüglich eines Produkts werde dazu verwendet, zu begründen, dass durch den Handel eine insgesamt höhere Produktion möglich sei. Dies sei jedoch dann nicht relevant, wenn die Produktionskapazitäten in den betreffenden Ländern nicht vollständig ausgelastet sind.
Ein zentraler Kritikpunkt hinsichtlich der volkswirtschaftlichen Gewinne für alle beteiligten Länder, betrifft die Annahme konstanter Skalenerträge, das heisst, dass im Modell die Produktivität nicht von der produzierten Menge abhängt. Falls im 2-Länder-2-Güter Szenario ein Gut steigende Skalenerträge (z.B. ein Industrieprodukt wie Computer), das andere hingegen sinkende Skalenerträge (z.B. ein landwirtschaftliches Produkt wie Getreide) aufweist, hat jenes Land mit sinkenden Skalenerträgen das Nachsehen. Denn jenes Land, welches einen komparativen Vorteil in der Industrieproduktion mit steigenden Skalenerträgen vorweist, kann seine Produktivität bei steigendem Output verbessern. Demgegenüber steht jenes Land, das bei der Getreideproduktion mit sinkenden Skalenerträgen einen komparativen Vorteil hat, schwindenden Gewinnen gegenüber. Dieses Szenario ist auch unter dem Namen "Graham Paradoxon" bekannt.
Dies lässt sich auch bei vielen Entwicklungsländern beobeachten, die sich aufgrund ihres komparativen Kostenvorteils auf den Export von Rohstoffe spezialisiert haben, diese aber einem ständigen Preisverfall unterliegen und sich somit die Terms of Trade der Entwicklungsländer zunehmend verschlechtern, sofern sie nicht beginnen weiterverarbeitete Güter herzustellen, in denen sie über keinen komparativen Kostenvorteil verfügen.
Außenwirtschaft | Globalisierung
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