(Hans Otto) Wolfgang Neuss (* 3. Dezember 1923 in Breslau; † 5. Mai 1989 in Berlin) war ein Kabarettist und Schauspieler.
Während des Krieges ist er zunächst beim Straßenbau im Arbeitsdienst, dann ab 1941 Soldat an der Ostfront. Er wird mehrmals verwundet und umgeht den Einsatz als MG-Schütze, indem er sich einen Finger abschießt. Kurz vor Kriegsende flieht er nach Dänemark. Die letzte Zeit erlebt er im Internierungslager in Flensburg.
Bereits während seiner Lazarettzeiten und im Lager organisiert er bunte Abende, erzählt Witze und tritt als Komiker auf. Aus diesem Talent macht er einen Beruf und ist fortan in Deutschland als Kabarettist unterwegs. Erste Engagements folgen. 1949 lernt er Wolfgang Müller kennen, mit dem er sich auf Anhieb versteht. Fortan sind die beiden als Duo ("Die zwei Wolfgangs") unterwegs.
1950 gehen sie nach Berlin und werden am Kabarett Die Bonbonniere engagiert. Im selben Jahr erhält Neuss seine erste Filmrolle. Zwei Jahre später landet das Duo bei den Stachelschweinen. Neuss schreibt Stücke, spielt Theater und führt Regie im Kabarett. Neuss/Müller fallen 1955 nach einer Theateraufführung von Kiss me Kate auf und erhalten fortan ein Filmangebot nach dem anderen. Auch als Sänger werden sie bekannt (unter anderem Schlag nach bei Shakespeare oder Ach, das könnte so schön sein...).
Ein Schicksalschlag zerstört die Erfolgsgeschichte: Wolfgang Müller stirbt 1960 während der Dreharbeiten zu Das Spukschloss im Spessart bei einem Flugzeugabsturz in der Schweiz. Wolfgang Neuss wird mit den Worten "Jetzt brauchen wir Sie auch nicht mehr" von den Dreharbeiten zu diesem Film entlassen. Er macht allein weiter und geht mit Soloprogrammen auf Tournee. 1962 sorgt er für einen Eklat, als er mittels einer Zeitungs-Werbeannonce dem Publikum den Mörder im Durbridge-Krimi Das Halstuch, der im Fernsehen gesendet werden soll, vorab verrät - um so mehr Menschen zu seinem eigenen Film Genosse Münchhausen ins Kino zu locken. Dies bringt ihm sogar Morddrohungen ein. Die Durbridge-Krimis waren in dieser Frühzeit des deutschen Fernsehens ein heute fast nicht mehr vorstellbarer, gewaltiger Publikumserfolg, von der ganzen Nation gebannt verfolgt. Die Bild-Zeitung drehte nach Neuss' Gag wieder mal völlig durch und bezeichnete ihn als "Vaterlandsverräter".
Trotz des Verlustes seines Kabarettpartners schafft Neuss es an die Spitze der deutschen Kabarettisten. Er bringt den DDR-Barden Wolf Biermann nach Frankfurt und veranstaltet mit ihm ein gemeinsames Programm. Doch sein Erfolg verblasst langsam. Seine Auftritte sind zwar noch ausverkauft, werden aber von der Kritik verrissen. Er fällt durch Drogenkonsum auf. Politisch macht er sich zunächst für die SPD, dann für die APO stark und nimmt an Demonstrationen, Sit-Ins und anderen politischen Aktionen teil - mal auf der einen, mal auf der anderen Seite. Seine Kabarettauftritte sind zunehmend schlechter besucht.
1969 verabschiedet er sich von der Bühne und vom Fernsehen, geht eine Zeit lang nach Chile, kehrt zurück und wird bei der erneuten Einreise als Volksaufwiegler verhaftet und abgeschoben. Abgesehen von seinem letzten Kinofilm Chapeau Claque (1974), sieht und hört man während der 1970er Jahre fast nichts mehr von Neuss. 1979 macht er Schlagzeilen, als er wegen Besitzes von Haschisch und LSD zu acht Monaten Freiheitsstrafe mit Bewährung verurteilt wird.
Anfang der 1980er Jahre feiert er sein Comeback auf der Bühne und im Fernsehen, schreibt für Zeitungen und nimmt Platten auf. Eine Talk-Show mit Richard von Weizsäcker ist, laut Stern, wo er in den 80er Jahren wöchentlich eine Kolumne hat, die Show des Jahres. Für sein Kabarett-Programm Neuss vom Tage im WDR erhält er den deutschen Kleinkunstpreis.
1987 wird er erneut wegen Drogenbesitzes zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Als zahnloser Späthippie (Indianerfrau) wird er zur lebenden Legende in Berlin. Im Jahr darauf, an seinem 65. Geburtstag, verabschiedet er sich endgültig von seinem Publikum.
Am 5. Mai 1989 stirbt Wolfgang Neuss, nachdem noch bis wenige Tage vor seinem Tod ein Dokumentarfilm über ihn gedreht wurde. Auf seinen Wunsch hin wird er neben seinem Partner Wolfgang Müller beerdigt. Er hinterlässt eine Tochter und eine Ehefrau. Franz Josef Degenhardt, einer von Neuss' Partnern beim "67er Quartett", widmet ihm mit "Der Trommler" ein "Requiem".
Neuss war ein Vieldreher. Er drehte mehrere Filme in einem Jahr, zehn Filme allein 1955. Insgesamt war er in 53 Filmen zwischen 1950 und 1967 und in einem 54. und letzten 1974 zu sehen. Auch im Fernsehen trat er oft auf.
Biografien schrieben 1983 Gaston Salvatore unter dem Titel "Der Mann mit der Pauke" und 1981 sein Freund und literarischer Nachlassverwalter Volker Kühn unter dem Titel "Das Wolfgang Neuss Buch".
"Auf deutschem Boden darf nie wieder ein Joint ausgehen" ist eins seiner berühmtesten Zitate.
Mann | Deutscher | Kabarettist | Schauspieler | Geboren 1923 | Gestorben 1989
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