Während andere europäische Mächte ab dem 15. Jahrhundert begannen, Kolonien in Übersee zu gewinnen, trat Deutschland erst im 19. Jahrhundert als Kolonialmacht in Erscheinung. Als einziger deutscher Teilstaat bemühte sich Brandenburg Ende des 17. Jahrhunderts um einen kleinen Kolonialbesitz. Außerdem wanderten viele Deutsche nach Übersee aus und gründeten Siedlungen, die bisweilen auch als deutsche Kolonien bezeichnet werden.
Im Jahr 1682 sandte Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg eine Expedition aus, um die erste brandenburgische Kolonie in Afrika zu gründen. Ein Jahr später wurde am Kap der drei Spitzen der brandenburgische rote Adler im heutigen Ghana gehisst und erste „Schutzverträge“ mit Häuptlingen abgeschlossen. Außerdem wurde der Grundstein für die Festung Groß Friedrichsburg gelegt.
Gehandelt wurde in den brandenburgischen Kolonien vor allem mit Sklaven, Gummi, Elfenbein, Gold und Salz. Für den Sklavenhandel pachtete der Kurfürst den karibischen Stützpunkt St. Thomas von Dänemark.
Der Sohn Friedrich Wilhelms König Friedrich Wilhelm I. von Preußen kümmerte sich nicht mehr um seine Kolonien und verkaufte sie oder ließ sie von anderen Kolonialmächten erobern.
Die brandenburgischen Kolonien waren:
Im Laufe der 1870er Jahre gewann die Kolonialpropaganda in Deutschland allerdings zunehmend an Öffentlichkeitswirksamkeit. 1873 wurde die „Afrikanische Gesellschaft in Deutschland“ gegründet, die ihre Hauptaufgabe in der geographischen Erkundung Afrikas sah. 1882 kam es zur Gründung des Deutschen Kolonialvereins, der sich als Interessenverein für die Kolonialpropaganda sah. 1884 entstand die konkurrierende Gesellschaft für Deutsche Kolonisation, die sich die praktische Kolonisation zum Ziel setzte. Beide Vereine fusionierten 1887 zur Deutschen Kolonialgesellschaft.
Deutsche kolonien 1885.jpgDas Jahr 1884 markiert den eigentlichen Beginn der deutschen Kolonialpolitik. Otto von Bismarck stellte nach englischem Vorbild mehrere Besitzungen deutscher Kaufleute unter den Schutz des Deutschen Reichs. Damit nutzte er eine Phase außenpolitischer Entspannung zum Beginn des „kolonialen Experiments“, dem er selbst allerdings weiterhin skeptisch gegenüberstand. Als wesentliches Motiv für Bismarcks Kehrtwende lässt sich vor allem das „Kolonialfieber“ in der deutschen Bevölkerung anführen: Bismarck hoffte, sowohl seine eigene Position zu stärken als auch die kolonialfreundliche Nationalliberale Partei vor der Reichstagswahl 1884 zu unterstützen. Außerdem hoffte man den Auswanderungsstrom nach Amerika in diese Kolonien umzulenken. Wirtschaftliche, soziale und nationale Motive dürften eher nachrangig gewesen sein.
Zunächst wurden die vom Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz erworbenen Besitzungen an der Bucht von Angara Pequena („Lüderitzbucht”) im April 1884 als Deutsch-Südwestafrika unter den Schutz des Deutschen Reichs gestellt. Im Juli folgten Togoland und die Besitzungen von Adolph Woermann in Kamerun, im Februar 1885 das von Carl Peters und dessen „Gesellschaft für deutsche Kolonisation“ erworbene ostafrikanische Gebiet und im April erwarben die Brüder Denhardt schließlich noch Wituland. Mit der Übernahme von pazifischen Gebieten, Nord-Neuguinea (Kaiser-Wilhelms-Land) und der davor gelegenen Inselgruppe (Bismarck-Archipel) im Mai 1885 war die erste Phase deutscher Kolonialpolitik abgeschlossen.
Bismarcks Politik sah vor, privaten Organisationen durch die staatlichen Schutzbriefe den Handel und die Verwaltung der jeweiligen Schutzgebiete zu übertragen. Die staatliche Intervention sollte auf ein finanzielles und organisatorisches Mindestmaß reduziert werden. Diese Strategie scheiterte allerdings innerhalb weniger Jahre: Aufgrund der schlechten finanziellen Situation in fast allen Schutzgebieten sowie der teilweise prekären Sicherheitslage waren Bismarck und seine Nachfolger gezwungen, alle Kolonien direkt und formell der staatlichen Verwaltung des Deutschen Reiches zu unterstellen.
