article

Wolfgang "Wolle" Kriwanek (* 29. Dezember 1949 in Stuttgart-Stammheim; † 20. April 2003 in Backnang) war ein deutscher Sänger.

Anfänge


Er wurde oft als der Schwaben-Rocker bezeichnet, denn Wolle Kriwanek verband als einer der ersten Musiker Blues und Rockmusik mit Dialekt im allgemeinen und dem Schwäbischen im Besonderen. Als sein Erweckungserlebnis gilt ein Mitte der 1960er Jahre im Fernsehen übertragenes Konzert von Mahalia Jackson, das er später im Lied Sing Hallelujah beschrieb. Ein Vollbart und die Lockenmähne im Afro-Look trugen zu seinem Spitznamen Wolle bei.

Die ersten Versuche Ende der 1960er Jahre, mit schwäbischen Texten den Blues zu singen, stießen allenthalben auf Unverständnis, insbesondere beim Stuttgarter Radiosender SDR. Blues könne man nur auf Englisch singen, und auf Deutsch nur Volksmusik, hieß es. Die Überlegung, dass englischsprachige Musiker auch nicht in Oxford English singen, sondern in ihrer jeweiligen Umgangssprache, konnte noch nicht nachvollzogen werden.

Als erster Erfolg gilt sein Sieg beim Schlagerwettbewerb auf dem Backnanger Straßenfest im Jahre 1971, eine Premiere sowohl für Fest, Wettbewerb als auch Sänger. Dieser schwäbischen Stadt blieb er zeitlebens verbunden. Zehn Jahre später etwa trat er zusammen mit den Schulz Bros. wieder auf der Bühne am Obstmarkt auf, nur wenige Meter von der Wohnung entfernt, in die er später einzog. Zudem war er lange Jahre Juror beim Nachwuchsfestival des Straßenfestes.

Werke


Im Jahre 1975 ebnete sowohl sein Sieg beim SDR-Wettbewerb "Bester Liedermacher von Baden-Württemberg" als auch der Erfolg von Udo Lindenberg dem Schwaben den Weg in die Massenmedien, etwa zu einem Auftritt bei der ZDF-Drehscheibe mit Lila Tilla, allerdings eher in massenkompatiblem Hochdeutsch gesungen. Das von einem Ragtime-Klavier unterlegte Spottlied über die farblichen Vorlieben einer Dame findet sich auf dem Sampler Deutsche Schlager 1973 - 1976.

Trotz aller Unkenrufe verband er in seinem Bad'Wanna Blues, in dem schlicht das traditionelle Wannenbad am Samstagabend (vor der ARD Sportschau) beschrieben wird, die englische und schwäbische Sprache auf doppeldeutige Weise ("Dann feel I me so wohl, vom Kopf bis runter zur soul"), wie später noch z.B. in Reggae Di uff?.

Kriwaneks Karriere war seit 1975 geprägt von der kongenialen Zusammenarbeit mit Paul Vincent Gunia, einem vielseitigen Musiker, der fast alle Lieder zusammen mit Wolle schrieb und dessen schwäbischen Gesang mit einprägsamer Slide-Guitar kräftig unterstützte. Ende der 1970er bis Anfang der 1980er brachten die beiden mehrere LPs heraus, meist als "Wolle Kriwanek & Schulz Bros.".

Als Kriwaneks bekanntestes Lied gilt die Stroßaboh, eine musikalische Hetzjagd nach der letzten Straßenbahn der Linie 5, die an diesem Abend jedoch ohne den Sänger abfährt. Dieser dynamische Song, der auch 20 Jahre später noch gut in den Soundtrack von Lola rennt gepasst hätte, wurde auch in einer englischen Version aufgenommen. Im Ausland wurde der Song aber vor allem wegen des "Gehechels" von Kriwanek berühmt, dass die des Schwäbischen nicht hinreichend mächtigen weniger mit dem Hecheln nach Luft beim Rennen zur Straßenbahn verstanden...

