Unter Zirkumzision (lat. circumcisio) oder Beschneidung versteht man die teilweise oder vollständige Entfernung der männlichen Vorhaut.
Als Gründe für die Beschneidungen werden neben medizinischen Indikationen häufig religiöse, rituelle, kosmetische, hygienische oder ästhetische Argumente angeführt.
Eine medizinische Indikation kann bei einer Vorhautverengung, der so genannten Phimose, gegeben sein, die jedoch bei Erwachsenen relativ selten auftritt. Bei Säuglingen und Kindern bis ins Jugendalter können vorhauterhaltende Therapieformen probiert werden (Näheres siehe Phimose).
Eine absolute Indikation zur Zirkumzision besteht nur bei narbigen Phimosen, z. B. nach ausgedehnten Balanopostitiden, bei einer Lichen sclerosus et atrophicus (chronisch-entzündliche Erkrankung der Vorhaut), Condyloma acuminata (Feigwarzen) und Karzinomen.
Eine relative Indikation kann bei nicht zurückziehbarer Vorhaut nach dem dritten Lebensjahr gesehen werden. Allerdings lässt sich hier auch durch die örtliche Anwendung hormoneller oder Corticoid-haltiger Salben die Vorhautlösung beschleunigen und damit eine mögliche Therapie der kindlichen Phimose erreichen. Die medizinische Indikation zur Beschneidung wird daher enger ausgelegt und kritischer beurteilt.
Kritiker sehen in der Befürwortung der Zirkumzision (vor allem in den USA) eine kulturell motivierte Ansicht, die die "Beschneidung" als gesünder und empfehlenswerter empfindet. Sie vergleichen die nicht medizinisch indizierte Zirkumzision mit der Genitalverstümmelung bei Frauen und betrachten sie somit als Körperverletzung. Befürworter halten dagegen, dass - im Gegensatz zur stark beeinträchtigenden Verstümmelung weiblicher Genitalien - die aus rituellen Gründen durchgeführte Beschneidung des Knaben millionenfach problemlos und ohne negative Folgen verlaufe, daher erscheine dieser Vergleich nicht angemessen.
Es gibt statistische Hinweise, dass sich das Vorkommen von Portiokarzinomen (Zervixkarzinomen) (Krebs des Gebärmuttermundes bzw. Gebärmutterhalses) bei der Frau nach Geschlechtsverkehr mit "unbeschnittenen" Männern durch Übertragung von Smegma häufte. Dieser Zusammenhang wird heute noch kontrovers beurteilt, der Zusammenhang zwischen Beschneidung und Cervixkarzinomen ist noch nicht abschließend geklärt. Möglicherweise besteht ein Zusammenhang mit der erleichterten Genitalhygiene, die beim "unbeschnittenen" Penis ein Zurückziehen der Vorhaut erfordert und gewissenhafter als nach einer Zirkumzision erfolgen muss.
Beim Mann wird die Vorhaut teilweise oder vollständig entfernt. Die Beschneidungsvarianten variieren daher in Hinsicht auf Straffheit und Platzierung der Narbe: Man unterscheidet "low", mit nah an der Eichel liegender Narbe und "high" mit der Narbe am Schaft, weiter entfernt von der Eichel. Bei einer Beschneidung "low" wird das innere Vorhautblatt nahezu vollständig entfernt. Nach der Straffheit der Schafthaut unterscheidet man zwischen "loose", wobei die Eichel im nicht erigierten Zustand noch teilweise bedeckt ist und "tight", wobei die Eichel immer frei liegt und die Schafthaut bei einer Erektion keinen Bewegungsspielraum mehr hat. Daraus ergeben sich die Beschneidungsstile "high & tight", "high & loose", "low & tight" und "low & loose". Wenn sowohl inneres als auch äußeres Vorhautblatt soweit entfernt werden, dass die Eichel immer, auch im nicht erigierten Zustand, frei liegt und nur noch ein Rest von ca. 10 mm innerer Vorhaut verbleibt, spricht man generell von einer radikalen Beschneidung.
Während in den USA vornehmlich "high & tight" beschnitten wird, ist im europäischen Raum eher ein "low & loose" Stil verbreitet.