Nach 1885 wandte sich Bismarck wieder vom Kolonialgedanken ab und setzte seine politischen Prioritäten bei der Beziehungspflege mit den Großmächten England und Frankreich fort. Die Kolonien dienten ihm in diesem Zusammenhang auch als Verhandlungsmasse. So wurde bei der Kongokonferenz 1884/85 in Berlin Afrika unter den Großmächten aufgeteilt und 1890 verzichtete das Deutsche Reich im von Bismarck maßgeblich vorbereiteten Helgoland-Sansibar-Vertrag auf Deutsch-Witu, um einen Ausgleich mit England zu erreichen.
In der Zeit Wilhelm II. gelang jedoch nur noch der Erwerb weniger Gebiete. 1888 beendete das Reich auf dem mittelpazifischen Nauru den Stammeskrieg und nahm die Insel unter seinen Schutz. 1898 kam die chinesische Stadt Kiautschou/Tsingtau, 1899 die mikronesischen Inseln der Karolinen, Marianen und Palau im Mittelpazifik sowie Samoa im Südpazifik hinzu. Eine von manchen Kolonialpropagandisten angestrebte koloniale Neuordnung Afrikas fand nicht statt. Die Ausnahme stellte hier der Erwerb eines Teils des französischen Kongogebiets für Kamerun im Zuge der Zweiten Marokkokrise von 1911 dar.
In Witzenhausen wurde 1898 die Deutsche Kolonialschule (Tropenschule) gegründet, um Menschen für eine Übersiedlung in die Kolonien landwirtschaftlich auszubilden. Die Nachfolgeeinrichtungen bilden heute einen Nebenstandort der Universität Kassel.
Die deutschen Herrscher führten in ihren Kolonien strenge Bürokratie und bestraften die Einheimischen bei Regelverstoßen relativ hart. Vor allem diese „Prügelkultur“ führte dazu, dass die deutsche Kolonialzeit heute oft negativ in Erinnerung ist. In erster Linie fällt der „Eroberer“ und erste „Kaiserlicher Kommissar“ Deutsch-Ostafrikas Carl Peters durch sein besonders brutales Vorgehen bei der afrikanischen Bevölkerung in der Geschichte Tansanias auf. Er wurde deshalb 1897 seines Amtes enthoben.
Das kleine Fischerdorf Tsingtao wurde als deutsches Pachtgebiet zu eine der modernsten Städte Chinas ausgebaut. Trotzdem galten auch hier die Deutschen als arrogant, und es entstand ihnen gegenüber die selbe Abneigung wie gegenüber allen anderen westlichen Kolonialherren in China. Der Geheimbund der „Boxer“ wendete sich gegen alles Fremde, besonders gegen christliche Missionare. Es kam zu blutigen Ausschreitungen, auch der deutsche Gesandte in Peking, Klemens von Ketteler, wurde ermordet. Um den darauf folgenden Boxeraufstand im Jahr 1900 niederzuschlagen, ließ, neben sieben weiteren Großmächten, auch Kaiser Wilhelm II. ein Expeditionskorps zusammenstellen und forderte in seiner Hunnenrede ein besonders hartes Eingreifen zur Niederschlagung des Aufstandes.
Nach einer Viehseuche im Jahr 1897 in Deutsch-Südwestafrika hatten die Herero ihre überlebenden Viehbestände weit über das deutsche Kolonialgebiet verteilt. Diese riesigen Weideflächen waren zuvor jedoch an Großgrundbesitzer verkauft worden, welche nun das Vieh der Herero für sich beanspruchten. So kam es immer wieder zu Schusswechseln zwischen den Weißen und den Einheimischen und 1904 eskalierte die Situation schließlich zu einem Aufstand. Die Herero töteten schon am ersten Tag des Aufstands 123 deutsche Siedler und Soldaten, darunter auch fünf Frauen. Die „Südwest-Truppe“ brauchte Verstärkung, da die Hereros gut organisiert und mit Gewehren bewaffnet waren, die sie von deutschen Händlern gekauft hatten. Am Waterberg kam es zu einer blutigen Schlacht, in der es den Deutschen gelang, den Aufstand niederzuschlagen. Aber erst Ende 1907 kehrte wieder vollständige Ruhe in Deutsch-Südwestafrika ein, da sich auch andere Stämme dem Aufstand angeschlossen und diesen somit verlängert hatten. Diesen Herero-Aufstand überlebten von ursprünglich 80.000 Herero nur 12.000, und von den 20.000 aufständischen Nama kam die Hälfte ums Leben.
