Als Atheismus wird die weltanschauliche Grundhaltung des Nichtglaubens bzw. des Fehlens eines Glaubens an einen Gott bezeichnet („glauben“ im Sinne von „annehmen“, „für wahr halten“). Atheismus kann mit der ausdrücklichen Verneinung der Existenz einer Gottheit (oder mehrerer Götter) und transzendenter Wesen allgemein einhergehen (s. Atheologie). Der Begriff „Atheismus“ leitet sich vom altgriechischen Adjektiv „ἄθεος“ („átheos“) ab und bedeutet wörtlich: „ohne Gott“ (Alpha privativum ἄ + θεός (theós) = Gott). In seiner latinisierten Form tauchte der Begriff wohl erstmals bei Cicero auf. Im deutschen Schrifttum erschien das Wort in lateinischer Form ab Ende des 16. Jahrhunderts, ab Beginn des 18. Jahrhunderts gilt es als eingedeutscht.
Die Bezeichnung „átheos“ war lange Zeit ein Kampfbegriff, der von den Nicht-Gläubigen zunächst nicht übernommen wurde. Es handelte sich um eine abwertende Wortschöpfung, die von den sich als rechtgläubig Bezeichnenden gegen angeblich oder wirklich Ungläubige benutzt wurde. Atheismus wurde im Sinne von „gottlos“ auf Anschauungen angewendet, die im Konflikt mit den etablierten Religionen standen. Vielfach wurden religiöse Strömungen mit eigenen neuen Gottesvorstellungen als atheistisch bezeichnet, beispielsweise wurden die ersten Vertreter der großen monotheistischen Religionen des Christentums, des Islams und des Judentums teilweise von ihren polytheistischen Gegnern als Atheisten qualifiziert.
Heute wird die Bezeichnung „Atheismus“ tendenziell weniger abwertend verwendet. Im philosophischen Diskurs ist „Atheismus“ ein wertneutraler Begriff. Sein direkter Gegenpart ist der Theismus.
Insbesondere im angelsächsischen Raum ist hingegen die Unterscheidung in „starken“ (bzw. „positiven“) und „schwachen“ (bzw. „negativen“) Atheismus verbreitet, indem auch der Agnostizismus als Form des schwachen Atheismus gesehen wird.
Nach letzterer Systematik kann der Atheismus nach verschiedenen Kriterien hin systematisch geordnet werden.
In Indien weisen einige der ältesten philosophischen Systeme indischen Denkens atheistische Formen auf. Hierzu zählen der Jainismus, das Samkhya (beide entstanden ca. im 6. Jh. v. Chr.), sowie das Vaisheshika und das Nyaya. Insbesondere die Tradition des Samkhya ist im indischen Denken bis heute lebendig geblieben.
Auch die ursprüngliche mündliche Lehre Buddhas, die vielleicht am getreuesten von der buddhistischen Schule des Hinayana übernommen wurde, trägt agnostische oder atheistische Züge. Sie beschäftigt sich nicht mit einem Jenseits und erklärt die Welt weder auf idealistische noch auf materialistische Weise, ohne magische oder mystische Elemente. Götter (deva) werden zwar erwähnt, jedoch sind sie weder für die Schöpfung der Welten (deren Teil sie sind), noch für eine mögliche Erlösung vom leidvollen Dasein von Bedeutung und zudem dem irdischen Kreislauf unterworfen. Diese Form des Buddhismus beschäftigt sich beinahe ausschließlich mit dem Weg zur Erlösung aus dem Kreislauf aus Leben und Tod (Samsara). Sie kann daher mit dem französischen Autor Louis de la Vallée-Poussin eher als philosophische Disziplin denn als Religion bezeichnet werden. Andere Schulen des Buddhismus wie der heute weit verbreitete Mahayana-Buddhismus ergänzten den ursprünglichen Buddhismus später mit zahlreichen religiösen Vorstellungen, so dass die atheistische Ausrichtung rein äußerlich betrachtet abgeschwächt wurde, im Kern der Lehren aber erhalten geblieben ist.
Der Daoismus, der im 4. Jh. v. Chr. in China entstand, negiert die Existenz einer Schöpfergottheit.
Ob die Hebräer einen theoretischen Atheismus kannten, ist umstritten. Jean Meslier sah in einigen Stellen des Alten Testaments Belege für die Existenz von Atheisten. So z. B. in Ps 10,: „Es redet stolzen Sinnes der Frevler: / 'Nie wird er strafen, es gibt keinen Gott!' / Dies ist all sein Sinnen und Trachten.“ Diese Interpretation wird von den meisten Exegeten jedoch nicht geteilt. Ihrer Meinung nach würden an den besagten Stellen stets nur bestimmte Eigenschaften Gottes geleugnet, nie aber seine Existenz.
Die Fachliteratur sieht mitunter im Zervanismus der antiken Perser, mit dem übergeordneten unpersönlichen Prinzip des Zervan, eine Form des Atheismus.
Über die Existenz eines praktischen Atheismus in frühen Kulturen kann nur spekuliert werden, da er naturgemäß keine schriftlichen oder archäologischen Zeugnisse hinterlässt, wie es auf der anderen Seite religiöse Kulte tun (Tempel etc.).
Als Urvater des Materialismus kann Parmenides von Elea (6./5. Jh. v. Chr.) gesehen werden. Er verneinte jegliche Transzendenz und betrachtete die Welt als einzige Realität. Die meisten Vorsokratiker verneinten aufgrund ihrer zyklischen Vorstellung von der Zeit die Existenz einer Schöpfung.
Empedokles (* zwischen 494 v. Chr. und 482 v. Chr; † zwischen 434 v. Chr. und 420 v. Chr.) sah in Göttern nur Personifizierungen der vier Elemente. Kritias (* 460; † 403 v. Chr.) betrachtete die Religion als menschliche Erfindung, die der Aufrechterhaltung der moralischen Ordnung dienen sollte. Der gleichen Auffassung war Demokrit (* 460; † 371 v. Chr.), einer der Begründer der Lehre der Atomistik, die die Welt auf rein materialistische Weise, mit Hilfe kleinster, unzerstörbarer, ewig bestehender Atome erklärt.
