Antisemitismus (auch: Anti-Semitismus) ist eine moderne Form der Judenfeindlichkeit, die seit dem Ende des 18. Jahrhunderts auftritt und nicht mehr primär mit christlicher Religion, sondern mit Nationalismus, Sozialdarwinismus und Rassismus begründet wird.
Der Antisemitismus betrachtet Juden pseudowissenschaftlich als geschlossene Abstammungseinheit mit negativen Eigenschaften, die angeblich erblich und somit auch durch einen Religionswechsel nicht zu verändern seien. Er zählt daher auch getaufte Juden und ihre Nachfahren zu einer Minderheit, die er für eine Vielzahl tatsächlich oder vermeintlich negativer Entwicklungen in Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur verantwortlich macht.
Als Ideologie, oft in Form einer Verschwörungstheorie, stellt der Antisemitismus eine Reaktion auf die europäische Moderne und die Aufklärung dar und ist zugleich eines ihrer Krisensymptome. Er verband sich mit unterschiedlichen antiaufklärerischen, antidemokratischen, antikapitalistischen und antisozialistischen Zielen. Antisemitische Parteien und Propaganda forderten die Vertreibung und Vernichtung der europäischen Juden und bereiteten damit den Holocaust durch den Nationalsozialismus mit vor. Für dessen Weltanschauung und Programmatik war der Antisemitismus zentral.
In fast allen Ländern Europas und den USA gab es vor, teilweise auch nach 1945 antisemitische Tendenzen. Zunächst im zaristischen Russland, seit 1880 und verstärkt seit 1918 auch in Deutschland und Österreich sahen Antisemiten die Lösung der „Judenfrage“ zunehmend in der Vertreibung oder gar Ausrottung aller Juden. Dazu gründeten sie eine Reihe politischer Parteien, die mit programmatischem Antisemitismus antiaufklärerische, antidemokratische und antikapitalistische Ziele verbanden. Daran konnte der Nationalsozialismus später anknüpfen. Dieser Artikel beschreibt Voraussetzungen, Entstehung und Entwicklung der antisemitischen Ideologie von 1789 bis 1945. Ihre Rolle und Anwendung im „Dritten Reich“ behandeln die Artikel Holocaust und Zeit des Nationalsozialismus. Heute fortwirkende und neue antisemitische Vorurteilsstrukturen und aggressive Tendenzen gegen Juden thematisieren Antisemitismus nach 1945 und Antisemitismusdebatte. Ihre wissenschaftliche Erforschung behandelt Antisemitismusforschung. Herkunft und Gebrauch stereotyper antisemitischer Propaganda in arabischen und islamischen Ländern beschreibt Arabischer Antisemitismus.
Offene antisemitische Äußerungen und Handlungen gelten in der Bundesrepublik Deutschland und in der Republik Österreich nach den Erfahrungen der NS-Zeit als Straftaten, z.B. als
Die mittelalterliche Bibelexegese führte diese Sicht der Völkergeschichte weiter und bezog die drei Stammeslinien auf die damals bekannten Kontinente: Sie ordnete die „Nachfahren Sems“ Asien, die Jafetiten Europa und Hamiten Afrika zu, verband mit ihnen aber sonst keine besonderen gemeinsamen Eigenschaften. Da die biblische Urgeschichte mit Gen 11,9 eine ursprünglich einheitliche Weltsprache andeutete, lag es jedoch nahe, diesen Stammeslinien verwandte Sprachen zuzuschreiben bzw. von diesen auf gemeinsame Abstammung zu folgern.
Daran knüpften Historiker und Orientalisten im 18. Jahrhundert an, wobei sie den Sinn der Begriffe veränderten. Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) unterschied 1710 zwischen nördlichen „Sprachen der Jafetiten" und südlichen „Sprachen der Aramäer", wobei er letztere den Nachfahren Sems und Hams zuwies. Der deutsche Historiker August Ludwig von Schlözer (1735-1809) bezeichnete 1771 eine Volksgruppe als „Semiten“. Sie umfasste Hebräer und Araber, aber auch afrikanische Abessinier und wich damit von der biblischen und mittelalterlichen Völkereinteilung ab. Doch seitdem bezeichnet die Sprachwissenschaft Hebräisch, Arabisch, Aramäisch und das in Äthiopien gesprochene Amharisch als Semitische Sprachen. - 1816 bewies Franz Bopp die Verwandtschaft Indogermanischer Sprachen, die er von den „semitischen“ unterschied. Beide Kategorien bezogen sich nur auf sprachliche Merkmale und besagten nichts über Eigenschaften oder Abstammungsverhältnisse ihrer Sprecher.
Die damalige Ethnologie schloss gleichwohl von sprachlicher auf völkische und genetische Verwandtschaft und stellte „Semiten“ den „Indogermanen" bzw. „Ariern“ auch anhand rassischer Merkmale gegenüber. Arier galten als hellhäutige „Inder" oder „Kaukasier“, von denen die Nordeuropäer abstammten. Obwohl auch Juden überwiegend hellhäutig sind und in der europäischen Diaspora längst nicht mehr nur Hebräisch sprachen, wurden sie aufgrund ihrer Herkunftsprache einer anderen Rasse zugeordnet.
Diesen vermeintlichen Rassen wurden dann verschiedene Eigenschaften zugeschrieben. Der Orientalist Christian Lassen (1800-1876) z.B. sah Arier und Semiten in seiner Indischen Altertumskunde (herausgegeben 1844-1865) als Ursprungsrassen der Zivilisation und schrieb:Jewish Encyclopedia, Artikel Anti-Semitism
Von da aus wiesen auch Geisteswissenschaftler alle positiv verstandenen Werte „Ariern“ zu, während sie „Semiten“ fast nur negativ darstellten. Der französische Historiker und Philologe Ernest Renan (1823-92) z.B. behauptete in seinen Études d'Histoire Religieuse (Studien zur Religionsgeschichte) 1862, „Semiten" sei jeder militärische, politische, wissenschaftliche und geistige Fortschritt fremd; Intoleranz sei die natürliche Folge ihres Monotheismus, den sie den polytheistisch geprägten Ariern aus ihrer Kultur übergestülpt hätten. Damit meinte er explizit die Juden: Ihr arrogantes Erwählungsbewusstsein sei seit 1800 Jahren verantwortlich für den Hass auf sie.
Bereits zwei Jahre zuvor hatte der jüdische Bibliograph und Mitgründer der Judaistik Moritz Steinschneider (1816 -1907) erstmals das Adjektiv „antisemitisch“ verwendet, um Renan wegen seiner antijüdischen Vorurteile zur Rede zu stellen. Auch für das preußische Staatslexikon von 1865 kennzeichnete das Adjektiv eine dem „typisch“ Jüdischen entgegengesetzte Haltung. Der Wortbestandteil „semitisch“ hatte sich also im politisch-ideologischen Kontext bereits auf die Bedeutung „jüdisch“ eingeengt.
Das Wort „Semitismus“ war damals unbekannt. Die Antisemiten selbst konstruierten diesen Gegensatz zu ihrer Ideologie, weil die als „semitisch" definierte Minderheit keine einheitliche Ideologie oder Partei vertrat, zu der sie eine Opposition hätten bilden können. Denn die Juden lebten seit Jahrhunderten unter allen Völkern Europas und waren bei aller religiösen Fremdheit, Absonderung und traditionellen Ablehnung seit wenigen Jahren gleichberechtigter Teil der meisten europäischen Staaten geworden. Eben dieser Integrationsprozess konnte nur durch eine neue, aufklärerische Intentionen scheinbar aufnehmende Definition bekämpft werden. Abgesehen von dieser ideologischen Verwendung bezeichnete der Begriff im Deutschen später nur aus einer semitischen Sprache entlehnte Worte (vgl. Latinismus).
1879 stellte Marr Antisemitismus in seiner vielgelesenen Schrift Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum. Vom nicht-confessionellen Standpunkt aus betrachtet ausdrücklich als Alternative zum christlich-religiösen Judenhass vor, um diese „unaufgeklärte“, bloß emotionale Aversion auf einen angeblich rationalen Diskurs über den verderblichen gesellschaftlichen Einfluss der Juden zu orientieren. Als „moderner“ Antisemit griff er auch die assimilierten Juden als „artfremde Nation in der Nation“ an, die deren Selbstfindung im Wege stehe. Damit erschien ihre Eingliederung in die bürgerliche Gesellschaft, sei es durch erzieherische „Verbesserung“, sei es durch die Taufe, von vornherein unmöglich. Anders als damalige protestantische und katholische Judengegner sprach Marr also nicht nur Christen und Konservative an, sondern aufgeklärte, religionsferne Bürger, um ihnen Ausgrenzung aller Juden als politisches Ziel plausibel zu machen.
„Der Jude“, schon lange ein Schimpfwort, wurde nun Inbegriff aller als negativ erlebten und gedeuteten Zeiterscheinungen. Er stand für die Antisemiten hinter allen von ihnen abgelehnten modernen Wissenschafts-, Staats- und Gesellschaftstheorien: Aufklärung, Rationalismus, Liberalismus, Materialismus, Internationalismus, Individualismus, Pluralismus, Kapitalismus, Demokratie, Sozialismus, Kommunismus. Er galt als der eigentliche Schuldige an der „Zersetzung“ der traditionellen Gesellschaftsstrukturen und der Uneinigkeit und Schwäche der Nation: Er beherrschte die kritische Presse, sorgte für Ausbeutung, Wirtschaftskrisen, Kapitalkonzentration, Inflation. Dabei war dieses auch sonst in Europa gepflegte Feindbild besonders in Deutschland Kehrseite eines aggressiven Nationalismus, der die Juden den „Germanen“ gegenüberstellte, um sie aus dem „Volkstum" auszugrenzen.
In diesem Sinn wurde der Begriff rasch Allgemeingut und gut 75 Jahre lang zur Selbstbezeichnung „prinzipieller" Judenfeinde.
Auch die angelsächsische und israelische Antisemitismusforschung verwendet den Begriff als Oberbegriff für alle komplexen Motive und Traditionen pauschaler Judenfeindschaft. Sie überträgt damit den fehlgeprägten Rassenbegriff der Antisemiten auch auf nichtrassistisch begründete Judenfeindlichkeit, betont also eher deren Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Das Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung dagegen verwendet den Begriff meist für die besondere anti-emanzipatorische Strömung, die sich von etwa 1789 an in Mitteleuropa etablierte, im Deutschen Kaiserreich politisch organisierte und sich im 20. Jahrhundert zum Faschismus und Nationalsozialismus steigerte. Sie gilt als eigenständiges Phänomen gegenüber dem Antijudaismus und sonstigem Rassismus.
Denn während dieser eher eine Minderwertigkeit der verachteten Gruppe unterstellt, unterstellen moderne Antisemiten „den Juden“ bzw. dem „Weltjudentum" einen übergroßen Einfluss, Gefährlichkeit und Machtstreben bis hin zur Weltherrschaft. Um dies zu bestätigen, verallgemeinern sie stets vermeintlich oder tatsächlich problematische Handlungen aller Art, von einzelnen Juden, jüdischen Organisationen oder als „jüdisch" denunzierten Nichtjuden. „Antimoderne“ Bewegungen zeigen auch heute eine Tendenz, negative Begleitumstände von komplexen gesellschaftlichen Vorgängen - Urbanisierung, Globalisierung etc. - „den Juden“ anzulasten und sich mit Antikapitalismus, Antikommunismus und Islamismus zu verbinden.
Auch dort, wo keine Juden leben oder man keine kennt, sind Menschen nicht selten von einer weltbeherrschenden, andere Völker schädigenden Rolle „der Juden" überzeugt: Existierte der Jude nicht, der Antisemit würde ihn erfinden (Jean-Paul Sartre in seinen Überlegungen zur Judenfrage). Dieses chimärische Judenbild ist durch Hinweise auf Fakten kaum korrigierbar und immunisiert sich gegen Korrektive von außen: ein Merkmal aller klassischen Verschwörungstheorien.
Zur Sündenbock-Funktion trat seit 1945 ein „sekundärer“ Antisemitismus, der unbewältigte sozialpolitische Defizite und unverarbeitete Schuldgefühle wieder auf die Nachkommen der Holocaustopfer zurückprojiziert. Dieses Muster existiert auch dort, wo nicht das Judentum, sondern ihm zugeschriebene Eigenschaften abgelehnt werden. Dann spricht man von einem „strukturellen“ Antisemitismus.
Die verschiedenen Begründungen für prinzipielle Judenfeindschaft tendierten bei all ihrer inneren Widersprüchlichkeit letztlich auf die völlige Auslöschung des Judentums: sei es, indem es zur überholten und „verworfenen" Religion erklärt wurde, sei es, indem es einem allgemeinen humanen „Fortschritt“ zum Opfer gebracht werden sollte oder zum Untergang durch den Selbstbehauptungskampf einer überlegenen „Rasse" bestimmt wurde.
Die Mechanismen, durch die solche pauschalen Judenbilder immer wieder entstehen, gelten als Beispiel für Bildung von Vorurteilen und politische Instrumentalisierung daraus konstruierter Feindbilder (Wolfgang Benz). Die verschiedenen Zusammenhänge, übergreifenden Zeiträume und Arten des Phänomens illustrieren deren Irrationalität. Gleichwohl haben sie sich über die Jahrhunderte als außergewöhnlich stabil und wandlungsfähig erwiesen. Individual- und Sozialpsychologie sehen darin eine menschliche Grundeigenschaft: sich Objekte seiner Frustrationen zu suchen und diese Projektion zur selbsterfüllenden Prophezeiung zu machen. Warum dieser Hass in Europa immer wieder besonders Juden traf, ist damit noch nicht zureichend erklärt.