In jedem Fall ist der Eingriff wie jede andere Operation mit Risiken, wie Blutungen und Entzündungen, verbunden und nicht völlig ungefährlich. In seltenen Fällen kann es zu irreparablen Verletzungen des Penis bis hin zur vollständigen Zerstörung des Organs kommen. Traurige Berühmtheit erlangte der Fall des Kanadiers David Reimer, der nach der Entfernung seines Geschlechtsteils infolge einer misslungenen Routinebeschneidung im Säuglingsalter in der Folge als Mädchen aufgezogen worden ist. Ob tatsächlich jedes Jahr mehrere Hundert Säuglinge in den USA an den Folgen der Zirkumzision bzw. der Narkose versterben, wie von Beschneidungsgegnern postuliert wird, ist umstritten, genaue Zahlen liegen nicht vor.
In den USA werde der überwiegende Teil der Eingriffe mit unzureichender örtlicher Betäubung oder ganz ohne jegliche schmerzstillende Maßnahmen durchgeführt. Beschneidungsgegner weisen darauf hin, dass das Baby hierdurch möglicherweise einen Schock erleiden könne, durch den es vorübergehend in einen komatösen Zustand falle und der zu neurologischen Spätfolgen führen könne. Auch diese Aussage wird jedoch kontrovers beurteilt, da z. B. viele Muslime seit Jahrhunderten problemlos ohne Betäubung und ohne neurologische Spätfolgen beschnitten werden. In Deutschland finden nicht-rituelle Beschneidungen auch bei Säuglingen nicht mehr ohne Anästhesie statt.
Bei der rituellen jüdischen Beschneidung wird der Eingriff von einem speziell ausgebildeten Kleriker, dem so genannten Mohel, der eine mehrjährige Ausbildung durchlaufen hat, durchgeführt. Im Rahmen der Zeremonie, die als Brit Mila bezeichnet wird, kommt es gelegentlich ebenfalls zu Komplikationen.
Letztlich erschwert die emotionale Aufladung der Beschneidung im Spannungsfeld zwischen den Routinebeschneidern, den rituellen Beschneidern und den Beschneidungsgegnern eine rationale und neutrale Diskussion erheblich.
Beim Mann gehört die Vorhaut zu den empfindlichsten Stellen des Körpers, zudem ist das Frenulum besonders dicht mit Nervenenden besetzt und wird bei den üblichen Formen der Beschneidung meist beschädigt oder komplett entfernt.
Durch den ständigen Kontakt mit der Luft und dem Reiben an der Kleidung kann die ungeschützte Eichel an Empfindlichkeit verlieren. Auf der empfindlichen Haut bildet sich eine Keratinschicht, die mit der Zeit zu einer weiteren Desensibilisierung beitragen kann. UV-Einstrahlung kann für das ungeschützte Organ gefährlich sein, wenn sie nicht durch Kleidung oder Sonnenschutzmittel abgeschwächt wird. Eine vermutlich verlängerte Erektionsdauer durch die Herabsetzung der Empfindlichkeit der Eichel wird von vielen Männern als Grund für eine Zirkumzision genannt. Dies ist durchaus kritisch zu sehen, da es in ebenso vielen Fällen zu dauerhaften Reizungszuständen durch die freiliegende Eichel kommt. Der gewünschte Effekt tritt also nicht regelhaft ein.
Die dorsale Vene (Vena dorsalis penis superficialis), die beim Mann an der Spitze der Vorhaut beginnt, wird bei der Beschneidung in der Regel, jedoch nicht notwendigerweise, durchtrennt und verästelt sich mit der Zeit neu. Dies ist nicht immer problemlos und kann Knoten entstehen lassen.
Manche beschnittene Männer fühlen sich bei der Masturbation eingeschränkt. Eine Beeinträchtigung wird jedoch abhängig von Art und Umfang der Beschneidung unterschiedlich erlebt. Besonders bei den radikaleren Beschneidungsvarianten kann die direkte Stimulation der trockenen Eichel mit der Hand als unangenehm bis schmerzhaft empfunden werden. In diesem Fall helfen Gleitmittel. Diese Notwendigkeit kann spontaner sexueller Entfaltung entgegen stehen.