Die ideengeschichtliche Leistung der vorsokratischen Naturphilosophen besteht darin, dass sie sich nicht mehr mit einer Erklärung der Welt durch Mythen zufrieden gaben, sondern nach einem (stofflichen) Urgrund, einer Ursache (lateinisch: principium) für die Entstehung der Welt und ihrer beobachtbaren Phänomene (wie z. B. der Bewegung) fragten (vgl. causa prima). Dieses Hinterfragen wird zu Recht als Beginn der westlichen Philosophie gesehen.
In den philosophischen Systemen des Hellenismus wird die Existenz von Göttern zwar oft nicht explizit verneint, sie spielen aber keinerlei Rolle für das menschliche Leben. Die atomistische Lehre Demokrits wurde insbesondere von Epikur wieder aufgenommen und weiterentwickelt (Epikureismus). Epikur sah die Vermeidung von Leid und das Erstreben von Freude als Ziel und Sinn des Lebens. Auch er suchte also das Heil auf Erden, im Diesseits. Den Tod, der nicht zu fürchten sei, sah er als Ende des Lebens. Götter existierten zwar, sie interessierten sich aber nicht für das menschliche Leben.
Auch der Kynismus, deren berühmtester Vertreter Diogenes von Sinope (* ca. 400; † 325 v. Chr.) war, kann als atheistische Philosophie verstanden werden. Die Kyniker lehnten alle gültigen staatlichen, moralischen und religiösen Vorschriften ab und strebten durch Bedürfnislosigkeit eine Rückkehr zu einem natürlichen, 'animalischen' Leben an.
In der römischen Antike wurden einige dieser griechischen Denktraditionen aufgenommen und teilweise weiterentwickelt, ohne dass radikal neue atheistische Konzepte entstanden wären. Die Zuordnung eines Denkers zum Atheismus ist aufgrund des oft dünnen Quellenmaterials häufig unsicher. Zudem trifft man häufig auf Denker, die zwar ein materialistisches Weltbild vertreten, gleichzeitig aber an die Existenz von Göttern glauben. Bis ins 2. Jahrhundert war der Epikureismus von großem Einfluss. Vertreter waren unter anderem Lukrez und Horaz. Auch dem von der Stoa beeinflussten Kaiser Mark Aurel, sowie dem Stoiker Seneca wird gelegentlich eine atheistische Haltung zugeschrieben.
Dennoch erstritt sich die Vernunft vom 11. bis 13. Jahrhundert eine zunehmend größere Unabhängigkeit vom Glauben. Petrus Abaelardus forderte ein, dass der Glaube den Regeln der Vernunft nicht widersprechen dürfe. Boethius von Dakien trat für die strikte Trennung von rational erfassbarer Wahrheit und Glaubenswahrheiten ein. Siger von Brabant ging noch weiter und bestritt zahlreiche zentrale christliche Dogmen. Die christliche Autorität reagierte einerseits mit Zensur und Repression. Zudem gab es jedoch auch verstärkte Bemühungen, den Glauben durch Gottesbeweise zu untermauern.
Die größte Herausforderung war jedoch vielleicht der Nominalismus Wilhelm von Ockhams. Wilhelm von Ockham erklärte alle Versuche, Glaubenssätze mit den Mitteln der Vernunft zu beweisen, für von vornherein zum Scheitern verurteilt. Diese skeptische Position hat sich im Christentum bis heute in der so genannten negativen Theologie erhalten.
Im Volk ist die Existenz von Ungläubigen in zahlreichen Berichten von Wundern bezeugt. Zudem lassen sich im einfachen Bauernvolk naturalistisch-atheistische Positionen nachweisen. So wurde unter anderem die Existenz einer unsterblichen Seele und die Wiederauferstehung Christi verneint. Gegen Ende des Mittelalters gibt es auch zunehmend Klagen christlicher Pfarreien über die schwache Präsenz der Gemeinde in der sonntäglichen Messe.
Als mittelalterliche Bevölkerungsteile, die besonders vom Atheismus betroffen waren, werden Söldner und Exkommunizierte genannt. Die Zahl letzterer ging allein in Frankreich zeitweise in die Zehntausende.
Durch die Reformation konnten sich mit den protestantischen Konfessionen erstmals Kirchen neben der katholischen etablieren, die zu stark waren, um dauerhaft unterdrückt werden zu können. Auf Dauer waren beide Seiten zur religiösen Toleranz gezwungen. Diese Entwicklung hin zur Toleranz sollte später auch Atheisten zugute kommen. Durch die auf die Reformation folgenden Religionskriege diskreditierten sich die sich bekriegenden Kirchen in den Augen vieler selbst. Deutlich trat der Widerspruch zwischen öffentlich gepredigter christlicher Nächstenliebe und tatsächlichem Handeln der damaligen Kirchen beispielsweise in der offenkundigen Barbarei der Hugenottenkriege zutage. Bedeutsam ist auch, dass die katholische Kirche ihr bis dahin beinahe unantastbares Deutungsmonopol für die Auslegung der Bibel und damit beträchtlich an Autorität auch auf geistigem Gebiet verlor.
Politisch trug die Reformation entscheidend zur Emanzipation der Staaten aus der Bevormundung durch die Kirche bei, die sich nun vielfach ihrerseits im Landesherrentum und Absolutismus den Staaten unterordnen musste. Diese Umkehr der Machtverhältnisse war eine zwingende Voraussetzung, um letztlich die Trennung von Kirche und Staat zu ermöglichen. Die dadurch garantierte Glaubensfreiheit weitete sich, auch wenn der Weg dorthin keineswegs ohne Repressionen verlief, schließlich auch zur Respektierung des Rechts auf Glaubenslosigkeit aus.
Das Zeitalter der Aufklärung brachte den ersten theoretisch ausformulierten Atheismus der Neuzeit mit sich.
Eine frühe öffentliche Verneinung der Existenz Gottes in der Neuzeit findet sich bei Baron d'Holbach (1723–1789) in seinem 1770 entstandenen Werk „Système de la nature“. Baron d'Holbach sah in der Religion die größte Feindin der natürlichen Moral.
1782 verfasste der britische Physiker Matthew Turner (eventuell als Co-Autor) unter einem Pseudonym das atheistische Pamphlet „Answer to Dr Priestley's Letters to a Philosophical Unbeliever“.
