Als Yörük (türk. Pl. Yörükler, dt. auch Yörüken, Yörücken, Yürücken, Jürücken u. ä.) werden die türkischsprachigen Nachfahren einer Gruppe von oghusisch-turkmenischen Stämmen bezeichnet, die heute hauptsächlich in West- und Süd-Anatolien leben und zumeist hanefitische Sunniten, seltener der Schia zugehörige Aleviten,[Cornelia Reiter & Ines Vogt: Wunschbäume und Moscheen. Volksglaube und Islam der Yörük, pp. 153-158, in: Albert Kunze (Ed.): Yörük - Nomadenleben in der Türkei, Trickster, München 1994, ISBN 3-923804-79-2, ISBN 3-923804-22-9, S. 153] sind. Noch heute leben wohl einige tausend Yörük ganzjährig in ihren Zelten, im Sommer in die Berge ziehend, und stellen somit neben einigen kurdischen die letzten Nomadenstämme in Kleinasien dar.[ Albert Kunze: Vorwort und Einführung. Das Projekt über die nomadischen Yörük, pp. 9-25, in: Albert Kunze (Ed.): Yörük - Nomadenleben in der Türkei, Trickster, München 1994, ISBN 3-923804-79-2, ISBN 3-923804-22-9, S. 11f][Albert Kunze: Nomadentum in Anatolien - Lebensformen im Wandel der Geschichte, Magisterarbeit an der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Eberhard-Karls-Universität, Tübingen 1987, pp. 1-176, S. 33.]
Herkunft, Stammesbildung und Übergang in die Moderne
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Als primäre Vorfahren der
Yörük werden islamisierte
oghusische Verbände - im historischen Sinne auch
Turkmenen oder
Turkomanen genannt - angesehen, die ab dem
11. Jahrhundert aus dem zentralasiatischen und
persischen Raum nach Anatolien
eingewandert sind, nachdem der Weg durch den
seldschukischen Sieg über die
byzantinische Armee in der
Schlacht von Mantzikert geebnet worden war.
[Albert Kunze: Wurzeln und Äste. Ursprung, Abstammung und Gemeinwesen, pp. 81-83, in: Albert Kunze (Ed.): Yörük - Nomadenleben in der Türkei, Trickster, München 1994, ISBN 3-923804-79-2, ISBN 3-923804-22-9, S. 81][http://eclectic.ss.uci.edu/~drwhite/turks/Networks_and_Ethnography.htm, Update-Stand: 2004, unsichere Paginierung: ca. XX+492 S. (Online-Arbeitsentwurf zu: Douglas R. White & Ulla C. Johansen, Network Analysis and Ethnographic Problems: Process Models of a Turkish Nomad Clan, Lexington Books 2004, pp. 1-544), Kap. 3, ca. S. 97, 106 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben][A. Kunze 1987, a. a. O., S. 54] Es werden vornehmlich drei bedeutende Schübe der Einwanderung oghusisch-turkmenischer Stämme in Richtung Westen nach Anatolien unterschieden: der erste erfolgte im Zuge des seldschukischen Durchbruches im 11. Jahrhundert, der zweite im Gefolge des
mongolischen Vorstoßes im
13. Jahrhundert und der dritte unter dem Druck einerseits der osmanischen Zentralmacht in Ostanatolien und andererseits des schiitischen Iran im
16. Jahrhundert.
[A. Kunze 1987, a. a. O., S. 56-58] Vermutlich vermischten sich die nur lose verbundenen turkstämmigen Vorfahren der
Yörük bei der Einwanderung mit in Anatolien
autochthonen Viehnomaden und
assimilierten so möglicherweise byzantinische und kurdische Elemente.
[ A. Kunze, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 12] Ein Großteil der turkmenischen Einwanderer waren nomadische Viehzüchter von Schafen und Pferden, die für Transportzwecke Kamele und Esel mit sich führten.
[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 3, ca. S. 98, 106 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben] Ihre hitzeempfindlichen Kamel- und Kleinviehrassen eigneten sich besonders für die winterkalten Steppen Zentralanatoliens
[A. Kunze 1987, a. a. O., S. 62]und ihre Kühe hielten mit den Hörnern und Hufen bei plötzlichem Frost die Vegetation für die Schaffe offen.
[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 3, ca. S. 97 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben] Die Einwanderer, die zum Teil durch
Beduinisierung[A. Kunze 1987, a. a. O., S. 59, 125, mit Verweis auf X. de Planhol, in: L. Földes (Ed.) 1969, a. a. O., S. 73] oder
Verreiterung[A. Kunze 1987, a. a. O., S. 59, 125, mit Verweis auf X. de Planhol, in: L. Földes (Ed.) 1969, a. a. O., S. 72] aus bäuerlichen Kulturen Zentralasiens und des Iran hervorgegangen waren,
[A. Kunze 1987, a. a. O., S. 59, mit Verweis auf Xavier de Planhol, L'évolution du nomadisme en Anatolie et en Iran - etude comparée, pp. 69-93, in: L. Földes (Ed.), Viehwirtschaft und Hirtenkult, Budapest 1969, S. 72f] bildeten aber auch viele gemischtwirtschaftliche Gruppen.
[A. Kunze 1987, a. a. O., S. 59, mit Verweis auf X. de Planhol, in: L. Földes (Ed.) 1969, S. 77 und zum Vergleich auf C. Cahen, Der Islam - Vom Ursprung bis zu den Anfängen des Osmanenreiches, Frankfurt 1968, S. 286] Und schon mit der ersten Besiedlungswelle im 11. Jahrhundert setzte die Seßhaftwerdung der
Turkmenen (im historischen Sinne) oder
Türken ein, die sich schrittweise bis in das 19. Jahrhundert fortsetzte,
als die nahezu letzten
turkmenischen Nomaden (im Sinne von: Angehörige der
rezenten anatolischen Ethnie
Türkmen) angesiedelt wurden.
Weitgehend ausgenommen von der Seßhaftwerdung blieben jedoch die Bevölkerungen in den Regionen des
Taurusgebirges, dessen enorme jährliche Temperaturgradienten zu den bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts
malariaverseuchten Küstenniederungen den vertikalen Viehnomadismus als bevorteilte Wirtschaftsform konservierten.
[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 3, ca. S. 97f, 106 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben] Diese Viehnomaden drangen auf der Suche nach frostfreien Winterweidegebieten mehrmalig in die byzantinischen Restgebiete des agäischen Küstentieflandes vor, dienten den türkischen
Emiren und
Sultanen - nach dem Zerfall der seldschukischen Macht im ausgehenden 13. Jahrhundert - oft als bevorzugte Krieger bei der
Eroberung und
Landnahme Anatoliens,
Rumeliens und des
Balkans und wurden in diesem Zusammenhang erstmals im 14. Jahrhundert unter dem Namen
Yörük schriftlich erwähnt.
[A. Kunze, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 81f][Martin Beck: Yörük und Fremdherrschaft. Politik zwischen Verfolgung und Förderung, pp. 113-120, in: Albert Kunze (Ed.): Yörük - Nomadenleben in der Türkei, Trickster, München 1994, ISBN 3-923804-79-2, ISBN 3-923804-22-9, S. 113] Die
osmanische Herrscherschicht soll ihre eigene Herkunft auf den oghusischen Stamm der
Kayı zurückgeführt haben, der mit den
Yörük in Verbindung gebracht wird.
[A. Kunze, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 82] Letztgenannte behielten ihre als
yörüklük bezeichnete Lebensart als Viehnomaden über die Jahrhunderte bei. Doch wurden sie schließlich unter den Osmanen ab dem 18. Jahrhundert zunehmend zur
Sesshaftigkeit gezwungen, insbesondere seit der Regentschaft von
Abdülhamid II.
[M. Beck, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 114f]
Auf dem Höhepunkt der osmanischen Machtentfaltung im 16. Jahrhundert waren Yörük mit den osmanischen Truppen in das gesamte osmanische Weltreich, im Westen bis nach Südosteuropa und ins östliche Mitteleuropa, gelangt. Auch nach den Gebietsverlusten des Osmanischen Reiches blieben einzelne Stämme der Yörük dort. So wurden z. B. noch 1986 in 65 Gemeinden Mazedoniens Yürük-Dialekte gesprochen.[cf. A. Kunze, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 82] Ihre militärische Bedeutung verloren die Yörük Ende des 16. Jahrhunderts an die osmanischen Janitscharen (yeni çeri, „neue Truppe“).[M. Beck, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 114]
Im Verlauf des 17. Jahrhunderts begannen sich die Yörük in kleinen Lokal- und Verwandtschaftsgruppen zu organisieren. Die osmanische Regierung gestand ihnen das Recht zu, fällige Steuern selbst einzuziehen und junge Yörük zu rekrutieren. Dabei entstanden Verwaltungseinheiten, die zur Herausbildung von festen Stammeseinheiten (cemaat) und Stammesidentitäten führten. Um 1830 wurden die zuvor in ihrer Zusammensetzung einem steten Wandel unterworfenen Stämme als aşiret festgeschrieben. Um 1900 gab es noch etwa 50 große Stämme nomadischer Yörük,[A. Kunze, in: A. Kunze (Ed.) 1994, S. 81, 83] deren Weideland durch die Sultanatsverwaltung garantiert wurde.[Albert Kunze: Yörük - Namadenleben in der Türkei - Türkiye'de Göçebe Yaşamı, in: Thüringer Freilichtmuseum Hohenfelden (Ed.): Zur Ausstellung in der Stedtener Scheune 28.03.-13.06.1999, Hohenfeldener Blätter, 30, Gera 1999, unpaginiert] Die Bedeutung der Stämme nahm aber im 20. Jahrhundert nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches und nach der Republikgründung ab, als die durch den Marshall-Plan der USA geförderte Mechanisierung der Landwirtschaft und Ausdehnung der Agrarflächen die Nomadengruppen der westlichen Türkei zersplitterten.[G. Mayer, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 61f][Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 3, ca. S. 100f, 106 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben] Verbanden sich die Yörük zuvor bevorzugt innerhalb des Stammes endogam, so wurde es nun zum Ziel der Eltern, für ihre Kinder zumindest Yörük-Partner zu finden.[A. Kunze, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 83] Die einzelnen Yörük wurden bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts auf den Meldeämtern unter ihrer Stammeszugehörigkeit registriert. Auch sie mussten 1934 bürgerliche Nachnamen annehmen.