Einen ironischen Kommentar auf den damaligen Weltraum-Boom (Erich von Däniken, "Unheimliche Begegnung der dritten Art") sowie das Selbstverständnis der Schwaben erhält das UFO, bei dem ein Wanderer von einer Fliegenden Untertasse besucht wird. Der Versuch, den neugierigen Touristen aus dem Weltall artig auf Hochdeutsch Auskunft zu erteilen, scheitert an deren Aufforderung "Mensch, schwätz weiter schwäbisch, wie mir au!".

In den drei winterlichen Liedern Draußa em Wald, Es schneielet und En meiner Stuaba entwickelt Kriwanek kleine Volkslieder weiter zum "guten alten schwäbischen Blues" oder gar zum "Rrrrock! ... Let's fetz!".

Der geschäftstüchtig(er)e Landsmann Gotthilf Fischer samt dessen Fischer Chören wurden humorvoll-kritisch in Wir singen für Millionen auf die Schippe genommen. Aber auch über die Grenzen des Ländle hinaus hat sich Kriwanek gewagt, etwa in die berüchtigte Hamburger Herbertstr., an deren Ende jedoch die schwäbische Sparsamkeit obsiegt.

Selbst die Auszählreime von Kindern dienten als Ausgangspunkt für philosophische Betrachtungen über das Leben des "kleinen Ralf, der Hänsle heißt", der in Enne Denne Dubbe Denne durch willkürliche Entscheidungen Dritter gebeutelt wird und am Ende gar von Petrus am Himmelstor per Kinderreim ausgezählt wird.

Einige Lieder beschreiben ironisch die Träume von Kleinbürgern, so etwa dem Büroangestellten, der im Monumental-Epos Babylon untermalt von trompetenden Kriegselefanten von einem Leben als Pharao samt grenzenlosem Reichtum und Macht phantasiert, also von "Frauen, a Geld, Soldaten, a Grundstück ond a Haus". In Easy Rider verzählt sich der Bankangestellte beim Träumen von der Harley-Davidson, während sich der arrogante Fahrer eines Mercedes 500SE im so genannten "PS-Walzer" I fahr Daimler als Chauffeur in Uniform entpuppt.

Anfang der 1980er war Wolle Kriwanek zumindest im 3. Fernsehprogramm des Südwestens (Südwest 3) ein häufiger Gast, u.a. bei einem Auftritt zusammen mit Caterina Valente. Dann brach jedoch die Neue Deutsche Welle mit ihren vielen Eintagsfliegen über einen ihrer Vorreiter herein. Mitte der 1980er kehrte Wolle Kriwanek dem unsteten Leben als Profimusiker den Rücken und in seinen ursprünglichen Beruf als Lehrer zurück, mit neuem Wohnsitz in Backnang.

Nebenbei machte er weiterhin solide Musik mit der "Wolle Kriwanek Band", jedoch mit deutlich geglätteten, vermeintlich eher kommerziell verwertbaren (hoch)deutschen Texten, denen aber das urige schwäbische G'schmäckle der früheren Jahre fehlt. Weitere Bandmitglieder:

Für mehrere sportliche Anlässe hat er Hymnen beigesteuert, so Ready, Steady, Go! für die Leichtathletik-EM 1986 in Stuttgart, für die Silver Arrows von Mercedes in der Formel 1, Stuttgart kommt! für den VfB Stuttgart.

Sein letztes Werk war der Song zur innerdeutschen Bewerbung von Stuttgart für die Olympischen Spiele 2012.

Biographie


Aufgewachsen im Stuttgarter Stadtteil Stammheim. 1969 machte er sein Abitur am Wirtschaftsgymnasium in Stuttgart und studierte anschließend bis 1972 Englisch und Geographie an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg. Von 1972 bis 1974 unterrichtete er an der Sonderschule für Lernbehinderte in Ditzingen, um dann von 1974 bis 1976 an der Fachhochschule Reutlingen Lernbehinderten- und Verhaltensgestörtenpädagogik zu studieren. Das 2. Staatsexamen legte er im Zeitraum von 1976 bis 1980 an der "Metter"-Schule (Schule für Lernbehinderte) in Bietigheim-Bissingen ab.