Auch Denis Diderot (1713–1784), einer der bekanntesten Philosophen der Aufklärung, vertrat in seinen kirchen- und religionskritischen Werken „Pensées philosophiques“ (1746) und dem „Lettre sur les aveugles à l'usage de ceux qui voient“ (1749) zunächst eine deistische, dann eine atheistische Position. Letzteres Werk brachte Diderot eine Haftstrafe ein. Diderot war Herausgeber der Encyclopédie, die einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung lieferte.
Voltaire übte scharfe Kritik an Kirche und Klerus und griff in zahllosen Schriften und Briefen die christliche Religion teils mit scharfsinnigem Spott, teils mit feinsinniger Ironie an. Allerdings ließ er bei allem, was er schrieb, nie einen Rest an Vorsicht außer acht (die Zeit, in der Häretiker auf dem Scheiterhaufen landeten, war noch nicht lange vorbei). Sein Bekenntnis zum englischen Deismus und seine gelegentlichen Attacken gegen den Atheismus können auch hierin ihren Grund finden. In dem Artikel Athéisme schrieb er unter anderem: Der Atheismus ist der Fehler einiger Leute von Geist, der Aberglaube ist der Fehler der Dummköpfe; und Lumpen sind Lumpen. Wenn sich Voltaire auch häufig zum englischen Deismus bekannte, wirkte er auf seine Zeitgenossen durch seinen Stil und die Art, wie er seinen Deismus vortrug, durchaus wie ein Atheist. Fritz Mauthner bezeichnete Voltaire als „den Feldherrn und Staatsmann der französischen und europäischen Freidenker“.
Gemäß Immanuel Kant (Kritik der reinen Vernunft) gibt es keinen Beweis für oder gegen die Existenz eines höchsten Wesens, der auf reiner Anwendung der menschlichen Vernunft beruht. Wie Kant in der Dialektik, dem zweiten Hauptteil der Kritik der reinen Vernunft, zu zeigen versucht, führen alle Gottesbeweise zu Antinomien (unauflösbaren Widersprüchen). Damit ist Kant vielleicht das prominenteste Beispiel eines Agnostikers im engen Sinne des Wortes: Kant verneint die Erkennbarkeit Gottes.
Gott wie andere Ideen, die über die Erfahrung hinausgehen, nennt Kant transzendentale Ideen. Dagegen erkennt er den sog. regulativen Charakter dieser transzendentalen Ideen an:
Ich behaupte demnach: die transzendentalen Ideen sind niemals von konstitutivem Gebrauche, so, dass dadurch Begriffe gewisser Gegenstände gegeben würden, und in dem Falle, dass man sie so versteht, sind es bloß vernünftelnde (dialektische) Begriffe. Dagegen aber haben sie einen vortrefflichen und unentbehrlichnotwendigen regulativen Gebrauch, nämlich den Verstand zu einem gewissen Ziele zu richten, in Aussicht auf welches die Richtungslinien aller seiner Regeln in einem Punkt zusammenlaufen, der, ob er zwar nur eine Idee (focus imaginarius), d. i. ein Punkt ist, aus welchem die Verstandesbegriffe wirklich nicht ausgehen, indem er ganz außerhalb der Grenzen möglicher Erfahrung liegt, dennoch dazu dient, ihnen die größte Einheit neben der größten Ausbreitung zu verschaffen. (Kant, KdrV, A 644)
Vereinfacht gesagt bedeutet dies nach Kant: Alle Grenzen möglicher menschlicher Erfahrung überschreitenden Dinge (Gott, Unsterblichkeit, Unendlichkeit) seien zwar nicht durch reine Vernunft erkennbar, heißt beweisbar, geben dem Verstand aber eine gewisse Einheit. Anders gesagt: sie bezeichnen genau die Grenzlinien zwischen spekulativem und reinem Vernunftgebrauch. Regulativ sind sie deswegen, weil sie ein Ziel abstecken, an dem der Verstand sich orientieren kann.
Beschäftigt sich Kant in der Kritik der reinen Vernunft mit der theoretischen Seite der Vernunft („Was kann ich wissen?“), so behandelt die Kritik der praktischen Vernunft deren praktische Seite („Was soll ich tun?“). Gott wird hier als eine Art Postulat eingeführt: Die Imperative (kategorischer, hypothetischer) setzen das Faktum eines moralischen Gesetzes voraus. Das moralische Gesetz verpflichtet jeden Menschen zur Sittlichkeit (und letzten Endes zur Befolgung des Kategorischen Imperativs). Das Problem für Kant besteht nun darin, zu zeigen, ob und wie die Befolgung des moralischen Gesetzes auch zu einem für alle Menschen befriedigenden Gesamtzustand führt. Diesen Zustand nennt Kant Glückseligkeit. Glückseligkeit ist sozusagen das resultative, soziale und äußerliche Pendant zur individuellen Sittlichkeit, das, was die innere Sittlichkeit auch zu einem für alle Menschen wünschbaren Ziel macht. Die Frage ist nämlich: Wenn ich sittlich handeln soll, ist dann auch sicher gestellt, dass ich glücklich werde? Die Instanz nun, die genau sicherstellt, dass sittliches Verhalten auch zu Glückseligkeit führt, ist Gott. Jetzt wird auch klar, warum Gott im System der Vernunfterkenntnisse für Kant eine regulative Idee ist. Gott sei zwar nicht erkennbar (intelligibel), jedoch wird er als Postulat (nicht weiter begründbare Voraussetzung) benötigt, um gewisse moralische Gesetze zu rechtfertigen.
Hegel.jpg In der Nachfolge blieb Kants theistischer Skeptizismus oder partieller Agnostizismus weitgehend unbeachtet. Der Deutsche Idealismus (Fichte, Schelling, Hölderlin, Hegel) redete zwar von Gott als dem absoluten Weltgeist oder einem absoluten Ich, kümmerte sich hingegen wenig um die Antinomien der Vernunft. Aus heutiger Sicht wird Kants Postulierung eines Gottes als 'missing link' zwischen Sittlichkeit und Glückseligkeit eher als Mangel seiner Theorie gesehen. Kants individualistischer Theorie fehlt schlicht der gesellschaftliche Horizont von Sittlichkeit. In seiner Rechtsphilosophie kommt Hegel hingegen ohne ein solches ad-hoc-Postulat zur Begründung der Sittlichkeit aus. Stattdessen steht der absolute Weltgeist (=Gott) für Hegel theoretisch wie historisch am Anfang seines dialektischen Systems. Dabei macht Hegel sozusagen aus der antinomischen Misere der Dialektik eine neue Tugend, indem das dialektische Prinzip der Selbstwidersprüchlichkeit zu einer eigenen Methode ausbaut.