Heute besuchen im Gegensatz zu vergangenen Generationen auch die Kinder der nomadischen Yörük, Mädchen wie auch Jungen, für mindestens fünf Jahre die Schule.[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 3, ca. S. 99 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben][M. Beck, in: A. Kunze (Ed.) 1995, a. a. O., S. 115] Die meisten Yörük sind aber in Dörfern und Städten sesshaft und gehen verschiedensten Berufen nach.[ George Mayer: Jahreszyklus. Bergnomadismus, Flächennutzung, Ökologie, S. 103-112, in: Albert Kunze (Ed.): Yörük - Nomadenleben in der Türkei, Trickster, München 1994, ISBN 3-923804-79-2, ISBN 3-923804-22-9, S. 103] Einige sind Teilnomaden, die nur im Sommer ihre Hochalmen (yayla) betreiben, nur ganz wenige leben ganzjährig in Zelten und sind im Winter in den Tiefländern der Küstenstreifen und -ebenen am Mittelmeer unterwegs. Allerdings scheint sich abzuzeichnen, dass zwar nur noch ein Sohn je Familie die Wanderviehwirtschaft mit dem nomadischen Haushalt fortführt, dies aber unter Umständen ausreichen könnte, die Herden und die Zahl der Zelte annähernd zu halten.[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 3, ca. S. 100, Kap. 6, ca. S. 180 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben] Alle, auch die Vollnomaden, müssen heutzutage in einem Dorf oder in einer Stadt registriert sein.[Albert Kunze: Überblick. Nomadische Gruppen in der Türkei, S. 71-80, in: Albert Kunze (Ed.): Yörük - Nomadenleben in der Türkei, Trickster, München 1994, ISBN 3-923804-79-2, ISBN 3-923804-22-9, S. 71] Dabei werden sie weder unter ihrem Stammesnamen noch als Yörük erfasst,[cf. A. Kunze, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 71, mit Verweis auf A. Tanoğlu 1954, S. 8f] wie die türkische Regierung in den Volkszählungen auch niemals die verschiedenen Nomaden gesondert erfasst hat, so dass über deren Anzahl und Zusammensetzung Unklarheit herrscht.[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 3, ca. S. 100, 106 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben]
Das Bewusstsein Yörük zu sein, teilen vollnomadische, halbnomadische und sesshafte Yörük miteinander. Yörüklük (dt. etwa Yörükentum) bedeutet dabei für sie nicht nur das Leben in der Wanderviehhaltung, sondern auch die Gesamtheit ihrer Kultur und ihrer Lebensweise im patriarchalischen Familien- und Stammesverband, die bestimmend bleibt, auch wenn die Yörük sesshaft geworden sind. So ziehen die Yörük selbst noch als Arbeitsmigranten bevorzugt nach ihren verwandtschaftlichen Beziehungen ins Ausland, wo sich, wie etwa in Deutschland, in bestimmten Ortschaften regelrechte Sippen aus der Türkei wiederangesiedelt haben sollen.[Ohne validen Beleg, da privater Kommunikation von en:user:Anglo-Araneophilus mit Tübinger Ethnologen ohne Rücksprache entnommen]
Die Stämme der Yörük
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Die Stämme waren ursprünglich politische Einheiten von jeweils mehreren tausend Angehörigen.
[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 3, ca. S. 100 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben] Einige wie die
Karakoyunlu (dt. etwa „Leute mit schwarzen Schafen“) sind seit dem 13. Jahrhundert bekannt
[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 3, ca. S. 100, Kap. 6, ca. S. 204 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben, mit Verweis auf Faruk Sümer, Kara Koyunlar, Türk Tarih Kurumu Yayınlarından, 7, Ser. 49, Ankara Üniversitesi Basımevi, Ankara 1967] und die Namen der Stämme sind in historischen Dokumenten und in lokaler Überlieferung belegt. Im 20. Jahrhundert sank die Bedeutung der Stämme, insbesondere mit der Gründung der türkischen Republik.
[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 3, ca. S. 100f - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben] Die Struktur der Stammesverbände überlebte das Ende des Zweiten Weltkrieges nicht und allein das Wissen um die namentliche Stammeszugehörigkeit blieb an der Schwelle zum 21. Jahrhundert bestehen.
[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 3, ca. S. 100f, 106, 202]
In diesem Sinn von Bedeutung sind heute noch:
Aksığırlı, Alı Efendı, Aydınlı, Bahşış, Çakallar, Çoşlu, Elekli, Gaçar, Güzelbeyli, Honamlı, Horzum, Karaevli, Karahacılı, Karakoyunlu, Karakayalı, Karalar, Karakeçili, Manavlı, Melemenci, Saçıkaralı, Sarı Ağalı, Sarıhacılı, Sarıkeçili, Sarıtekeli, Tekeli, Yeni Osmanlı.
Die Aydınlı (dt. etwa „Leute aus Aydin“) weisen eine Besonderheit auf. Während die Nomaden der westlichen Taurusgebirge vom Golf von Antalya bis nach Adana, dem eigentlichen Taurus, Yörük oder Yürük genannt werden und sich auf der höchsten Ebene der Gruppenidentifikation auch selbst so nennen, wird die offizielle Bezeichnung Yörük für die Nomaden des östlichen Taurusgebirges, dem Antitaurus, von diesen selbst nicht verwendet.[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 3, ca. S. 100, 107 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben] Sie gehörten ursprünglich zu verschiedenen westanatolischen Yörük-Stämmen und sind teilweise schon im 19. Jahrhundert nach Osten in den Antitaurus gewandert.[Ulla C. Johansen & Douglas R. White: Collaborative Long-Term Ethnography And Longitudinal Social Analysis Of A Nomadic Clan In Southeastern Turkey, Kap. 4, pp. 81-99, in: R. V. Kemper & A. Royce (Ed.): Chronicling Cultures: Long-term Field Research in Anthropology, Walnut Creek, AltaMira 2002, S. 86] Belegte Gründe dafür waren zum Beispiel: blutige Streitigkeiten mit dem derebey im Gebiet der heutigen Provinz Antalya,[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 6, ca. S. 169ff - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben] der bis zu sieben Jahre dauernde Militärdienst,[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 6, ca. S. 171f - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben] Flucht vor Steuereintreibern[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 6, ca. S. 170 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben] und Auseinandersetzungen um Weideplätze. Zudem wurden Angehörige westanatolischer Yörük-Stämme angezogen von den freigewordenen, ehemaligen Weidegebieten der Afscharen (türk. Afşar), die am Ende der militärischen Auseinandersetzungen des osmanischen Staates mit den Nomadenstämmen der Çukurova und der Berge nördlich davon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Sesshaftigkeit gezwungen worden waren[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 6, ca. S. 171 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben][Ulla Johansen, persönliche Mitteilung an Wikipedia-Autoren Wetwassermann]. Die Aydınlı, die daraufhin zum Beispiel im Umkreis armenischer Dörfer die Hochalmen des Antitaurus als Sommerweide genutzt hatten,[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 6, ca. S. 170f - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben] wurden selbst vor allem Anfang des 20. Jahrhunderts in den inzwischen von Armeniern entvölkerten Dörfern - teilweise unter Zwang - angesiedelt[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 3, ca. S. 101, 107 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben]. In den östlichen Gebieten hatten sich die aus dem westlichen Taurus zugewanderten Stämme zu neuen Gruppen formiert. Sie hatten dort schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts von der örtlichen Bevölkerung wegen ihrer Herkunft aus der Gegend von Aydın ihren Fremdnamen erhalten und wurden nicht mehr als Yörük bezeichnet.[Ulla Johansen: Felderfahrungen bei den Aydinli. Zur Entstehung der Sammlung des Hamburgischen Museums für Völkerkunde, pp. 27-39, in: Albert Kunze (Ed.): Yörük - Nomadenleben in der Türkei, Trickster, München 1994, ISBN 3-923804-79-2, ISBN 3-923804-22-9, S. 34] Den Namen Aydinli übernahmen sie selbst, sind sich aber ihrer Herkunft von westlichen Stämmen der Yörük bewusst.[Ulla Johansen, persönliche Mitteilung an Wikipedia-Autoren Wetwassermann]
Herkunft des Wortes Yörük