Die Musikkarriere startete 1975, von 1980 bis 1988 war er als Profi-Musiker auf Tour.

Wolle Kriwanek kehrte 1986 in seinen Beruf als Sonderschullehrer zurück und arbeitete an der Bodenwaldschule der Paulinenpflege Winnenden, einer Sonderschule für Erziehungshilfe in Winnenden.

In den 1990er Jahren schrieb er in der überregionalen Zeitung "Sonntag Aktuell" eine Kolumne über Nachwuchsmusiker.

1996 wurde er der erste Vorsitzende der Rockstiftung Baden-Württemberg mit Sitz in Baden-Baden. Aus dieser Initiative entstand 2003 die Popakademie Baden-Württemberg GmbH in Mannheim, Deutschlands erste Hochschule an der Künstler und Musikmanager ein fundiertes Studium belegen können.

Die Ursache für seinen plötzlichen Tod am Ostersonntag 2003 war vermutlich der Bruch einer Schlagader, der auf eine angeborene Herz-Gefäßschwäche zurückging.

Diskografie


Alben auf LP bzw. CD

  • 1977: Kopf oder Zahl
  • 1977: Schwäbische Trilogie
  • 1980: Wolle Kriwanek & Schulz Bros.
  • 1981: Let's fetz
  • 1982: Kriwanek & Vincent
  • 1983: Außer Betrieb
  • 1984: Schwabenrock (Best of ...)
  • 1988: So und nicht anders
  • 1992: Hot Wollé
  • 1993: Bescht of... live
  • 1995: Gute Unterhaltung
  • 2002: Zucker & Salz
  • 2003: Das Beste aus 28 Jahren
  • 2003: Spätlese

Songs bzw. Singles

  • 1976: Badwanna Blues / Denn I Mog Di
  • 1977: Lila Tilla
  • 1978: Kopf oder Zahl
  • Stroßaboh / UFO
  • Enne denne dubbe denne / Babylon
  • Reggae Di uff?
  • I fahr Daimler (der PS-Walzer)
  • Total kaputt in Hollywood (Charles Bukowski zum 60.)
  • Easy Rider / Außer Betrieb
  • Frauen in Uniform / Komm vorbei
  • Auf'm Wasa
  • Die große Flut
  • Faul wie d'Sau
  • Gib deim Herz n Stoss
  • Gute Unterhaltung
  • In meiner Stube
  • Kopf hoch, Fritz
  • Morgasonn
  • Schwätzer
  • Schwobablues (Es schneielet, es beielet)
  • Sing Hallelujah
  • 1996: Stuttgart kommt

Auszeichnungen


  • 1967: Zweiter Preis beim SDR-Nachwuchs-Wettbewerb – Beste Amateurband von Baden-Württemberg
  • 1971: Erster Preis beim Sängerwettstreit auf dem Backnanger Straßenfest
  • 1975: Erster Preis beim SDR-Wettbewerb – Bester Liedermacher von Baden-Württemberg
  • 2000: Der Regionaut (heute: Hans Peter Stihl-Preis) 2000 des Forum Region Stuttgart

Siehe auch


Weblinks


  • http://www.wollekriwanekband.de/
  • http://www.wollekriwanek.de/wk.html (offizielle Webseite, benötigt Flash)
  • http://shop.luxusmusik.de (Paul Vincents Webseite mit Hörproben)
  • http://vincentrocks.de/ Die Band macht weiter!

Mann | Deutscher | Rocksänger | Schwäbische Kultur | Geboren 1949 | Gestorben 2003

 

This article is licensed under the GNU Free Documentation License. It uses material from the "Wolle Kriwanek".

Home Pageartsbusinesscomputersgameshealthhospitalshomekids & teensnewsphysiciansrecreationreferenceregionalscienceshoppingsocietysportsworld