Die christliche Ethik basiert - wie die jüdische Ethik - auf der Gottes- und Nächstenliebe.
Diesem Hauptgebot gleich ist das ebenfalls jüdische Gebot: „Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du!“ (Levitikus 19,18)
Jesus von Nazaret antwortet gemäß der Überlieferung in den Evangelien auf die Frage nach dem wichtigsten Gebot mit oben genannten Hauptgeboten. Auf die Frage: „Und wer ist mein Nächster?“ nach dem Motto 'Ich kann doch nicht alle Menschen lieben' erzählt Jesus das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Dazu ist es hilfreich zu wissen, dass Juden traditionell in Priesteradel (Kohanim), Leviten und Israeliten gegliedert waren. Als dritten Akteur erwarten die jüdischen Zuhörer einen „normalen“ Israeliten, einen von ihnen. Statt dessen hat sich als Nächster in dem von Jesus erzählten Gleichnis ein Samaritaner erwiesen, ein Mitglied einer Gruppe, mit der man Meinungsverschiedenheiten und gegen die man Vorbehalte hatte.
In der christlichen - und jüdischen - Ethik geht es also darum:
Die Nächstenliebe wird daher auch häufig als die zentrale oder sogar revolutionäre Botschaft des Neuen Testamentes dargestellt. Als wichtigstes Gebot wird sie auch an mehreren Stellen bezeichnet. Revolutionär konnte dieses Gebot aber nicht sein, da es - wie gezeigt - bereits ein Gebot im 3. Buch Mose (Leviticus) ist. Revolutionär war das christliche Gebot der Feindesliebe; Lukasevangelium 6,27 ff.
Die Römisch-Katholische Kirche teilt noch heute die Auffassung Jesu, nach der die Wiederheirat von Geschiedenen als „Ehebruch“ zu bewerten sei (Katechismus der Katholischen Kirche Absatz 2384; Evangelium nach Markus 10, 11-12 sowie nach Lukas 16, 18), also als Verstoß gegen das 6. Gebot „Du sollst nicht ehebrechen.“ – In der Evangelischen Kirche gibt es andere Auffassungen: „Es wäre unmenschlich, um der Unauflöslichkeit der Ehe willen einem Menschen zuzumuten, daß er an der Ehe körperlich oder seelisch zugrunde geht. Wie der Sabbat ist auch die Ehe um des Menschen willen gemacht. Wenn in einer Kirche erkannt wird, daß aus einer zur Qual und gegenseitigen Quälerei gewordenen Ehe den Partnern kein anderer Ausweg als die Scheidung mehr zugemutet werden kann, dann wird eine solche Kirche auch die Wiedertrauung Geschiedener nicht ausschließen können, sondern vielmehr mitverantworten im Vertrauen darauf, daß Gott Vergebung und einen neuen Anfang schenkt.“ (Evangelischer Erwachsenenkatechismus S. 598, im Auftrag der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands)
Ähnliche Meinungsverschiedenheiten gibt es zu anderen konkreten Geboten und Verboten der Bibel. Beispielsweise zu dem im Alten Testament ausgesprochenen Verbot homosexuellen Verkehrs (unter Männern; Levitikus = 3. Mose 20, 13): Die Römisch-Katholische Kirche vertritt die Meinung, „daß die homosexuellen Handlungen in sich nicht in Ordnung sind“ (Katechismus der Katholischen Kirche Absatz 2357), und homosexuelle Menschen seien „zur Keuschheit gerufen“. (Katechismus der Katholischen Kirche Absatz 2359). Diese Meinung wird jedoch nicht von allen Katholiken geteilt, und auch nicht von allen katholischen Geistlichen. In der Evangelischen Kirche in Deutschland hingegen erlauben einige Landeskirchen eine Segnung von homosexuellen Partnerschaften. Genaueres dazu unter Homosexualität und Religion.
Meinungsverschiedenheiten dieser Art können so gedeutet werden, dass die einen an der Verbindlichkeit vieler konkreter Gebote und Verbote der Bibel festhalten, während die anderen die Meinung vertreten, dass die konkreten Gebote und Verbote im Lichte des Gebotes der Nächstenliebe interpretiert werden sollten, und/oder dass in bestimmten Fällen das Gebot der Nächstenliebe Vorrang haben müsse.
Was die neutestamentliche Ethik von anderen Ethiksystemen wesentlich unterscheidet, ist ihre Begründung: Christlich ethisches Handeln soll nicht Voraussetzung, sondern Folge der Erlösung durch Jesus Christus sein, allerdings eine zwingende Folge:
In der Kirchengeschichte wurde diese Reihenfolge allerdings oft umgekehrt, so daß ethisches Handeln zur Voraussetzung für die Erlösung wurde. Das Verhältnis von göttlicher Gnade (bei Luther: 'sola gratia', 'durch die Gnade allein') zu den guten Werken (sog. Werkgerechtigkeit) spielt eine zentrale Rolle in der theologischen Auseinandersetzung zwischen Lutheranern und der katholischen Kirche. Der jüngste Versuch einer Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre hat eher Gegensätze als Möglichkeiten der Ökumene aufgezeigt.
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