Die freie Liebe definiert Liebe und Sexualität als natürliche seelische und körperliche Bedürfnisse, die frei von gesellschaftlichem Druck und Zwängen gelebt werden sollen.
Dazu gehört, dass Beziehungen ausschließlich und partnerschaftlich von den an ihnen Beteiligten definiert werden und ansonsten keinen Vorgaben unterliegen, was etwa die Dauer, die Anzahl der Beteiligten und die Stärke betrifft. Herkömmliche Liebeskonzepte wie die Ehe werden als besitzergreifend, ökonomisch begründet und unfrei kritisiert. Geschichtlich gibt es eine Entwicklung von ursprünglichen eher freie Sexualität zu heute eher freie Liebe.
Dieser Artikel stellt den Begriff Freie Liebe im Wesentlichen in seiner Verwendung seit den 1960er Jahren, und wie er von modernen Anhängern Wilhelm Reichs und manchen Vertretern der Kommunebewegung, wie des ZEGG, verwendet wird, dar. Zur historischen Entwicklung seit der Antike und insbesondere aus der feministischen Bewegung seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, welche die Ehe als Institution kritisierte, und Liebesbeziehungen ohne Einmischung des Staates vertrat, siehe auch den englischen Artikel zu Free Love.
Theoretisch hat Wilhelm Reich mit seiner Analyse der von ihm so bezeichneten sexuellen Zwangsmoral und seinen Schriften zur sexuellen Revolution zur Idee der freien Liebe ebenso beigetragen wie Herbert Marcuse, der sich für freie Ausübung der Sexualität und, damit verbunden, eine Auflösung der Kleinfamilie aussprach.
Marcuse und Reich beeinflussten wesentlich die Sexuelle Revolution und die Hippie-Bewegung, die sich selbst auch als love generation bezeichnete und mit dem Slogan Make love - not war unter anderem gegen die etablierten gesellschaftlichen Normen protestierte. Diese Forderungen nach freier Liebe stießen auf zeitgleich stattfindende Liberalisierungen der gesellschaftlichen Realität, die in der Sexwelle, also der Sexualisierung größerer Lebensbereiche und in der Kommerzialisierung sexueller und körperlicher Bedürfnisse ihren Ausdruck fanden und nur teilweise mit der ursprünglichen Forderung nach freier Liebe als Ausdruck der Gesamtpersönlichkeit und freier Liebe als Protest gegen sexuelle und gesellschaftliche Beschränkungen harmonierten.
Bereits der Frühsozialist Charles Fourier (1772 - 1836) propagierte Gemeinschaften (Phalanstères), in denen Menschen gemeinsam leben und arbeiten sollten, unter anderem motiviert und zusammengehalten durch die freie Liebe. Über die Gemeinschaften hinaus bedeutet Freie Liebe im Sinne Fouriers jedoch auch die uneingeschränkte Entscheidung für jede Art von Partnerschaft und schließt damit auch Zweierbeziehungen usw. ein.
Befürworter des Konzepts freier Liebe führen an, sie hätten die Spontaneität menschlicher Liebe und Sexualität endlich von den Zwängen einer bürgerlich und religiös definierten Ehe und Moral befreit. Liebe sei das, was Spaß mache und Lust bereite, unabhängig von den dabei angewandten Mitteln und Wegen der sexuellen Bedürfnisbefriedigung.
Themen wie vorehelicher Geschlechtsverkehr, wilde Ehen, gemischte Wohngemeinschaften, Homosexualität, Fremdgehen, Ehescheidungen wurden zu einem gewissen Grade durch die sich zunehmend durchsetzende Idee der sexuellen Selbstbestimmung in der Gesellschaft und Gesetzgebung enttabuisiert.
In Deutschland wird, auch durch den Einfluss von Dieter Duhm und Sabine Lichtenfels, Freie Liebe stärker von Freier Sexualität getrennt, um die es in der Vergangenheit eigentlich gegangen sei und die in der Regel wieder zum Rückfall in überwunden geglaubte Kleinfamilienstrukturen geführt habe. Liebe wird per se als frei beschrieben, sonst sei sie keine. Zwar hat Freie Liebe eine freiheitliche Sexualität zur Folge, aber es geht immer um den ganzen Menschen, nicht ausschließlich um die Lustbefriedigung, und insoweit um die persönliche und spirituelle Weiterentwicklung. Modellhaft wird dies in Gemeinschaften wie ZEGG und Tamera gelebt. Während solche Gemeinschaften zweifellos tief verschüttete Sehnsüchte und Bedürfnisse nicht nur nach Sexualität und Körperlichkeit sondern auch Gemeinschaft, Geborgenheit und Nähe ansprechen, werdem ZEGG und Tamera jedoch auch in Frage gestellt, teils wegen autoritärer und kulthafter Vorläuferprojekte wie der Aktionsanalytischen Organisation, teils wegen der Techniken mit denen Gemeinschaft hergestellt wird. Teilweise werden sektiererische oder kulthafte Tendenzen vermutet, z.B. aufgrund der dominanten Führungsrolle von Personen wie Duhm und Lichtenfels, oder einer gewissen Vermischung von politischen und spirituellen Ideen, sowie nicht demokratischen Entscheidungsstrukturen in den Gemeinschaften.