Beim Geschlechtsverkehr fehlt das natürliche Gleiten des Penis in seiner Schafthaut, was das Eindringen erschweren kann. Andererseits kann der Verkehr für beide Partner lustvoller sein, weil aufgrund der Desensibilisierung nach einer Beschneidung manchmal eine längere Stimulationsphase bis zum Erreichen des Höhepunktes benötigt wird. Außerdem gleitet der beschnittene Penis nicht mehr in seiner Schafthaut hin- und her, so dass ein direkterer Kontakt mit dem Partner mit entsprechend stärkerer Stimulation möglich ist. Durch das direkte Reiben an der Scheidenwand kann es Probleme bei einer Trockenheit der Scheide geben.
Im Alltag können sich störendes Reiben an der Kleidung (vor allem beim Tragen von Boxershorts) und die Ungeschütztheit des Harnröhrenendes bemerkbar machen. Dafür geht die tägliche Intimpflege häufig einfacher vonstatten.
Der Ursprung des Brauchs der Beschneidung liegt im Dunkeln.
Eine mythologische Erklärung kann in der Ablösung vom Menschenopfer gesehen werden. In vorgeschichtlicher Zeit wurden den Göttern, die besänftigt und milde gestimmt werden sollten, Menschen als Opfer dargebracht. Im Zuge religiöser Umbrüche opferte man schließlich nurmehr etwas von jenem Teil des maskulinen Menschen, der für die Weitergabe des Lebens zuständig war und vermeintlich sogar der Ursprungsort für neues Leben war und damit Gott bzw. den Göttern am nächsten stand. Diese Reform war ein Pars pro toto Opfer, das vermutlich als erster Abraham, mittels (einer heiligen) Axt vornahm.
Vermutlich haben patriarchale Stammesgesellschaften die Beschneidung beider Geschlechter eingeführt. Älteste Überlieferungen des Rituals deuten auf Volksgruppen, die in ariden, wüstenähnlichen Regionen lebten. Die Nomaden insbesondere Nord- und Ostafrikas sowie Australiens und deren Nachfolgereligionen sind auch heute noch die Träger der religiösen Beschneidung.
Im Verlauf der Geschichte der Menschheit geriet der ursprüngliche mythologische Sinn der Beschneidung in Vergessenheit und die Beschneidung wurde nur noch als Zeichen der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Glauben angesehen.
Die rituelle oder religiöse Beschneidung in der Pubertät stellt bei beiden Geschlechtern einen Initiationsritus dar. Der heranwachsende Mensch wird in die Gemeinschaft aufgenommen, indem er bewusst in eine Krisensituation gebracht wird, in der er "sich bewähren" und als "vollwertiges Mitglied" erweisen soll. Oft muss er dabei eine Reihe von schmerzhaften oder demütigenden Prüfungen ablegen.
Neben der Beschneidung der (männlichen) Vorhaut gibt es zahlreiche Formen der genitalen Verstümmelung, die im Rahmen derartiger Initiationsriten bei verschiedenen Naturvölkern auch heute noch praktiziert werden: Bei den Aborigines, den australischen Ureinwohnern, sowie auf mehreren Inseln des Westpazifischen Ozeans ist es Brauch, jungen Männern einige Wochen nach Entfernung der Vorhaut den Penis aufzuschlitzen, was eine vollständige oder partielle Spaltung der Harnröhre bewirkt, sog. Ariltha. In Indonesien werden den Jungen zu Beginn der Pubertät Bambus- oder Metallkugeln, so genannte Ampallangs, in den Penisschaft oder die Eichel eingesetzt.
Die älteste bekannte Darstellung einer Beschneidung ist ein ägyptisches Relief aus dem Jahr 2420 v. Chr..
Die Ägypter beschnitten ihre Sklaven, um sie herabzuwürdigen und als Sklaven kenntlich zu machen. Alle Nachkommen der Sklaven wurden ebenfalls beschnitten. Obwohl nach der Bibel (Gen. 17, 10–14) die Beschneidung unter den Israeliten schon von ihrem Stammvater Abraham, der meist auf ca. 1.800-1.600 v.Chr. datiert wird, eingeführt wurde, gehen neuere Forschungen davon aus, dass erst unter Mose, also etwa 1.400-1.200 v. Chr. bzw. erst während der babylonischen Gefangenschaft um etwa 600 v. Chr. die Juden diese Praktik übernahmen und ritualisierten, so dass die Beschneidung von Neugeborenen ("milah"), die am 8. Tag nach der Geburt stattzufinden hat, zur Pflicht wurde.
