Anaesthesist2006.jpg Die Anästhesie (gr. άναισθησία: Unempfindlichkeit) als Fachdisziplin beschäftigt sich mit der Ausschaltung der Empfindungen, v. a. des Schmerzes in Form der Analgesie befasst, meist um unangenehme Prozeduren (z. B. schmerzhafte Operationen) zu ermöglichen.
Die Anästhesie ist als praktisches Arbeitsgebiet ein Teil der Anästhesiologie. Auch die Gebiete Intensivmedizin, Schmerztherapie und Notfallmedizin gehören zu diesem Fachgebiet.
Die Lokalanästhesie blockiert die Schmerzweiterleitung einer kleineren Fläche direkt an den Nervenenden (siehe auch Anästhetikum).
Außer der Ausschaltung von schmerzhaften Wahrnehmungen beinhaltet die Tätigkeit des Anästhesisten die Aufrechterhaltung der Vitalfunktionen (z.B. Atmung, Sauerstoffversorgung, Kreislauffunktion u.a.m.). Dazu gehört auch, den Organismus vor schädigenden Einflüssen des chirurgischen Eingriffs (z.B. Blutverlust) und anderen Stressfaktoren zu schützen.
Die Anästhesie wird in Deutschland, Österreich und der Schweiz durch einen spezialisierten Arzt ausgeführt, den Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin (Bezeichnung je nach Land unterschiedlich) oder Anästhesisten.
Die Geschichte der Anästhesie ist aber verschlungener und vor allem eine Geschichte des Widerstands der akademischen Ärzteschaft gegen eine Innovation. Bis ins 18. Jahrhundert war praktisch die einzige wirksame Methode, den Operationsschmerz zu begrenzen, schnelles Operieren. Öfter wurden Patienten auch in einen Alkoholrausch versetzt, was viele Ärzte aber wegen der schädlichen Wirkung des Alkohols ablehnten.
Nach der Entdeckung des Sauerstoffs (1774) beginnen die so genannten Pneumatiker – Mediziner, aber auch Künstler und Schriftsteller wie Samuel Taylor Coleridge und William Wordsworth –, die medizinischen und bewusstseinsverändernden Wirkungen verschiedener Gase zu testen. 1800 stellt Humphrey Davy in einem Selbstversuch fest, dass das Einatmen von Lachgas (N2O) das Schmerzempfinden aufhebt. Er schlägt in einer viel beachteten Publikation (Researches, Chemical and Philosophical, Chiefly Concerning Nitrous Oxide or Dephlogisticated Nitrous Air * and its Respiration) vor, dieses bei chirurgischen Operationen einzusetzen.
In der Folge gelangen mehrere Male Ärzte an die medizinischen Gesellschaften in London und Paris mit Vorschlägen, die Anästhesie mittels Inhalation verschiedener Gase zu prüfen. Die Gesellschaften lehnen ab – so auch 1824 die britische Royal Society, deren Präsident unterdessen Humphrey Davy ist.
Die Ablehnung hat vielfältige Gründe. Einerseits ist bestritten, welche Funktion der Schmerz hat und ob eine Ausschaltung des Schmerzes wünschbar sei (siehe dazu: Rey, Roselyne: Histoire de la douleur, Paris 1993). Die Schmerzensäußerungen dienen den Chirurgen insbesondere als »Wegweiser« während der Operation. Weiter lehnen es viele Chirurgen ab, den durch die Operation enorm belasteten Organismus noch weiter zu belasten. Die Gasinhalation hat zudem den Ruch des Unseriösen. Lachgas ist in den städtischen Oberschichten durchaus bekannt – als Partydroge: Sie hat im Operationssaal nichts verloren. Selbst nach 1846, als die Inhalationsanästhesie die akademische Anerkennung geschafft hat, äußern mehrere Mediziner ihr Befremden darüber, dass Patientinnen (von Patienten ist in diesem Zusammenhang nicht die Rede…) im Narkoserausch unsittliche Träume hätten. Die Meinung des französischen Chirurgen Velpeau »Den Schmerz durch künstliche Methoden zu verhindern ist eine Schimäre« wird in (europäischen) akademischen Kreisen kaum mehr hinterfragt, und wer Vorstöße in diese Richtung unternimmt, setzt sich dem Risiko aus, seinem wissenschaftlichen Ruf zu schaden.