In der Frühen Neuzeit waren Judengemeinden zum Spielball der Interessenkämpfe zwischen Landesherren, Städten und Zünften geworden. Ein nichtjüdisches Kreditwesen war entstanden, Naturalabgaben waren durch Geldabgaben ersetzt worden und der Fernhandel hatte sich seit der Entdeckung Amerikas vom Mittelmeerraum zum Atlantik verlagert. So blieben ihnen nur bestimmte Nischen als Berufsbereiche, in denen sie zudem mit Nichtjuden konkurrieren mussten: das nicht-zünftige Handwerk, der Kramhandel, die Pfandleihe, das Kleinkredit-Gewerbe, Brauwesen und Schankwirtschaften, Hausierergeschäft und reisender Landhandel. Dort, wo sie zeitweise eine gehobene und für den Adel unentbehrliche Stellung als Zoll- und Steuerneinnehmer, Gutspächter, Holz- und Pferdehändler erreichten, z.B. im Polen des 16. Jahrhunderts, wurden sie später vom Kleinadel und aufstrebenden christlichen Bürgertum verdrängt. Nur eine sehr kleine Schicht von weniger als zwei Prozent erreichte den Status von wohlhabenden und geachteten „Hofjuden“ oder Ärzten mit hoher Bedeutung für ihre christlichen Herren. Die Masse lebte in „Judendörfern“ oder „Judengassen“ in religiöser, rechtlicher und ökonomischer Absonderung. Ihre Begegnungen mit der übrigen Bevölkerung beschränkten sich weitgehend auf Tauschgeschäfte und Märkte.
Einige Großstädte wie Frankfurt am Main hatten noch größere Judenghettos, die meisten jedoch hatten die Juden bis etwa 1670 aufs Land vertrieben. Rechtsunsicherheit und ständige Gefährdung begleiteten Judengemeinden auch im 18. Jahrhundert, als die Aufklärung ihre Gesellschaftsposition neu zu bewerten begann. Aus unterschiedlichen Gründen, vielfach aus Konkurrenz zu anderen bedrückten Ständen und städtischen Kaufleuten oder wegen Versorgungskrisen, vertrieb man oft - besonders mittel- und arbeitslose - Juden: z.B. 1745 aus Prag, 1750 aus Breslau, 1772-1790 aus dem Bezirk Dresden. Dort, wo sie geduldet wurden, wurden ihre Niederlassung, Gewerbe und Heiratsmöglichkeiten vielfach beschränkt. Das Recht zur Ansiedlung war von einem Mindestvermögen abhängig. „Schutzbriefe“ von Landesherren, die sie aufnahmen, mussten mit hohen Sondersteuern bezahlt werden und galten nur befristet.
Hinzu kam seit etwa 1780 eine starke Westwanderung von meist verarmten Juden aus Osteuropa. Deren Vorfahren waren während der großen Pogromwellen des Mittelalters dorthin geflohen; nun trieb die restriktive Judenpolitik in Polen, Litauen, Russland und der Ukraine sie wieder westwärts. 1804 verfügte ein Statut, dass die Juden des Zarenreichs nur noch in bestimmten Grenzgebieten siedeln durften; in den Folgejahren wurden etwa 230.000 russische Dorfjuden ausgewiesen oder zwangsumgesiedelt. Ihr Zustrom verschärfte die Lage in mitteleuropäischen Regionen. Obwohl willkürliche Vertreibungen um 1800 weithin als Unrecht galten, nahmen Juden-Ausweisungen von 1800 bis 1848 auch in Preußen zu. Die Folge war eine stetige Abnahme, Verkleinerung und Verelendung der verbliebenen Judengemeinden. Dies verstärkte wiederum das negative Außenbild von ihnen, das sich etwa in den Legenden vom heimatlos durch die Zeiten wandernden Ewigen Juden spiegelte.Strauss/Kampe, Die Juden in Staat und Wirtschaft der Voremanzipationszeit, in: Antisemitismus S. 77-82
1820 lebten im deutschsprachigen Raum etwa 220.000 Juden. Diese Zahl wuchs bis zur Reichsgründung 1871 auf 380.000, bis 1900 auf 500.000 und erreichte um 1930 mit 570.000 ihr Maximum. Die Zunahme lag vor allem an Zuwanderungen sogenannter „Ostjuden" aus Polen, dem Baltikum und Russland. Der Anteil von Juden an der deutschen Gesamtbevölkerung blieb dabei konstant bei 1,2 bis 1,3 Prozent und sank seit 1890 auf 1 Prozent ab. Jedoch konzentrierten sich größere Anteile der jüdischen Einwohner - um 1885: 30, um 1910: 60 Prozent - in den Großstädten, besonders Berlin mit 126.000 Juden um 1905.
Die Berufsstruktur wandelte sich stark im Lauf des 19. Jahrhunderts: Lebten um 1800 noch die weitaus meisten Juden von Not- und Kleinhandel, so fiel dieser Anteil bis 1907 auf unter 10 Prozent. 62 Prozent aller Juden arbeiteten nun im Warenhandel und Verkehrswesen (gegenüber 13 Prozent der übrigen Deutschen), 27 Prozent in Handwerk und Industrie, 8 Prozent bei öffentlichen und privaten Dienstleistern, 1,6 Prozent in Land- und Forstwirtschaft. Es gab also nach wie vor fast keine jüdischen Bauern und wenige Industriearbeiter, aber viele Warenhändler. Der Wohlstand vor allem städtischer Juden wuchs schneller als der der übrigen Deutschen, was Werner Sombart 1910 an ihren Steuerzahlungen nachwies. Auch die Zahl der von Juden geführten Großunternehmen und Banken wuchs bis 1914 an.Bernd Estel, Nationale Identität und Antisemitismus in Deutschland, in: Bergmann/Erb, Antisemitismus in der politischen Kultur nach 1945 S. 61f
Voltaire (1694–1778) führte das Christentum auf seinen jüdischen Ursprung zurück und lehnte beide Religionen von Grund auf ab. In seinem Werk finden sich wiederholt heftige Hasstiraden gegen Juden als „betrügerische Wucherer“, „diebische Geldverleiher“, den „Abschaum der Menschheit“ usw.. Er hielt diese Züge für angeborene, unveränderliche Eigenschaften. Trotzdem verteidigte er auch ihre Gewissensfreiheit und protestierte gegen damalige religiöse Verfolgungen.
Diderot (1713–1784) dagegen glaubte an die soziale Bedingtheit aller religiösen Erfahrung und damit an ihre Veränderbarkeit. Mit seinem Enzyklopädie-Projekt wollte er indirekt auch einen Beitrag zur Überwindung des jüdisch-christlichen religiösen „Wahns“ leisten.
Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799) urteilte über „den Juden“: Er sei …ein unersättlicher, habgieriger Betrüger, besessen von einem skrupellosen Handels- und Schachergeist…, amoralisch, gerissen, hinterhältig und schmarotzerhaft. Er halte sich für viel zu intelligent, sei ausgesprochen anpassungsfähig, nutzlos und schädlich für die Umwelt, ein Paradigma des Bösen und eine Identifikation des Minderwertigen. So verglich er die Juden in seinen Sudelbüchern öfter mit Sperlingen, die damals als schlimme Flurschädlinge galten und massenhaft bekämpft wurden.
Sogar Immanuel Kant (1724–1804), der wie Goethe Juden zu seinen besten Freunden zählte und in seinem Sittengesetz biblische Grundgedanken vernunftgemäß entfaltete, nannte sie „Vampyre der Gesellschaft“ und meinte 1798:Ursula Hohmann: Nicht immer waren Deutsche Philosophen Juden wohl gesonnen
Johann Gottfried Herder (1744–1803) hielt die Juden für „verdorben“, „ehrlos“ und „amoralisch“. Er glaubte, dass nur Erziehung sie bessern könne, und forderte die Abkehr von ihrer Religion als Voraussetzung für ihre nationale und kulturelle Integration. Er deutete die Diaspora-Situation der jüdischen Minderheit als deren Unfähigkeit zu einem eigenen Staatsleben: Juden seien seit Jahrtausenden eine parasitische Pflanze auf den Stämmen anderer Nationen.Erb/Bergmann, Nachtseite der Judenemanzipation S. 212
John Toland (1670–1722), englischer Freidenker, sprach sich als Erster ausdrücklích für eine Befreiung der Juden von rechtlicher und kultureller Herabsetzung aus. Vor allem Moses Mendelssohn (1729–1786) kämpfte für diese Anerkennung seiner Religion, die er zugleich von innen liberalisieren und über sich selbst aufklären wollte (Haskala). Sein Freund Gotthold Ephraim Lessing (1729–1782) rief 1749 in seinem Lustspiel Die Juden dazu auf, die anachronistischen Vorurteile gegen sie aufzugeben. In seinem Drama Nathan der Weise (1779) forderte er die gegenseitige Toleranz der drei monotheistischen Weltreligionen, deren subjektive „Wahrheit“ objektiv unbeweisbar sei. Die Hauptfigur trägt deutlich Mendelssohns Züge und setzte ihm ein Denkmal. Lessing glaubte an die Aufhebung jedes religiösen Aberglaubens durch humanen Fortschritt und die pädagogische Erziehung des Menschengeschlechts (1781); auch den „jüdischen Kinderglauben“ an Tora und Talmud wollte er damit „überwinden“.
Von den wichtigen Theoretikern der Aufklärung war nur Montesquieu (1689-1755) bereit, das Judentum in seiner Eigenart anzuerkennen. Sonst empfahlen alle den Juden den Verzicht auf ihre Religion und Tradition und damit praktisch die Selbstaufgabe. Dennoch setzten sie die rechtliche Gleichstellung der Juden als Bürger auf die politische Tagesordnung.
Die Situation der Juden ließ sich nur als späte Folge der bürgerlichen Demokratiebewegung ändern. Die Schrift des preußischen Archivars Christian Wilhelm Dohm Über die bürgerliche Verbesserung der Juden (1781) wurde einflussreiches Leitbild für solche Reformen. Doch um 1800 lasen und diskutierten nur wenige Gebildete und Adelige die Schriften der Aufklärer, während die einfache Bevölkerung Juden weiterhin als minderwertig und minderen Rechts behandelte. In den Umbrüchen des bürgerlichen Zeitalters fürchteten viele den Verlust ihrer bisherigen ökonomisch-sozialen Privilegien. Dies wog schwerer als die Aussicht auf mehr demokratische Partizipation. Daher war der Emanzipationsprozess - besonders für Juden im deutschsprachigen Raum - langwierig, mit ständigen Rückschlägen verbunden und nur mit staatlichen Verordnungen von „oben" durchsetzbar. Diese spiegelten durchweg eine von traditioneller christlicher Dominanz bestimmte Diskriminierung des Judentums. Nach ersten Schritten wie dem Habsburger „Toleranzpatent“ vom 2. Januar 1781 brachte die französische Nationalversammlung nach der Revolution von 1789 den Juden 1791 erstmals in einem europäischen Land die vollen Bürgerrechte. Sie hob damit aber auch ihre bisherigen Sonderrechte – vor allem Gemeindeautonomie und Wehrdienstbefreiung – auf und zwang sie so zur Assimilation.
Der von Napoleon 1804 erlassene Code civil machte die prinzipielle Gleichberechtigung aller Bürger des Landes unabhängig von ihrer Religion auch in den von Frankreich eroberten Gebieten zum Gesetz: So erhielten z.B. die Juden des Rheinlands oder Hamburgs zum ersten Mal die bürgerlichen Freiheitsrechte. Doch bereits 1808 schränkte ein Dekret Napoleons diese wieder ein: Jüdische Kreditgeber mussten nachweisen, dass ihre Forderung an den Schuldner ohne „Betrug" zustande gekommen sei. Zinsen auf Darlehen wurden auf fünf Prozent begrenzt; bei mehr als zehn Prozent vereinbarten Zinsen verfiel der Gesamtbetrag. Zudem durften Juden nur noch mit Vorlage eines jährlich erneuerten Leumundszeugnisses („Judeneid“) Geschäfte abschließen. Dies bedeutete für viele jüdische Händler und Kaufleute den Ruin.Winfried Seibert: Antisemitismus in Rheinhessen
Bis 1812 folgten fast alle deutschen Staaten Dohms Gleichstellungsforderungen, zuletzt Preußen mit dem Edikt betreffend die bürgerlichen Verhältnisse der Juden. Es gab diesen weitgehende Bürgerrechte, schloss sie aber weiterhin vom gehobenen Staatsdienst aus und galt nur für die schon eingebürgerten Juden altpreußischer Gebiete. Sie mussten für eine Studienberechtigung zudem am christlich-konfessionellen Religionsunterricht teilnehmen.
In den Folgejahren scheiterten Bestrebungen zur vollen Gleichberechtigung. Nach den Befreiungskriegen erlaubte der Wiener Kongress von 1814 den Staaten des Deutschen Bundes, den Juden ihre von Napoleon verfügten Rechte wieder zu nehmen. Daraufhin widerriefen sie ihre bisherigen Zugeständnisse. Im Gefolge der Hep-Hep-Unruhen von 1819 (s.u.) kam es sogar wieder zu Ausweisungen (Lübeck). 1822 verbot Friedrich Wilhelm III. Juden Lehrberufe in Preußen und entließ sie aus allen Staatsdiensten. Dies machte besonders die assimilierten, gebildeten Juden arbeitslos. Für Bildungschancen und gesichertes Einkommen ließen diese sich nun vermehrt christlich taufen: Heinrich Heine sah darin das „Entreebillet zur europäischen Kultur“.
Erst ab 1830 forderten auch liberale Demokraten die „bürgerliche Verbesserung“ der Juden wie der Bauern, um die feudale Ständegesellschaft abzuschaffen. Der deutschpatriotische Jude Gabriel Riesser kämpfte für volle Religionsfreiheit ohne diskriminierende soziale Folgen und sorgte dafür, dass die Frankfurter Nationalversammlung 1848 diese in die Grundrechte des deutschen Volkes aufnahm. Das Dekret Napoleons, das viele deutsche Staaten übernommen hatten, wurde in diesen erst 1849 aufgehoben. Doch bis 1850 blieben die preußischen Berufsverbote in Kraft, so dass Juden weiterhin nur verachtete und unsichere Nischen-Berufe und Kleingewerbe blieben.