Als Personenname bereits für das 13. Jahrhundert bekannt und - etwa als Verwaltungsterminus - verstärkt seit dem 14. Jahrhundert belegt,[A. Kunze 1987, a. a. O., S. 126, mit Verweis auf C. Cahen, Pre-ottoman Turkey - a general survey of the material and spiritual culture and history, London 1968, pp. 1071-1330, S. 1310 und (für das 12. Jhdt.) auf Daniel G. Bates & Amal Rassam, Peoples and cultures of the Middle East, Prentice Hall: Englewood Cliffs, New Jersey 1983, S. 117] soll das Wort Yörük spätestens seit dem 15. Jahrhundert als allgemeine Bezeichnung für die westanatolischen Nomaden verwendet worden sein.[A. Kunze 1987, a. a. O., S. 64, 126, mit Verweis auf X. de Planhol, in: L. Földes (Ed.) 1969, a. a. O., S. 80] In abendländischen Schriften ist es seit dem 17. Jahrhundert bezeugt. Oft wird der Begriff Yörük/Yürük auf das türkische yürümek (dt. „sich fortbewegen, marschieren, gehen“) zurückgeführt und könnte daher mit der zumindest ursprünglich nomadischen Lebensweise zusammenhängen.[A. Kunze, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 13f] So wird in türkischen Schriften Yörük/Yürük auch als Synonym für „Nomade“ verwendet.[A. Kunze 1987, a. a. O., S. 12, 117] In älterer Literatur mögen auch nicht-türkisch sprechende und nicht-muslimische Nomaden als Yörük bezeichnet worden sein, so etwa Kurdisch sprechende Gruppen oder die christlichen Vlachi, die ursprünglich Rumänisch sprachen und von den Bulgaren möglicherweise auch Juruci genannt wurden.[A. Kunze 1987, a. a. O., S. 117, mit Verweis auf Enzyklopädie des Islam, Bd. 4, Leiden/Leipzig 1934, S. 1274, auf C. J. Jirecek, Das Fürstentum Bulgarien, Prag et al. 1891, S. 118 und auf Ernst Werner, Yürüken und Wlachen, Wissenschaftliche Zeitschrift der Karl-Marx-Universität Leipzig, Gesellschafts- und sprachwissenschaftliche Reihe 3, 15, Leipzig 1966, pp. 471-478] Turkmenische und kurdische Nomaden bezeichnen sich selbst allerdings nicht als Yörük.[A. Kunze, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 14] Für Nomaden gibt es zudem im Türkischen die allgemeine Bezeichnung göçebe oder göçer (von göç, dt. „Wanderung“).[A. Kunze 1987, a. a. O., S. 11] Der Begriff Yörük, der als Name einer Stammesgruppe im Türkischen auch ganz folgerichtig traditionell groß geschrieben wird, wäre demnach eher ein ethnischer Name im Sinne einer kulturellen Gemeinschaft als die Bezeichnung von Menschen mit einer viehnomadischen Lebens- und Wirtschaftsweise.[A. Kunze, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 82f][A. Kunze 1987, a. a. O., S. 12f]. Einer Theorie zufolge wurde der Name Yürük im 14. und 15. Jahrhundert von einer Linie des oghusisch/turkmenischen Stammes der Kayı auf andere Nomadengruppen transferiert.[A. Kunze 1987, a. a. O., S. 12, 117, 141, mit Verweis auf E. Werner 1966, a. a. O., S. 472, Theorie sensu D. E. Eremeev, cf. D. E. Eremeev: Jurjuki - Tureckie kočevniki i polukočvniki, Moskau 1969] Als möglicher Namenspate wird der oghusische Stamm der Yüreğir angeführt.[Quelle bisher nicht angegeben, cf. http://www.anthropology-online.de/Aga04/0184.html (Abstract zu Jutta Borchhardt, Von Nomaden zu Gemüsebauern: Auf der Suche nach yörük-Identität bei den Saçıkaralı in der Südwesttürkei, Göttinger Studien zur Südwest-Türkei, 5, Münster 2001, ISBN 3-8258-4470-6)]
Die deutsche Schreibweise wandelte sich im Laufe der Zeit. Herrschten vor der Latinisierung der osmanisch-türkischen Schriftsprache in der deutschsprachigen Literatur Formen wie Yuruk[A. Kunze 1987, a. a. O., S. 117, mit Verweis auf E. Oberhummer, Die Türken und das Osmanische Reich, Leipzig et Berlin 1917, S. 14f und auf G. Buschan, Illustrierte Völkerkunde, Stuttgart 1923, S. 386f], Yoruk[A. Kunze 1987, a. a. O., S. 117, mit Verweis auf L. Diefenbach, Die Volksstämme der Europäischen Türkei, Frankfurt a. M. 1877, S. 98] oder Yuruken[A. Kunze 1987, a. a. O., S. 117, mit Verweis auf F. v. Luschan, Wandervölker Kleinasiens, Zeitschrift für Ethnologie, 18, 1886, pp. 167-171, S. 167ff und auf F. v. Luschan, Völker, Rassen, Sprachen, Berlin 1922, S. 83] vor, so wird die anatolische Aussprache der Umlaute - auch international - in der modernen Literatur zunehmend berücksichtigt.[A. Kunze 1987, a. a. O., S. 117, mit Verweis auf X. de Planhol, De la plaine Pamphylienne aux lacs Pisidiens: nomadisme et vie paysanne, Paris 1958, S. 190, D. G. Bates, Nomads and farmers - a study of the Yörük of Southeastern Turkey, Anthropological Papers, Museum of Anthropology University of Michigan, 52, Ann Arbor 1973 und auf A. Landreau (Ed.), Yörük, Pittsburgh 1978]
Siedlungsgebiete nomadischer Yörük
Siedlungsgebiete nomadischer Yörüken.png
Wohl weniger als 10.000 Yörük leben heute noch vollnomadisch (1980: rund 10.000).[A. Kunze, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 14][A. Kunze, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 77][George Mayer: Talfahrt. Der Bedeutungsverlust des Nomadismus in Anatolien, pp. 59-66, in: Albert Kunze (Ed.): Yörük - Nomadenleben in der Türkei, Trickster, München 1994, ISBN 3-923804-79-2, ISBN 3-923804-22-9, S. 64] Ihre Sommerweidegebiete liegen vor allem in den Gebirgen und Hochebenen im Süden der Türkei westlich von Gaziantep bis hin zur Ägäis, unter anderem zwischen Konya und Antalya, Kayseri und Kahramanmaraş, Gaziantep und Hatay.[A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 54f, nach Fred Scholz & Günther Schweizer (und Andere in Mitarbeit): Vorderer Orient. Nomadismus und andere Formen der Wanderviehwirtschaft, TAVO (Tübinger Atlas des Vorderen Orients), Übersichtskarte A X 11, Reichert, Wiesbaden 1992, ISBN 3-88226-763-1, Karte (Datenstand: um 1900)][aus A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 72, nach Wolf-Dieter Hütteroth: Türkei, Wissenschaftliche Länderkunde, Wissenschaftl. Buchgesellschaft, Darmstadt 1982, pp. 1-548, Band 21, S. 53]Diese Regionen des Taurus und Antitaurus bieten mit ihren steilen Abhängen, die bis auf Höhen von weit über 3000m ansteigen, schwierige Bedingungen für die Landwirtschaft und erlauben durch die trockene Vegetation selbst in den Talsohlen vornehmlich Viehwirtschaft, vor allem mit Schafen, Ziegen, Dromedaren und Eseln, in besseren Weidegebieten auch mit Pferden und Kühen. Im Winter ziehen die Nomaden, da sie ihre Herden bei den tiefen Lufttemperaturen (bis unter -20°C) der mit hohen Schneedecken überzogenen Gebirge nicht aktiv halten könnten, in die wintermilden (ca. 8-16°C) Winterweidegebiete, die in der Regel in den Tiefländern entlang der Mittelmeerküste Südanatoliens liegen, wie die im Osten gelegene Çukurova bei Adana. Lediglich um Konya findet man vollnomadische Yörük auch im Winter. Im Sommer folgt wieder der Rückzug der Nomaden in die Bergweiden, da insbesondere die Schafen und Ziegen der Hitze entzogen werden müssen,[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 3, ca. S. 98, 102, 106 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben] die dann in den Niederungen bei zugleich hoher Luftfeuchte herrscht (im Tagesmittel 36°C, mittags daher 45°C im Schatten, in der Sonne wohl bis über 60°C).[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 3, ca. S. 98, 106 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben, mit Verweis auf Harita Genel Müdürlüğü, Yeni Türkiye Atlası, M. S. B. Harita Genel Müdürlüğü (Turkish Office for Land Surveying), Ankara 1977]
Yörük-Identität
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Die
Yörük selbst nehmen sich zwar vage als ethnische Einheit wahr, für das Selbstverständnis der nomadischen
Yörük sind aber die
Familie (
aile), die nachbarschaftliche Zeltgruppe bzw. minimale Lineage (
oba), der Verwandtschaftsverband bzw. die
Lineage (
sülâle), der
Clan bzw. die Zeltgruppe/maximale Lineage (
kabile) und mit Einschränkungen der Stamm (
aşiret) von größerer Bedeutung.
[cf. A. Kunze, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 81, 83][Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 2, ca. S. 65, 68, Kap. 6, ca. S. 180 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben] Die begrifflichen Kategorien, die die Nomaden zur Abgrenzung ihrer sozialen Verbände gebrauchen und die sie teilweise - wie
aşiret und
kabile - als
Lehnworte aus dem Arabischen übernommen haben,
[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 3, ca. S. 98, 107] zeichnen sich allerdings durch hohe Flexibilität aus und sind nicht als starr zu verstehen.
[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 2, ca. S. 65 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben] Zum Beispiel kann
Aile „Weib“ bedeuten - im Sinne von Ehefrau - oder „Familie“, welche die einfache Kernfamilie mit Ehemann und Kindern oder auch den Ehemann mit seinen Kindern von mehreren Ehefrauen einschließen kann.
Ferner kann
Aile im Sinne von „minimaler Lineage“ oder größeren Familienverbünden verwendet werden.
[U. C. Johansen & D. R. White, in: R. V. Kemper & A. Royce (Ed.) 2002, a. a. O., S. 93] Auch
kabile, üblicherweise dem Clan vorbehalten, kann im Sinn von größeren Lineages bis hin zum Stamm Bedeutung finden.