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Karl Marx gilt wohl nach wie vor als einer der prominentesten Vertreter des Atheismus, wird doch Marxismus noch heute mit dem Konzept einer radikalen Religionskritik verbunden. Im strengen Sinne der weiter oben gemachten Definition des Begriffes von Atheismus (im Sinne eines Götterverneinen oder Nicht-an-Götter-Glaubenden) ist Marx kein Atheist, da sich für ihn das ganze Problem erst im Rahmen der Klärung der gesellschaftlichen Funktion von Religion stellt. Anders gesagt: Für Marx ist die Frage, ob es Gott gibt oder nicht, erst einmal keine epistemische (Frage des Wissens oder Wissen-Könnens) und auch keine ontologische (Frage der Existenz), sondern – modern gesprochen – eine soziologische oder gesellschaftliche Frage.
Dazu das Zitat (Zweite These über Feuerbach): Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme, ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muss der Mensch die Wahrheit, das heißt die Wirklichkeit und Macht, die Diesseitigkeit seines Denkens beweisen. Der Streit über die Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit eines Denkens, das sich von der Praxis isoliert, ist eine rein scholastische Frage.
Wegweisender Überblick:
Marx' Religionskritik findet sich vor allem in zwei einschlägigen Werken/Texten. Sie sind gleichzeitig Grundlage dieser Darstellung:
Weitere Stellen bei Marx (und Engels) sind zu finden in:
Bezugspunkte für Marx' Religionskritik sind vor allem die Theorien von:
Feuerbachs religionskritische Grundlagen: Materialistischer Anthropozentrismus
Grundlage der marxschen Religionskritik ist Feuerbachs Wesen des Christentums, in dem dieser zwei wesentlich neuartige und zumindest gegenüber Hegel an Klarheit überlegene Thesen aufstellt:
Feuerbachs Ausgangspunkt zur Herleitung seiner Thesen ist die Natur des Menschen. Wesentlich für Feuerbach ist, dass Menschen Bedürfnisse und Wünsche besitzen und diese in bestimmter Hinsicht unerfüllt bleiben, weil der Mensch – so würden wir heute sagen – ein Mängelwesen ist. Das ist sein anthropologischer Kern, den Marx weitgehend übernehmen wird. Von Hegel übernimmt Feuerbach die idealistische Auffassung, dass es das Bewusstsein und seine Leistungen sind, die seine Praxis bestimmen. Im Zentrum steht für Feuerbach dabei die menschliche Einbildungskraft. Es seien nun die unerfüllbaren und andauernd unerfüllten Bedürfnisse, die der Mensch mit Hilfe seiner Einbildungskraft in ein religiöses Reich projiziere. Die religiösen Gehalte verweisen nach Feuerbach auf die unerfüllten Bedürfnisse und damit auf die als unvollkommen erlebte Natur des Menschen. In seinem Hauptwerk versucht er, dies anhand der Begriffe Liebe, Endlichkeit, Sterblichkeit, Ungerechtigkeit zu zeigen: Die religiöse Vorstellung der Unsterblichkeit der Seele sei ein Reflex auf die unvollkommene Natur des Menschen als sterbliches Wesen, die der Allgüte Gottes ein Reflex auf die Unmöglichkeit, alle Menschen gleichermaßen zu lieben, usw.
Feuerbachs Theorie der Religionskritik wurde später und wird heute in Verbindung mit dem Begriff „religiöser Anthropomorphismus“ bzw. „Anthropozentrismus“ oder unter dem Schlagwort „Projektionstheorie“ diskutiert. Schlagwortartig mag man sie unter folgenden Mottos zusammenfassen: Nicht Gott hat die Menschen, sondern die Menschen haben Gott geschaffen. oder „Homo Homini Deus!“ (der Mensch ist des Menschen Gott)
Die Erklärung der Religion hat also – nach Feuerbach – vom Menschen auszugehen, sie aus ihm herzuleiten und sie wieder auf ihn zu beziehen: der Mensch ist der Anfang der Religion, der Mensch der Mittelpunkt der Religion, der Mensch das Ende der Religion (Das Wesen des Christentums, Teil I)
Marx' Kritik an Feuerbach als Radikalisierung seiner Religionskritik
Kurzdarstellung: Marx übernimmt die Projektionstheorie Feuerbachs. Auch für ihn ist die Welt der Religion keine ontologische Kategorie, sondern gehört in den Bereich menschlicher Tätigkeiten. Auch für ihn reflektiert Religion ein Bedürfnis, und auch für ihn ist Religion die Widerspiegelung einer Wirklichkeit und nichts Transzendentes. 1.) Marx kritisiert erstens jedoch einen wesentlichen Mangel an Feuerbachs Religionskritik: Feuerbach tue so, als ob jeder Mensch als Individuum oder als abstraktes Wesen seine Religion produziere, wohingegen der Mensch – so Marx – vor allem als konkret-praktisches und damit schon immer vergesellschaftetes (gesellschaftliches) Wesen zu begreifen sei. Feuerbach löst das religiöse Wesen in das menschliche Wesen auf. Aber das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse. (Thesen über Feuerbach, These 6) Und genau deswegen spiegele Religion auch nicht irgendwelche abstrakten, individuellen Bedürfnisse, sondern konkrete gesellschaftliche Bedürfnisse der Menschen wider. 2.) Neben dieser Theorie der vergesellschafteten Religiosität kritisiert Marx zweitens an Feuerbach, dass es mit der neuen anthropozentrischen Interpretation von Religion noch nicht getan sei: Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern. (These 11) Diese – immer wieder zitierte und leider meist falsch verstandene – These soll besagen, dass unter dem Blickwinkel der Praxis – und dies ist nach Marx die „gegenständliche Tätigkeit“ (= Arbeit als verändernde Aneignung von Natur) – Feuerbachs Theorie die Welt nur noch einmal in eine religiöse Welt verdoppelt und damit Religion zwar erklärt, jedoch nicht fragt, was dies praktisch für die gläubigen Menschen und die gesellschaftlichen Verhältnisse bedeutet. Und genau hier besitzt Religion gemäß Marx ihre praktische Aufgabe: Sie verhindere verändernde Praxis, weil sie die Menschen mit der Idee eines vom Erdenreich abgelösten und unabhängigen, vollkommenem Himmelreichs vertröste und umneble. Darauf bezieht sich auch Marxens Schlachtruf, wonach Religion „Opium des Volkes“ sei (in: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie).