Nach dem Herzogtum Baden (1862), der Stadt Frankfurt am Main (1864), dem Norddeutschen Bund (1869) wurde schließlich 1871 die volle Gleichberechtigung der Juden gesamtdeutsches Staatsgesetz im Kaiserreich.Andrea Djuren, Nicole Hummel: Entwicklungslinien des Antisemitismus bis zum Ende des Kaiserreiches (pdf)
Selbst der umfassend gebildete Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) widersprach zwar der volkstümelnden Romantik, sah Juden aber auch nur als Verkörperung der Entzweiung und materiellen Knechtschaft im Gegensatz zur griechisch-platonischen Freiheit des Geistes. Von ihm stammt der Satz:Ursula Hohmann, a.a.O.
1811 brachte der Dichter Clemens Brentano (1778-1842) seine Verachtung der Juden in der Satire Der Philister vor, in und nach der Geschichte für die Berliner Christlich-deutsche Tischgesellschaft zum Ausdruck:zitiert nach Reinhold Steig, Heinrich von Kleist’s Berliner Kämpfe S. 612-623
Dieser Haltung widersprach Friedrich Schlegel (1772-1829) und verwies 1815 darauf, dass Juden alle bürgerlichen Pflichten, besonders den Kriegsdienst, erfüllt hätten und man ihnen deshalb nicht länger die Bürgerrechte verwehren könne.
Dieser offenen und demokratischen Definition wurde außerhalb Frankreichs bald eine ethnische gegenübergestellt. Insbesondere in Deutschland bildete sich als Reaktion auf die französische Fremdherrschaft eine exklusive, völkische Auffassung von „Nation" als einer „Abstammungsgemeinschaft“. Ihre Abgrenzung erfolgte nicht gegen die privilegierten Stände, sondern gegen die Franzosen und alle anderen Fremden. Als fremd und nicht zum eigenen Volk gehörig wurden in vielen Ländern Europas aber auch die Juden betrachtet. So verband sich der Nationalismus hier schon früh mit dem Antisemitismus. In den deutschen Staaten etwa musste die Gleichstellung der Juden gegen erhebliche Widerstände durchgesetzt werden. Bis ins 20. Jahrhundert war der deutsche Nationalismus durch die Ablehnung demokratischer Ziele und eine antisemitische Grundhaltung gekennzeichnet. Bereits vor 1848 sahen viele Befürworter des angestrebten deutschen Nationalstaats diesen als „Organismus“ und verbanden mit diesem biologischen Sprachbild häufig Kritik an „Volksschädlingen“, vor allem an den Juden. Anknüpfend an mittelalterliche Herabsetzungen der „Wucherer" wurden diese häufig als unproduktive „Schmarotzer" dargestellt.
Diese Sicht vertrat als einer der ersten der Berliner Justizrat Karl Wilhelm Friedrich Grattenauer. Er reagierte schon 1791 auf die beginnende Emanzipationsdebatte in Preußen mit einer Schrift Über die physische und moralische Verfassung der heutigen Juden, die unverhohlen zu ihrer Vertreibung aufforderte. Dies löste heftige öffentliche Debatten in Berlin aus, die von weiteren Hassausbrüchen Grattenauers (u.a. 1804: Wider die Juden) gefolgt wurden, bis der Staat seine Schriften verbot.
Auch der Berliner Schriftsteller Friedrich Buchholz warnte 1803 (Jesus und Moses) vor der langwierigen „bürgerlichen Verbesserung" der Juden und bedauerte, dass ihre Vertreibung heutzutage nicht mehr möglich sei. Gleichwohl wurde diese Möglichkeit öffentlich ausführlich erörtert und blieb ständiges Drohmittel, um die Assimilation der Juden zu beschleunigen. In beiden Lösungsmodellen, Vertreibung wie „Verbesserung“, ging es darum, ihre Religion baldmöglichst verschwinden zu lassen.Erb/Bergmann, a.a.O. S. 111-135
Auch der Schweizer Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi, der „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn und der Völkerkundler Ernst Moritz Arndt waren bekennende Judenfeinde. Sie begründeten jene Volkstums-Ideen, auf die rassistische Antisemiten später zurückgriffen. Arndt schrieb z.B. im Kontext der Zuwanderung russischer und polnischer Juden nach Westeuropa:nach Weltgeschichte im Aufriss Band 2, Diesterweg, Frankfurt/Main 1978, S. 191
Während die meisten Staatsregierungen die Integration der Juden im Interesse aller Bürger auf lange Sicht bevorzugten, blieb lokale Judenvertreibung in vielen Provinzstädten denkbar und opportun. Deshalb aktivierten auch akademische Frühantisemiten gern „Volkes Stimme". Der Völkerkundler Friedrich Christian Rühs (1781-1820) z.B. schrieb in einem antijüdischen Traktat 1816: Könne man die Juden nicht zur Taufe bewegen, dann bliebe nur ihre Ausrottung. Dem stimmte der Philosoph Jakob Friedrich Fries in seinem Aufsatz Über die Gefährdung des Wohlstandes und Charakters der Deutschen durch die Juden zu:Erb/Bergmann, a.a.O. S. 114 Fragt doch einmal Mann vor Mann herum, ob nicht jeder Bauer, jeder Bürger sie als Volksverderber und Brotdiebe haßt und verflucht. Die „Gesellschaft prellsüchtiger Trödler und Händler" müsse ihre betrügerische Tätigkeit aufgeben oder der Staat müsse sie dazu zwingen, da andernfalls ihre gewaltsame Vertreibung unausweichlich sei. Er forderte, sich von der „jüdischen Pest“ zu befreien.
Ries war es auch, der bei der Gründung der Urburschenschaft auf dem Wartburgfest 1817 die anwesenden Studenten zu einer Bücherverbrennung aufhetzte. Dabei wurde auch die Schrift Germanomanie des jüdischen Autoren Saul Ascher, die sich kritisch mit Nationalismus und Verfolgungswahn der deutschen Patrioten auseinandersetzte, mit dem Ruf Wehe über die Juden! ins Feuer geworfen. Dies veranlasste Heinrich Heine 1819 zu der weitsichtigen Vorhersage:
Kriminalrat Christian Ludwig Paalzow schrieb 1817 einen Dialogroman Helm und Schild, der die Argumente für und wider das jüdische Bürgerrecht auf einen Juden (Helm) und einen Christen (Schild) verteilte und letzteren rhetorisch siegen ließ. Er verwies im Munde Schilds auf die angeblich zu starke Vermehrung der Juden, ihre politische Unzuverlässigkeit und Neigung zur Rebellion aufgrund ihres Messiasglaubens. Ihre Gewerbefreiheit werde ihnen die ökonomische Macht über die Mehrheit zufallen lassen. Um dies zu verhindern, müsse man sie rechtzeitig vertreiben, wenn sie nicht freiwillig gingen. Der Schaden durch ihren Verlust sei geringer als der Nutzen, sie los zu sein.
1821 veröffentlichte Hartwig von Hundt-Radowsky den Judenspiegel. Darin propagierte er u.a. den Verkauf jüdischer Kinder als Sklaven an die Engländer, um weitere jüdische Nachkommen zu verhindern, und schließlich unverhohlen die Vertilgung und Vertreibung aller Juden.
Heinrich Eugen Marcard forderte 1843 in Minden mit einer Petition die „Vertilgung" der Juden. Hermann von Scharff-Scharffenstein schrieb 1851 in seiner antijüdischen Schrift Ein Blick in das gefährliche Treiben der Judensippschaft:Erb/Bergmann, a.a.O. S. 198 und 202
In den Jahren 1803-1805, 1812-1819, 1848ff waren judenfeindliche Schriften in der akademischen Literatur besonders oft vertreten. Sie setzten die mittelalterliche Tradition antijüdischer Hetzschriften im aufgeklärten, kirchenfernen Bürgertum fort und etablierten die Ressentiments, Abgrenzungs-, Deportations- und Vernichtungsrhetorik im öffentlichen Diskurs. Solche Ziele wurden also schon gut 100 Jahre lang erörtert, bevor der „Rasse“-Begriff für das Judentum aufkam.
Auch in den Folgejahrzehnten gab es an vielen Orten Gewalttaten gegen Juden, teils als Begleitung des allgemeinen antifeudalen Protestes und revolutionärer Stimmungen, teils in Krisensituationen oder aus alten religiösen Motiven. In Hamburg wurden Juden 1830 und 1835 wie schon 1819 vom Jungfernstieg vertrieben. Angeregt durch die Sensations-Berichte über die Damaskusaffäre 1840 lebte auch die Ritualmordlegende wieder auf und führte in einigen Orten - u.a. Geseke, Oettingen, Thalmässing - zu teilweise monatelangen Ausschreitungen gegen Juden. Dabei wurden erneut Hepp, Hepp, Jude verreck!-Hetzrufe und die Parole Schlagt die Juden tot! laut. In Mannheim führte ein Regierungsbeschluss, eine Judenpetition für Gleichstellung zuzulassen, zu Volkskrawallen gegen Juden der Stadt. 1848 zerstörten Bauerngruppen in Leiningen im Taubertal Wohnungen von Juden, die sie als Gläubiger ansahen. In Baisingen verjagten bewaffnete Bauernknechte jüdische Bewohner mit dem Ruf „Geld oder Tod!" aus ihren Häusern und nötigten vorübergehend 230 Juden des Ortes zur Flucht. Sie versuchten, die Gemeinderäte zu erpressen, den Juden das Bürgerrecht zu nehmen, das die Allmende-Nutzung einschloss.
Im Verlauf der Revolution 1848/49 kam es besonders in süd- und ostdeutschen Regionen und etwa 80 Städten, darunter Berlin, Köln, Prag und Wien, zu schweren antijüdischen Exzessen. Neben Angriffen auf Symbole der Abhängigkeit - Kreditbriefe, Schuldenakten - wurden dabei immer wieder Vernichtungsdrohungen laut, sowohl von revolutionärer - meist Bauern - wie antirevolutionärer - meist Bürger - Seite, die den Juden für Not und Revolution die Schuld gaben.Erb/Bergmann, a.a.O. S. 246-261
Nur bei Zwangstaufen behielten andere Christen Vorbehalte gegen sie: besonders in Spanien im 15. Jahrhundert. 1492 stellten die katholischen Könige die spanischen Juden vor die Wahl zwischen Taufe oder Ausweisung. Eine Massenvertreibung war die Folge. Doch auch die im Land gebliebenen „Conversos“ standen unter dem Generalverdacht der Inquisition, sie würden ihre angestammte Religion heimlich weiter ausüben. Sie wurden als marranos („Schweine“) beschimpft, bald erneut blutig verfolgt und aus den erreichten gesellschaftlichen Positionen verdrängt. Dies wurde bereits rassistisch begründet: Mit dem Ideal des limpieza de sangre („Reinheit des Blutes“) schuf man ein Kriterium, um Neuchristen jüdischer Herkunft gesellschaftliche und rechtliche Anerkennung zu verweigern.
Dieses Muster wiederholte sich in gewisser Weise im 19. Jahrhundert als Reaktion auf die Judenemanzipation. Bereits 1790 hatte der Göttinger Popularphilosoph Christoph Meiners (1747-1810) ein Rangsystem der Rassen entwickelt, das Juden zwar über „Orang-Utans“, „Negern", „Finnen" (Lappen) und „Mongolen" skalierte, aber unter Weißen und Christen. Er folgerte daraus, dass sie weniger Rechte als diese beanspruchen könnten. Seit Ernest Renan war es zudem üblich, Juden als „Semiten" einen Mangel an Zivilisiertheit nachzusagen. Frühe Antisemiten wie Grattenauer und Hundt-Radowsky verglichen Juden direkt mit Affen, um ihnen die Menschenrechte abzusprechen und ihren Emanzipationsprozess, ihr Streben nach Bildung und Aufklärung als von vornherein lächerlich und illusorisch abzuwerten.Erb/Bergmann, a.a.O. S. 208f
Nachdem die rechtliche Gleichstellung jedoch erfolgt war, wurde der angebliche rassische zum welthistorischen Gegensatz überhöht: „Arier“ galten als zur Weltherrschaft berufene Bevölkerungsgruppe, „Semiten“ als ihre zur Unterlegenheit bestimmten Konkurrenten, die gleichwohl zur Zeit noch über die Arier herrschten. In vielen Variationen wurden diese populären Klischees nun rassistisch untermauert.
1853 veröffentlichte Arthur de Gobineau den Aufsatz Die Ungleichheit der Rassen, der die Theorie des Rassismus begründete. 1858 erschien die deutsche Übersetzung des bahnbrechenden Aufsatzes von Charles Darwin Über die Entstehung der Arten, der die Evolutionstheorie und moderne Genetik begründete. Darin erklärte er die Entwicklung der Arten aus den Prinzipien Variation, Vererbung und Selektion: Der „Kampf ums Dasein“ führe zu einer Auslese der dem Überleben angepasstesten Arten. In Analogie dazu deuteten Rassisten auch die Völkergeschichte als Ergebnis eines ewigen Kampfes von höher- und minderwertigen Rassen. Das bot Antisemiten die Möglichkeit, die „Judenfrage“ mit pseudo-biologischen Argumenten als Rassenproblem zu propagieren. Sie bezeichneten Semiten und Arier seit etwa 1860 immer häufiger als Abstammungseinheiten und stellten „minderwertige Juden“ den „schöpferischen Germanen“ gegenüber.
