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Jiddisch ist eine westgermanische Sprache mit semitischen und slawischen Elementen. Allgemein ist Jiddisch der deutschen Sprache und deren Mundarten sehr nahe. Sie wird von etwa drei Millionen Menschen, größtenteils Juden, auf der ganzen Welt gesprochen. Vor dem Holocaust gab es etwa 12 Millionen Sprecher, die meisten davon in Ostmittel- und Osteuropa. Heutzutage sprechen neben älteren Menschen aller jüdischen Glaubensrichtungen vor allem chassidische Juden Jiddisch als Umgangssprache.

Geschichte


In der mittelhochdeutschen Periode entwickelten sich in Deutschland spezifisch jüdische Ausprägungen des Deutschen. Sie weisen zum einen aufgrund der erzwungenen geografischen Mobilität der Juden kleinere Unterschiede zu den jeweiligen Ortsdialekten der Nichtjuden auf; zum anderen enthielten sie viele hebräische, aramäische und vereinzelt auch französische, spanische und slawische Wörter, und teilweise war auch der Satzbau durch ziemlich wörtliche Übersetzungen aus dem Hebräischen und Aramäischen geprägt.

Zuerst entwickelte sich das sogenannte Westjiddische, das im Gegensatz zum später entstandenem Ostjiddischen einen viel größeren hebräischen Wortschatz aufwies, aber keine so weite Verbreitung hatte und heute nahezu ausgestorben ist. Die Jenische Sprache hat in ihrem Wortschatz Synopsen mit dem West-Jiddischen, weist aber Hebraismen bereits im 1510 erschienenen "Liber Vagatorum" auf, woraus sich schließen lässt, dass die Hebraismen mindestens teilweise direkt und nicht über das Jiddische ins Jenische eingeflossen sind.

Das eigentliche Jiddisch entstand, als Juden in großer Zahl vor den Verfolgungen in Deutschland nach Polen-Litauen flohen. Dort vermischten sich ihre Dialekte und entwickelten sich anders als in Deutschland weiter; dazu kamen viele Entlehnungen aus slawischen Sprachen. Auch die Grammatik enthält einige deutliche slawische Einflüsse, so etwa bei der Wortstellung, bei reflexiven Verben, bei der Negation und in Fragesätzen.

Mit der Massenauswanderung in die USA im 19. Jahrhundert wurde das Jiddische in den englischen Sprachraum transportiert und dementsprechend beeinflusst. Heute gibt es in einigen traditionellen jüdischen Gemeinden (zum Beispiel in New York, London und Antwerpen) größere Sprechergruppen, die Jiddisch als hauptsächliche Alltagssprache verwenden und an die nächste Generation weitergeben. Zudem wird Jiddisch auch von ultraorthodoxen Juden in Jerusalem, hauptsächlich im Stadtteil Mea Shearim, noch als Alltagssprache gesprochen. (siehe auch: Kolonialjiddisch)

Das 19. Jahrhundert wird oft als goldenes Zeitalter der jiddischen Literatur gewertet. Diese Periode trifft mit der Wiederbelebung des Hebräischen als gesprochene Sprache zusammen und der Wiedergeburt der hebräischen Literatur. Größtenteils durch jüdische Kulturschaffende haben jiddische Wörter Eingang in den Wortschatz des US-amerikanischen Englisch gefunden.

In den 1920ern war Jiddisch einige Jahre lang eine der Staatssprachen im sowjetischen Weißrussland.

Im Jahr 1928 wurde das jüdische autonome Gebiet in der damaligen Sowjetunion gegründet. Hier sollte Jiddisch als Amtssprache eingeführt werden, jedoch erreichte die jiddischsprachige Bevölkerung nie die Mehrheit. Seit dem Zerfall der Sowjetunion sind die meisten Juden des jüdischen autonomen Gebiets nach Israel, Deutschland und in die USA ausgewandert. Jiddisch wird nur noch von einem Bruchteil der Einwohner gesprochen.

Bis heute ist trotz der starken verändernden Einflüsse, die das Jiddische geformt haben, die phonetische Verwandtschaft zum Deutschen unüberhörbar. Deutschsprechende sind häufig sehr überrascht, wie gut sie dem Jiddischen folgen können. Jiddisch ist für Hochdeutschsprecher wesentlich besser zu verstehen als Niederländisch.