Auch in Deutsch-Ostafrika kam es 1905/06 zum sogenannten Maji-Maji-Aufstand, in welchem geschätzte 100.000 Einheimische umkamen. In Deutschland fand daraufhin 1907 die „Hottentottenwahl“ statt, die über die Zukunft der Kolonien entscheiden sollte. Ab sofort erhielten die Einheimischen bessere medizinische Versorgung, und die Prügelstrafe wurde abgeschwächt.
siehe auch die Hauptartikel: Herero- und Maji-Maji-Aufstand
Kaiser-Wilhelms-Land, der Bismarck-Archipel, die deutschen Samoa-Inseln, die Karolinen, Palau-Inseln und die deutschen Ladronen (sowie seit 1906 die Marschallinseln einschließlich der Providence- und Brown-Inseln) wurden zu einem Gouvernement Deutsch-Neuguinea vereinigt.
Die oberste Leitung der Schutzgebiete lag zwischen 1890 und 1907 in den Händen der Kolonialabteilung, die dem Reichskanzler unterstand. 1907 wurde ein Reichskolonialamt geschaffen und Bernhard Dernburg zum Staatssekretär ernannt. An der Spitze der Kolonialabteilung standen nacheinander als Direktoren:
Der Kolonialabteilung wurde gemäß kaiserlichem Erlass vom 10. Oktober 1890 der Kolonialrat zur Seite gestellt, in dem Vertreter der Kolonialgesellschaften und vom Reichskanzler berufene Sachverständige vertreten waren.
Hauptartikel: Erster Weltkrieg an Kolonialschauplätzen
Bei Kriegsausbruch 1914 hoffte man in den kriegsungerüsteten deutschen Kolonien die Einhaltung des Beschlusses der Kongo-Konferenz von 1885, der alle Kolonialstaaten zur Handelsfreiheit und friedlichen Lösung kolonialer Probleme in Afrika verpflichte.
Doch nur wenigen Tagen nach dem deutschen Kriegseintritt beginnt ein hoffungsloser Widerstand der deutschen Truppen. Bis Ende 1914 sind schon Togo, Deutsch-Neuguinea, Samoa und Kiautschou in die Hände der Alliierten gefallen.
Die 5000-Mann-starke südwestafrikanische Schutztruppe ergibt sich Juli 1915 gegen die zehnmal so starken südafrikanischen Unionstruppen, die selbst gemachte Bomben abwirft. In die Kolonie Kamerun schicken die Briten und Franzosen insgesamt 19.000 Soldaten und 24 Kriegsschiffe. Trotzdem ergeben sich die letzten Kompanien erst Februar 1916.
Nur in Deutsch-Ostafrika blieben die 15.000 Soldaten, darunter 11.000 afrikanische Askari, unter Führung von Oberstleutnant Paul von Lettow-Vorbeck bis zur deutschen Kapitulation 1918 unbesiegt.
Als man in Deutschland noch an einen sicheren Sieg glaubte, wurden sogar Pläne für ein geschlossenes Deutsch-Mittelafrika geschmiedet. Es sollte sich vom Niger bis zur Kalahari-Wüste erstrecken und auch Angola, Mosambik, Belgisch-Kongo und weite Teile Französisch-Äquatorialafrikas miteinschließen.
Nach der Niederlage 1918 verlor Deutschland durch den Vertrag von Versailles offiziell alle Kolonien. Die Alliierten teilten sich die Kolonien unter sich auf:
Viele die allerdings immer noch nach einer Rückgabe der Kolonien forderten, sahen mit der Machtübernahme Hitlers neue Hoffnungen. Die Kolonien waren für ihn damals aber vorerst kein Thema, denn sein Blick richtete sich nach Osten. Trotzdem fand die neue Regierung bei der Kolonialbewegung Unterstützung, denn Hitler erscheint ihnen als Garant für eine Expansion Deutschlands.
Die Kolonialrevisionisten wären von Hitler nicht enttäuscht worden. Mit Kolonialschulen sollte die Bevölkerung für neue Kolonien vorbereitet werden. Hitlers Pläne sollten aber vor allem vor England geheim bleiben, um kein Misstrauen zu schaffen. Als aber England 1937 ein Bündnis mit Deutschland ablehnt, forderte Hitler offen Kolonien für Deutschland.
1938 brach das Schiff „MS Schwabenland“ auf, um Gebietsansprüche auf der Antarktis geltend zu machen. Dabei wurden von Luft aus Hakenkreuz-Pfeile auf die Eiswüste abgeworfen (siehe auch Neuschwabenland).
Für Afrika wurde wieder die Idee von Deutsch-Mittelafrika aufgegriffen. Die Nazis planten außerdem noch alle Juden nach Madagaskar zu deportieren. Der Madagaskar-Plan erwies sich jedoch während des Krieges als nicht realisierbar. In den Kolonien wollten die Nationalsozialisten eine strikte Trennung zwischen Ariern und Schwarzen einführen („Rassenhygiene“), und die Einheimischen sollten als Arbeitskräfte in Reservaten eingesperrt werden.
Kolonisation, Kolonialismus, Imperialismus, Entwicklungsland, Deutsche Sprache in Namibia, Liste von Kolonien
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