[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 2, ca. S. 65f, Kap. 6, ca. S. 180 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben] Die Lineage kann oft gegenüber dem Clan an der sprachlichen Formel „die Söhne von...“ erkannt werden, worauf als Bezugspunkt ein bekannter männlicher Angehöriger (türk.
tanıdık kişi, dt. etwa „bekannte Person“) der Lineage genannt wird, häufig der Gründer der Lineage.
[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 6, ca. S. 180 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben] Die
Polysemie des Begriffs
kabile spiegelt den Umstand wider, daß Clan und Lineage analoge Einheiten eines hierarchischen Systems sind, dessen niedere Gruppen (Lineages) sich wie auch die umfassenderen höheren (Clans) auf ähnlichen Prinzipien begründen: Eine nicht formale Führung, die auf Gefolgschaft leistender Verwandtschaft beruht,
Fehden als Gegenstand der Ehre und als Ausdruck der Macht, Endogamie als Grundlage für den inneren Zusammenhalt und Exogamie als Mittel der politischen Allianzen.
[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Einleitung, ca. S. XIX - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben] Die Nomaden definieren den Ausdruck
kabile als eine Gruppe von Leuten mit gemeinsamer
kök (dt. „Wurzel“).
[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 6, ca. S. 165, 180 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben] Während diese Kategorien in der Literatur teilweise uneinheitlich verwendet werden,
[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 2, ca. S. 65f - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben, mit Verweis auf Wolfram Eberhard, Nomads and farmers in Southeastern Turkey - Problems of Settlement, Oriens, 6, 32-49, 1953, S. 46 und auf D. Bates 1973, a. a. O., S. 39] behalten sich die Nomaden selbst eine gewisse Unschärfe vor und können die einzelnen Individuen oft nicht ohne weiteres eindeutig den Kategorien zuordnen.
[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 2, ca. S. 65f, 68 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben]
Nationalen Ideen verpflichtete Türken sehen in den Yörük einen letzten Rest des oghusischen Türkentums und verehren sie als „echte Türken“ (öz türkler). Es gibt auch Türken, die sich selbst als Yörük begreifen und sich mit ihnen identifizieren, ohne den Yörük-Stämmen anzugehören. Sozialromantisch wird den Yörük ein ursprüngliches, freies Leben ohne staatliche Zwänge zugerechnet. Doch weist die in der seßhaften Bevölkerung bis heute gängige Bezeichnung „kırlı Yörük“ (dt. etwa „dreckige Nomaden“) darauf hin, daß auch andere Wertungen der Nomadenkultur in der Türkei bestanden und bestehen.[http://www.kultur.gov.tr/DE/BelgeGoster.aspx?48BD9BC89B9B89DAAC8287D72AD903BE693712DAEAF2E646, (Stand: 10.07.2006), (Copyright-Angabe: 2005), (Website-Pfad KulturHochebenen / Almen Hochebenen / Almen ( Zeitschrift für Landwirtschaft und Dorfwesen, 127. Ausgabe )): T. C. Kültür Ve Turizm Bakanlığı (Kultur- und Tourismus-Ministerium der Republik Türkei): Hochebenen / Almen, nach Oğuz Tuna, in: Tarım ve Köy Dergisi (Zeitschrift für Landwirtschaft und Dorfwesen), 127, ohne Titel-, Jahres- und Seitenangabe]
Eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem yörüklük versuchte der „1. yörük-türkmenische Kongress in Ankara vom 8. - 9. Januar 2005" (türk. „1. Yörük Türkmen Kurultayı“).
Lebens- und Wirtschaftsweise
Bereits in früheren Jahrhunderten änderten einzelne
Yörük-Gruppen und -Stämme ihre Lebens- und Wirtschaftsweise. Meist wurden aus Vollnomaden Halbnomaden und schließlich Sesshafte. Es gibt allerdings auch Beispiele dafür, dass Sesshafte wieder eine nomadische Lebensweise angenommen haben oder ein längerfristiger oder kurzfristiger Wechsel zwischen Voll- und Halbnomadentum stattgefunden hat.
[A. Kunze 1987, a. a. O., cf. S. 119, Fußnote 68] Heute geht die Entwicklung beschleunigt auf eine endgültige Sesshaftigkeit zu.
Vollnomaden
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Die ursprüngliche Wanderviehzucht der
Yörük muss man stets in Verbindung mit Ackerbau sehen. Der Vollnomade steht in Handelsverbindungen mit den Bauern, denn auch die vollnomadischen
Yörük haben als Hauptnahrung Getreideprodukte.
[Albert Kunze: Was ist Nomadismus? Definition, Geschichte, Geographie, pp. 45-48, in: Albert Kunze (Ed.): Yörük - Nomadenleben in der Türkei, Trickster, München 1994, ISBN 3-923804-79-2, ISBN 3-923804-22-9, S. 46] Milchprodukte und Fleisch, Wolle und aus Wolle hergestellte Gewebe wie Teppiche sind großenteils für den Handel bestimmt.
[A. Kunze, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 45][Larissa Sanyo & Christiane Schütze: Teil vom Ganzen. Die Wirtschaftsweise der Yörük, pp. 91-100, in: Albert Kunze (Ed.): Yörük - Nomadenleben in der Türkei, Trickster, München 1994, ISBN 3-923804-79-2, ISBN 3-923804-22-9, S. 91][G. Mayer, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 109]
Die Wanderungen der Yörük sind von den Jahreszeiten bestimmt. Der Sommer wird auf den yayla genannten Sommerweidegebieten in den Hochländern und Gebirgen verbracht, der Winter in den Winterweidegebieten (kışlak) der Tiefländer und der niedrigen Lagen der angrenzenden Berge. Auf den Wanderungen zwischen beiden Gebieten werden manchmal im Herbst und im Frühling Zwischenstationen (güzlek und yazlak) bezogen.[G. Mayer, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 104, 109] Ganzjährig, also während der Wanderungen und auch in den Weidegebieten, wohnen die Yörük in Zelten. Schon bald nach der Einwanderung in Anatolien vertauschten die Yörük ihre Filzjurten gegen die heute üblichen leichteren Schwarzen Zelte aus Ziegenhaar, deren Machart aus dem arabischen Raum stammt.
Schafe und Ziegen bilden die Viehherden. Dromedare, Pferde, und Esel wurden früher als Transportmittel eingesetzt. Heutzutage werden sie meist durch eigene oder angemietete Personenkraftwagen, Lastkraftwagen, Traktoren oder durch die Eisenbahn ersetzt.[ G. Mayer, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 103f][I. Ala'u din Zimmermann, in: Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 125] Mit Dromedaren übernahmen die Yörük auch vielseitigen Karawanen-Fernhandel, z. B. mit dem Salz des Tuz Gölü. Dromedar-Karawanen bilden heute eine Touristenattraktion. Kamelreiten wurde zum wichtigen Nebenerwerb mancher immer noch nomadisierender Yörük. Auch Touristenbesuche im Nomadenzelt mit Bewirtung, folkloristischen Darbietungen und Verkauf von Teppichen bessern die Haushaltskasse auf.[cf. G. Mayer, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 104] [A. Kunze, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 21] Ein Hauptverdienst der Yörük ist der Verkauf von Schafen und Ziegen, bevorzugt für die islamischen Feiertage wie z. B. Kurban Bayramı, das Opferfest zum Gedenken an Abrahams (türk. İbrahim) Opfergabe.
In früheren Jahrhunderten dominierte der Tauschhandel. Vor allem die Einführung von Pachtgebühren für die in osmanischen Zeiten pachtfreien und leichter zugänglichen Weidegebiete zwangen die Yörük zur Geldwirtschaft überzugehen. Oft genug führte das zu ihrer Verarmung.[L. Sanyo & Ch. Schütze, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 92][G. Mayer, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 104]
Nicht nur in den Winterweidegebieten, sondern auch auf den yayla stehen durch die Ausweitung des Ackerbaus, die Überbauung mit Siedlungen und Verkehrswegen sowie durch Aufforstungen immer weniger Flächen für die Beweidung zur Verfügung.[L. Sanyo & Ch. Schütze, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 91f]
Das Resultat dieser wirtschaftlichen Entwicklungen ist eine Art Nebenerwerbs-Vollnomadismus.
