Ein Witz ist ein kurz formulierter Sachverhalt, der in der Pointe die plötzliche Option eröffnet, dem angebotenen Sachverhalt nicht mehr mit dem gebotenen Ernst zu begegnen. Im Moment, in dem der Witz in Gesellschaft erzählt wird, pflegen die Zuhörer den heiklen Positionswechsel durch das Lachen zu signalisieren - in der Gruppe muss sichtbar bleiben, was letztlich ernst ist, und was nicht. Der Witz findet seine besonderen Entfaltungsformen vor allem in zwanghaft mit dem Gebot zum Ernst ausgelegten Bereichen. Siehe hierzu auch den Artikel Humor.
Witz bezeichnet aber auch in sprachlich altem Sinne in witzlos den Verstand oder den Kern einer Sache, den Clue.
Das ursprünglichere Konzept von „Witz“ entspricht aber etwa dem heutigen Sachverstand und hat sich in einigen deutschen Wörtern erhalten: witzlos („ohne Zweck“, „blöde“: Das ist witzlos „Das bringt nichts“), Mutterwitz („Bauernschläue“), Spielwitz („Taktik“) und Aberwitz (mit aber- „darüber hinaus“, vergl. Aberglaube: „über den Verstand hinausgehend“, im ursprünglichen Sinne also „transzendent“).
Analog ist auch der Gebrauch in der Redewendung Die Sache ist nicht ohne Witz.
Im 19. Jahrhundert ist die Bedeutungswandlung zum heutigen Verständnis aber schon abgeschlossen, und ein französisches Lehnwort bietet sich als Variante: Clou (aus lateinisch clavus wörtlich „Nagel“, vergl. Den Nagel auf den Kopf treffen): Eine auszeichnende Besonderheit, eine herausragende Situation oder ein guter, unerwarteter Einfall, der Kern der Sache, der Schlüssel zu einer Lösung.
siehe auch die Pointe
Witze finden ihre Sujets in allen Bereichen, die mit Geboten zu ernsthaftem Verständnis, Mitgefühl, menschlicher Wärme und Achtung ausgestattet sind: Sprachwitze erlauben es, der Bedeutungsausstattung der Sprache nicht länger ernst gegenüberzustehen, Sex-Witze erlauben es, dem mit Tabus und der Aufforderung zu Intimität und Mitgefühl belegten Bereich mit Weigerungen des eingeforderten Ernstes zu begegnen. Politische Witze erlauben es, einem politisch repressivem Regime mit einer Verweigerung des eingeforderten ernsthaften Respektes zu begegnen. Witze über Krankheit und Tod gedeihen im "schwarzen Humor" in den Feldern, die mit letzter Konsequenz Ernst einfordern.
Witze werden in der Regel nach standardisierten Konstruktionsschemata gebildet. Eine Erzählung wird etwa mit drei Steigerungen ausgestattet. Unter den Zuhörern besteht das Vorwissen, dass die letzte Steigerung die Situation so grotesk werden lässt, dass niemand die angebotene Geschichte länger ernst nehmen muss. Standard ist hier der Witz, der etwa einen Amerikaner, einen Franzosen und einen Russen vor ein ernsthaftes Problem stellt, ersterer verhält sich in der Situation bereits merkwürdig, zweiterer steigert dies, letzterer jedoch agiert ganz offenbar grotesk, womit das Signal zur Distanzierung vom situationsgebotenen Ernst gegeben ist.
Nicht minder beliebt ist die Konstruktion mit einer Frage, auf die eine unerwartete Antwort gegeben wird - der Zuhörer gibt für sich die eingeforderte Antwort, der Erzähler die Antwort, von deren Ernst sich jeder befreien kann. Die Witze mit der Eröffnung "Frage an Radio Eriwan" folgen diesem Konstruktionsschema.
Die doppelte - riskante und unriskante - Bedeutung von Worten gewinnt im Witz häufig Funktion: Weiß Ferdl betritt in den Tagen des Nationalsozialismus die Bühne mit einem Hitlerbild, sucht einen Platz, um es an die Wand zu hängen, stellt es dann auf dem Boden ab und überlegt endlich laut: "Man weiß nicht, ob man ihn aufhängen oder an die Wand stellen soll" - das ist maximal ernst formuliert im Sinne von "Hitler durch den Strang oder ein Erschießungskommando exekutieren", es erlaubt gleichzeitig die Befreiung vom Ernst der Situation - der Kabarettist kann sich darauf zurückziehen, hier dem Bild doch nur den eingeforderten Respekt erwiesen zu haben; es ist angeblich würdig, in allen Amtsstuben und Klassenzimmern zu hängen.
Die Erzählung des Witzes pflegt Gruppenkonsens einzufordern und vorauszusetzen. Es gibt Insiderwitze, über die nur lachen kann, wer den Sachverhalt, etwa ein bestimmtes Computerproblem, in seinem Ernst versteht. Heikel ist es in der Regel darum auch, als Fremder mit einer Gruppe mitzulachen, in der ein Witz erzählt wird (etwa auf einer Eisenbahnfahrt im Gruppenabteil). Das Lachen der Gruppe erstirbt meist, sobald ein Außenstehender mitlacht. Es ist erst einmal nur den Gruppenmitgliedern erlaubt, sich vom Ernst des Themas zu distanzieren. Wer nicht dazugehört, darf sich nicht unaufgefordert über etwas erheben, was der Gruppe letztlich gerade sehr ernst ist.
Sigmund Freud befasste sich mit dem Witz, in dem er eine Technik des Unbewussten zur Einsparung von Konflikten und zum Lustgewinn sah. Durch die emotionale Solidarisierung mit Gleichgesinnten wirkt der Witz nach Freud gegen Autorität, gegen Sinn - oder auch gegen Andersdenkende.
Symptomatisch ist am Ende, dass der Witz verfliegt, sobald man ihn erklärt. Im Moment der Erklärung wird der Pointe das Überraschungsmoment genommen, sie ist nicht länger Auslöser der Distanzierung vom eingeforderten Ernst. Stattdessen wird gerade geklärt, was der Ernst der Situation ist und damit wieder das Gebot zum Ernst hergestellt.
Humor Sprache Witz Erzählforschung
Witz | Vittighed | joke | grap | Piada | Анекдот | skämt | וויץ