Eine wichtige Rolle bei der Durchsetzung der Anästhesie spielen ab 1829 die Mesmeristen. Die Lehre des »animalischen Magnetismus« wurde im späten 18. Jahrhundert von Franz Anton Mesmer entwickelt. Durch Überstreichungen wurden Patienten und Patientinnen in Trance (»Magnetschlaf«) versetzt. 1829 wurde diese Methode erstmals erfolgreich zur Anästhesie bei einer chirurgischen Operation eingesetzt. Die Erfolgsmeldungen nahmen in der Folge zu, insbesondere englische Chirurgen in Indien operierten um Mitte der 1840er Jahre häufig erfolgreich schmerzfrei.
In der Auseinandersetzung, was als wissenschaftlich anzuerkennen sei, schwankt der Mesmerismus mehrfach zwischen Anerkennung und Ablehnung. 1838 verlieren die Mesmeristen in London die Gunst des einflussreichen Fachjournals »The Lancet«, nachdem in öffentlichen mesmeristischen Séancen die Patientin der Kontrolle durch ihren Arzt entgleitet und beginnt, die zuhörenden Honoratioren unziemlich anzusprechen. Der »Lancet« beginnt eine heftige Anti-Mesmerismus-Kampagne. (Dazu hervorragend: Winter, Alison: Mesmerized. Powers of Mind in Victorian Britain, 1998.)
Mit ihren schmerzfreien Operationen haben die Mesmeristen aber einen Trumpf in der Hand, der dank der Medienaufmerksamkeit schnell seine Verbreitung findet. Während sich in Europa kein nicht-mesmeristischer Arzt mehr wagt, Versuche zur Anästhesie zu unternehmen, gibt es in den USA mehrere niedere Ärzte und Zahnärzte, die keinen wissenschaftlichen Ruf zu verlieren haben. Morton, der schließlich als der Entdecker der Inhalationsanästhesie gelten wird, hat nicht wissenschaftliche, sondern kommerzielle Motive: Er versucht zuerst zu verheimlichen, dass das Gas, mit dem er anästhesierte, Schwefeläther sei. Als die Meldung vom 16. Oktober im Dezember Europa erreicht, sehen viele Mesmerismus-Gegner darin die lang ersehnte Möglichkeit, dem Mesmerismus seinen größten Trumpf zu stehlen. Joseph Liston amputiert am 21. Dezember in London einen Oberschenkel mit der neuen Methode schmerzfrei und ruft aus: «Diese Glanzidee der Yankees, meine Herren, ist der Hypnose (gemeint ist: dem Mesmerismus) haushoch überlegen. Welch ein Glück! Wir haben den Schmerz besiegt!» Mehr noch als den Sieg über den Schmerz bejubelt er den Sieg über die Konkurrenz! Der Mesmerismus verschwindet tatsächlich bald von der Bildfläche.
Trotz der enormen Aufmerksamkeit, die die Anästhesie in der Öffentlichkeit erfährt, setzt sie sich nicht schnell vollständig durch: Auch Anhänger der neuen Methode sind der Meinung, es lohne sich nicht, bei »kleinen« Operationen (etwa der Amputation eines Fingers) zu anästhesieren. Martin Pernick (Pernick, Martin S.: A Calculus of Suffering. Pain, Professionalism, and Anaesthesia in Nineteenth-Century America, New York 1985) hat gezeigt, dass in den US-Krankenhäusern Weiße häufiger als Schwarze oder Indianer, Oberschichtsangehörige häufiger als Arbeiter anästhesiert wurden usw. Im Pennsylvania Hospital finden in der Dekade 1853/1862 ein Drittel aller Gliedamputationen immer noch am bewussten Patienten statt.
Die Bezeichnung "Betäubung" wird sowohl für eine Handlung, "das Betäuben", als auch für den hierdurch hervorgebrachten Zustand gebraucht; der Zustand bedeutet die zeitweise Aufhebung der Nervenleitung zwischen äußern Empfindungsorganen (Gefühl, Geruch, Gehör etc.) und dem Bewusstsein. Die B. kann entweder eine allgemeine sein, wie sie durch Ohnmacht, epileptische Krämpfe oder durch betäubende Mittel (s. d.), z. B. Chloroform, Morphium, Alkohol etc., hervorgerufen wird, oder sie ist auf einzelne Organe beschränkt. Hier ist wohl ursprünglich das Wort Betäubung abgeleitet von dem Zustand des Gehörs, der bei sehr starkem Getöse eintritt und das Ohr für leisere Schalleindrücke unempfindlich macht. Beim Gefühlssinn spricht man auch wohl von Abstumpfung, wie sie durch Kälte, durch starke Reize der Haut und durch andre so genannte lokale anästhesierende Mittel hervorgebracht wird. Der höchste Grad allgemeiner andauernder Betäubung ist der Stupor.
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