Zyklon B Container.jpg
Zyklon B war der Handelsname für ein Schädlingsbekämpfungsmittel mit dem Wirkstoff Blausäure (chemisch Cyanwasserstoff, Summenformel HCN). Es wurde 1941 bis 1945 auch zum Massenmord in deutschen Konzentrationslagern benutzt.
Produkt
Zyklon B bestand aus einem
Substrat (
Discoids aus Zellstoff, die wie Bierdeckel aussehen) oder
Pellets (erbsengroßen gipshaltigen sog.
Erco-Würfeln), die mit der Blausäure sowie dem
Riechstoff Bromessigsäuremethylester (als Warnfaktor) getränkt waren und aus denen die Blausäure langsam und kontrolliert austrat. Vor 1938 wurde die Blausäure für eine sicherere Handhabung auch in
Kieselgur gebunden. Zyklon B enthielt zudem einen Stabilisator; die Haltbarkeit wurde für die Dauer von drei Monaten nach Auslieferung garantiert.
Eine Sonderform war Zyklon B ohne Warnstoff, das zur Behandlung von Lebensmitteln und anderen anfälligen Stoffen hergestellt wurde.
Das Zellgift Blausäure ist wegen seines niedrigen Siedepunktes von 25,7 °C gefährlich zu handhaben. Auch unterhalb dieser Temperatur wird Cyanwasserstoff (HCN) freigesetzt, da Blausäure einen hohen Dampfdruck hat. Des Weiteren ist das entweichende Gas an der Luft in hohen Konzentrationen, die 56.000 ppm (5.6%) übersteigen, feuergefährlich und hochexplosiv. Bei Begasungen von Schiffen und Silos wurden derartig hohe Konzentrationen nicht erreicht, so dass es bei Entwesungen niemals zu einer Explosion kam.
Hersteller
Das Reichspatentamt gab am 27. Dezember 1926 das Patentdokument an die
"Deutschen Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung mbH" (kurz Degesch). Es wurde der Patentinhaberin rückwirkend auf den 20. Juni 1922 erteilt. Als Erfinder wurde Walter Heerdt angegeben.
[Kalthoff/Werner: Die Händler des Zyklon B. S. 234]
Der Wirkstoff wurde von den "Dessauer Werken für Zucker-Raffinerie GmbH", Dessau, und "Kaliwerke AG" in Kolín, Tschechien (CZ) im Auftrag der "Degesch" hergestellt, einer Tochterfirma der Degussa und der IG Farben, und über die Handelsfirmen Tesch & Stabenow ("Testa") und Heerdt Lingler ("HeLi") vertrieben.
Auswirkung von Blausäuregas auf den Organismus
Die Wirkung des Produkts ist im Artikel zum Hauptwirkstoff Cyanwasserstoff (Blausäure) beschrieben.
Verwendung in Konzentrationslagern
Jean-Claude Pressac recherchierte von 1979-1985 detailliert die Verwendung von Zyklon B im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Dabei stellte er fest:
- Zyklon B wurde von der Wehrmacht und den Konzentrationslagern in erheblichen Mengen zur Entwesung von Kleiderläusen benötigt.
- Die weitaus größte Menge des Zyklon B, das nach Auschwitz gelangte, wurde tatsächlich auch dort bestimmungsgemäß zur Entwesung eingesetzt, um Läuse als Überträger von Seuchen abzutöten.
- Eine prozentual geringe Menge des gelieferten Zyklon B reichte jedoch aus, um den Massenmord an Menschen durchzuführen: Auf warmblütige Lebewesen wirkt Blausäure schon in geringer Dosis tödlich (1/22 der Dosis für Wirbellose).
Im Prozess gegen den Geschäftsführer der
Degesch wurde berechnet, dass vier Kilogramm Zyklon B zur Vergasung von eintausend Menschen ausreichten.
Zyklon B wurde hauptsächlich im KZ Auschwitz-Birkenau verwendet, um Lagerinsassen massenhaft in Gaskammern zu ermorden. Erste Versuche dazu hatten schon Ende 1941 im KZ Auschwitz I (Stammlager) stattgefunden. In weitaus geringerem Maße wurde Zyklon B auch in den Lagern KZ Majdanek, KZ Mauthausen, KZ Sachsenhausen, KZ Ravensbrück, KZ Stutthof und KZ Neuengamme zu Tötungszwecken benutzt. In den meisten Vernichtungslagern wurden Motorabgase, manchmal auch reines Kohlenstoffmonoxidgas verwendet.
Durch kriegsbedingten Mangel wurde der Anteil des Warn- und Reizstoffes im Zyklon B herabgesetzt; ab Juni 1944 entfiel der Zusatz gänzlich. Bereits ab Juni 1943 gab es Lieferungen von Zyklon B ohne Warnstoff nach Auschwitz. Laut Urteilsbegründung im Prozess gegen den Geschäftsführer der Degesch/HeLi ist nicht mit Sicherheit nachweisbar, ob diese von Kurt Gerstein angeforderte "schonende" Sonderform dort zur Tötung von Menschen Verwendung fand.
Strafverfolgung
Bei der Beschaffung im
Konzentrationslager Auschwitz war der gelernte Exportkaufmann,
SS-Obersturmführer und
Adjutant des
Kommandeurs im
Konzentrationslager Auschwitz Robert Mulka tätig, der u.a. deswegen bei dem Frankfurter
Auschwitz-Prozess dafür verurteilt wurde. Auch die Verantwortlichen der Lieferfirmen
Degesch/HeLi und
Testa standen vor Gericht.
Siehe auch
Fußnoten
Literatur
- Jean-Claude Pressac: Auschwitz. Technique and operation of the Gas Chambers. (Beate Klarsfeld Foundation) New York 1989 - Dieses Buch dürfte das ausführlichste (ca. 550 Seiten DIN-A3) zur Thematik sein. Leider ist eine gedruckte Ausgabe sehr schwer zu bekommen. Eine Kopie steht online unter *.
- Jean-Claude Pressac: Die Krematorien von Auschwitz: Die Technik des Massenmordes. Piper Verlag, Neuauflage München 1995, ISBN 3-492-12193-4
- Jürgen Kalthoff, Martin Werner: Die Händler des Zyklon B. Tesch & Stabenow. Eine Firmengeschichte zwischen Hamburg und Auschwitz. VSA-Verlag, Hamburg 1998, ISBN 3-87975-713-5
- Jörg Friedrich: Die kalte Amnestie. NS-Täter in der Bundesrepublik. Fischer TB 4308; Frankfurt/M 1984 ISBN 3-596-24308-4 (Darin Zyklon-B-Prozess gegen Peters von der Degesch; Berechnung Seite 207)
Weblinks
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