Friedrich Nietzsche (1844–1900) wird oft als der Atheist schlechthin gesehen, was insbesondere an markanten Zitaten wie „Gott ist tot“ festzumachen ist. Streng genommen ist aber gerade dieser viel zitierte Satz nicht dezidiert atheistisch, da er die Existenz eines, wenn auch toten, Gottes nicht per se verneint. Der Atheismus Nietzsches tritt dagegen bei seinem Ausspruch, Gott sei „eine viel zu extreme Hypothese“ (Fragment „Der europäische Nihilismus“ (KSA 12, 5*) deutlicher hervor. Die christliche Gottesvorstellung hielt er für widerlegt und überholt. Daran, dass Nietzsche selbst an keinen metaphysischen Gott glaubte, besteht kaum ein Zweifel; dies ist allerdings auch nicht der Schwerpunkt seiner Argumentation.
Insgesamt hat Nietzsche die Kritik an der (christlichen) Moral seiner Zeit priorisiert, er sah die „christliche Sklavenmoral“ als hinderlich für die Erhebung des Menschen zu neuer Größe an. Diese Kritik der christlichen Moral ist zwar charakterisiert von zahlreichen polemischen und invektiven Äußerungen Nietzsches („Was war der größte Einwand gegen das Dasein bisher? Gott“), zeigt sich aber auch vor allem in einer historisch-wissenschaftlichen (Genealogie der Moral) und philosophischen Auseinandersetzung mit Begriff und Zweck von Moral (v. a. Morgenröte und Die fröhliche Wissenschaft). Für Nietzsches Atheismus ist kennzeichnend, dass er sich eben nicht gegen die Verneinung höherer Werte stellt, sondern gegen die Werte der christlichen Moral; letztlich sogar gegen jede Moral, die die Instinktgewissheit, welche sich im biologischen Trieb zu einer nie enden wollenden Selbstüberwindung zeigt („Wille zur Macht“) und somit zum Leben „Nein“ sagt. Nietzsches Ansicht nach galt das aber bis zu einem gewissen Grade für alle bisherigen Philosophien, Religionen und Künste – obwohl diese eindeutig „Instrumente im Dienste des wachsenden Lebens“ sind und sein müssten.
Nietzsche bezeichnete sich folglich als den „ersten Immoralisten“ (Ecce Homo) und bezeichnet damit eine Haltung des bewussten Verzichts auf eine Rückbindung an eine metaphysische Ordnung und Wahrheit. In Also sprach Zarathustra versuchte er im bewussten Anklang an den Stil der Bibel, die „frohe Botschaft“ vom „Übermenschen“ (also einer Moral, die im Dienste des Lebens steht) zu konkretisieren.
„Das psychologische Problem im Typus des Zarathustra ist, wie der, welcher in einem unerhörten Grade Nein sagt, Nein tut, zu allem, wozu man bisher Ja sagte, trotzdem der Gegensatz eines neinsagenden Geistes sein kann; wie der das Schwerste von Schicksal, ein Verhängnis von Aufgabe tragende Geist trotzdem der leichteste und jenseitigste sein kann – Zarathustra ist ein Tänzer -; wie der, welcher die härteste, die furchtbarste Einsicht in die Realität hat, welcher den „abgründlichsten Gedanken“ gedacht hat, trotzdem darin keinen Einwand gegen das Dasein, selbst nicht gegen dessen ewige Wiederkunft findet, – vielmehr einen Grund noch hinzu, das ewige Ja zu allen Dingen selbst zu sein, „das ungeheure unbegrenzte Ja- und Amen-sagen“ ...“ (aus Ecce Homo)
Man versteht Nietzsche schlecht, wenn man in seinem Atheismus bloß einen nihilistischen Trieb zur Entwertung der Kultur sieht. Nietzsche kritisiert zwar die Moral und versteckt seine Abneigung vor den christlichen Idealen nicht – jedoch wollte er diese Abwertung einbinden in sein Programm der „Umwertung aller Werte“, die letztlich dem Ziel dient neue Werte zu schaffen. Der Typus Zarathustra sollte so etwas wie der erste Prophet dieser neuen „ja-sagenden Moral“ sein, die im Dienste des Lebens steht anstatt es in seiner freien Entfaltung zu hindern.
Nietzsches Atheismus ist also ein notwendiges Zwischenprodukt, das im Prozess der „Umwertung der Werte“ den Boden für eine „Selbstbesinnung der Menschheit“ bereiten soll, die letztlich in eine bejahende, lebensfrohe Moral mündet. Atheismus bedeutet hier die Ablehnung von metaphysischer Ordnung und die Verneinung des damit verbundenen Gottglaubens. „Gottlosigkeit“ aber insofern, als der Gott, der schadet, abgelehnt wird, nicht der Götterglaube selbst. Im Antichrist beschreibt er das Gegenteil dessen, einen „gesunden“, schadlosen Götterglauben, folgendermaßen:
„Ein Volk, das noch an sich selbst glaubt, hat auch noch seinen eignen Gott. In ihm verehrt es die Bedingungen, durch die es obenauf ist, seine Tugenden, – es projicirt seine Lust an sich, sein Machtgefühl in ein Wesen, dem man dafür danken kann. ... Religion, innerhalb solcher Voraussetzungen, ist eine Form der Dankbarkeit. Man ist für sich selber dankbar: dazu braucht man einen Gott. -“
Folglich ist es auch schlüssig, warum Nietzsche den, in seiner Diktion, pessimistischen (also lebensfeindlichen) christlichen Gottesbegriff immer wieder mit dem „optimistischen“, gewalttätigen dionysischen Gottesbegriff kontrastiert. Nicht der Gottesglaube selbst schadet, sondern der Glaube an einen jenseitigen, metaphysischen Gott, wie der des Christentums. Nietzsches Atheismus ist damit eine zugleich punktuell (um den Gottesbegriff) konzentrierte und zugleich von der Schadhaftigkeit der metaphysischen Denkweise abgeleitete Form seiner Religionskritik.