Das Schwarze Zelt
Während die späteren Einwanderungswellen der Turkmenen (türk. Türkmen) die aus Zentralasien stammende Filzjurte in Kleinasien beibehielten[A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 130f, nach Peter Alford Andrews: Vorderer Orient. Nomadenzeltformen, TAVO (Tübinger Atlas des Vorderen Orients), Übersichtskarte A IX 5, Reichert, Wiesbaden 1990, ISBN 3-88226-958-8 ?, Karte (Datenstand: 1960-1975)] und die wenigen verbliebenen Türkmen-Nomaden in der Türkei sie auch heute noch beibehalten, hatten die Yörük schon früh das auch in Nordafrika, Arabien, Afghanistan, Tibet und im Iran verbreitete Schwarze Zelt (türk. kara çadır[Albert Kunze (Ed.):Yörük - Nomadenleben in der Türkei, Trickster, München 1994, ISBN 3-923804-79-2, ISBN 3-923804-22-9, S. 171]) übernommen. Als Webmaterial dient in der Regel gesponnenes schwarzes Ziegenhaar, welches dicker, steifer und dabei licht- und luftdurchlässiger sowie feuerfester ist als Schafwolle.[Ingo Ala'u din Zimmermann: Haus aus Ziegenhaar - Konstruktion und Wohnkultur des schwarzen Zeltes, pp. 121-131, in: Albert Kunze (Ed.): Yörük - Nomadenleben in der Türkei, Trickster, München 1994, ISBN 3-923804-79-2, ISBN 3-923804-22-9, S. 121] Das Schwarze Zelt ist leichter und in der Herstellung einfacher und billiger als die Jurte, deren Schafwollfilz nach einem Regenschauer nicht so schnell trocknet wie die Ziegenhaarplane, welche, wenn sie gut gewebt und vom Rauch des offenen Feuers zusätzlich imprägniert wurde, von dem Regen nicht durchdrungen wird.[I. Ala'u din Zimmermann, in: Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 121, 127] Mittlerweile jedoch heizen die nomadischen Yörük in zunehmendem Maße mit Öfen und decken ihre Schwarzen Zelte in der kalten und niederschlagsreichen Herbst- und Winterzeit häufig mit Plastikplanen ab, die ihnen eine zusätzliche Isolierung bieten.[I. Ala'u din Zimmermann, in: Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 127]
Im Gegensatz zu der Jurte, die als Gitterzelt zu den Gestellzelten zu zählen ist, handelt es sich bei dem Schwarzen Zelt um ein Firstzelt, welches zu den Flächentragzelten gehört. Zwischen 60 und 250kg schwer, entspricht das rund 2m hohe, 4-9m lange und 3-6m breite Schwarze Zelt etwa der Traglast eines Dromedars, beziehungsweise zweier Pferde oder dreier Esel. Die Herstellung war überbrachtem Brauch nach Aufgabe von Männern (z.B. Näharbeit) und Frauen (z.B. Webarbeit), entfällt heute aber weitgehend durch Ankauf der Zeltbahnen aus kleinen Manufakturbetrieben. Die feierliche, etwa 30-45-minütige, Errichtung bleibt üblicherweise den Frauen vorbehalten.[I. Ala'u din Zimmermann, in: Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 122, 124]
Gestützt wird das im Grundriß rechteckige Schwarze Zelt in der Regel durch 3 Zeltstangen, deren mittlere in ein leicht gekrümmtes Firstholz gesteckt wird und die alle entlang der Längsmitte des Zeltes verlaufen. Über die Stangen wird das Zeltdach (türk. çadır), das zuvor von den Männern aus 5-7 Zeltbahnen mit rauhem Ziegenwollfaden zusammengenäht wurde, durch Stricke - oft gleichfalls aus Ziegenhaar hergestellt - gespannt, welche an in den Boden geschlagenen Pflöcken befestigt sind und dem Zelt durch Nachspannen Stabilität verleihen.[I. Ala'u din Zimmermann, in: Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 121- 125]
Den Innenraum des Yörük-Zeltes teilt durch die Quermitte der Grundfläche eine gedachte Trennlinie, von der Mitte der hinteren Längswand ausgehend, an der Mittelstange vorbei bis hin zur Vorderwand verlaufend, in eine linke und eine rechte Hälfte auf. Die von der Vorderwand betrachtet links liegende Hälfte stellt oft die Männerabteilung und den Gast- und Aufenthaltsraum dar. Hier sind Kamel- oder Eselsättel wie auch Gebrauchsgegenstände der Männer untergebracht sowie die Schlafstellen für die Zeltgemeinschaft und für Gäste. Als Empfangsraum mit einer eigenen Feuerstelle für Tee und Kaffee ausgestattet, herrscht in diesem Raum im Fall von Besuchen oft eine feste Sitzordnung. Die dementsprechend oftmals rechte Hälfte dagegen ist die Frauenabteilung, wo im Falle von Frauenbesuch dieser meist ohne Beachtung einer Rangordnung empfangen wird. Neben der Feuerstelle und den „Küchen“-Geräten wie Wasserbehälter und Backblech befinden sich dort auch Haushaltsgeräte wie etwa der senkrechte Webstuhl.[I. Ala'u din Zimmermann, in: Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 125-127]
Paarfindung und Heirat
Die Seklusion der Yörük gebietet alleinstehenden jungen Frauen, sich nicht weit von ihrem Zelt zu entfernen, während den Männern beispielsweise prohibiert ist, Frauengruppen beim Waschen der Wäsche am Fluß zu beobachten.[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kapitel 3, ca. S. 105 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben] Mit zunehmendem Alter gewinnen die Frauen an Respekt und Status, bewegen sich freier von Zelt zu Zelt und nehmen die Rolle von Ehestifterinnen ein.[Anonymus, in: Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 86] Bei den Yörük kann traditionell vor allem zwischen arrangierter Hochzeit, gemeinsamen Fortlaufen des Paares (türk. kaçışma) und Brautentführung (türk. kız kaçırma) unterschieden werden.[Anonymus: Wachsen und Gedeihen - Soziale Beziehungen und ihre Funktionen, pp. 84-91, in: Albert Kunze (Ed.):Yörük - Nomadenleben in der Türkei, Trickster, München 1994, ISBN 3-923804-79-2, ISBN 3-923804-22-9, S. 85]
- Der arrangierten Heirat bei den Yörük gehen Heiratsverhandlungen voraus, in denen unter anderem der von der Bräutigam-Familie an die Brautfamilie zu zahlende Brautpreis (türk. başlık) bestimmt wird, ehe es zum vertragsähnlichen Abschluß kommt.
Der Brautpreis ist auch als eine Entschädigung für die Brautfamilie anzusehen, die mit der Braut im Fall der Heirat eine Arbeitskraft für ihren Haushalt verliert, während für die Bräutigamfamilie das zusätzliche Familienmitglied eine Steigerung sozialen Ansehens bedeutet, weil von der Größe des Haushaltes die Größe seiner Herde abhängig ist, welche wiederum als zentraler Maßstab für den Reichtum der Familie betrachtet wird. Für die bei den Yörük allgemein beliebte Heirat des Cousins mit seiner Cousine werden bevorzugt Verbindungen mit der Familie eines Bruders des Vaters (dem „Vaterbruder“, türk. amca, yörük. emmi, emmi oğlu, emminin oğlu)[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Glossar, ca. S. 447, 463 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben, mit Verweis auf Daniel G. Bates 1973, a. a. O.] geschlossen, womit erreicht wird, daß der Besitz und die Arbeitskräfte innerhalb der eigenen Sippe verbleiben. Aus den kompliziert vernetzten Verbindungen resultiert so neben der üblichen endlosen Linie der Eltern-Kind-Beziehung eine irreduzible horizontale Verwandtschaftsvernetzung, die am Beispiel der Aydınlı als Strukturelle Endogamie beschrieben wurde[U. C. Johansen & D. R. White, in: R. V. Kemper & A. Royce (Ed.) 2002, a. a. O., S. 91, mit Verweis auf Douglas R. White 1997, Structural endogamy and the graphe de parenté, Informatique Mathématique et Sciences Humaines, 137, S. 107-125, auf L. A. Brudner & D. R. White 1997, Class, poverty, and structural endogamy: Visualizing networked histories, Theory and Society, 26, S. 161-208 und auf D. R. White & U. Johansen 2001, An Introduction to Network Analysis of Genealogy and Politics: Social Dynamics in a Nomadic Society, Walnut Creek, AltaMira][Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 2, ca. S. 70 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben] und sich vermutlich durch eheliche Verbindungen abnehmender Dichte über den Clan hinaus bis auf Stammesniveau erstrecken kann.[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 6, ca. S. 201f, 204 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben] Da die Bräutigamfamilie für die Zahlung des Brautpreises in der Regel Vieh verkaufen muß, ist es oft notwendig, den Heiratswunsch des Sohnes auf die wirtschaftliche Lage seiner Familie anzupassen. So kann sich etwa ein Haushalt selten leisten, dass mehrere seiner Söhne innerhalb eines Jahres heiraten. Üblicherweise wird bei der Auswahl der miteinander zu Verlobenden berücksichtigt, dass - in Übereinstimmung mit dem Koran - beide ungefähr im gleichen Alter sind und dass im wechselseitigen Austausch der Sublineages eine Gleichwertigkeit des Status gewahrt bleibt.[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Einleitung, ca. S. XXI - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben] In der Regel hat die Braut-aufnehmende Partei einen höheren Status als die Braut-abgebende.[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 6, ca. S. 204, 204 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben] Das Festhalten an der arrangierten Heirat versinnbildlicht nach außen die Einhaltung sozialer Normen wie die Wahrung der „Familienehre“ und der „vorehelichen“ Jungfräulichkeit der Braut.[Anonymus, in: Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 85f]
- Zu einer gemeinsamen Flucht eines Paares können eine Reihe von Gründen führen. Besonders die Braut kann auf diese Weise ihren Mann aktiver und unabhängiger auswählen und gegebenenfalls eine Verkupplung vermeiden, wie sie ihr beispielsweise nach dem „Recht des Vaterbruders“ (emmi hakkı)
[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kapitel 3, ca. S. 108 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben, mit Verweis auf Daniel G. Bates 1973, a. a. O., S. 65] „drohen“ kann. Dieses gesteht einem Mann zu, die Heirat seines Sohnes mit der Tochter seines Bruders durchzusetzen und kann im Fall einer Ablehnung Schadenersatzforderungen auslösen. Durch sein Fortlaufen kann das Paar auch die Wartezeit bis zur Heirat beenden, die ihnen durch sein Alter, die Anzahl seiner älteren ledigen Geschwister und die wirtschaftliche Kraft des Haushalts auferlegt wurde. Auch steigt mit dem Eintritt in den Stand der Verheirateten der gesellschaftliche Status des Paares.
- Im Fall der Brautentführung (Brautraub) macht sich der Entführer den Umstand zunutze, dass die Entführte in den Augen der Gemeinschaft ihre „Unschuld“ und damit ihre Perspektive auf eine ehrsame Heirat verliert, wenn sie einige Zeit mit dem Entführer alleine verbringt.