Lehnwörter

Auch im Deutschen gibt es etwa 1.000 Jiddismen (aus dem Jiddischen stammende Lehnwörter), wie beispielsweise Schlamassel, Massel, meschugge, Mischpoke, Schickse, Schmonzes, Schmonzette, Tacheles, Stuss, Tinnef, Schtetl, Kassiber, Schmiere, Schmock oder Fremdwörter wie Chuzpe und lejnen (Lesen mit Melodie: Singsang); im aktiven Wortschatz lassen sich heute jedoch nur etwa 50 Wörter belegen. Viele dieser Wörter sind letztlich hebräischen Ursprungs.

Schrift


Jiddisch benutzt ein Alphabet des Hebräischen, und auch viele Lehnwörter kommen aus dem Hebräischen. Es gibt außerdem auch eine weitere auf dem lateinischen Alphabet basierende, von dem YIVO (Yiddisher Vissenshaftlekher Institut) in New York genehmigte Orthographie. Sie basiert auf der englischen Schreibweise und bedient sich keiner Umlaute und sonstiger Akzentzeichen. Sie wird als Standardschreibweise im Internet genutzt, und überall dort, wo es Schwierigkeiten bereiten würde mit hebräischen Lettern zu schreiben.

Eine Seite zur Transkription der hebräischen Buchstaben in die deutsche Schreibweise findet sich im Abschnitt Weblinks.

Jiddische Schreibmaschine

Die Schreibmaschine (Yiddish Typewriter, די ייִדישע שרײַבמאַשינקע) ist ein Internet-Angebot, das verschiedene weitverbreitete Kodierungen des Jiddischen ineinander wandelt. Insbesondere ist die Überführung zwischen lateinischer Transkription und hebräischem Text in beide Richtungen möglich. (Weblinks zur Schreibmaschine)

Jiddische Medien


Weltweit gibt es rund 100 jiddischsprachige Zeitungen, Zeitschriften und Radioprogramme. Zu den Publikationen gehören beispielsweise "Dos Jidisze Wort" (Polen), "Algemeiner Journal/Allgemeines Journal" (USA), "Vorwärts" (USA), "Der Yid" (USA) oder der "Birobidschaner Stern" (Russland).

Jiddische Autoren

  • Glikl bas Judah Leib (1646–1724) schrieb die erste erhaltene Autobiografie einer Frau in Deutschland. Ihre in westjiddischer Sprache geschriebenen Memoiren wurden inzwischen in viele Sprachen übersetzt.
  • Mendele Moicher Sforim (1835–1917), auch "Mendele der Buchhändler" genannt, gilt als Begründer der neuen jiddischen Literatur. Er zeichnete humorvoll und realistisch das Bild des ostjüdischen Milieus.
  • Itzhok Lejb Perez (1851–1915), Autor von Kurzgeschichten und Romanen, Gründer der Zeitschrift "Jiddische Bibliothek" und Förderer der jiddischen Literatur und des jiddischen Theaters in Warschau
  • Sholem Aleichem (eigentlich Salomon Rabinovic, 1859 – 1916) gilt als einer der größten jiddischen Autoren. Seine "Geschichten Tewjes, des Milchhändlers" wurden – nicht zuletzt durch das Musical "Anatevka" – weltberühmt.
  • Mordechaj Gebirtig (1877–1942), Autor und Komponist von jiddischen Liedern
  • Jizchak Katzenelson (1886–1944), bekannt durch seine in einem Konzentrationslager geschriebene, beklemmende Ballade "Dos lid vunm ojsgehargetn jidischen folk" ("Das Lied vom ausgerotteten jüdischen Volk")
  • Isaac Bashevis Singer (1902–1991) erhielt 1978 den Nobelpreis für Literatur. Seine Familienromane und Kurzgeschichten schildern das Leben der Juden in Osteuropa im Zwiespalt zwischen Tradition und Moderne. Seine Kurzgeschichte "Jentl" wurde 1983 von Barbra Streisand verfilmt.
  • Itzig Manger (1901–1969) gilt als "Prinz der jiddischen Ballade"
  • Rajzel Zychlinski (1910–2001), Lyrikerin
  • Hirsch Glik (1922–1944), Dichter und Partisan aus Wilna, bekannt durch die jiddische Partisanenhymne "Sog nit kejnmol, as du gejsst dem leztn Weg" ("Sage niemals, dass du den letzten Weg gehst")

Fast alle jiddischen Autoren des 20. Jahrhunderts wuchsen im jüdisch geprägten Osteuropa auf, in Polen, Weißrussland, Litauen oder der Ukraine, die damals alle zum Russischen Reich gehörten.