Demgegenüber bildet die Polyamorie-Bewegung heute eine Art Subkultur ähnliche jener der bisexuell orientierten Menschen; Auf den Anspruch, daß eine nicht monogame Beziehungsform besser sei als die traditionelle, wird in aller Regel verzichtet.
Dann steht der christliche Glaube, der die Bibel zur Grundlage nimmt, diesem Konzept entgegen. In Fragen der Sexualität heißt es mit Paulus, wer sich nicht enthalten könne, solle heiraten1. Kor. 7,9. Dabei gilt Sexualität nach der Bibel nicht als etwas Negatives, sondern sei von der Erschaffung des Menschen her angelegt und gottgewollt Gen 1,28. Ja, die Sexualität wird sogar als Flamme des Herrn(Hoh 8,6) bezeichnet, sie sei göttlich und wird in der Bibel gefeiert und besungenDas Hohelied Salomos. Aber sobald der Mensch den Partner seines Nächsten begehre (wie in der Freien Liebe), breche er dessen EheMt 5,27ff. Damit spalte er sozusagen dessen Wesen, denn die Ehe bedeute Einswerden zweier MenschenMk 10,7ff. Wer also in diesem Sinne Menschen spalte, erbe das Reich Gottes nichtGal 5,19-20, wobei wie bei jedem sonstigen Verhalten, was gegen die Gebote Gottes steht, Christus für den Verzweifelten den Rückweg zu Gott ermöglicht (vgl. 1. Ausweg aus dem eigenen VersagenRöm 3,21-31 oder 2. Rechtfertigung.)
Die Ehe sei göttlichen Rechts. D.h. sie beruhe auf einem Gebot Gottes, sie sei eine gute, gottgewollte Schöpfungsordnung. Es handele sich um ein Naturrecht, das nicht aufhebbar sei. Nach dem Willen Gottes sei die Ehe ein lebenslanger Bund, der nicht aufgelöst werden solle. Ferner solle es keinen Ehebruch und Unkeuschheit geben, wozu die Freie Liebe ja führen kann. Da Ehebruch aber und Scheidung vorkämen, müsse dem unschuldigen Partner gestattet werden, wieder zu heiraten vgl. Austad, Neues Leben, in: Theologie der lutherischen Bekenntnisschriften, S. 130-132). Das aber ist nicht gleichbedeutend mit Freier Liebe. Freie Liebe erlaubt überhaupt das, was Bibel und Luthertum als Ehebruch ansehen. Daher ist sie insgesamt aus lutherischer Sicht abzulehnen.
Als immanente Kritik der freien Liebe wird angeführt, dass entweder unmittelbar bei ihrem Vollzug oder erst im Nachhinein eine Ernüchterung (Desillusionierung) eintreten kann. Die rein sinnlichen Werte im Sinn des Hedonismus werden dabei als ungenügend für das eigene Leben empfunden. Das Resultat kann entweder der völlige Absturz in den Nihilismus oder die Verzweiflung sein oder aber auch eine Zuwendung zu personalen Werten und sinnstiftenden Elementen, wie der Ästhetik, dem selbstlosen Einsatz für die Mitmenschen und der Religion.
Aus anderer Perspektive wird die einseitige Reduzierung auf Sexualität kritisiert, Liebe - freie wie "konventionelle" - umfasse weitaus mehr, und Liebe könne auch ohne jede Art von Sexualität stattfinden.
Die Erfindung der Anti-Baby-Pille und Bewegungen wie Flower Power trugen dazu bei, dass viele Ideen der freien Liebe sich in der Gesellschaft etablierten.
Als Gegenstück einer "freien Liebe" gilt eine ausschließlich an ein Eheversprechen gebundene Sexualität oder der Verzicht auf Sexualität und Partnerschaft. Obwohl die Zahl der Eheschließungen in Deutschland bereits wieder zunimmt, gilt es als normal, zuvor ohne Trauschein zusammen zu leben und zuvor mit wechselnden Partnern sexuell zu verkehren.
Menschen, die dies nicht tun, sondern jede gelebte Sexualität außerhalb der Ehe – damit auch die "freie Liebe" – negativ (z.B. als Unzucht) bewerten, stellen laut den Befürwortern des Konzepts der "Freien Liebe" gesellschaftlich eine Minderheit dar. Es fehlen allerdings soziologisch repräsentative Untersuchungen.
Der Staat geht z.B. mit seiner Anti-AIDS-Werbung "Machs mit" von einer Gesellschaft aus, in der die Sexualität mit wechselnden Partnern stattfindet und auch stattfinden darf.
Parallel versucht er mit finanziellen Anreizen die Kleinfamilie zu fördern, wie dies in Deutschland das Grundgesetz gebietet. Staatliche Nutzenerwägungen müssen insbesondere den Erhalt einer gesunden Altersstruktur der Gesellschaft berücksichtigen, die man sich vom Erhalt der Kleinfamilie verspricht.
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