Der Ausdruck Charisma (v. griech.: chárisma Gnadengabe, aus Wohlwollen gespendete Gabe) findet sich ursprünglich vor allem in der jüdisch-christlichen Tradition (Philo, Septuaginta, Neues Testament) und bezeichnet allgemein die von Gott dem Menschen geschenkten Güter, wobei das Wort das Wohlwollen als Motivation der Gabe betont. Der Ausdruck wird dann vor allem bei Paulus für die nichtmateriellen Güter verwendet.
Allgemein wird der Ausdruck in der Religionswissenschaft einerseits für die Begabung oder Befähigung zum Empfang von Offenbarungen, Inspirationen oder Erleuchtungen verwendet, anderseits - verbunden mit religiöser Devianz und Innovation - für die Schaffung einer eigenen von einer bestimmten Gruppe anerkannten numinosen Autorität.
Als religiöser Begriff
Im
Neuen Testament und
älteren Christentum bezeichnet Charisma die
Gaben des Heiligen Geistes an die
Christen. Dazu zählen
Weisheit,
Erkenntnis,
Glaube,
Prophetie,
Krankenheilungen,
Wundertaten,
Geisterunterscheidung,
Zungenrede und Auslegung der Zungenrede. Unter besonderer Betonung einiger dieser Charismen (auch: Charísmata) entstanden in der
Neuzeit geistliche Aufbruchsbewegungen, wie die
charismatische Bewegung, oder die
Pfingstbewegung. Grundsätzlich dazu: Kurt E. Becker, "Charisma. Der Weg aus der Krise", Lübbe, 1996
In der
Soziologie nutzte
Max Weber den Begriff "Charisma", um eine der von ihm unterschiedenen drei Formen der
Herrschaft zu bezeichnen (neben "traditionaler" und "rationaler" Herrschaft). (Vgl. auch den
Noah-Effekt). Über Webers "Charisma"-Begriff s. Kurt E. Becker, "Der römische Cäsar mit Christi Seele" (1988).In der
Wirtschaftspsychologie findet sich ein Ansatz, der Charismaaffinität und die Wahrnehmung von Charisma in die Nähe des
Narzissmus' stellt. Wichtig dabei ist, wie sich "
Stigma" und "Charisma" zueinander stellen (vgl. auch
Wolfgang Lipp), und die Möglichkeit der sozialen Reversion bzw. Dramatisierung prototypischer Attribute. Dieses Wechselspiel lässt sich sozial-kognitiv und psychodynamisch-interaktiv erklären (dazu Steyrer (1995):
Charisma in Organisationen).
Laut Professor Richard Wiseman verfügt eine charismatische Person über drei Eigenschaften:
1. sie empfindet starke Emotionen für sich selbst
2. sie ist in der Lage, diese Emotionen an andere weiter zu geben
3. sie ist resistent gegenüber Einflüssen anderer charismatischer Menschen
Umgangssprachlich
Im weiteren Sinne versteht man heute (bis in die Sprache der
Werbung hinein) unter "Charisma" die besondere
Ausstrahlungskraft eines Menschen.
Literatur
- Carl Heinz Ratschow, Ludwig Schmidt, Nico Oswald, John H. Schütz, Rudolf Landau: Art. Charisma/Charismen I. Zum Begriff in der Religionswissenschaft II. Altes Testament III. Judentum IV. Neues Testament V. Praktisch-theologisch. In: Theologische Realenzyklopädie 7 (1981), S. 681-698 (Überblick für relig. Verständnis)
- Kurt E. Becker: "Der römische Cäsar mit Christi Seele". Max Webers Charisma-Begriff. Frankfurt et al. 1988
- Kurt E. Becker: Charisma. Der Weg aus der Krise. Lübbe, Bergisch Gladbach 1996
- Michael Günther: Masse und Charisma. Soziale Ursachen des politischen und religiösen Fanatismus. Peter Lang, Frankfurt a.M. u.a. 2005 ISBN 3-631-53536-8
- Bernhard Schäfers, Justin Stagl (Hrsg.): Kultur und Religion, Institutionen und Charisma im Zivilisationsprozess. Festschrift für Wolfgang Lipp. Hartung-Gorre, Konstanz 2005
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