Jiddischer Film

  • "Der Dibbuk", 1937 produziert nach dem gleichnamigen populären Theaterstück von den Feniks-Studios Warschau/Polen. Die meisten der Schauspieler und Laien kamen in der Schoah (Holocaust) um. Der Film befindet sich heute in Privatbesitz in Boston/USA und wurde aufwändig restauriert. Die im Film verwendete Sprache ist durchgängig Jiddisch.
    Er erzählt von einer Familientragödie, die aufgrund unbeabsichtigter Missverständnisse entstand. Handlungsort ist ein Stetl in Galizien.
  • Der einzige in Deutschland produzierte Film in jiddischer Sprache ist Herbert B. Fredersdorfs von Holocaust-Überlebenden handelnder Spielfilm Lang ist der Weg (1948). In Wien existierte in den 1920er Jahren eine unabhängige jiddische Filmszene. Die Internet Movie Database Inc. nennt Anfang 2006 174 internationale Filme mit jiddischem Dialog (siehe Weblinks).

Siehe auch


Literatur


Allgemein:
  • Allerhand, Jacob: Jiddisch: ein Lehr- und Lesebuch. – Wien: Mandelbaum, 2002. – ISBN 3-85476-055-8
  • Aptroot, Marion: Einführung in die jiddische Sprache und Kultur. – Hamburg: Buske, 2002. – ISBN 3-87548-249-2
  • Landmann, Salcia: Jiddisch: das Abenteuer einer Sprache. – Frankfurt a.M.: Ullstein, 1992. – ISBN 3-548-34994-3
  • Birnbaum, Salomon A.: Die jiddische Sprache: ein kurzer Überblick und Texte aus acht Jahrhunderten. – Hamburg: Buske, 1997. – ISBN 3-87548-098-8
  • Birnbaum, Solomon A.: Yiddish: a survey and a grammar. – Manchester: Manchester Univ. Pr., 1979. – ISBN 0-7190-0769-0 (englisch)
  • Geller, Ewa: Warschauer Jiddisch. – Tübingen: Niemeyer, 2001. – ISBN 3-484-23146-7
Jiddisch im Deutschen Sprachgebrauch:
  • Althaus, Hans Peter: Chuzpe, Schmus & Tacheles. Jiddische Wortgeschichten. – München: Verlag C.H. Beck, 2. Auflage 2006. – ISBN 3-406-51065-5
  • Althaus, Hans Peter: Mauscheln: ein Wort als Waffe. – Berlin: de Gruyter, 2003. – ISBN 3-11-017290-9
  • Althaus, Hans Peter: Kleines Lexikon deutscher Wörter jiddischer Herkunft – München: Verlag C.H. Beck, 2. Auflage 2006. – ISBN 3-40649-437-4
  • Althaus, Hans Peter: Zocker, Zoff & Zores. – München: Verlag C.H. Beck, 2. Auflage 2003. – ISBN 3-406-47616-3
  • Stern, Heidi: Wörterbuch zum jiddischen Lehnwortschatz in den deutschen Dialekten. – Tübingen: Niemeyer, 2000. – ISBN 3-48439-102-2
Lehr- und Wörterbücher:
  • Katz, Dovid: Grammar of the Yiddish language. – London: Duckworth, 1987. – ISBN 0-7156-2161-0 (englisch)
  • Klepsch, Alfred: Westjiddisches Wörterbuch. – Tübingen: Niemeyer, 2004. – ISBN 3-484-73060-9
  • Lockwood, William B.: Lehrbuch der modernen jiddischen Sprache: mit ausgewählten Lesestücken. – Hamburg: Buske, 1995 (vols. 1–2)
  • Lötzsch, Ronald: Jiddisches Wörterbuch. – Mannheim: Duden-Verl., 1992. – ISBN 3-411-06241-X
  • Rosten, Leo: Jiddisch: eine kleine Enzyklopädie. – München: Dtv, 2003. – ISBN 3-423-24327-9
  • Weinreich, Uriel: Modern English-Yiddish Yiddish-English dictionary. – New York: YIVO, 1990. – ISBN 0-914512-45-5 (englisch)

Weblinks


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