[Anonymus, in: Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 86f] Der Entführer führt die Tat in der Regel nicht selbst aus, sondern versichert sich der Hilfe von meist noch jüngeren und unverheirateten Freunden aus einem anderen Haushalt, die die Auserwählte an einen vereinbarten Ort bringen. Die Entführte nimmt den Entführer meist als Mann an, schon um künftig nicht ledig zu bleiben und um nicht den Demütigungen aus Familie und Gesellschaft ausgesetzt zu sein.[Anonymus, in: Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 87] Die Brautentführung bringt sowohl für die Famillie der Entführten einen Verlust gesellschaftlichen Ansehens mit sich als auch für die Familie des Entführers, der soziale Ächtung und eine Geldbuße droht, die dem von den Brauteltern geforderten Brautpreis entspricht. Wird diese nicht gezahlt, so sind Repressalien durch die Brautfamilie möglich, die üblicherweise den Kontakt vermeiden und eine andere Zeltgruppe wählen wird. Da mit dem Brautraub vollendete Tatsachen geschaffen werden, kann die Familie des Entführers und nunmehr Bräutigams die Höhe des Brautpreises drücken, da der Brautfamilie nichts anderes übrig bleiben wird, als sich in ihrer Forderung nach den wirtschaftlichen Möglichkeiten der Bräutigamfamilie zu richten.
Die Flucht des Brautpaares und der Brautraub ermöglichen insbesondere auch die Bindung mit nicht blutsverwandten und seßhaften Yörük oder auch mit Nicht-Yörük. Angesichts der Möglichkeiten von Verbindungen mit Dorfmädchen, zumal als Zweitfrauen, bemängelten Yörük noch Mitte des 20. Jahrhunderts oft deren geringere „moralische“ Normen.[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 6, ca. S. 179 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben] Eine Verheiratung eines jungen Yörük-Mädchens in bäuerliche Familien hingegen war aus ihrer Sicht geradezu ausgeschlossen, wenn der Bräutigam nicht selbst ein kürzlich seßhaft gewordener Yörük war, der die alten Sitten noch bewahrte. Selbst auf nomadische Yörük-Stämme konnte verächtlich herabgesehen werden, wenn diese die sittlichen Vorstellungen nicht erfüllten, wie dies etwa für die als tapfer geltenden Sarıkeçili (dt. etwa „Leute mit gelben Ziegen“) zutraf, denen eine lockerere Bindung zum Islam als bei anderen Stämmen nachgesagt wurde.[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 6, ca. S. 203, 205, mit Verweis auf Faruk Sümer, Oğuzlar (Türkmenler) Tarihleri - Boy Teşkilatı - Destanları, Dil ve Tarih-Coğrafya Fakültesi Yayınları (Ser.), 170, Ankara Üniversitesi Basımevi Et Ana Yayınları, Ankara 1980, S. 632 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben] So tanzten Mitte des 20. Jahrhunderts Männer und Frauen der Sarıkeçili gemeinsam und fasteten nicht zum Ramadan.[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 6, ca. S. 205] Gegen Ende des Jahrhunderts nahmen die Vorbehalte gegenüber den Seßhaften und der Stolz auf das Nomadentum jedoch merklich ab und die ehelichen Verbindungen mit Bauernfamilien nahmen zu. Doch bewahrten die Yörük-internen Heiraten unter den Nomaden bis in unsere Zeit einen hohen Anteil (1970er Jahre: über 90%), wenn auch neuerdings oft nur noch ein Sohn das Nomadenleben weiterführt und innerhalb der übriggebliebenen nomadischen Familien heiratet. Andererseits wird jedoch auch davon ausgegangen, daß seit jeher ein gewisser Anteil an exogamen Verbindungen zwischen türkischen, kurdischen und selbst arabischen Nomaden und Seßhaften bestanden hat und noch besteht.[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 3, ca. S. 98 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben, mit Verweis auf W. Eberhard 1953, a. a. O., auf Wolfram Eberhard, Changing in leading families in southern Turkey, Anthropos, 49, 992-1002, 1954 und auf Daniel G. Bates 1973, a. a. O., S. 21ff] Die Tradition der bevorzugten Verlobung und Verheiratung mit der Tochter des Vaterbruders, die im Mittleren Osten recht verbreitet ist,[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kapitel 3, ca. S. 98, 104f, 107, Kapitel 5, ca. S. 135, Kapitel 7, ca. S. 224 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben, mit Verweis auf Daniel G. Bates 1973, a. a. O., S. 65, auf Jeanne Berrenberg, Beyond kinship algebra - Values and the riddle of Pashtun marriage, Zeitschrift für Ethnologie, 128, 2003, 269-292 und auf Fredrik Barth, Father's brother's doughter in Kurdistan, Southwestern Journal of Anthropology, 10, 1954, 164-171] steht in Verbindung mit einer gemischten Heirats-Strategie, die zwischen Lineage-Endogamie und Lineage-Exogamie wechselt [Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Einleitung, ca. S. XVIII - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben]und die vermutlich den Zusammenhalt von Lineage, Clan und höheren Verbänden fördert.
Erbschafts- und Witwenregelungen
Solange der Patriarch fähig bleibt, die wirtschaftlichen Angelegenheiten des Haushaltes zu führen, befindet sich üblicherweise der Hauptteil der Herden in seinem Besitz.
[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kapitel 3, ca. S. 103 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben] Zuweilen wird der Besitz schon aufgeteilt, wenn das alte Familienoberhaupt die
Pilgerreise nach
Mekka antreten will und beabsichtigt, sich hernach als
Hacı nicht weiter mit dem Tagesgeschäft zu befassen.
Auch können Söhne vorzeitig einen vorläufigen Anteil erbeten, der dann jedoch kleiner ausfällt als nach der endgültigen Aufteilung nach des Vaters Tod oder Abtritt.
Voraussetzung ist aber praktisch immer, daß der Erbe selbst Söhne hat, die alt genug sind, beim Weidegang der Herden zu helfen.
Wenn ein verheirateter Sohn den väterlichen Haushalt schließlich verläßt, kann er sich seinen Erbteil aushändigen lassen und seine Frau kann mit der Gründung eines eigenen Haushaltes den mit demütigem und betont fleißigem Verhalten verbundenen Status als „Braut“ (türk.
gelin, dt. etwa „die, welche kommt“) ablegen.
[Anonymus, in: Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 88] Es wird aber zumeist erwartet, dass sich der Sohn mit seiner Frau nicht zu früh nach der Heirat von seinen Eltern löst, da das junge Paar mithelfen soll, die dem väterlichen Haushalt mit der Heirat entstandenen Kosten durch seine Arbeit wieder zu erwirtschaften.
Bei der Teilung des Besitzes wird ein neutraler und respektierter älterer Mann aus der gleichen Lineage oder zumindest aus dem gleichen Clan eingeladen, der bei den möglichen Auseinandersetzungen makeln soll.
Der Anteil der Herde wird gleichmäßig auf alle unverheirateten Söhne verteilt.
[Anonymus, in: Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 89] Der älteste der noch im elterlichen Haushalt lebenden Söhne übernimmt nun die Rolle als Familienoberhaupt. Sind sonst alle Söhne schon „außer Haus“, so muß zumindest der jüngste Sohn bis zum Tod des Vaters im Zelt bleiben, den Haushalt übernehmen und für seine Mutter sorgen.
Abweichend von dem im
Koran geregelten islamischen „
Gesetz“, erben bei den
Yörük die Töchter traditionell nach dem Tod ihres Vaters nicht die Hälfte dessen, was ihre Brüder erhalten.
[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kapitel 3, ca. S. 103, 107 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben] Als ihr Anteil wird dagegen ihre „Mitgift“ erachtet, die sie bei der Hochzeit neben einigen Goldmünzen von ihrem Vater und Schwiegervater erhalten und die zum Beispiel aus einer Nähmaschine oder Textilien bestehen kann.
Der Wert der Mitgift liegt allerdings oft unter dem des Brautpreises.
[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kapitel 3, ca. S. 104, 107 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben] Doch besteht neben dem Haupterbgang der Männer noch ein kleinerer der Frauen. Er ergibt sich daraus, dass die Braut mit der Hochzeit einige Geschenke erhält: die
söletmelik (dt. Pl. etwa „sprechende Geschenke“) von ihrem Ehemann und dessen Familie; einen Bock, der ihr über den Weg getrieben wird und den sie in ihren Sattel heben muß; Ziegen oder Schafe von ihren Schwiegereltern und Schwagern als
indirme, damit sie vom Pferd oder neuerdings vom Geländewagen absteigt; sowie weitere Hochzeitsgeschenke. Diese Werte und diese Tiere mit ihren Nachkommen und die Erlöse aus ihnen bleiben im Besitz der Frauen und werden üblicherweise mit ihrem Schmuck an ihre Töchter weitergegeben.
Auch beim Tod des Ehemannes erbt seine Witwe selbst nichts.[Anonymus, in: Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 85, 88] Die Erbteile für ihre unmündigen Söhne, die von ihr verwaltet werden, muß sie an deren Vormund - meist ein Bruder des Verstorbenen - auszahlen, wenn sie erneut heiraten sollte. Als Ehemann wird sie in der Regel einen Bruder ihres verstorbenen Mannes wählen, gegebenenfalls auch als dessen Zweitfrau. Der Brautpreis ist im Fall einer zweiten Heirat gering und kann auch wegfallen. Wenn die Schwiegerfamilie eine Witwe - unverheiratet mit ihrem eigenen Haushalt als dul kadın - in ihrer Mitte hält und schützt, dann wohl vorrangig wegen derer Kinder, doch mag auch der Besitz, den die Frau von ihrer Mutter übernommen hat, eine gewisse Rolle spielen.[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kapitel 3, ca. S. 104 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben][Anonymus, in: Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 88f] Als drittes, nach Wiederheirat in die Sippe des Verstorbenen oder nach Verbleib als dul kadın, bleibt ihr noch, mit ihren Kindern in den Haushalt ihrer Eltern zurückzukehren.