Eine andere Theorie besagt, dass die Ägypter einen anderen Grund für die Bescheidung hatten: Für die alten Ägypter war die Schlange ein unsterbliches Tier, weil sie ihre Haut abwerfen und sich damit immer wieder erneuern konnte. Bei der Bescheidung eines Mannes wurde symbolisch die Häutung der Schlange imitiert, und somit die menschliche Seele unsterblich. Nach Ansicht mancher Forscher ist das ein kulturhistorischer Aspekt, der noch heute wirkt. Da man bei der Frau diese Vorhaut nicht beschneiden konnte, waren - und sind - manche Gläubige, vor allem in islamischen Ländern - der Auffassung, Frauen hätten keine Seele.
Im frühen Christentum sprach sich dann vor allem Paulus von Tarsus, selbst ein beschnittener Judenchrist, für die neubekehrten Heidenchristen deutlich gegen eine Pflicht zur Beschneidung aus. Entscheidend war für ihn nicht die körperliche Beschneidung, sondern die bereits im Judentum zunehmend betonte "Beschneidung des Herzens", also der demütige Glaube. Wer glaube, durch körperliche Beschneidung heilig zu werden, sei auf einem Irrweg. Mit dem Ende des antiken Judenchristentums als eigener Strömung verschwand dann die Beschneidung im Christentum zunächst fast ganz, außer bei einigen orientalischen und afrikanischen Völkern, die die Beschneidung aus ihrem vorchristlichen Glauben übernommen hatten.
Der Prophet Mohammed kam laut einer Überlieferung ohne oder zumindest mit einer sehr kurzen Vorhaut zur Welt. Dem Brauch auf der arabischen Halbinsel zur Zeit Mohammeds entsprechend, wird die Beschneidung heute noch bei Moslems als ein Zeichen der Religionszugehörigkeit im Kindesalter durchgeführt. Die Beschneidung wird zwar im Koran nicht erwähnt, ist aber in der Sunna beschrieben und wird heute meist als zentraler Bestandteil des Islams angesehen, da sie für die rituelle Reinheit (Tahara) unverzichtbar ist. Die Gültigkeit ritueller Handlungen, wie etwa des fünfmal täglichen Gebets (Salat), hängt von der rituellen Reinheit des Betenden ab. Die islamischen Rechtsschulen haben die männliche Beschneidung zur Pflicht (wadschib) erklärt.
Aussage des Propheten in einem Hadith:
''Abu Huraira, Allahs Wohlgefallen auf ihm, berichtete: ''Der Prophet, Allahs Segen und Heil auf ihm, sagte: Zur Fitra (natürlichen Veranlagung) gehören fünf Dinge: ''Die Beschneidung (der Männer/Jungen), das Abrasieren der Schamhaare, das Schneiden der (Finger- und Fuß-) Nägel, das Auszupfen (bzw. Rasieren) der Achselhaare und das Kurzschneiden des Schnurrbarts.
Nummer des Hadith im Sahih Muslim : 377
Diese sexualfeindliche Begründung für die Beschneidung wurde im 18. Jh. in Europa wieder entdeckt. So empfahl der Schweizer Arzt Dr. Samuel Tissot die Beschneidung als Kur für Masturbation, die er als Ursache für "jugendliche Rebellion" und Krankheiten wie Epilepsie, "Erweichung von Körper und Geist", Hysterie und Neurosen ansah.
Zu einer allgemeinen Einführung der Beschneidung kam es dennoch nicht, stattdessen wurden, neben der Methode der Infibulation, aus heutiger Sicht merkwürdige Apparaturen und Vorrichtungen zur Verhinderung der Masturbation propagiert.
Eine Ausnahme bildete lediglich das viktorianische England. Dort fand die chirurgische Methode vor allem bei der Oberklasse breite Zustimmung, um die Knaben und Mädchen zu "keuschem Verhalten" anzuhalten. Durch das britische Imperium (Commonwealth) verbreitete sich die Beschneidung schließlich auch in anderen Ländern, wie den USA, Kanada, Australien, Neuseeland, Südafrika und Indien.