Nimmt man als Referenzpunkt den französischen Existenzialismus, so ergibt sich folgende atheistische Auffassung. Der wichtigste existenzialistische Grundsatz Sartres findet sich in seinem bekannten Satz wieder, wonach die (menschliche) Existenz der Essenz (dem Wesen) vorausgehe. Es gibt kein Wesen (hier sowohl personal als Gott verstanden als auch abstrakt als Natur des Menschen), wonach und wodurch der Mensch konzipiert wurde. Da der Mensch zu Beginn „Nichts“ ist und sich ständig selbst entwirft, bedeute Gott als jemand, der so etwas wie eine menschliche Natur konzipiert hat, eine Beschränkung dieses konstitutiven Selbstentwurfs. Stattdessen ist nach Auffassung der Existenzialisten der Mensch von Beginn an zur absoluten Freiheit verdammt. Für die Neoexistenzialisten der Sartre-Schule ist Gott zunächst also das, was die absolute Freiheit des Menschen beschränkt.
„Wenn Gott nicht existierte, wäre alles erlaubt“, schreibt Dostojewski, und ganz existenzialistisch könnte man hinzusetzen: „Und weil er nicht existiert, ist der Mensch zur Verantwortung verdammt“. Wie ist das zu verstehen? Wenn Gott existierte, gäbe es etwas, was der menschlichen Existenz vorausginge, auf das er sich als Grund seines Handelns berufen könnte. Fällt dieser Grund weg, ist der Mensch absolut verlassen und muss die Gründe seines Handelns vollständig aus sich selbst schöpfen. Erst jetzt, wo prinzipiell alles erlaubt ist, ist er als Individuum voll verantwortlich für sein Handeln. Für Neoexistenzialisten ermöglicht erst eine Welt (genauer: eine Existenz) ohne Gott die wahre Verantwortung des Menschen.
JPSartre.jpg Die neoexistenzialistische Auffassung (Sartre, Camus) übernimmt Heideggers Daseinsbegriff (Sein und Zeit) für die Existenz. Demnach seien drei Dinge für die menschliche Existenz charakteristisch: Die Geworfenheit, der Entwurf und die Verfallenheit. Wesentlich für die atheistische Grundhaltung der Neoexistenzialisten ist die Geworfenheit: Der Mensch ist kein Abbild einer Idee oder eines Vorbilds oder Bauplans, sondern er wird als tabula rasa auf die Welt geworfen.
Im Atheismuskonzept des Neoexistenzialismus geht es nicht allein um die Zurückweisung eines personalen Gottes, dem die Menschen sich zu verantworten haben, sondern auch aller Konzepte, die als Theorien der Natur des Menschen auftreten: Sei es die Gesellschaft (der Mensch als soziales Wesen), sei es die Ökonomie (der homo oeconomicus) oder seien es anthropologische Konzepte (der Mensch als des Menschen Wolf, als Egoist) – alle werden sie vom Existenzialismus zurückgewiesen mit dem Verweis, sie leisteten nur die Ent-Verantwortung des Menschen, weil dieser damit auf ihm äußerliche, sachliche Zwänge hinweisen könne. Damit kann der Existenzialistische Atheismus auch als Versuch verstanden werden, gegen die angeblichen Sachzwänge moderner Gesellschaften aufzubegehren (was die Neoexistenzialisten, vor allem Sartre, im Verlauf der Studentenrevolten 1968 in Frankreich auch taten).
Die oft zu lesende Behauptung, man könne die Existenz von Göttern prinzipiell nicht rational behandeln, wird in der heutigen analytischen Philosophie nicht mehr uneingeschränkt vertreten. Demnach wäre der Versuch, die Möglichkeit der Existenz von Göttern rein apriorisch auszuschließen, nur dann definitiv zum Scheitern verurteilt, wenn es gelänge, eine konsistente und kongruente Charakterisierung des göttlichen Wesens darzulegen.
Es wurde auch der Versuch unternommen, die Existenz eines Gottes zu widerlegen, indem zwischen empirischen Aussagen über die Welt und den dem jeweiligen Gott zugeschriebenen Eigenschaften Widersprüche aufgezeigt wurden. So griff beispielsweise J. L. Mackie das Theodizee-Problem im Rahmen der Analytischen Philosophie auf und schlussfolgerte, dass die Existenz eines Gottes zwar nicht ganz auszuschließen, aber doch wenigstens sehr unwahrscheinlich sei. Beim Theodizee-Problem geht es um den semantischen Widerspruch zwischen dem Übel in der Welt einerseits und Eigenschaften des Wesens Gottes, speziell seiner Allmacht, Allwissenheit und Allgüte andererseits. Das Problem wurde bereits vor mehr als 2000 Jahren erkannt und formuliert, es gilt als starkes atheistisches Argument. Einige durch den Theismus vorgebrachte Lösungen verweisen insbesondere auf die Notwendigkeit der Unterscheidung von Übel und Bösem sowie die entscheidende Bedeutung der geschöpflichen Freiheit, deren Auswirkungen auch über Generationen hinweg reichten. Außerdem verweist der Theismus darauf, dass das irdische Leben zwar ein sehr hohes, aber eben nicht das höchste Gut des Menschen sei.
Sozialismus, Kommunismus und Anarchismus sind zum großen Teil atheistisch geprägte Weltanschauungen. Philosophische Erscheinungsformen des Atheismus sind Materialismus und philosophischer Naturalismus. Auch der Nichtglaube infolge von Naivität kann dem schwachen Atheismus zugerechnet werden. „Naiv“ bezeichnet hierbei Menschen, die noch nie etwas von Gott oder Göttern gehört haben.