Halbnomaden
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Schon bei den vollnomadisierenden
Yörük wurde das Zelt in den Hauptweidegebieten manchmal durch einfache, feste Steinhäuser ersetzt. Bei den Halbnomaden wurden feste Häuser in den Winterweidegebieten zur Regel. Bleibt ein Teil der Familie, meist die Männer, auch während des Sommers im Winterweidegebiet, wird hier auf gepachtetem oder gekauftem Land Ackerbau betrieben.
[L. Sanyo & Ch. Schütze, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 97]
Sesshafte
Die klassische Erwerbstätigkeit sesshafter
Yörük als Nachfolge des Nomadismus ist der Ackerbau. Besonders in den Küstengebieten des Mittelmeeres und in den Beckenlandschaften der aus dem Taurus ins Mittelmeer fließenden Flüsse nehmen die
Yörük Anteil an der vehementen Wandlung der bäuerlichen Subsistenzwirtschaft zu einem spezialisierten Erwerbsanbau für den nationalen und internationalen Markt. Typisch dafür ist der Anbau von Tomaten in Gewächshäusern.
Inzwischen sind die Nachkommen nomadisierender Yörük in allen Berufen und Erwerbszweigen zu finden.
Sprache
Die
Yörük sprechen eine alte Form des
Türkischen. Ihre
Dialekte sind fast vollständig frei von
arabischen und
persischen Lehnwörtern und spiegeln das traditionelle Leben als Viehnomaden wider. Bei den
Yörük haben sich alttürkische Wörter, Redewendungen und grammatische Formen erhalten, die im heutigen, alltäglichen Sprachgebrauch der türkischen Bevölkerung meist nicht (mehr) verwendet werden, aber durchaus bekannt sind. (vgl. im Deutschen den Begriff „Weib", der fast nur im Dialekt Verwendung findet)
Oft unterscheidet sich aber nur die Aussprache des Yörükischen von der des Hochtürkischen.
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Unterschiede in der Aussprache
| Deutsch
| Türkisch
| Yörükisch
|
| heute | bugün | böyün
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| hier | burada | borda
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| Unwissenheit | cahillik | caillik
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| schön | güzel | gözel
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| gut | iyi | eyi
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| klein | küçük | gücüg
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| faul | tembel | dembel
|
Unterschiede in der Wortwahl
| Deutsch
| Türkisch
| Yörükisch
|
| ein wenig | biraz | bisel
|
| berühren | dokunmak | değmek
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| wegbringen | götürmek | eletmek
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| schwanger | hamile | gebe
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| blau | mavi | gök
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| Milch | süt | sağan
|
| Tierarzt | baytar | paynar
|
Musik
Während die landläufig als „türkische Musik“ bekannte Mischkultur wesentlich von oft städtischen persischen und arabischen Einflüssen geprägt ist, haben sich vermutlich insbesondere in der Musik der
Yörük ursprüngliche Elemente der Musik bis in unsere Zeit erhalten, die als „türkisch“ im eigentlichen Sinn einzuordnen sein dürften.
[Konrad Witt: Das Lied der Hirten. Musik und Geschichte(n), pp. 141-151, in: Albert Kunze (Ed.): Yörük - Nomadenleben in der Türkei, Trickster, München 1994, ISBN 3-923804-79-2, ISBN 3-923804-22-9, S. 141] Die fortschreitende
Akkulturation der
Yörük in den Dörfern und Städten und auch die der nomadisierenden
Yörük hat jedoch neuerdings dazu geführt, dass deren besondere Kultur und damit auch deren ureigne Musik immer mehr verdrängt werden. Die
„türkische“ Popmusik erklingt inzwischen wie selbstverständlich auch in den Nomadenzelten, in die längst Fernsehgerät und CD-Player Einzug gehalten haben.
[A. Kunze, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 16] Doch bei Festen wie Hochzeiten oder dem
Beschneidungsfest kann sich die eigene Musik der
Yörük immer noch behaupten.
Die Erforschung der Volksmusik der Yörük
1936 wurde der bekannte
ungarische Komponist und
Volksmusikforscher Béla Bartók von der Universität Ankara eingeladen Vorlesungen zu halten, bei der Einrichtung eines Folklore-Archivs mitzuwirken und Erhebungen nach der von ihm entwickelten Methode der musikalischen Feldforschung zu betreiben.
Mittels solcher hatte Bartók bereits auf dem Balkan vergleichende Musiksammlungen erstellt, aus deren Analyse er die spezifisch ungarischen Musikelemente zu erschließen versucht hatte.
Dabei meinte er herausgestellt zu haben, dass das bäuerlich-ungarische Material sich so grundlegend von der städtischen Musik und den umgebenden Musikkulturen der
Rumänen,
Serben,
Slowaken und
Deutschen unterschied, dass er als seinen Ursprung Zentralasien in Betracht zog, von wo die Ungarn ein Jahrtausend zuvor eingewandert sein sollten.
Um diese These zu stützen, nahm Bartók die türkische Einladung an und wählte als Untersuchungsobjekt die nomadischen
Yörük, von denen er sich auch wegen ihrer althergebrachten Wandergewohnheiten eine stärkere Bewahrung der ursprünglichen Musik als bei seßhafteren Ethnien versprach.
[K. Witt, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 142, mit Verweis auf Béla Bartók & B. Suchoff (Ed.), Turkish folk music from Asia Minor, Princeton & London 1976, S. 29f] Der schwierige Weg zu den Winterlagern des
Kumazlı- und des
Tecirli-Stammes, Bartóks Gesundheitszustand und die Weigerung der
Yörük, ihre Frauen vor den (männlichen) Wissenschaftlern singen zu lassen, beschränkten das gesammelte Material schließlich auf 11
Yörük-Melodien von insgesamt 87 auf seiner Türkeireise erfaßten Stücke.
[K. Witt, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 142f] Trotz des geringen Umfanges und der aus Bartóks Unkenntnis der türkischen Sprache bedingten Unvollständigkeit der zugehörigen Daten konnte seine Analyse die Verwandtschaft der alt-ungarischen mit der alt-türkischen Volksmusik untermauern und den Grundstock legen für die wissenschaftliche Bearbeitung der türkischen Volksmusik.
[K. Witt, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 143]
Die deutsche Bearbeitung der türkischen Volksmusik wurde durch den Musikethnologen Kurt Reinhard begründet, der in den 50er Jahren Feldforschungen, vorwiegend in der Südtürkei, betrieb. Er erstellte einen systematischen Katalog des gesammelten Materials, zu dem seine Frau Ursula Reinhard eine Textsammlung bereitstellte.[K. Witt, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 143f] Wenn auch nur ein geringer Teil des von ihm erfaßten Gesamtmaterials (insgesamt über 800 Aufnahmen) von nomadisierenden Yörük stammte, kam er doch zu dem Schluß, daß die anatolischen Volkslieder sich in zwei große Kategorien aufteilen ließen, deren häufigere, die unzun hava, heute eher von semiprofessionellen Musikern aus bäuerlichem Umfeld bevorzugt wird, die andere, die kırık hava, hingegen eher von Hirten.[K. Witt, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 144, mit Verweis auf Kurt Reinhard, Die Musikpflege türkischer Nomaden, Zeitschrift für Ethnologie, 100, 1975, pp. 115-124] Als formendes Moment für die uzun hava stellte Reinhard mit Verweis auf die mißgünstige Haltung des orthodoxen Islam gegenüber jeder Art von Musikausübung den Stil des ezan, des Gebetsrufes des Muezzins, zur Diskussion, verwies aber auch auf die kennzeichnenden Merkmale der Hirtenmusik bei den Turkvölkern, die möglicherweise den langgezogenen Rufen der Hirten mit abfallender Tonfolge entspringen.[K. Witt, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 144]
Das neue Element des Klanglichen
Die
Yörük brachten gemeinsam mit anderen oghusischen Turkstämmen eine Musik in den kleinasiatisch- vorderasiatischen Raum, die ein ganz neues Element in die vor allem persisch und arabisch dominierte Musik brachte: das Element des Klanglichen. Das zeigt sich vor allem in der meist
bordunartigen Mehrstimmigkeit, mit der die lineare, einstimmige Melodik bereichert wird. Diese Mehrstimmigkeit lässt sich vor allem auf mehrsaitigen
Chordophonen erreichen.
Die Instrumente und ihre Verwendungen
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Im Alltag gebrauchen die
Yörük nur wenige Instrumente, deren Eignung für die Mitnahme bei ihren saisonalen Zügen und bei den Weidegängen eine wichtige Rolle spielt.
[K. Witt, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 145] Es sind dies als Blasinstrumente insbesondere die Flöten
kaval und
düdük und als Saiteninstrument die
kemane.
[K. Witt, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 144f] Die langhalsige
kabak kemane mit einem fellüberspannten Kürbis als Resonanzkörper und die kurzhalsige
kemane aus Holz,
wegen ihrer Spielweise auch
tırnak kemençesi ("Fingernagel-
Kemençe") genannt, eignen sich wegen ihrer mindestens zwei, meistens drei, oft vier Saiten bestens für die Ausführung von Bordunen. Sie werden für die Begleitung von Gesängen und auch zum Tanz gespielt.
Auch die in der gesamten Türkei beliebte saz ist auf der yayla zu hören.[K. Witt, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 148]
Weitere Schlaginstrumente sind die besonders für die Region Konya bekannten, jeweils paarweise in einer Hand im Frauentanz aneinandergeschlagenen Holzlöffel (türk. Sg. kaşık), die Rahmentrommel def und unter verschiedenen Namen angeführte Bechertrommeln.