Besonders in den puritanischen USA erlebte die Beschneidung ab Mitte des 19. Jh. eine starke Verbreitung. Nach dem englischen Vorbild versuchte man bei beiden Geschlechtern das Verhindern der Masturbation u. a. durch die Beschneidung zu erreichen, da man ihr schädliche Folgen bis zum Tode zuschrieb und sie aus rein religiösen Gründen ablehnte.
Viele einflussreiche Mediziner in zahlreichen Publikationen äußerten sich für eine Beschneidung und empfahlen bei weiblichen Personen neben der Klitoridektomie etwa das Auftragen reiner Karbolsäure auf die Klitoris, als einen "hervorragenden Weg, um die abnormale Erregung zu dämpfen." Dr. John Harvey Kellogg, in: Plain Facts for Old and Young, Burlington, Iowa, F. Segner & Co., 1888, S. 295.
Die Beschneidung der Mädchen wurde in den USA bis in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts praktiziert, fand aber nicht die gleiche Zustimmung wie die männl. Beschneidung, da die mit der Beschneidung beabsichtigte "Dämpfung der sexuellen Begierde" nach Ansicht der damaligen Zeitgenossen bei Mädchen in wesentlich geringerem Umfang erforderlich sei als bei Jungen.
Im 20. Jh. ließen sich derart radikale Forderungen nach sexueller Enthaltsamkeit in den meisten Ländern nicht mehr aufrecht erhalten und so wurde etwa in den USA, Südkorea und Teilen der islamischen Welt der Wunsch nach moralischer Reinheit umgeformt auf den Begriff der Hygiene. Die hier bei Jungen angeführten "hygienischen Gründe" halten jedoch einer sachlichen Betrachtung genau so wenig stand wie bei den Frauen in Afrika.
In den deutschsprachigen Ländern lag der Anteil beschnittener Knaben und Männer bis in die 1960er Jahre sehr niedrig, bei deutlich unter 5%. In Fortsetzung der medizinischen Lehrmeinung aus der Zeit von vor 1945, nach der ein vorhautloser Zustand des Penis als Makel und "undeutsches Rassemerkmal" bewertet und auch bei massiven gesundheitlichen Problemen wie Vorhautverengungen unbedingt zu vermeiden war - wurde die Beschneidung in Deutschland und Österreich bis dahin auf die unbedingt behandlungsbedürftigen Fälle von Vorhautverengung beschränkt. Inzwischen ist der beschnittene männliche Bevölkerungsanteil in diesen Ländern auf etwa 15 % gestiegen. Der Grund liegt einerseits in dem zunehmenden islamischen Bevölkerungsanteil und der vermehrten Zuwanderung jüdischer und weiter, die Beschneidung traditionell oder aus religiösem Zusammenhang vollziehenden Menschen. Andererseits ist bei vielen Ärzten eine zunehmende Akzeptanz festzustellen, wenn sich Männer - und in jüngster Zeit sogar schon vorpubertäre Jungen - freiwillig dazu entschließen, ihre vielleicht verengte oder aber einfach nur sehr lange Vorhaut entfernen lassen zu wollen. Das Motiv der Selbstbestimmung ist dabei oft ähnlich, wie es bei der deutlich zunehmenden Zahl anderer Körpermodifiaktionen zu finden ist - angefangen vom Piercing bis hin zu umfassenden Schönheitsoperationen. Außerdem sind viele selbstgewählte Beschneidungen durch die Erwartungen veranlasst, die dem beschnittenen Glied hinsichtlich seiner sexuellen oder auch nur seiner ästhetischen Qualität zugemessen werden. Insoweit ist die Tendenz in diesen Ländern eher steigend.
Die Beschneidung von Jungen ist ein weniger invasiver Eingriff als die weibliche Beschneidung, aber dafür weiterverbreitete Praxis. In vielen Kulturen, welche die männliche Beschneidung praktizieren, gilt der Eingriff und das damit verbundene Ritual als Eintritt in das Erwachsenendasein und zur Heiratsfähigkeit. Nichtsdestotrotz stellt auch die Beschneidung von Jungen eine körperliche Versehrung dar, die als Komplikation sowohl starke Schmerzen, dauerhafte Schäden oder gar den Tod nach sich ziehen kann. So wird in Ländern der Dritten Welt, etwa in Afrika, Vorderasien und Indonesien oder bei den Aborigines in Australien die Beschneidung von Knaben oft nicht mit Betäubung und sterilisierten chirurgischen Instrumenten vorgenommen.