Heute enthalten die Verfassungen vieler demokratischer Staaten das Menschenrecht auf Religionsfreiheit, das das Recht einschließt, Atheist zu sein oder zu werden. Jedoch nicht in allen diesen Staaten gibt es eine vollständige Trennung von Staat und Religion. So beginnt die Präambel des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland mit den Worten: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen ...“ Die Präambel Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft beginnt mit den Worten: „Im Namen Gottes des Allmächtigen!“ Im Jahre 1998 scheiterte bei einer Totalrevision der Verfassung ein Vorstoß, um diese Präambel zu streichen. Einige heutige Strafgesetzbücher – wie etwa das deutsche – enthalten noch einen Gotteslästerungsparagraphen.
Auf der anderen Seite konnte der Atheismus seit dem 20. Jahrhundert, zumindest in seiner marxistischen Ausprägung, aber auch selbst zur Staatsdoktrin werden. In Albanien wurde 1967 (bis 1990) ein totales Religionsverbot ausgerufen, und das Land bezeichnete sich als „erster atheistischer Staat der Welt“. Auch im so genannten Ostblock wurde der Atheismus gefördert, während gelebte Religiosität meist zumindest argwöhnisch betrachtet wurde, oft auch mit Nachteilen verbunden war oder gar gezielt verfolgt wurde.
Eine staatliche atheistische Politik ist zu unterscheiden vom Laizismus, bei dem es um die Trennung von Staat und Kirche geht bzw. um die Trennung von Staat und Religion; dabei steht der Staat der Religion neutral, nicht aber feindlich gegenüber.
Der Pantheismus hingegen betrachtet sich selbst als religionsphilosophische Lehre und rechnet sich nicht zum Atheismus.
Das Judentum beschreibt Douglas Rushkoff, Professor für Kommunikationstheorie an der New York University, aufgrund der Bilderlosigkeit des biblischen Gottes als Ausweg aus der Religion (Nothing Sacred: The Truth about Judaism, 2004).
Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) interpretiert biblische Begriffe „nicht-religiös“ und spricht von einem „religionslosen“ Christentum: „Christsein heißt nicht, in einer bestimmten Weise religiös sein, ... , sondern es heißt Menschsein ... Jesus ruft nicht zu einer neuen Religion auf, sondern zum Leben“ (Widerstand und Ergebung: Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft).
In den 1960ern bildete sich in den USA eine Gruppe von radikalen Theologen, welche unter dem Satz „Gott ist tot“ einen christlichen Atheismus proklamierte. Vertreter dieser Richtung sind der Theologe Thomas J. Altizer (The Gospel of christian atheism, 1966), William Hamilton (Radical Theology and the Death of God, 1966), Paul van Buren (The secular meaning of the Gospel, 1963) oder Gabriel Vahanian (The death of God, 1961).
Der „Tod Gottes“, also die vermeintliche Unmöglichkeit, in der modernen Welt rational an einen Gott zu glauben, sei, so beispielsweise J. Altizer, eine gute Nachricht, da sie den Menschen von einem transzendenten Tyrannen befreit habe. Die säkulare Botschaft der Evangelien beziehe sich gemäß Paul van Buren allein auf den „Befreier“ Jesus von Nazareth. Während der Glaube an einen (jenseitigen) Gott abgelehnt wird, steht bei den „christlichen Atheisten“ die ethisch-moralische Botschaft Jesu, die rein auf das Diesseits bezogen wird, im Mittelpunkt.
In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich auch eine Verknüpfung von Atheismus und Christentum entwickelt, die sich explizit auf das Schweigen Gottes angesichts der Ermordung von Millionen von Juden durch deutsche Nationalsozialisten im sog. Holocaust bezieht. Die deutsche Theologin Dorothee Sölle ist die bekannteste Vertreterin dieser Richtung.
Beeinflusst wurden einige Theologen der „Gott-ist-tot-Theologie“ auch durch die religionsphilosophischen Gedanken Ernst Blochs im dritten Band seines Hauptwerkes Das Prinzip Hoffnung. 1968 hat Bloch Gedanken daraus zusammengefasst, präzisiert und erweitert in dem Buch Atheismus im Christentum, in dem sich der Satz findet: „Nur ein Atheist kann ein guter Christ sein, gewiss aber auch: nur ein Christ kann ein guter Atheist sein“. Dorothee Sölle, von Bloch beeinflusst, veröffentlichte ebenfalls 1968 ein Buch mit einem ganz ähnlichem Titel: Atheistisch an Gott glauben. Atheismus bedeutet bei Ernst Bloch wie auch bei Dorothee Sölle nicht den Verzicht auf Sinnhaftigkeit oder Transzendenz, sondern die Abkehr von einem allzu theistischen Gottesbild, der Vorstellung eines Gottes, der als allmächtiger, allwissender und allgegenwärtiger Gott Not und Leid bis hin zu Auschwitz zugelassen hat (siehe auch: Theodizee-Frage).
Der praktische Atheismus beschränkt sich nicht auf westliche Länder. So bezeichnet sich beispielsweise China als atheistischer Staat. Es ist jedoch davon auszugehen, dass ein großer Teil, wenn nicht die Mehrheit der atheistischen Bevölkerung Chinas Religionen nicht aus theoretischen Erwägungen ablehnt, sondern dass Religion für sie aus historischen Gründen keine Rolle spielt.
Den Anhängern des Atheismus wird, oft auch unterschwellig, unterstellt, dass mit dem Fehlen des Glaubens an Gott auch die Verneinung moralischer Werte einhergehe, was dem Vorwurf des Nihilismus entspricht. Dem ist jedoch nicht notwendigerweise so. Es gibt keine wissenschaftlichen Untersuchungen, die diese Hypothese bestätigen würden. Die wenigsten Atheisten sind Amoralisten.
Nach Ansicht einiger Philosophen können moralische Prinzipien durchaus objektiv geltende Vorschriften darstellen, die von der menschlichen Vernunft entdeckt oder aufgestellt werden und nicht von göttlichem Wollen abhängen, wie etwa Kant darzulegen suchte.
Eine noch konsequentere Trennung von Moral und Theismus stellt die Auffassung dar, die John Leslie Mackie in seinem Buch Ethik ausführt, nämlich dass Moral an den Prozess der biologischen Evolution gekoppelt und ein Ergebnis eines gesellschaftlich beeinflussten Entwicklungsprozesses sei. Hieraus würde folgen, dass die menschliche Moral auch dann Bestand hätte, wenn Religionen in Verfall geraten.