So schrieb der österreichische Kulturhistoriker Friedrich von Hellwald (1842-1892) anknüpfend an Renan 1872 in einem Zeitungsartikel, Juden seien nicht einfach nur eine andere Religion, sondern eine völlig andere Rasse, eingewandert aus Asien. Diese Fremdartigkeit würden Europäer „instinktiv" spüren. Das sogenannte Vorurteil gegen Juden sei also ein natürliches, durch zivilisatorischen Fortschritt niemals zu überwindendes Gefühl. Der Jude sei Kosmopolit und besitze eine Schlauheit, mit der er dem ehrlichen Arier überlegen sei. Von Osteuropa aus grabe er sich als Krebsgeschwür in die übrigen europäischen Völker ein. Ausbeutung des Volkes sei sein einziges Ziel. Egoismus und Feigheit seien seine Haupteigenschaften; Selbstaufopferung und Patriotismus seien ihm völlig fremd. Diese seit Mittelalter und Früher Neuzeit bekannten Sprachbilder der Entmenschlichung passten die Antisemiten der wissenschaftlichen Sprache an und übertrugen Begriffe aus der Bakteriologie, Mimikry-Theorie und Rassenlehre auf die jüdische Minderheit und ihr Verhältnis zur Mehrheit. Dabei wurden die Juden immer stärker nicht nur mit Schmarotzern, Volksschädlingen, Ausbeutern, Krebsgeschwüren, Ungeziefer, Seuchen, Blutsaugern, wuchernden Schlingpflanzen usw. verglichen, sondern identifiziert: Sie wirkten nicht nur ansteckend wie Pest oder wuchernd wie Krebs, sondern sie waren die Krankheit selbst. Stand im mittelalterlichen Aberglauben hinter ihnen der Teufel, also eine letztlich unbesiegbare dämonische Macht, so war es mit dem medizinisch-technischen Fortschritt vorstellbar, sich dieser „menschlichen Viren" radikal zu entledigen.Erb/Bergmann, a.a.O. S. 196
Das verschloss Juden jede Möglichkeit, sich durch Übertritt zum Christentum sozial anzupassen. Denn auch getaufte Juden blieben nun Juden, die von Juden – Vorfahren mit jüdischer Religion – abstammten, egal ob und wie lange ihre Vorfahren schon Christen waren. Damit war die Religionszugehörigkeit für Antisemiten nur noch als pseudobiologisches Merkmal wichtig, das Judesein zum unentrinnbaren Schicksal machte. Die Juden zugeordneten negativen Eigenschaften erschienen als „Erbgut“, das keinerlei Erziehung, Bildung, Integration und Emanzipation verändern könne. So wurden sie als nicht integrierbarer Fremdkörper in den europäischen Nationen dargestellt und ihre völlige Vertreibung aus ganz Europa als einzig realistische „Lösung der Judenfrage" nahegelegt. – Darwin selbst distanzierte sich 1880 davon.
Der Rassismus verschärfte auch die allgemeine Fremdenfeindlichkeit: Er untermauerte die Ablehnung anderer Völker nach außen und ethnischer oder anderer Minderheiten nach innen. Völkisch definierte „Fremde“ konnten nun als „Artfremde“ eingestuft werden. So wuchs parallel zum Antisemitismus in ganz Europa z.B. die Ablehnung der Sinti und Roma oder – im Rahmen des Antislawismus – der Sorben.
Auf den Börsenkrach 1870 folgte 1873 im Gefolge einer weltweiten Depression ein Gründerkrach. Viele Bauern, Händler und Bürger verloren ihre Ersparnisse und mussten ihre Firmen aufgeben, während Großindustrielle und Bankiers Verluste besser auffangen konnten. Da sich unter letzteren relativ viele Juden befanden, machte der abstiegsbedrohte Mittelstand alle Juden für die Pleitewelle verantwortlich. Nun ergriff der Antisemitismus breite Bevölkerungsschichten: Viele neu gebildete Vereine machte ihn zu ihrem Programm.
Im selben Jahr erfand der Journalist Wilhelm Marr (1819–1904) den Begriff „Antisemitismus“ als Ersatz für „Judenhass“, um diesen pseudowissenschaftlich zu untermauern. Damit übernahm er Gobineaus säkular-rassistische Ideen, kennzeichnete aber nur die Juden als besondere „Rasse“, um sie ideologisch besser ins Visier nehmen zu können. Dabei konnte er auf fortbestehende kirchliche, aufgeklärte und völkisch-nationale Judenbilder zurückgreifen.
Stärker ökonomisch argumentierte Otto Glagau (1834–1892) in einer vielgelesenen Artikelserie in der Gartenlaube (1874), dann mit Schriften über den angeblichen Börsen- und Gründungsschwindel in Berlin (1875) und Bankerott des Nationalliberalismus und die 'Reaktion' (1878). Auch er wandte sich an ruinierte Mittelständler und Kleinbürger und mobilisierte deren überkommene christliche Vorurteile gegen Juden.
Anfang 1878 gründete der lutherische Hofprediger Adolf Stoecker (1835–1909) die Christlichsoziale Partei als Gegenpartei zur Sozialdemokratie. Er wollte zunächst die Arbeiter für eine „Rechristianisierung" der Gesellschaft und Akzeptanz des vom protestantisch-konservativen Preußen geführten Kaiserreichs gewinnen. Doch fand er weitaus mehr Anhänger im ökonomisch bedrohten Kleinbürgertum und Mittelstand, die ihn drängten, sich zur „Judenfrage" zu positionieren. Daraufhin forderte er seit September 1879 die Begrenzung des vermeintlichen jüdischen Einflusses auf die Politik und wurde so populär. Seine Ideen wirkten stark auf den deutschnationalen Protestantismus ein. 1879 gilt als Geburtsjahr des „modernen" Antisemitismus, in dem sich deutschnationale, antiliberale, antikapitalistische und rassistische Motive verknüpften und im Bürgertum reichsweit gesellschaftsfähig wurden. Undurchschaute Krisenphänomene, die die Industrialisierung, Kapitalisierung und Internationalisierung der Märkte begleiteten, wurden auf eine angebliche kulturelle, politische und ökonomische Dominanz der jüdischen Minderheit zurückgeführt. Das Judentum stand für eine Infiltration der Nation mit ihr fremden Ideen und Tendenzen, für Gewinnstreben, Egoismus und kalten Rationalismus. Britischer Manchesterliberalismus und sozialistischer Internationalismus wurden gleichermaßen auf jüdisches „Wesen“ zurückgeführt. So machte man die rechtlich-soziale Emanzipation der Juden als „Ursache" der Krisen aus und münzte sie in eine „Emanzipation von den Juden" um, die notwendige Bedingung für nationale Identitätsfindung sei. In jenem Jahr erschien Marrs rassistisches Buch Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum. Es fand reißenden Absatz und erreichte schnell 11 Auflagen. Daraufhin gründete er die „Antisemiten-Liga“ als erste deutsche Gruppe, die sich dem Kampf gegen eine angebliche jüdische Bedrohung verschrieb. Ihr erklärtes Ziel war die Vertreibung der Juden aus Deutschland. Sprachrohr dafür war das Hetzblatt Deutsche Wacht, das Marr zweimal monatlich herausgab.
Im selben Jahr ergriff der Berliner Antisemitismusstreit monatelang die Hauptstadt und die Akademikerzunft: Der Historiker Heinrich von Treitschke (1834–1896) griff Stöckers Forderungen auf und schrieb in einem Artikel den verhängnisvollen, später von der NSDAP übernommenen Satz: Die Juden sind unser Unglück. Dagegen kritisierte sein angesehener Kollege Theodor Mommsen (1817–1903) die um sich greifende allgemeine Judenfeindschaft scharf. Zwar blieb Treitschke an der Humboldt-Universität isoliert; doch nun war die „Judenfrage" auch als „wissenschaftliches“ Thema etabliert.
Der hochdekorierte Veteran des Deutsch-Französischen Krieges Max Liebermann von Sonnenberg (1848–1911) initiierte zusammen mit dem Lehrer Bernhard Förster (1853–1889) – einem Schwager von Friedrich Nietzsche – im Sommer 1880 eine „Antisemiten-Petition“. Sie forderte u.a. eine separate Besteuerung von Juden, ihren Ausschluss von allen Regierungsämtern, vom öffentlichen Dienst und Bildungswesen sowie ein Verbot jüdischer Einwanderung nach Deutschland. Vermittelt durch Förster bildeten sich an vielen Universitäten Ausschüsse zur Unterstützung der Petition, aus denen die ersten Vereine Deutscher Studenten hervorgingen. Auch Marrs Liga mobilisierte ihre Anhänger dafür. 250.000 Bürger unterzeichneten die Petition binnen Jahresfrist; Sonnenberg brachte sie in den Reichstag ein. 1881 gründete er den patriotisch-konservativen Deutschen Volksverein sowie die Deutsche Volkszeitung. Diese half, das Schlagwort „Antisemitismus“ im ganzen Deutschen Reich zu verbreiten.
Glühende Antisemiten der 1880er Jahre waren auch:
Auch parteipolitische Bestrebungen wurden verstärkt: Otto Böckel (1859–1923) gründete 1886 seine Deutsche Reformpartei, die sich noch im selben Jahr mit weiteren Gruppen zur Deutschen antisemitischen Vereinigung zusammenschloss. Böckel saß seit 1887 im Reichstag und trug sich dort stolz als erster „Antisemit“ ein. 1889 schlossen sich Stoeckers und Sonnenbergs Anhänger zur neuen Deutschsozialen Partei zusammen, Böckel gründete mit weiteren Gruppen 1890 die Antisemitische Volkspartei. Beide neuen Parteien forderten die Aufhebung der Emanzipationsgesetze, verhöhnten liberale Gleichstellungsparteien im Wahlkampf als „Judenschutztruppe“ und gewannen bei den Reichstagswahlen desselben Jahres knapp drei Prozent der Stimmen.
1893 errangen beide Antisemitenparteien zusammen 18 Reichtagsmandate. 1894 vereinigten sie sich unter Führung Böckels zur Deutschsozialen Reformpartei. Ihr Programm baute auch auf den Rassentheorien von Houston Stewart Chamberlain (1855–1927) auf und redete erstmals von der „Endlösung der Judenfrage“. 1899 hieß es darin:Wilhelm Mommsen, Deutsche Parteiprogramme S. 84, zitiert nach Neuer Antisemitismus? S. 19
Abgesehen von der „Judenfrage" waren die Ziele der Antisemitenparteien jedoch widersprüchlich: Während die einen Arbeiter, Bauern und Mittelstand für den Nationalstaat gewinnen wollten, richteten die anderen ihren Nationalismus gegen Adel, kirchliche und staatliche Konservative und die im Reichstag führende Nationalliberale Partei. So agitierte z.B. der Lehrer Hermann Ahlwardt landesweit gegen „Junker und Juden“. 1890 behauptete er in seinem Buch Der Verzweiflungskampf der arischen Völker mit dem Judentum, alle Berufe und Stände seien vom jüdischen Wucher beherrscht, belegte dies aber nur mit seinen privaten Finanzproblemen. 1894 legte er ein Programm vor, das vorsah, alle Großgrundbesitzer zu enteignen und ihren Besitz in Gemeineigentum zu überführen. - Theodor Fritsch versuchte 1885 mit der Zeitung Antisemitische Correspondenz, die zerstrittenen Antisemiten zusammenzuführen. Dazu verfasste er 1887 einen damals weit verbreiteten Antisemiten-Katechismus. - Aufgrund innerer Uneinigkeit verloren sie danach jedoch wieder an Stimmen. Bei der Reichstagswahl 1903 erhielten ihre Parteien nur 3,5 Prozent (11 Mandate). 1907 stellten sie noch sieben Abgeordnete. Sonnenberg saß bis 1911 im Reichstag. Keins der Ziele seiner Petition von 1879 wurde im Kaiserreich erreicht.
Aber der politische Antisemitismus war nicht an bestimmte Parteien gebunden und wirkte viel weiter, als deren Stimmenanteile vermuten lassen. Viele Vereine blieben seit 1880 antisemitisch eingestellt, u.a. die Deutsche Turnerschaft, der Reichskammerbund und das angesehene Offizierskorps. Über andere Themen wie etwa die Flottenaufrüstung oder Schutzzölle gegen englische Importe konnte sich das Bild der „jüdischen Ausbeuter“ und ihrer „zersetzenden“ Demokratie-Ideen in breiten Bevölkerungsschichten festsetzen.
Besonders folgenreich war der Antisemitismus an den Hochschulen. Viele dort ausgebildeten Akademiker, Juristen, Ärzte, Ingenieure, Lehrer und Pastoren beteiligten sich dauerhaft an der antisemitischen Agitation, benachteiligten Juden aktiv und trugen so zu ihrer zunehmenden Verdrängung aus staatlichen Ämtern und gesellschaftlichen Ächtung bei. Auch ihre Fachverbände wurden seit etwa 1890 von der antisemitischen Welle erfasst. Viele Studentenverbindungen, als erstes 1886 der Kyffhäuserverband, schlossen Juden aus ihren Reihen aus.