Die Beschneidung von Jungen ist in den meisten Ländern verboten und wird lediglich geduldet. Dagegen wenden sich in den USA inzwischen mehrere Gruppen und auch einzelne Betroffene mit teils prominenter anwaltlicher Hilfe, so dass diese Duldung dort langsam in Frage gestellt wird.
Hanny Lightfoot-Klein, ursprünglich eine der Vorkämpferinnen gegen die weibliche Beschneidung, ruft inzwischen dazu auf, das Thema als Ganzes zu sehen und die Verstümmelung beider Geschlechter als eng verwandt zu betrachten.
Eine therapeutische Notwendigkeit, die Vorhaut zu entfernen, wird inzwischen in den meisten Ländern mit hohem medizinischem Standard, wie etwa Norwegen, Frankreich, Schweden, Finnland, Dänemark, Japan und England bestritten.
In Großbritannien erschien 1949 im British Medical Journal die Abhandlung "The Fate Of The Foreskin" von Dr. Douglas Gairdner, die zum ersten Mal die Funktionen der Vorhaut beschrieb und die routinemäße Beschneidung als überflüssig und nachteilig darstellte. Daraufhin lehnten die britischen Krankenkassen es ab, weiterhin für unnötige Beschneidungen zu zahlen. In der Folge sanken die Beschneidungsraten in Großbritannien innerhalb kurzer Zeit drastisch von ursprünglich 50 % im Jahre 1950 auf heute unter 0,5 %.
1996 ist in den Richtlinien der British Medical Association unter "Beschneidung männlicher Neugeborener" zu lesen: "Zu therapeutischen Zwecken eine Beschneidung vorzunehmen, obwohl die medizinische Forschung andere Techniken erbracht hat, die mindestens so effektiv und weniger einschneidend sind, wäre unangebracht und unethisch."
Auch in Kanada zahlen die Krankenkassen den für überflüssig erachteten Eingriff nicht mehr. Die Beschneidungsrate ist entsprechend stark gesunken.
In den USA lehnen seit den 1980er Jahren immer mehr Eltern die in den amerikanischen Krankenhäusern früher routinemäßig durchgeführten Beschneidungen ab. Gegenwärtig liegt der Anteil der Beschneidungen bei Neugeborenen, die auch heute noch überwiegend ohne Betäubung vorgenommen werden, in den USA im Durchschnitt um 55%, mit fallender Tendenz. Regional und durch die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen ist die Situation in den USA jedoch besonders uneinheitlich; somit können auch gegenläufigen Strömungen und höhere Prozentangaben lokalisiert werden. 1999 sprach sich, nach dem kanadischen, auch der US-amerikanische Verband der Kinderärzte gegen die routinemäßige Beschneidung von Jungen aus.
Ende des gleichen Jahres hat das Parlament in Finnland eine Erklärung bezüglich ritueller Beschneidung abgegeben. Ombudsman Riitta-Leena Paunio bemerkte, dass diese Operation ohne medizinische Begründung nicht zu empfehlen sei, die betroffenen Kinder sollten vorher befragt werden und ihre Zustimmung dazu geben. Sie sagte, das finnische Parlament müsse die religiösen Rechte der Eltern abwägen gegen die Verpflichtung der Gesellschaft, ihre Kinder vor rituellen Operationen ohne unmittelbaren Vorteil für sie zu schützen. Dort ist seither die schriftliche Zustimmung beider Elternteile erforderlich.
Am 1. Oktober 2001 trat in Schweden - nach einer längeren öffentlichen Debatte wegen des Todes mehrerer Babys durch Beschneidungen - ein neues Gesetz in Kraft, das Beschneidungen ohne medizinische Begründung bei Jungen, die älter als 2 Monate sind, generell verbietet. Beschneidungen an jüngeren Babys dürfen nur noch unter Betäubung und in Anwesenheit eines Arztes vorgenommen werden. Schweden ist damit das erste Land der Welt, das rituelle Beschneidungen, die ohne Zustimmung der Betroffenen vorgenommen werden, per Gesetz ausdrücklich eingeschränkt hat.
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