Zudem erscheint aus atheistischer Perspektive gerade das Handeln auf Grund göttlicher Gebote – die Bewertung eines Verhaltens oder einer Handlung als nicht aus sich selbst heraus, sondern als nur vermittels der extrinsischen Festsetzung eines transzendenten Wesens ethisch wünschenswert – fragwürdig. (Mord beispielsweise, also das Töten aus niedrigen Beweggründen, wäre aus theistischer Perspektive demnach nicht bereits an sich eine schlechte, zu sanktionierende Handlung, sondern streng genommen erst vermittels göttlicher Festsetzung zu verurteilen.)
Von einigen religiösen Menschen wird dem Atheismus vorgeworfen, keine ausreichende Grundlage für ethische Konzepte bieten zu können: Nur Religionen böten ein von einer göttlichen Instanz gegebenes Gesetz, das für jeden Menschen gleichermaßen verbindlich sei. Ohne ein solches allgemeinverbindliches Gesetz sei es schwieriger, eine gemeinsame ethische Grundlage für eine Gesellschaft zu finden.
Atheisten können erwidern, mit Religionen sei nichts besser. Keine Religion könne überzeugend begründen, warum ausgerechnet ihr Gesetz von einer göttlichen Instanz gegeben worden sein soll und deshalb Allgemeinverbindlichkeit beanspruchen können soll. Keine Religion könne überzeugend begründen, warum man überhaupt von der Existenz irgendeiner göttlichen Instanz ausgehen soll. So dürfe jeder Mensch davon ausgehen, dass die Gesetze der Religionen ebenso von Menschen gemacht seien wie alle anderen Gesetze und Verhaltensregeln, teilweise auf der Basis von Vernunft und Einsicht, teilweise auf der Basis der Interessen derjenigen, die über genug Macht verfügten, um ihre Vorstellungen durchzusetzen.
Die in vielen Religionen zu findende Behauptung, die Gesetze seien von einer göttlichen Instanz gegeben, habe möglicherweise in vergangenen Zeiten dazu beigetragen, die soziale Struktur vieler Gruppen und Völker zu stabilisieren. Aber erstens sei das kein Grund, diese Behauptung für zutreffend zu halten. Und zweitens habe sich in neuerer Zeit immer wieder gezeigt, dass der Anspruch der Religionen auf Allgemeinverbindlichkeit ihrer Gesetze es eher schwieriger als leichter gemacht habe, eine gemeinsame ethische Grundlage für eine Gesellschaft zu finden. Nicht selten habe der Versuch, diese Allgemeinverbindlichkeit durchzusetzen, zu Verfolgungen und Vertreibungen geführt, sogar zu Glaubenskriegen. Doch auch ohne solche Gewalttätigkeiten sei die Überzeugung, die eigenen ethischen Konzepte seien von einer göttlichen Instanz gegeben, für die Erarbeitung einer gemeinsamen ethischen Grundlage vielfach eher hinderlich als förderlich: Viele Gläubige fühlten sich an die vermeintlich göttlichen Gesetze gebunden und seien deshalb weniger bereit, ihre Vorstellungen in Zusammenarbeit mit anderen Menschen weiterzuentwickeln.
Mangelnde Bereitschaft zur Weiterentwicklung ethischer Vorstellungen sei nachteilig. Zum einen erschwere es die Anpassung von Verhaltensregeln an neue gesellschaftliche Gegebenheiten. Beispiel: Für die ethische Beurteilung einer Scheidung mache es einen Unterschied, ob die Frau in diesem Falle materieller Not und gesellschaftlicher Ächtung ausgesetzt sei, oder ob sie materiell abgesichert und gesellschaftlich akzeptiert sei. Zum anderen behindere mangelnde Bereitschaft zur Weiterentwicklung die schnelle und umfassende Umsetzung von guten neuen ethischen Konzepten, z. B. von den Menschenrechten.
Die tatsächliche Zahl der praktischen Atheisten ist schwer abzuschätzen. Statistische Umfragen aus den Jahren 1999 und 2000 legen aber nahe, dass in Europa wenigstens ein Drittel der Bevölkerung praktische Atheisten sind. So bezeichnet sich in Europa ca. ein Drittel der Bevölkerung als unreligiös. Auf die Frage, „Wie wichtig ist Religion in ihrem Leben?“, gab knapp die Hälfte der befragten Europäer „nicht wichtig“ (28,9 %) oder „überhaupt nicht wichtig“ (20,5 %) zur Antwort.
Ein weiteres Indiz dafür, dass heute ein großer Teil der Getauften praktische Atheisten sind, stellen die niedrigen Besuchsraten christlicher Gottesdienste dar. So lag die Besuchsrate katholischer Gottesdienste im Jahr 2003 in Deutschland bei nurmehr ca. 15 % der Kirchenmitglieder. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hrsg.): Katholische Kirche in Deutschland – Statistische Daten 2003, März 2005
Da der Wahrheitsgehalt religiöser und transzendenter Vorstellungen in einem inter-subjektiven Diskurs immer bezweifelt werden kann, kann auch ein Atheist nur glauben, aber niemals wissen, dass es keinen Gott gibt. Einige Kritiker des Atheismus bezeichnen daher auch diesen als einen Glauben. Jedoch ist hier zwischen Glaube und Religion zu unterscheiden, da Glauben allgemein „für wahr halten aufgrund des Wissens anderer“ bedeutet, Religion meint dagegen speziell den Glauben an Gott, an transzendente Offenbarungen etc.
Eine weitere, hauptsächlich von Agnostikern geäußerte Kritik am Atheismus besagt, dass sich der Atheismus in der Praxis tendenziell eher als der Agnostizismus hin zum Solipsismus verschiebt, wobei zwar keine Götter gelten gelassen werden, stattdessen aber die eigene Person maßlos überhöht wird, und zwar im Sinne von Hybris. Diese Verschiebung wird als gesellschaftlich und psychologisch kontraproduktiv angesehen. Es wird hierbei also über den Zweck attackiert, und nicht über den Wahrheitsgehalt.
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