Neue, nun ausdrücklich als antisemitische Interessengruppen gegründete Verbände kamen ab 1893 hinzu:
Die Erfolge antisemitischer Agitation beeinflussten die Konservative Partei: Diese nahm 1892 einen Teil antisemitischer Forderungen in ihr Parteiprogramm auf. Auch die katholische Zentrumspartei ließ - nicht zuletzt wegen der Haltung von Papst Pius IX., der Juden seit 1872 der Neigung zu Anarchismus und Freimaurerei bezichtigte - antisemitische Abgeordnete auf ihren Listen kandidieren. Auch einige Sozialisten äußerten sich judenfeindlich, so Johann Baptist von Schweitzer, Präsident des ADAV, und die Redakteure sozialdemokratischer Zeitungen Wilhelm Hasselmann und Richard Calwer. Franz Mehring, enger Freund der Jüdin Rosa Luxemburg und Parteihistoriker, sprach oft abfällig und feindselig über Juden. In sozialdemokratischen Unterhaltungsblättern - z.B. dem Wahren Jakob, Süddeutschen Postillon oder der Neuen Welt - tauchten ab 1890 in Witzen, Karikaturen und Alltagsgeschichten jene judenfeindlichen Klischees auf, die sich in den vergangenen Jahrzehnten als soziale Normalität etabliert hatten: Juden werden als vom Profitstreben gelenkte, gerissene Schacherer und Wucherer, Börsenjobber und Händler ohne Geschäftsmoral dargestellt. Die Klischees unterschieden sich in Nichts von denen der bürgerlichen Literatur, die auch Romane wie Der Jude von Karl Spindler, Der Büttnerbauer von Wilhelm von Polenz u.a. immer wieder unter das Volk brachten. Die SPD nahm jedoch seit ihrer Gründung nie antisemitische Forderungen in ihr Programm auf und war die einzige Partei im Kaiserreich, die dieser Ideologie offen widersprach. Typisch für ihren Fortschrittsglauben war aber, dass ihre Führer den verachteten „Radau-Antisemitismus" weit unterschätzten. So erklärte Wilhelm Liebknecht 1893: Ja, die Herren Antisemiten ackern und säen und wir Sozialdemokraten werden ernten. Ihre Erfolge sind uns also keineswegs unwillkommen. August Bebel, für den Antisemitismus „der Sozialismus der dummen Kerls" warFrankfurter Rundschau: Kaiser Titus' Dummheit, glaubte, sie hätten nie Aussicht, irgendeinen maßgebenden Einfluß auf das staatliche und soziale Leben auszuüben.Julius H. Schoeps, Wie antisemitisch waren die Sozialisten? in: Über Juden und Deutsche S. 110-115
Der jüdische Arzt Leo Pinsker bereiste unter dem Eindruck der Pogrome in Russland von 1881 ganz Europa. Er sah in dem Umsichgreifen des Rassenwahns eine „Judäophobie“, die er als eine Geisteskrankheit beschrieb: Ihm war das Erscheinungsbild vertraut, wonach sich gegenseitig verstärkende „Gewissheiten“ eine mentale Störung anzeigten. Er folgerte in seinem Aufsatz „Autoemanzipation“ 1882 daraus die Notwendigkeit eines eigenen jüdischen Landes und wurde damit ein Pionier des Zionismus.
Auf die vermehrte Propaganda und Parteienbildung der Antisemiten reagierten religiöse Juden und judenfreundliche Christen 1891 mit der Gegengründung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus. 1893 bildeten Kreise des liberalen Bürgertums in Berlin den Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Doch diese hatten auf die generelle Entwicklung kaum Einfluss und suggerierten ihren Mitgliedern nur, doch irgendwie zur bürgerlichen Gesellschaft zu hören.
Unter dem Eindruck der Dreyfus-Affäre in Frankreich schrieb Theodor Herzl 1896 sein Buch Der Judenstaat, das den politischen Zionismus begründete. Ein Jahr darauf berief er den 1. Zionistenkongress nach Basel ein. Doch die meisten Juden rangen weiterhin um Anerkennung und Gleichberechtigung im Kaiserreich. Folglich meldeten sich viele freiwillig zur Front, als der Erste Weltkrieg ausbrach. Sie wurden oft für besondere Tapferkeit ausgezeichnet und glaubten, dass ihre Eisernen Kreuze sie vor weiteren Verfolgungen schützen könnten.
Zunächst überlagerte der Erste Weltkrieg die innenpolitischen Fronten und band alle Deutschen in vermeintlich patriotische Pflichten ein. Etwa 100.000 Juden meldeten sich auf Drängen ihrer Vereine freiwillig zum deutschen Militärdienst. Dies schmälerte die Popularität judenfeindlicher Propaganda nicht. 1916 reagierte der Kriegsminister Hohenborn mit der Judenzählung auf verstärkte Hetze, Juden seien Drückeberger, die sich häufiger krank meldeten an der Front als Nichtjuden. Als die statistische Erhebung im Gegenteil einen höheren Anteil nichtjüdischer Dienstverweigerer ergab, hielt der Minister sie unter Verschluss.
Artur Dinter schrieb 1917 den Bestseller Die Sünde wider das Blut. Darin zeigte er, wie sehr antisemitische Stereotypen auch mit körperlichen Zuschreibungen verbunden waren. Als Herausgeber eines „judenreinen“ Neuen Testaments für die antisemitische Geistchristliche Religionsgemeinschaft (1927) wurde er zum Ideengeber der späteren Deutschen Christen.
Als die Novemberrevolution 1918 das Kriegsende und die Flucht des Kaiser erzwang, traten die ungelösten sozialen Gegensätze offen hervor, die der Krieg nur verschärft hatte. In der Nachkriegsnot nahm der Antisemitismus neuen Aufschwung. Offiziere und große Teile des Bürgertums lasteten ihre Niederlage und die Auflagen des Versailler Vertrags den „jüdischen“ Führern der Arbeiterbewegung an. Sie erweiterten das Feindbild der „jüdischen Weltverschwörung“: Der „jüdisch-bolschewistische“ Revolutionär sei dem „im Felde unbesiegten" Heer heimtückisch in den Rücken gefallen. Er trachte danach, Deutschland zu versklaven und alle kulturellen Werte der Nation zu vernichten. Dabei verwies man auf jüdische Namen unter führenden russischen wie deutschen Revolutionären während der Räterepubliken. Diese Propaganda fand durch die 1919 auf Deutsch veröffentlichten Protokolle der Weisen von Zion neue Nahrung.
Republikfeindliche Antisemiten fanden sich nun in mehreren rechtsextremen und bürgerlich-konservativen Parteien, vor allem in der DNVP. Die Deutsche Burschenschaft z.B. beschloss 1921 die Ausgrenzung ihrer jüdischen Mitglieder. Nach einer von einigen Medien unterstützten Hetzkampagne ermordeten paramilitärische Geheimbünde wie die Organisation Consul Symbolfiguren ihres Judenhasses, darunter 1922 Außenminister Walther Rathenau. Der gestürzte Wilhelm II. selbst forderte die „Ausrottung“ der Juden. Diese antidemokratische Ablehnung der „Judenrepublik" im reaktionären Bürgertum war nach Ansicht vieler Historiker eine entscheidende Weichenstellung und Zuspitzung, die den Siegeszug des Nationalsozialismus vorbereitete.
Für den österreichischen Weltkriegsgefreiten Adolf Hitler war die Revolution 1918 das „Schlüsselerlebnis“ für seine Hinwendung zur Politik. Wie die meisten Nationalisten empfand er sie als „Dolchstoß“ von „jüdischen Verrätern“. Den Antisemitismus hatte er nach eigener Aussage schon in seiner Jugend vom Wiener Bürgermeister und Publizisten Karl Lueger übernommen. In einem als bestelltes „Gutachten" deklarierten Brief vom 16. September 1919 schrieb er seine Haltung zur „Judenfrage“ nieder:Holocaustreferenz: Adolf Hitler: Gutachten zum Antisemitismus
Für diese Ziele fand sich jedoch längst vor der Gründung der NSDAP ein aufnahmebereites Umfeld: Große Teile der deutschen Studenten- und Akademikerschaft huldigten ungebrochen dem Antisemitismus der Kaiserzeit. Mit der Propagierung der „nationalen Revolution“ wurden viele Studentenverbindungen zum Steigbügelhalter des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbunds (NSDStB). Mit diesem Schlagwort fanden preußische Konservative, bürgerliche Monarchisten, Staatsbegeisterte und Volkstumsverehrer ihren gemeinsamen faschistischen Nenner.
Nach dem verheerend schlechten Ergebnis der NSDAP bei den Reichstagswahlen 1928, als sie sich mit nur 2,6 Prozent der Stimmen begnügen musste, erging die Weisung an alle Parteigliederungen, in ihrer Propaganda den Antisemitismus zurückzuschrauben, der vor allem in bürgerlichen Kreisen abschreckend wirkte. Stattdessen setzte die Partei in der Endphase der Weimarer Republik vor allem auf außenpolitische Themen wie den Young-Plan und die sozialen Folgen der Weltwirtschaftskrise.
Sofort nach der Machtergreifung am 30. Januar 1933 verfolgten die Nationalsozialisten aber wieder ihr altes antisemitisches Programm von 1920, die Juden aus der deutschen Gesellschaft zu verdrängen. Dstsatan.jpg]] Diese Politik zielte zuerst auf die Ausgrenzung und Vertreibung aller deutschen Juden. In nie zuvor gekannter Schärfe und Konsequenz führten die Maßnahmen des NS-Regimes über Geschäftsboykotte, Berufsverbote, Emigrationsdruck, die Nürnberger Rassengesetze, die „Reichskristallnacht“, Zwangsenteignungen („Arisierung“), Ghettoisierung bis zur Planung und Durchführung der „Endlösung der Judenfrage“ (Holocaust). Seit 1939 kündete Hitler offen die „Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa“ an. Im Herbst 1941 begann der Versuch, das europäische Judentum vollständig auszurotten. Allein diese industriell organisierte Vernichtung – im jüdischen Selbstverständnis Shoa („Unheil, Katastrophe“) genannt – forderte um die sechs Millionen Opfer.
Damit war eine rassistische Abwertung „slawischer“ Völker verbunden, die ebenfalls Opfer der deutschen Arbeits- und Vernichtungslager und der Zwangsarbeit wurden, auch wenn sie nicht primäres Objekt der Vernichtungsstrategie waren. Zwar wandten sich die Nationalsozialisten im Mai 1943 per Dekret offiziell vom Begriff „Antisemitismus“ ab. Der Nazi-Ideologe Alfred Rosenberg gab eine neue Sprachregelung vor, um den neugewonnenen arabischen Verbündeten gegenüber nicht den Eindruck zu erwecken, man „werfe Araber mit den Juden in einen Topf“. Doch dies spielte keine Rolle für die geschaffenen Tatsachen: Der Judenmord ging unvermindert weiter und wurde sogar noch intensiviert, als mit der verlorenen Schlacht um Stalingrad und dem Kriegseintritt der USA die Kriegsniederlage feststand.
Das deutsche NS-Regime steht daher für die unerreicht mörderische Umsetzung einer von Beginn an menschenverachtenden Ideologie.
Dennoch beeinflusste die französische Entwicklung aufs Ganze gesehen die Judenemanzipation in anderen europäischen Staaten, auch wenn diese meist den Weg der allmählichen „bürgerlichen Verbesserung" durch diskriminierende „Erziehung“ bevorzugten und rechtliche Fortschritte für die Juden häufig wieder einschränkten oder zurücknahmen. Da die Judenemazipation eines der bleibenden Ergebnisse der Französische Revolution war, verband sich der Antisemitismus in Frankreich seit dem 19. Jahrhundert mit anti-revolutionären, anti-demokratische und royalistischen Tendenzen.
1858 formulierte Graf Arthur de Gobineau seine Rassenlehre, die den Begriff der Nation, anders als die Revolutionäre von 1789, völkisch definierte und dem dem Rassismus erstmals eine pseudowissenschaftliche Basis gab. In Frankreich fanden Gobineaus Theorien jedoch viel weniger Resonanz als in Deutschland. Sie wurden nur von wenigen Intellektuellen wie Ernest Renan (1823-1892) und Edouard Drumont (1844-1917) aufgegriffen, deren Werke wiederum auf deutsche Antisemiten zurückwirkten. So verfasste Drumont 1880 »La France juive«, das viele Auflagen erlebte und als Grundlagenwerk des modernen Antisemitismus in Frankreich gilt.
1894 zeigte die Dreyfus-Affäre, wie stark der Antisemitismus im französischen Militär und in der Justiz verankert war: Reaktionäre Offiziere und Richter, unterstützt von Monarchisten und strenggläubigen Katholiken verurteilten den Hauptmann Alfred Dreyfus, Elsässer und Jude, aufgrund gefälschter Papiere als Landesverräter. Als die Fälschung bekannt wurde, verweigerte man ihm jahrelang die Rehabilitation. Journalisten wie Emile Zola, die sich öffentlich für Dreyfus einsetzten, wurden gerichtlich verfolgt. Die Dreyfus-Affäre ließ Theodor Herzl zu dem Schluss kommen, dass die Assimilation der Juden in Europa gescheitert und jüdisches Leben auf Dauer nur in einem eigenen jüdischen Staat möglich sei. Sein Buch Der Judenstaat (1896) begründete den politischen Zionismus.
Antisemiticroths.jpg Nach der 1905 schließlich erfolgten Rehabilitation Dreyfus' trat der Antisemitismus in Frankreich, weil gesellschaftlich und politisch diskreditiert, weitgehend zurück. Nach dem Ersten Weltkrieg kam es unter dem Einfluss von Charles Maurras nochmals zu einem kurzen Aufflackern antisemitischer Stimmungen.
Während der deutschen Besatzung von 1940 bis 1944 setzten sich unter dem Vichy-Regime erneut alte antidemokratische und antisemitische Tendenzen durch. Die Kollaborationsregierung beteiligte sich aktiv an der Inhaftierung und Deportation von Juden in die deutschen Vernichtungslager. Die Bevölkerung war gespalten: Viele Franzosen halfen, Juden zu verstecken, in den unbesetzten Teil Frankreichs zu schleusen und nahmen an der Résistance teil, während andere sie denunzierten und auslieferten. Die Propaganda französischer Antisemiten erhielt Auftrieb: In Bordeaux initiierte der „Inspektor für Judenfragen", Maurice Papon, 1942 die Wanderausstellung Der Jude und Frankreich, die viel Anklang fand. Die Zeitung La Petite Gironde schrieb:
Diese Anti-Alien-Bill wurde 1905 gegen Proteste der englischen Liberalen erlassen. Ein späterer Zusatz nahm allerdings aus religiösen und politischen Gründen Verfolgte davon wieder aus, so dass aus Russland und Rumänien vertriebene Juden weiterhin fast ungehindert einreisen konnten. Sie wurden relativ reibungslos integriert.