Das Spiel der Hirten auf der kaval-Flöte
Das klassische Hirteninstrument ist die ohne Mundstück und schwer zu spielende Längsflöte
kaval Für die etwa drei Tage benötigende Herstellung im Frühjahr oder Sommer wird zum Beispiel in der Region von
Skopje in Mazedonien, wo schon um 1390 westanatolische
Yörük angesiedelt wurden,
[http://www.research.umbc.edu/eol/4/tammer/index.html: Anthony Tammer, Kavals and Djamares - End-blown Flutes of Greece and Macedonia, Ethnomusicology OnLine (EOL), 4, 1998, unpaginiert, Kapitel 6, ISSN 1092-7336] Eschenholz (
Fraxinus excelsior Linnaeus 1753) des oberen Stammes eines etwa zehnjährigen Baumes verwendet.
[A. Tammer 1998, a. a. O., Kapitel 2] Bei den
Yörük ist die
kaval ein 9-Loch-Instrument mit einem gesonderten Loch unter dem letzten gedeckten Tonloch.
Wie auch in Mazedonien üblich, passen die
Yörük im Taurusgebirge ihr bevorzugtes
[A. Tammer 1998, a. a. O., Kap. 6, mit Verweis auf Kemal Güngör, 1941, Cenubî Anadolu yürüklerinin etno-antropolojik tetkiti, Ideal Basimevi, Ankara 1941] Musikinstrument der Größe des Spielers dadurch an, daß sie für ihre Länge das neunfache seiner Faust berechnen, woraus sich Längen zwischen 70 und 100cm, meist aber 80-90cm, ergeben.
Die
kaval hat für die
Yörük eine legendäre, nahezu heilige,
[A. Tammer 1998, a. a. O., Kap. 6, mit Verweis auf L. Picken, Folk Musical Instruments of Turkey, Oxford U. Press, London 1975, der verweist auf Ali Rıza Yalgın, Cenupta Türkmen Çalgıları (Cenupta: Halk, bilhassa yürüklerde kullanılan müzik aletlerinin teknik ve kıymetleri hakkında etnografya incelemeleri), Adana 1940] Bedeutung. Dieser enge Bezug mag verständlich werden, wenn man das Flötenspiel der Hirten in Zusammenhang mit der Hut der Herden bringt. Besonders die Schafe sollen die vielfältigen akustischen Signale der verschiedenen Hirten auseinanderhalten und gezielt darauf reagieren können.
[K. Witt, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 144f, 148] Schon Wildschafe wie die
Mufflons, die über das gleiche Repertoir an Stimmäußerungen verfügen wie Hausschafe, geben selbst als Warnsignale laute Pfiffe ab.
[Hans Petzsch & Rudolf Piechocki, Urania Tierreich - in sechs Bänden, 6, Urania, Berlin 1986, pp. 1-604, S. 559] So erscheint es naheliegend, dass Lock- und Leitrufe der Hirten in Gesang oder Flötenspiel eingebunden wurden.
Insbesondere auch in der Dunkelheit bietet das beständige Flötenspiel dem Hirten nämlich eine Hilfe, die Herde sicher zu führen, so dass die
Yörük-Jungen alle zumindest die
düdük spielen können müssen, wenn sie im Alter von etwa zehn Jahren ihre Hütetätigkeit beginnen.
Diese
düdük, einer Blockflöte gleichend, kleiner als die
kaval und aus Schilfrohr, ist leicht zu spielen und ersetzt heute oft auch schon die
kaval.
[K. Witt, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 144, 171]
Die Flöte wird von den Yörük meist für Stücke der uzun hava eingesetzt, doch bestehen auch Tanzstücke für die kaval. Außergewöhnliche Könner unter den Yörük konnten im Kavalspiel regelrecht Ruhm erlangen, wie im 19. Jahrhundert „Old Mustafa“, der bei allen Yörük bekannt gewesen sein soll. Wenn er seine Lippen an die kaval legte, so hieß es, könne man in der Musik den Klang der Kamelhufe auf der Karavane hören, das Tönen ihrer hellen und dumpfen Glocken, das Meckern der Schafe mit ihren Glöckchen, das Muhen der Rinder, das Rufen fer Hirten, den Gesang jedes einzelnen Vogels, darunter den Schuß des Gewehres, das Weinen des Yörük-Neugeborenen und den Schrei des Adlers.[A. Tammer 1998, a. a. O., Kapitel 6, mit Verweis auf Ali Tanyıldız, Honamlı Yörükleri, Tokoğlu ofset, Isparta 1990] Berühmt ist in der gesamten Türkei auch die symbolträchtige Legende von dem schwarzen Schaf (türk. kara koyun):
- Einem einfachen Hirten, der um die Hand der Tochter seines reichen ağa bittet, stellt dieser eine schwere Probe. Er möge sie zur Frau erhalten, wenn es ihm nur gelänge, seine Schafherde, die eine Woche lang nur mit Salz gefüttert und nicht getränkt werden dürfe, allein mit Hilfe seines Flötenspieles an einer Quelle vorbeizuführen, ohne daß auch nur eines der Tiere davon tränke. Der Hirte spielt nun auch wirklich in seiner Verliebtheit so betörend, daß ihm die Herde folgt, doch der Leithammel kara koç (dt. „schwarzer Bock“) will nicht gehorchen. Oft lautmalerisch mit der kaval instrumental dargestellt, schildert die Erzählung darauf den innigen Dialog zwischen dem schwarzen Bock und dem Hirten, dem es am Ende glückt, die Herde vorbeizulenken.
Das davul-zurna-Duo auf den Tanzfesten
Besonders die getanzten
kırık hava, sehr rhythmische Lieder mit einem engen Tonumfang, brauchen eine Unterstützung durch Schlaginstrumente. Hier dominiert die überall in der Türkei beliebte große Trommel
davul, oft in einem Duo mit der
zurna, einem Oboeninstrument. Häufig lassen die
Yörük ihre eigenen Tanzstücke bei großen Feiern - wie Hochzeiten und Beschneidungen - gegen Bezahlung von Berufsmusikern spielen, die von den
Roma abstammen.
Strittig ist, ob
davul und
zurna weniger Instrumente der
Yörük als vielmehr dieser
Çingene (dt. „
Zigeuner“) sind, die vormals Wandermusikanten waren. Für die
Yörük soll die Verwendung der
davul bei Begräbniszeremonien und bei den
ağıt genannten Klageliedern historisch bezeugt sein.
[K. Witt, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 145] Der türkische Forscher Üngör nahm daher an, sie sei besonders wegen ihres eindrücklichen Klanges bei vorislamischen Krankenheilungen verschiedener Turkstämme eingesetzt worden.
Die schon im 11. Jahrhundert beschriebene
tümrük der Seldschuken ist mit der
davul nahe verwandt.
Osman I. brachte die
davul als königliches Symbol in die türkische Flagge und Standarte ein.
Die bağlama in der Tradition der aşık
Die in der Türkischen Volksmusik sehr beliebten und viel genutzten
bağlama (von
bağlamak, dt. „binden“) sind mit verschiebbaren Bünden versehene Langhalslauten verschiedener Größe und werden meist vereinfachend
saz genannt. Sie sind hervorragend für die Ausführung von Bordunen geeignet und begleiten bevorzugt Liebeslieder, Balladen, Preislieder und Totenklagen im Stil der
uzun hava.
[K. Witt, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 146] Dies entspricht ihrer Tradition als Instrument der
aşık genannten Wandermusiker, die wenigstens in das 16. Jahrhundert reicht, in welchem der berühmte
Pir Sultan Abdal aus dem
Bektaşı-Orden wirkte, dem zugeschrieben wird, die Musikgattung nachhaltig geprägt und viele bis heute vornehmlich von den Aleviten gespielten Lieder verbreitet zu haben.
[K. Witt, in: A. Kunze (Ed.) 1994, a. a. O., S. 145]
Literatur
- Peter Alford Andrews: Ethnic Groups in the Republic of Turkey. In: H. Gaube & W. Röllig (Eds.): Beihefte zum TAVO (Tübinger Atlas des Vorderen Orients), Reihe B, Nr. 60.1, Reichert, Wiesbaden 2002, 664 S., ISBN 3-89500-297-6.
- Peter Alford Andrews (Ed.): Ethnic Groups in the Republic of Turkey - Supplement and Index. In: H. Gaube & W. Röllig (Eds.): Beihefte zum TAVO (Tübinger Atlas des Vorderen Orients), Reihe B., Nr. 60.2, Reichert, Wiesbaden 2002, 322 S., ISBN 3-89500-229-1.
- Jutta Borchhardt: Von Nomaden zu Gemüsebauern: Auf der Suche nach yörük-Identität bei den Saçıkaralı in der Südwesttürkei, (Göttinger Studien zur Südwest-Türkei; 5). Münster 2001. ISBN 3-8258-4470-6
- Ulla C. Johansen: Elli yıl önce - Türkiye'de yörüklerin yayla hayatı (Vor fünfzig Jahren - Nomadenleben auf Sommerweiden der Türkei), T. C. Kültür ve Turizm Bakanlığı, Ankara 2005, 168 S.
- Barbara Kellner-Heinkele: Yörük. In: Encyclopedia of Islam, CD-ROM-Edition, XI:351a. Leiden 2003, ISBN 90-04-11040-2.
- Yaşar Kemal: Das Lied der Tausend Stiere, 1. Aufl., Zürich 1979 (türk. Original: Bin boğalar efsanesi, Istanbul 1971), ISBN 3-293-20086-9.
- Albert Kunze (Ed.): Yörük - Nomadenleben in der Türkei, Trickster, München 1994, 176 S., ISBN 3-923804-79-2, ISBN 3-923804-22-9.
- Douglas White und Ulla Johansen: Network Analysis and Ethnographic Problems: Process Models of a Turkish Nomad Clan, Lexington Books, Lanham et al. 2004, ISBN 0739108964.
Quellen
Türken | Asiatische Ethnie | Europäische Ethnie | Türkei
Yörük | Yörük