Ein formales System ist eine formale Sprache, also ein System von Symbolketten und Regeln. Die Regeln sind Vorschriften für die Umwandlung einer Symbolkette in eine andere, also Produktionen einer formalen Grammatik. Die Anwendung der Regeln kann dabei ohne Kenntnis der Bedeutung der Symbole, also rein syntaktisch erfolgen. Formale Systeme werden in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen wie der Logik, Mathematik, Informatik und Linguistik verwendet, insbesondere um neue Aussagen aus bereits bekanntem Wissen herzuleiten.
Das Wort Kalkül wird oft in derselben Bedeutung wie formales System verwendet; manchmal wird unter einem Kalkül jedoch ein formales System mit bestimmten Einschränkungen verstanden (siehe weiter unten). Informationen zu Kalkülen in diesem eingeschränkteren Sinn bieten neben diesem auch die beiden Artikel Kalkül und auch Formales System (Logik).
Im Hinblick auf die Leistungsfähigkeit formaler Systeme sind vor allem die Axiome und die zuletzt genannte Relation zu betrachten. Durch diese wird die Ableitungsrelation definiert. Sie wird häufig mit symbolisiert. Die Schreibweise für zwei Wörter a und b aus der Menge B bedeutet also, dass sich b aus a formal ableiten lässt. Es gibt also eine Folge von Relationen in R, die a und b (möglicherweise unter Verwendung anderer ableitbarer Formeln) miteinander in eine formale Ableitungsbeziehung setzen.
Der Begriff „formales System" ist sehr allgemein. Es kann gar keine oder auch unendlich viele Axiome geben. Mindestens eine Relation muss vorhanden sein, doch können auch dies unendlich viele sein. Immer gilt aber: Eine wff a gehört genau dann zu den (formal) ableitbaren Formeln, wenn sich eine "umgekehrt baumförmige" Struktur von Ableitungsregeln angeben lässt, die von Axiomen ausgeht und deren „Stamm" bei a endet. Hat das formale System keine Axiome, so stehen an den "Blattspitzen" des Baumes lauter leere Zeichenreihen.
Ein solcher Ableitungsbegriff wird als syntaktisch bezeichnet. Es wird grundsätzlich nicht darauf reflektiert, wofür die ableitbare Formel a steht, sie steht im Prinzip zu keiner denkbaren Welt in Beziehung, hat keine Bedeutung, keine Semantik.
Interessant sind aber natürlich solche formalen Systeme, deren Ableitungsrelation einer semantischen Folgerungsrelation (möglicherweise insbesondere der menschlichen) möglichst nahe kommt. D.h. man möchte möglichst alles, was man semantisch folgern kann, auch formal ableiten können. Damit wird jedoch der Rahmen formaler Systeme bereits überschritten. Nähere Informationen hierzu finden sich unter anderem im Artikel Logik.
Die Mathematik bedient sich seit jeher formaler Systeme. Die elementare Algebra, wie man sie in der Schule lernt, ist ein solches System. Sie bedient sich der Zahlen, Rechenzeichen für Addition, Subtraktion usw. und der Buchstaben für Unbekannte. Die Rechenregeln sind die Umformungsregeln, die mechanisch angewendet werden können, wenn man sie einmal eingesehen hat. Beispielsweise kann man
interpretieren als:
Eine mechanische Regel könnte dann lauten:
123+45 7+0 123456+666 1607+ 23++56
Die drei ersten entsprechen den (hier nicht im einzelnen formulierten) Regeln für wff. Die beiden letzten tun dies nicht und können der folgenden Regel nicht unterworfen werden.
Additionsregel: Nimm die beiden am weitesten rechts stehenden Ziffern jeder Ziffernfolge und ersetze sie durch folgende Vorschrift: 0+1=1, 1+1=2, 1+2=3, ..., 5+5=0+Übertrag, ... 9+9=8+Übertrag. Schreibe die sich ergebende Ziffern an die rechte Stelle der neuen Ziffernkette und merke dir den Übertrag. Nimm jetzt die zweite Ziffer von rechts aus jeder Kette und ersetze sie durch dieselbe Vorschrift. Falls ein Übertrag im vorhergehenden Schritt vorhanden war, wende die Ersetzung auf die neue Ziffer und 1 an. Ersetze im Ergebnis die zweite Stelle von rechts durch das neue Symbol und merke dir wiederum den Übertrag. Setze das Verfahren von rechts nach links fort, bis keine Ziffern mehr vorhanden sind. Falls eine Kette kürzer als die andere ist, ersetze fehlende Ziffern durch '0'. Falls am Ende ein Übertrag vorhanden ist, schreibe im Ergebnis ganz links eine '1'.
Die Kette "987+789" wird durch Anwendung dieser Additionsregel also durch die Kette 1776 ersetzt. Um dieses Vorgehen in die oben beschriebene Formalisierung zu übertragen, können wir sagen: "1776" wurde von "987+789" abgeleitet. Dabei müssen wir uns jedoch bewusst machen, dass die Ableitung allein auf Zeichenebene erfolgte. Ebenso wäre es möglich, mittels einer anderen Ableitungsregel aus "987+789" die Zeichenkette "198" abzuleiten (dies ist in diesem Fall die Differenz) oder die Zeichenkette "87+78" gemäß der Regel: "Lasse das erste und das letzte Zeichen weg". Summe und Differenz im Sinne unseres alltäglichen Sprachgebrauchs gehören bereits der Semantik an und sind damit außer Reichweite eines formalen Systems.
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