Im 1. Weltkrieg entstanden auch in Großbritannien kleine Gruppen von Antisemiten, die aus nationalistischen Gründen vor allem deutsche Juden ablehnten, ohne damit größere Wirkungen zu erzielen. Bernhard Shaw stellte 1925 fest, es gäbe in seinem Land zwar antijüdische Vorurteile, aber diese seien nicht von Vorurteilen gegen Schotten, Iren, Walliser und alle Fremden verschieden. So wie man die Habsucht der Juden verhöhne, spotte man auch über den Geiz der Schotten. Von einem Antisemitismus könne für England keine Rede sein. Trotz der enormen Zuwanderung von Juden, sozialen Konflikten und gleichzeitiger heftiger antisemitischer Propaganda auf dem Kontinent, vor allem in Deutschland, bewahrte sich Großbritannien also seine Liberalität und öffnete Juden alle sozialen Aufstiegschancen.
Ein Grund dafür lagen im hier traditionell starken aufgeklärten Philosemitismus, etwa von Dichtern wie Matthew Arnold und der Schauspielerin Mary Ann Evans, bekannt unter dem Pseudonym George Eliot. Ihr Aufsatz Die Juden und ihre Gegner, der leidenschaftlich und intelligent für die Verständigung und Aussöhnung mit dem lange geknechteten Judentum plädierte, fand 1880 viel Zustimmung. Ein weiterer Grund lag im theologischen Interesse der englischen Christen an der heilsgeschichtlichen Rolle Israels. Dies führte 1850 zur Bildung einer „Israel-Bewegung“ (British Israel Movement), die auch kirchenoffizielle Theologen des Anglikanismus und Methodismus beeinflusste.
Doch 1930 entstand auch in England eine faschistische Strömung, die sich in der British Union of Fascists organisierte. Sie konnte aber keine entscheidende politische Macht erringen.
Dies änderte sich seit 1936 mit dem Abessinienkrieg und der „Achse Rom-Berlin“. Nun machte Mussolini Zugeständnisse an die nationalsozialistische Ideologie. Ein „Rassenmanifest“ seiner Partei sprach 1938 von einer „reinen italienischen Rasse“, die „arischen Ursprungs“ sein sollte. Im Herbst jenes Jahres verboten Gesetze, die den Nürnberger Rassegesetzen glichen, Personen mit einem jüdischen Elternteil die Ehe mit „Ariern“, Bekleidung öffentlicher Ämter und Beschäftigung „arischer“ Angestellter. Weitere Gesetze verboten ihnen den Besitz von Radiogeräten, den Besuch von Bibliotheken und Schulen zusammen mit Nichtjuden.
Damit war keine weitere Verfolgung intendiert: Bis 1943 lebten jüdische Italiener noch relativ sicher in ihrer Heimat. Erst die nach Mussolinis Sturz von Deutschen eingesetzte Marionettenregierung ließ Juden in besonderen Konzentrationslagern internieren und ihr Eigentum beschlagnahmen. Die deutschen Besatzer bereiteten Maßnahmen zur „Endlösung" vor und trieben die Juden italienischer Großstädte in Ghettos, um sie in die Vernichtungslager zu deportieren. Die italienische Bevölkerung lehnte dies überwiegend ab, da Juden nicht als Fremde galten. Trotz schwerster Strafandrohungen versteckten viele ihre jüdischen Nachbarn und verhalfen ihnen zur Flucht, besonders nach der „Räumung" des römischen Judenghettos innerhalb nur eines Tages am 17. Oktober 1943.
Ab 1924 entstand hier eine rechtsautoritäre Strömung mit teilweise faschistischen Positionen, die Nationale Unie. 1931 gründeten Cornelis van Geelkerken (1901-1976) und Anton Adriaan Mussert (1894-1946) in Utrecht die neue Nationaal-Socialistische Beweging (NSB), die sich mit ihrem Führerprinzip an Mussolini anlehnte und wie dieser keinen ausgeprägten Antisemitismus vertrat. Auch Farbige und Juden konnten zunächst dort Mitglieder werden. Ihr Ziel, ein „groß-niederländisches" Reich, wurde bis 1936 von etwa acht Prozent Niederländern unterstützt. Innerhalb der Partei wuchs jedoch eine völkische Fraktion mit starker Sympathie für Hitler und den Antisemitismus. Mit Rücksicht auf sie verkündete Parteiführer Mussert 1937 die vollständige Übernahme der nationalsozialistischen Rasseideologie; ab 1938 schloss die NSB jüdische Mitglieder aus. Hohe Parteifunktionäre begrüßten den Anschluss Österreichs an das „Großdeutsche Reich" und pflegten enge Kontakte zu den Nationalsozialisten in Berlin.
Doch diese deutschfreundliche Haltung wurde nicht belohnt: Es folgten Wahlverluste und Parteiaustritte. Nach Kriegsbeginn versuchte Mussert die NSB daher zunächst auf „Neutralität" zu verpflichten. Dennoch inhaftierten die niederländischen Behörden 10.000 NSB-Mitglieder als mutmaßliche Kollaborateure beim Einmarsch der Deutschen am 10. Mai 1940. Nach der Flucht der Königin ins Exil erklärte Mussert seine Partei zur einzigen Vertretung der Niederländer gegenüber den Deutschen und erklärte Hitler, er wolle sein Land - um Belgien und Wallonien zu einem Großniederlande erweitert - in den „Bund germanischer Völker" eingliedern.
Trotz anderer Zielsetzung ließ Hitler ihn an der Macht. Am 12.Dezember 1941 schwor Mussert einen „Führereid" auf Hitler und durfte daraufhin das KZ Dachau besuchen. Ab 1942 ließ die formell regierende NSB-Führung die Deportation von 102.000 niederländischen Juden - neben 400.000 niederländischen Zwangsarbeitern für die deutsche Kriegswirtschaft - ohne Widerspruch zu. Bis zu 40.000 Niederländer dienten in niederländischen Untergruppen der Waffen-SS unter deutscher Führung und halfen mit beim Niederschlagen des Widerstands und beim Ausliefern von Juden. Dafür wurde Mussert am 12. Dezember 1945 als Landesverräter in Den Haag zum Tod verurteilt und am 7. Mai 1946 erschossen.
Unter Kaiser Franz I. schränkten zahlreiche Sondergesetze diese Gleichstellungsansätze wieder ein. Jüdische Ausländer mussten z.B. täglich 30 Kreuzer zahlen und ihre Aufenthaltsberechtigung alle 14 Tage erneuern. Jüdische Hebammen durften nur im Notfall Christinnen entbinden. Die Hofkanzlei ignorierte 1815 eine Bittschrift der Wiener Juden, die Toleranz gesetzlich zu verankern.
Für monarchistische Beamte wie Friedrich von Gentz, den Berater Fürst Metternichs, waren Juden „geborene Repräsentanten des Atheismus, Jakobinismus, der Aufklärerei“. Das hinderte ihn nicht, etwa beim Wiener Kongress gern in den Salons von angesehenen Wiener Juden wie Fanny von Arnstein einzukehren.
Dennoch wurden die städtischen Juden Österreichs bis 1848 anders als in anderen Staaten des Deutschen Bundes ohne Pogrome sozialökonomisch integriert. Da sich die Angleichung der jüdischen Rechte an die der anderen Bürger schneller in der Stadt auswirkten, kanm es zu einem Zuzug aus Gallizien nach Wien. So stieg der Anteil der Juden von 1857 von 6.000 auf mehr als 146.000 im Jahr 1900 (ca. 12% der Bevölkerung). Vor den Kriegen gegen Napoleon traten katholische Romantiker wie Friedrich Schlegel, Franz von Baader und Klemens Maria Hofbauer für ihre passiven Bürgerrechte ein, setzten aber auch antijudaistische Vorurteile fort. Der Staatsphilosoph Adam Müller verlangte 1823 in einem Gutachten das Heiratsverbot zwischen Juden und Christen und die Rücknahme erreichter Gleichstellung. Er setzte erstmals Judentum und Kapitalismus gleich.
In der Märzrevolution 1848 engagierten sich Akademiker, darunter viele gebildete Juden, meist für den Liberalismus. In den Armenvierteln Wiens dagegen wurde der Ruf laut: Schlagt die Juden tot!, begleitet von einzelnen Gewalttaten. Trotz solcher Aktionen brachte die Pillersdorfsche Verfassung den Juden endlich die ersehnten vollen Bürgerrechte und Religionsfreiheit. Dies nahm die Restauration zum Teil wieder zurück: 1851 mussten jüdische Beamte ihre Staatstreue beeiden, 1853 wurde Juden Grunderwerb erneut verboten, 1855 auch das Notariat und Lehrerberufe. Eigene Zeitungen blieben ihnen erlaubt, so dass sie im Verlagswesen häufiger führende Positionen errangen.
Daraufhin entstand eine antisemitische katholische Gegenpresse, die nun dauerhaft gegen das „demokratische Judengesindel“ hetzte und es mit Liberalismus, Kapitalismus und Kommunismus gleichsetzte. Führend darin war der Artillerieoffizier Quirin Endlich, der „Judenfresser von Wien“. Auch Eduard von Tellering, Journalist für die „Neue Rheinische Zeitung“ von Karl Marx, griff Juden in seiner Schrift Freiheit und Juden als „Wucherer“ (Vertreter des Kapitals) und „Freigeister“ (Vertreter der Demokratie) an, griff aber auch auf die alte Ritualmordlegende zurück.
Flugblätter behaupteten schon 1848, Juden hätten aus Christensärgen Barrikaden gebaut und auf offener Straße Christenkinder geschlachtet, die Guillotine verlangt und Kreuze verhöhnt. Weiter hieß es:
Albert Wiesinger folgte ihm 1867 als Redakteur. In dem Jahr wurde Österreich ein Verfassungsstaat: Seither nannte er die Regierung nur noch „Judenclique“ und führte eine ständige Sparte „Ghettogeschichten“ in die Wiener Kirchenzeitung ein, bis sie 1874 eingestellt wurde. Dem standen aber auch zahlreiche polemische Artikel liberaler Zeitungen, die von Juden geführt wurden, mit „Klostergeschichten“ und Priesterbeschimpfungen gegenüber.
Ab 1875 entstand in Österreich parallel zum Deutschen Kaiserreich eine „christlich-soziale“ bzw. „völkische“ Bewegung: Hauptvertreter war der Konvertit Karl Freiherr von Vogelsang, Redakteur der Wiener konservativen Zeitung Vaterland. Er sah das Land „mit Juden überschwemmt“,
Offen rassistisch hetzte seit 1877 das Monatsblatt Österreichischer Volksfreund unter Carl von Zerboni: Talmudjuden wollten die regierende Race des Erdballs werden (Nr.1), Gegenwehr gegen die Verjudung sei nötig (Nr.5). Ab Nr. 9 stand über jeder Ausgabe in Großbuchstaben: Kauft nur bei Christen! Ab 1882 wurde das Blatt Presseorgan der aus verschiedenen antisemitischen Handwerkervereinen hervorgehenden „Österreichischen Reformpartei“ unter dem Rechtsanwalt Robert Pattai. Er sah „Manchester-Liberalismus“ und Judenemanzipation als identische Vorgänge und strebte dagegen einen gesunden Staatssozialismus“ an:
Daraufhin gründeten Psenner, Ernst Schneider und Adam Latschka einen Verein, aus dem 1887 die „Christlich-Soziale Partei“ (CSP) hervorging. Bei der Gründungsversammlung übertrafen sich die Redner, u.a. der Ungar Franz Komlossy und der Wiener Reichtagsabgeordnete Karl Lueger, gegenseitig in antisemitischen Hetzreden, die etwa 1.000 Anwesende mit stürmischem Beifall bedachten.
Für Regionalwahlen bildete die CSP sofort eine antiliberale Koalition mit deutschnationalen und antisemitischen Gruppen, die „Vereinigten Christen“. Der Antisemitismus war das Bindeglied, auf das alle Beteiligten sich einigen konnten. Das Programm forderte einen Einwanderungsstop für Juden, ihren Ausschluss aus Staatsdienst, Justiz- und Arztberufen, Einzelhandel und gemeinsamem Schulunterricht mit Nichtjuden. Im Deutschen Volksblatt wurde das Ziel umrissen:
Die Einigung der Antisemiten misslang erneut: Die konservativen Katholiken wollten eher die Habsburger Monarchie retten, während die deutschnationalen „Demokraten“ ein antiklerikales großdeutsches Reich anstrebten. Dabei behauptete sich der „gemäßigte“ christlich-soziale Flügel: Schindler verfasste 1895 das Parteiprogramm der CSP, das die Ausbeutung angriff, „sie komme woher sie immer wolle“. Rassistischer Judenhass wurde abgelehnt; man wolle nicht das Judentum als Religion, aber den „Talmudismus“ und die mit dem Liberalismus gleichgesetzten „Reformjuden“ bekämpfen.
Der Papst segnete dies mit der Auflage ab, antisemitische Ausfälle zu unterlassen. Daraufhin musste Kaiser Franz Joseph Karl Lueger 1897 schließlich als Bürgermeister von Wien bestätigen. Mit Lueger war keine eindeutige Abgrenzung der CSP vom Rassen-Antisemitismus möglich.
Dies galt aber auch für Theologen wie August Rohling, dessen in 17 Auflagen verbreitetes Pamphlet Der Talmudjude (1871) den Antisemiten jahrzehntelang religiöse Argumente lieferte. Er wollte mit teilweise gefälschten Auszügen beweisen, dass der Talmud erlaube,
Gleichwohl blieben seine Thesen und die Ritualmord-Legende unter Österreichs Katholiken lebendig. Der Pfarrer Joseph Deckert verglich 1893 in einem Predigtzyklus Türkennot und Judenherrschaft und verteilte gratis Broschüren, die den Ritualmord an Simon von Trient anhand von „Akten“ des Jahres 1475 zu beweisen angaben. Er beauftragte den Konvertiten Paulus Mayer für ein Monatsgehalt von 100 Gulden, ihm eine Schrift zu liefern, die den Ritualmord nach kabbalistischen und talmudischen Lehren „belegen“ sollte. Nach einer Vorabveröffentlichung zeigte Bloch Deckert, Mayer und den Herausgeber des Vaterlands an: Im Prozess wurden alle drei zu Haft bzw. Geldbußen verurteilt.
Dies hinderte Deckert nicht, seine Hetze mit antisemitischen Konferenzreden und Schmähschriften (1894–98) fortzusetzen. Darin hieß es z.B.:
Als Bürgermeister Wiens war Lueger allzu radikale Hetze unangenehm. Antisemitismus sei ein sehr gutes Agitationsmittel, um in der Politik hinaufzukommen, wenn man aber einmal oben ist, kann man ihn nicht mehr brauchen, denn das ist ein Pöbelsport! Diesen trieb er vor 1914 vor allem gegen die „rote Judenschutztruppe“ der aufstrebenden Sozialdemokratie weiter.
Nach 1918 verschärfte die Christlich-Soziale Partei ihren Kurs gegen die Republik und den Zuzug von polnischen Juden aus Galizien. Einzelfälle von Schiebern und Spekulanten führten im Oktober 1919 zu einer „Massenkundgebung christlicher Wiener“, bei denen Landtagsabgeordnete die Ausweisung aller Juden aus Österreich verlangten. Das neue Parteiprogramm forderte 1926 die Pflege deutscher Art und die Bekämpfung der Übermacht des zersetzenden jüdischen Einflusses auf geistigem und wirtschaftlichem Gebiet. Parteichef Ignaz Seipel erklärte, dies sei kein Kurswechsel, sondern immer Tradition der Partei gewesen.
Der Publizist Joseph Eberle gab seit 1918 für die katholische Intelligenz die Zeitschrift Das Neue Reich heraus, die in der „Judenfrage“ bewusst auf mittelalterliche Lösungen setzte. Ihm „roch“ die parlamentarische Demokratie „zu sehr nach polnischen Ghettos“. Er schlug z.B. eine von Richard Kralik verfasste „Volkshymne“ mit dem Text vor:
Ihm widersprach der Benediktiner Alois Mager, der erstmals den Antisemitismus überhaupt als halt- und rechtlos, ja unchristlich erklärte. In der Folgezeit rückte das Blatt von politischer Judenausgrenzung ab und warnte vor dem Ansteigen des Nationalsozialismus. Doch es bekämpfte den katholischen Antisemitismus weiterhin kaum: 1933 erschien in Graz ein weiteres Hetzpamphlet über die Protokolle der Weisen von Zion: Pfarrer Arbogast Reiterers Das Judentum und die Schatten des Antichrist.
Nach Adolf Hitlers Ernennung zum Reichskanzler verharmloste Österreichs Presse die beginnende Judenverfolgung in Deutschland: Nach dem Judenboykott des 1. April 1933 zitierte man Hermann Görings Erklärung, die NS-Regierung werde niemals dulden, dass ein Mensch nur deshalb irgendwelchen Verfolgungen werden sollte, weil er Jude sei. Der Philosophieprofessor Hans Eibl betonte die geschichtliche Schuld der Juden am Bolschewismus. Die Ausgrenzung von Juden wie Max Reinhardt aus dem Kulturleben Berlins wurde ebenso begrüßt wie die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933. Der Ethnologe Oswald Menghin bejahte in seinem Buch Geist und Blut den Zionismus aus „rassischen“ Gründen, da die Integration der Juden den „deutschen Volkscharakter“ verändern würde.
Wer den Maßnahmen der Nazis öffentlich widersprach, betonte meist im selben Atemzug, Assimilation und Bekehrung der Juden seien unbedingt nötig, um die von ihnen ausgehende „Gefahr“ zu vermeiden. Zugleich wurde oft die Rückkehr zum christlichen Ständestaat propagiert, in dem die Juden ghettoisiert waren. Selbst die Reichskristallnacht deuteten führende Katholiken Österreichs wie Eberle als Reaktion auf jüdische Schuld früherer Jahrhunderte. Nur wenige wie der Philosoph Dietrich von Hildebrandt bezogen deutlich und leidenschaftlich gegen die Nürnberger Gesetze Stellung.
Doch nach dem Scheitern des polnischen Aufstands 1864 war den Juden Polens die Perspektive der Emanzipation verstellt, während das Wohlstandsgefälle weiter bestand. Nun gewann allmählich eine Ablehnung der Juden an Boden, da diese die Assimilation offenbar verweigerten und sich aufgrund ihrer religiösen Gebräuche beharrlich absonderten.
Auf die russischen Pogrome von 1881 reagierte das polnische Bürgertum überwiegend empört und schloss ähnliche Gewaltakte für Polen aus. Doch schon am 25. Dezember jenes Jahres kam es in Warschau zu einer tagelangen Plünderung des Judenviertels, nachdem bei einer Massenpanik in einer katholischen Kirche 28 Menschen zu Tode kamen und ein Gerücht Juden dafür verantwortlich machte. Nun schrieb die Warschauer Prawda:
Mit Jan Jelenski begann ab 1877 auch in Polen eine antisemitische Publikation. 1887 gründete sich im Schweizer Exil die Liga Narodowa (nationale Liga) als Geheimbund gegen die russische Fremdherrschaft. Daraus ging 1897 die Partei Demokracja Narodawa (nationale Demokratie) hervor. Sie suchte bald sozialen und ökonomischen Fortschritt durch Kompromisse mit den Russen auf Kosten der polnischen Juden und Deutschen zu erreichen. Ihr führender Ideologe, Roman Dmowski, schrieb 1903:
Bei den polnischen Bauern waren neben nationalen alte religiöse Motive für neuen Judenhass wirksam. Besonders in Posen und Galizien stachelte sie meist der katholische Klerus, die Dorfpriester, gegen die Juden auf. Man denunzierte sie nach ersten Streikwellen und der Russischen Revolution von 1905 als heimliche Drahtzieher des sozialrevolutionären Umsturzes. 1911 schrieb z.B. die Lemberger Gazeta Niedzielna (Wochenzeitung):
Auf jüdischer Seite verstärkte dies die Bindung an eigene Tradition und Religion, Hinwendung zum Zionismus und zum proletarischen Sozialismus. Viele Juden lehnten bis 1914 ein unabhängiges Polen ab, weil dieser Nationalstaat ihnen nur größeren Assimilationsdruck versprach. Als Polen 1918 unabhängig wurde, änderte sich dies rasch: Die Zionisten bildeten einen „Nationalrat“, der als Partei für den Sejm (das polnische Parlament) kandidierte und dort die Gleichberechtigung aller Juden Polens – etwa 2 Millionen – forderte. Diese wurde 1930 realisiert.
Doch seit dem Krieg mit der jungen Sowjetunion 1920 wuchs in Polen der offene Antisemitismus. Polens Bischöfe veröffentlichten einen Hilferuf an die Katholiken in aller Welt, in dem sie das Judentum mit dem Bolschewismus gleichsetzten:
Auf dem Hintergrund dieser verbreiteten, vom katholischen Klerus und nationalkonservativen Parteien gestützten und propagierten antisemitischen Stereotypen wurden Juden von Polen während der deutschen Besetzung dann kaum verteidigt und z.B. 1941 in Jedwabne von der Dorfbevölkerung ermordet. Obwohl die Vernichtungslager der Deutschen in Polen durchaus bekannt waren, richtete sich der polnische Widerstand selten dagegen. Bereits im Herbst 1946 kam es in Polen erneut zu Pogromen an Juden, die den Holocaust überlebt hatten.
Der ukrainische Aufstand von 1648 unter Führung des Kosaken-Hetmans Bohdan Chmelnyzkyj richtete sich zwar gegen die Herrschaft des polnischen Adels in den ukrainischen Gebieten Polen-Litauens, doch ein großer Teil seiner Opfer waren Juden, die oft in einer prekären Vermittlerposition zwischen polnischen Magnaten und ukrainischen Bauern standen. Jüdische Opfer werden auf eine Zahl zwischen 10.000 und 200.000 geschätzt. Während der Aufstand in der ukrainischen Geschichtsschreibung als Akt des nationalen Heldentums gilt, sieht die jüdische Geschichtsschreibung darin den ersten Vorläufer der großen neuzeitlichen Judenmorde.
Durch die Türkenkriege und drei polnischen Teilungen im 18. Jahrhundert gelangten zahlreiche Judengemeinden in den eroberten Gebieten unter russische Herrschaft. Bereits 1790 verbot Katharina II. Juden nach anfänglicher Toleranz den Kaufmannsberuf und erlegte ihnen doppelte Steuern auf, um die Moskauer Kaufleute vor unliebsamer Konkurrenz zu schützen. Gleichwohl mussten sich die leibeigenen Bauern häufig beim jüdischen Kleinbürgertum verschulden, um die hohen Auflagen ihrer Grundherren auszugleichen. Auf dieser Basis kam es schon 1825, dann erneut 1841 und 1871 in Odessa zu Ausschreitungen gegen die Juden der Region. Die auf dem Land verbreitete Judenverachtung spiegelt sich auch in der damaligen Literatur, etwa in Turgenews Aufzeichnungen eines Jägers (1852).
Zar Nikolaus I. verfolgte eine harte antijüdische Politik: 1835 begrenzte er den Hauptwohnsitz der Juden im Russischen Reich auf den sogenannten Ansiedlungsrayon (Tscherta osedlosti), dieser umfasste 15 Gouvernements des Kernreichs und zehn weitere im Königreich Polen. Die orthodoxe Staatskirche begrüßte diese Ghettoisierung als Chance zur konzentrierteren Judenmission; der konservative russische Adel und das Großbürgertum sahen darin eine willkommene Abwehr des parlamentarischen „Virus“ aus Westeuropa.
Die 1861 erfolgte „Bauernbefreiung“ von Alexander II. gestattete ehemals leibeigenen Bauern den Landerwerb, was Gebildeten und Begüterten – darunter relativ vielen Juden – eher zugute kam. Dies vergrößerte den Judenhass der einfachen Bevölkerung noch. Ihre Vorurteile vertrat auch Dostojewski in seinem einflussreichen Tagebuch eines Schriftstellers 1877:
Zar Alexander III. verordnete dann am 3. Mai 1882 Knebelgesetze, die die Juden an freier Berufswahl und Gewerbefreiheit hinderten und vielfach in noch größere Armut stürzten. Sie lösten die erste Alijah (Einwanderungswelle) von Juden nach Palästina aus. In dieser Zeit begannen einige Intellektuelle gegen die judenfeindlichen Staatsmaßnahmen zu protestieren, darunter Odessas Erzbischof Nikanor. Auch der „russische Lessing“, der Religionsphilosoph Wladimir Sergejewitsch Solowjow (Das Judentum und die christliche Frage 1884) setzte sich neben der Wiedervereinigung von orthodoxer und katholischer Kirche für nachhaltige gegenseitige Achtung von Juden und Christen ein. Er fand u.a. die rückhaltlose Zustimmung von Leo Tolstoj.
Andererseits griff die judenfeindliche Hetze gerade in der Priesterschaft um sich. Bildungsrückstand und traditionelle Verbindung von staatlicher Despotie und Kirche trugen dazu bei. So fand die Ritualmord-Anklage im 19. Jahrhundert gerade in Russland prominente Fürsprecher und Popularität. Seit 1881 kam die Gleichsetzung des Judentum mit revolutionären Umtrieben hinzu, die wegen der Bildung einer jüdischen sozialistischen Partei und dem relativ hohen Anteil von Juden in der russischen Sozialdemokratie plausibel wirkte. Die Gegenrevolutionäre vereinten sich in Gruppen wie dem Bund des russischen Volkes oder dem Erzengel-Michael-Bund, die unter orthodoxen Priestern viel Zulauf hatten.
Die zweite große Pogromwelle von 1903 wurde wahrscheinlich von solchen Gruppen organisiert. Sie begann am Osterfest des Jahres in Kischinew und griff rasch auf Gomel, dann Hunderte weiterer Orte über. Der gesetzlich vorgeschriebene Eingriff des Militärs unterblieb, und die Regierung stellte die Pogrome als angeblich „spontane Racheakte“ der christlichen Bevölkerung an jüdischen Revolutionären hin. Das wiederholte sich während der ersten russischen Revolution 1905. Danach wurden die antijüdischen Gesetze noch verschärft und blieben bis zur Februarrevolution 1917 in Kraft. So war der russische Antisemitismus, gestützt auf den ländlichen Antijudaismus, eine kaum verhohlene halboffizielle Maßnahme zur Verhinderung der Sozialrevolution. In diesen Jahrzehnten erfolgte die zweite und dritte Alijah von Juden nach Palästina.
Die Februarrevolution unter Alexander Kerenski brachte allen Minderheiten, auch den Juden, 1917 die rechtliche Gleichstellung. 140 antijüdische Gesetze wurden aufgehoben. Doch nach der Oktoberrevolution kam es im Verlauf des Russischen Bürgerkriegs zu den bislang schwersten Pogromwellen in den von den „Weißen“ Konterrevolutionären besetzten Gebieten. Sie kosteten vor allem in der Ukraine etwa 60.000 Juden das Leben.
Danach waren Christen wie Juden der gleichen antireligiösen Staatspropaganda und Unterdrückung ausgesetzt. Die vorherige Gleichsetzung von Judentum und Kommunismus im orthodoxen Klerus sorgte mit dafür, dass die KPdSU die Synagogen nicht bevorzugte und ihre Lehrer wie die der Kirche für fortgesetzten Religionsunterricht mit Zwangsarbeit oder in Schauprozessen mit dem Tod bestrafte.
Stalin aktivierte den orthodoxen Antijudaismus seit 1936 gegen alle abweichenden Meinungen und Gruppen in der KPdSU, besonders gegen vermeintliche oder tatsächliche Trotzkisten. Zwar lockerte er seit 1940 einige der antireligiösen Gesetze, um den traditionellen christlichen russischen Patriotismus gegen den Überfall Hitlerdeutschlands zu mobilisieren. Davon waren die Judengemeinden jedoch ausgenommen, obwohl ihre Angehörigen die Heimat nicht minder aufopferungsbereit verteidigten. Russische Juden wurden den Nazis teilweise ausgeliefert; die Rote Armee unternahm anfangs nichts gegen die Ghettoisierung der polnischen Juden.
Neu veröffentlichtes Archivmaterial u.a. des Zentralkommitees der KPdSU datiert den staatlich organisierten Antisemitismus auf 1938 (Kostyrtschenko 2005). Damals fragten führende Parteiorgane nach der angeblichen „Verunreinigung“ der Kader (Angestellten) im Volkskommissariat für Gesundheit: Die Hälfte der Familiennamen auf dieser Liste waren „jüdisch“. Von 1942 bis 1944 häuften sich innerparteiliche antisemitische Dokumente.
In den Kriegsjahren ließ Stalin die Wirkungen des latenten Antisemitismus im Staatsapparat aus innen- wie außenpolitischen Gründen möglichst bremsen. Doch mit Beginn des Kalten Krieges mussten die Juden wieder für ihn die Rolle des inneren Feindes übernehmen. Die bisher veröffentlichten, noch unübersetzten russischen Dokumente, fast alle „geheim“ gestempelt, lassen die Abfolge dieser Politik erkennen:
Als Stalin todkrank war, erreichte der staatliche Antisemitismus in der „Affäre der Kreml-Ärzte“ einen Höhepunkt. Stalins Tod 1953 beendete mögliche Pläne zu größeren Judenverfolgungen. Erst unter seinen Nachfolgern kam es wieder zu einem teilweise staatlich verordneten Austausch zwischen und einer Annäherung von Christen und Juden Russlands.
Der Einmarsch der Franzosen 1798 brachte den Schweizer Juden mit der Idee der Menschenrechte erste Chancen zur Emanzipation. Nun strich man nach und nach die ihnen aufgebürdeten Sonderabgaben. In Genf setzte sich die Gleichstellung aller Bürger vor dem Gesetz - auch wegen der Tradition des Calvinismus - zuerst durch. Doch die Bundesverfassung von 1848 verwehrte ihnen weiterhin die Niederlassungs- und Kultusfreiheit sowie die Gleichheit in Gerichtsverfahren gegenüber Christen. Bis etwa 1850 weigerten sich die meisten Kantone, Juden die Ansiedlung zu gestatten. Erst 1866 brachte eine Volksabstimmung ihnen die vollen bürgerlichen Rechte und erlaubte ihnen auch die freie Religionsausübung.
Erst auf internationalen Druck Frankreichs, der Niederlande und der USA hin, die ihre Handelsverträge mit der Schweiz von der Niederlassungsfreiheit auch für Juden abhängig machten, hob die revidierte Bundesverfassung 1874 die letzten Einschränkungen der Bürgerrechte für Juden auf. Doch die Bevölkerung blieb antijüdisch eingestellt: Das zeigte 1892 eine Volksinitiative für ein Verbot des Schächtens, also den in der Tora vorgeschriebenen Brauch, für koscheres Fleisch ein Tier durch Halsader- und Luftröhrenschnitt ausbluten zu lassen. Daraufhin verbot die Bundesverfassung von 1893 Juden das Schächten generell, behinderte also massiv ihre Religionsausübung. In der Debatte darum kam es zu einer verstärkten Publikation von antisemitischen Schriften. Diese Haltung war aber nicht einheitlich: In der französischen Schweiz war die Bevölkerung mehrheitlich tolerant gegenüber Juden.
Im 1. Weltkrieg wurde „den Juden" in der Schweiz die starke Lebensmittelteuerung angelastet, u.a. weil z.B. in Basel relativ viele Kaufhäuser jüdische Inhaber hatten. Seit 1918 übte die Schweiz eine restriktive Einwanderungspolitik und ließ nur sehr wenige jüdische Flüchtlinge einreisen; besonders Juden aus Osteuropa wurden abgewiesen. 1920 erließ Zürich besondere Vorschriften zur Einbürgerung, die „Ostjuden" diskriminierten; sie blieben bis 1936 in Kraft.
Seit 1930 bildeten sich auch in der Schweiz ein antisemitisches Parteienbündnis, die Frontenbewegung. Sie übte Hetzpropaganda nach nationalsozialistischem Vorbild, pflegte das „Führerprinzip" und mystifizierte „alteidgenössische Tugenden" gegen liberale und sozialistische Ideen. Doch hatten sie damit nur 1934-1936 bei lokalen Wahlen Erfolge.
Zwar gelang dem Schweizer Israelischen Gemeindebund 1937 nach einem vierjährigen Prozess, die Protokolle der Weisen von Zion als Fälschung zu erklären. Doch verboten wurden sie nicht; die Bundesbehörden ergriffen keine weitergehenden staatlichen Schutzmaßnahmen gegen rassistische und antisemitische Propaganda. Bündnispartner für solche Forderungen fanden die Schweizer Juden nur in einigen Kantonen, bei linksgerichteten Parteien und einzelnen prominenten Humanisten, z.B. dem religiös-sozialistischen Theologen Leonhard Ragaz.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 war die Schweiz für deutsche und österreichische Juden ein wichtiges Fluchtziel geworden. Die Schweizer Regierung gestattete ihnen jedoch meist nur einen Zwischenhalt. Ausländische Juden wurden kaum noch eingebürgert, stattdessen nahm die Abwanderung von Schweizer Juden nach Übersee drastisch zu. Nach dem Anschluss Österreichs im März 1938 vereinbarte die Schweiz mit Deutschland ein Abkommen zur Kontrolle deutscher Juden: Sie veranlasste eine Verordnung, wonach ab 1939 die Pässe deutscher Juden mit einem roten J abgestempelt werden mussten. Dies verhinderte deren illegale Flucht und bedeutete ab 1941 für viele deutsche Juden den Tod, da sie der Deportation in die Vernichtungslager nun nicht mehr entgehen konnten. Mindestens 30.000 deutschösterreichische Juden wurden zudem 1941-1945 an der Schweizer Grenze abgewiesen.Hagalil: Die Juden in der Schweiz Nach jüngeren Nachforschungen des Simon-Wiesenthal-Zentrums reagierte diese judenfeindliche Flüchtlingspolitik keineswegs nur auf Druck der Nationalsozialisten. Vielmehr gab es seit 1940 in der Schweiz mindestens 36 extrem rechtsgerichtete, patriotische und faschistische Gruppen, deren antisemitisches Gedankengut die gesamte Schweizer Öffentlichkeit mitbestimmte und auch von Offizieren und Professoren mitgetragen wurde. In den Nationalen Archiven der USA aufgefundene Dokumente decken mehrere Geheimabsprachen zwischen dem Schweizer Justizminister Eduard von Steiger und der Vereinigung des Schweizer Vaterlandes über das Abweisen von fluchtwilligen deutschösterreichischen Juden an den Grenzen und Asylverweigerung für bereits eingereiste Flüchtlinge auf. Auch die Schweizer Polizei wies die Grenzbeamten dazu an.
Dieser geheime Numerus clausus machte Einbürgerungen von Juden faktisch unmöglich. Jüdische Kinder durften seit 1939 nicht wie andere Kinder zu einem Erholungsaufenthalt in die Schweiz kommen; auch Schweizerinnen jüdischen Glaubens, die mit einem Ausländer verheiratet waren, durften nicht wieder einreisen oder eingebürgert werden. 1941 zögerte der Bundesrat zudem, jüdischen Schweizern in Frankreich und Italien vollen diplomatischen Schutz zu gewähren. Für diese Politik hat sich der Bundesrat 1995 bei den Überlebenden entschuldigt.Historisches Lexikon der Schweiz: Antisemitismus
Der Bericht des Wiesenthal-Zemtrums stieß jedoch bei der heutigen Schweizer Regierung auf Ablehnung: Thomas Borer, Regierungssprecher für Schweizer Vergangenheitsbewältigung, meinte, die weitaus meisten Schweizer seien während des Zweiten Weltkriegs „eindeutige Demokraten und Antifaschisten", die Schweiz „die einzige Oase der Demokratie, der Redefreiheit und der Toleranz auf dem Kontinent" gewesen. Sie habe trotz ihrer außenpolitischen Isolation die meisten Flüchtlinge, darunter viele Juden, aufgenommen.Hagalil: Die Juden in der Schweiz
Dagegen sieht Historiker Gerhard M. Riegner die Abweisung jüdischer Flüchtlinge seit 1938 nicht als Ausnahme einer ansonsten vorbildlichen Demokratie, sondern als Ergebnis einer Schweizer Tradition der antijüdisch motivierten Fremdenabwehr und des gelebten Antisemitismus. Er verweist dazu auf die späte Durchsetzung der jüdischen Emanzipation, das Schächtverbot 1893, die restriktive Einbürgerungspraxis gegenüber Ostjuden und die Transitland-Doktrin in der eidgenössischen Migrationspolitik nach dem Ersten Weltkrieg.Bericht des Simon-Wiesenthal-Zentrums: Schweiz in 40er Jahren von Antisemitismus durchsetzt
In Schweden wurden antijüdische Sondergesetze langsamer abgebaut: 1870 blieben den Juden aber nur noch der Reichsrat und Ministerämter verwehrt.
In Norwegen wurde Juden der Zuzug bis 1851 ganz verboten. Ein antisemitischer Rassenhass war jedoch in keinem der drei Staaten feststellbar.
Erst unter dem Einfluss des Berliner Antisemitismusstreits kam es auch in Skandinavien unvermutet zu antijüdischen Reaktionen gegen die Judenemanzipation: So polemisierte der norwegische Theologe F.C. Heuch 1879 gegen den jüdischen Literaturhistoriker Georg Brandes, der in Anlehnung an Gotthold Ephraim Lessing einen humanistischen Fortschrittsglauben vertrat. Heuch sah das „glaubenslose Reformjudentum“ als gefährlichen Feind des Christentums, das auf dessen Ausrottung hinarbeite.
Ähnlich warnte auch der Kopenhagener Pastor Fredrik Nielsen 1880 vor dem „modernen Judentum“, das von Lessing, Moses Mendelssohn und Abraham Geiger inspiriertes Anti-Christentum sei. Beide hatten jedoch kaum eine nachhaltige Wirkung auf das Geistesleben ihrer Länder.
Bis 1850 lebten nur etwa 60.000 Juden in den USA. Seit den russischen Pogromen von 1881 kamen jährlich 6.000 russische Juden dazu. Bis 1910 stieg die Zahl der amerikanischen Juden so auf insgesamt zwei Millionen. Um 1930 lebten schon über vier Millionen Juden in den USA. Dieser enorme Zuzug führte zu regionalen Spannungen, die 1921 zu einer gesetzlichen Begrenzung der jüdischen Zuwanderung vor allem aus Südosteuropa durch ein Quotensystem führten.
Seit 1879 beeinflussten deutsche und französische antisemitische Schriften die Öffentlichkeit in den USA etwas. Der deutsche Lehrer und Antisemit Hermann Ahlwardt versuchte seit 1896, auch in den USA nach deutschem Vorbild eine antisemitische Partei zu gründen, scheiterte jedoch.
Freikirchen hatten in den USA ein traditionelles Interesse an der Judenmission. Um 1900 wurde diese von über 30 Konfessionen und Verbänden gepflegt. Aber schon 1890 kam es zu einer nationalen Konferenz von Juden und Christen, die einander besser kennen lernen wollten, zusammen Vorträge hörten und beteten. Die Abschlusserklärung proklamierte, dass jede ungerechte Behandlung von Juden und ihr Ausschluss zu sozialen Vorteilen „unamerikanisch“ und „unchristlich“ seien.
Erst im Gefolge des Ersten Weltkriegs entstand auch in den USA eine antisemitische Strömung. Dafür war seit 1920 vor allem die Kampagne von Henry Ford verantwortlich. Gegen seine öffentlichen Anklagen in der Zeitung Dearborn Independent erhoben sich jedoch sofort anhaltende Proteste von vielen Seiten, darunter dem Verband der Churches of Christ in America. In Großannoncen veröffentlichten u.a. 119 angesehene Bürger ihre Abscheu vor Fords antisemitischen Hetzparolen:
Eine gewisse Nachwirkung zeigte sich an manchen Hochschulen: So führte zum Beispiel die Yale University 1925 ein diskriminierendes Aufnahmesystem ein, das Kinder von nichtjüdischen Absolventen bevorzugte, um so den Anteil jüdischer Studierender zu begrenzen.
In den 1930er Jahren waren Radiosendungen des antisemitischen katholischen Priesters Charles Coughlin sehr beliebt. In den Südstaaten ist unter den weißen Protestanten die Ablehnung „jüdischer Yankees“ der „Wallstreet“ – also der städtischen Hochfinanz der Nordstaaten – zum Teil bis heute verwurzelt.
Als Reaktion auf den europäischen Antisemitismus und um die USA zu Investitionen in Japan zu bringen, erwog die japanische Regierung seit 1930, Zehntausende jüdische Flüchtlinge aus Europa in der Mandschurei anzusiedeln und anzuwerben (Fugu Plan). Man glaubte, Juden könnten Japans Wohlstand mehren und seine internationalen Handelsbeziehungen – besonders zu den USA, die man unter der Kontrolle amerikanischer Juden wähnte - verbessern. Der Plan war also nicht judenfreundlich, sondern aus dem aus Europa übernommenen Glauben an eine jüdische Weltherrschaft motiviert.
1938, nach dem Anschluss Österreichs, gewann der Plan konkrete Gestalt; doch nach dem Pakt Japans mit Deutschland und Italien 1941 blieb die Umsetzung aus (siehe dazu: en:Fugu Plan). Die Regierung schürte den großjapanischen Nationalismus, ohne jedoch die in Japan lebenden Juden zu verfolgen. Erst aufgrund einer deutschen Intervention wurden in Kobe Juden verhaftet.
In China wurde ein jüdisches Ghetto in Shanghai eingerichtet (Hongkou-Ghetto).
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