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Unter Wirtschaftswachstum versteht man die relative Änderung der Wirtschaftskraft einer Volkswirtschaft von einer Periode zur nächsten. Als Maßstab dient in Deutschland normalerweise das Bruttoinlandsprodukt (BIP) oder das Bruttonationaleinkommen (früher Bruttosozialprodukt bzw. BSP).

Das Wirtschaftswachstum ist in Deutschland aufgrund seiner angenommenen Wichtigkeit als eine Grundbedingung im Stabilitäts- und Wachstumsgesetz (StWG) rechtlich verankert, auch wenn es schlecht erzwingbar ist.

Es gibt Unterschiede in der Berechnung des Wirtschaftswachstums in verschiedenen Regionen, weshalb die Werte international nicht problemlos miteinander verglichen werden können.

Varianten


Reales und nominales Wirtschaftswachstum

OECDWachst.PNG | BIPBRD5004.PNG]] Man kann zwischen realem und nominalem Wirtschaftswachstum unterscheiden. Im nominalen Wirtschaftswachstum wird das Wachstum als monetäre Änderung des BIP beziehungsweise des Bruttonationaleinkommens definiert. Dagegen wird beim realen Wirtschaftswachstum die Preissteigerung herausgerechnet. Gemessen wird nach diesem Konzept die eigentliche reale Leistungssteigerung der Gesamtwirtschaft. Die reale Herangehensweise ist also aussagekräftiger.

Reales Wachstum und Preisindex
Bei der Ermittlung von "realen" Wachstumsraten wird vom unmittelbar gemessenen Wachstum des Bruttoinlandsprodukts die Veränderungsrate des durchschnittlichen Preisniveaus, die Veränderungsrate des allgemeinen Preisindex, abgezogen. Das Wachstum soll nicht steigende Preise widerspiegeln, sondern nur das Wachstum der "realen" Produktion. Damit hängt das statistisch ausgewiesene reale Wachstum auch davon ab, wie der Durchschnittspreis des Bruttoinlandsprodukts oder des privaten Konsums, wenn man diesen Preisindex für die Berechnung des realen Wachstums verwenden möchte, berechnet wird. Eine besondere Schwierigkeit liegt bei Qualitätsveränderungen vor. Spiegelt ein steigender Preis nur eine reine Preiserhöhung wider? Dann darf diese Preiserhöhung nicht als "Wachstum" erscheinen. Oder spiegelt die Preiserhöhung eine Qualitätsverbesserung wider? Dann ist es eigentlich keine Preiserhöhung, sondern Wachstum. Das Statistische Bundesamt hat bei der Bestimmung der Veränderung der Preisindizes schon immer Qualitätsveränderungen berücksichtigt. Doch inzwischen soll dies durch die sogenannte hedonische Ermittlung der Preise besser geschehen. In den USA und Großbritannien wurde damit begonnen und ist inzwischen international üblich. Wenigstens in den USA liegen so die Wachstumszahlen höher als bei der bisherigen Berechnung.

Intensives und extensives Wirtschaftswachstum

Eine weitere Unterscheidungsmöglichkeit ist die nach intensivem und extensivem Wachstum. Von extensivem Wachstum spricht man, wenn es auf den Einsatz von mehr Ressourcen, etwa mehr Arbeitskräften, zurückzuführen ist. Bei der Sowjetunion beispielsweise wurde behauptet, dass ihr Wachstum in erster Linie darauf zurückzuführen war, dass immer mehr Rohstoffe verbraucht wurden, und nur dadurch auch immer mehr produziert werden konnte. Die Arbeitsproduktivität konnte dagegen viel weniger gesteigert werden.

Intensives Wachstum liegt nur vor, wenn das Pro-Kopf-Einkommen steigt.

Quantitatives und qualitatives Wachstum

Das Wirtschaftswachstum wird häufig nicht nur als Maß für das Wachstum der Wirtschaftsleistung, sondern auch als Maß für das Wachstum des Wohlergehens einer Gesellschaft gebraucht, ist dafür aber nur bedingt geeignet. Beispielsweise steigt bei einer Epidemie der Umsatz von Pharma-Unternehmen und so unter Umständen auch die Wirtschaftsleistung, jedoch geht es vielen Menschen in so einem Fall schlechter, nicht besser. Aus diesem Grund gibt es die Unterscheidung quantitatives Wachstum und qualitatives Wachstum.

Wachstumsmodelle


Hauptartikel: Wachstumstheorie

Die Wachstumstheorie hat zahlreiche Modelle zum Wirtschaftswachstum hervorgebracht. So z. B.

Grenzen des Wachstums


Der Möglichkeit eines ewigen Wachstums widersprach u.a. der Club of Rome und bezog sich auf den Bericht von Dennis Meadows über die "Grenzen des Wachstums". Dabei wurden die Knappheit von Rohstoffen und natürlichen Ressourcen wie sauberer Luft und sauberem Wasser als Hindernisse für ewiges Wachstum genannt. In verschiedenen durchgerechneten Szenarien sind dramatische Entwicklungen für die Zeit um das Jahr 2030 vorhergesagt worden. Es handelte sich bei diesen Berechnungen nach eigenen Angaben nicht um Prognosen, sondern um den Versuch, die komplexen Voraussetzungen für menschliches Wirtschaften zu untersuchen und mögliche Entwicklungen in der Zukunft darzustellen.

Die drastischsten Szenarien sind bislang nicht im befürchteten Ausmaß eingetreten. Am deutlichsten wahrnehmbar ist wohl die globale Erwärmung, die nach gegenwärtigem Stand des Wissens maßgeblich aufgrund des zunehmenden Kohlendioxidgehalts der Atmosphäre durch menschlichen Einfluss mitbestimmt wird - die aber von den Autoren der Studie bei der Erstellung der Szenarien noch nicht einmal berücksichtigt worden ist.

In zwei weiteren Publikationen, "Die neuen Grenzen des Wachstums" von 1992 und "Limits to Growth: The 30-Year-Update" von 2004 errechneten die Autoren weitere Szenarien mit aktualisierten Daten. In der jüngsten Publikation spielt besonders das Konzept des ökologischen Fußabdrucks sowie die Vorstellung von Überschreitung und Kollaps ("overshoot and collapse") eine große Rolle. Danach befindet sich die Erde derzeit in einem Zustand der Überbeanspruchung, der nicht lange aufrecht erhalten werden kann und der auch bei konsequent eingeführten Umweltstandards je nach Szenario wahrscheinlich zwischen 2040 und spätestens 2100 zu nicht kontrollierbaren Rückgängen an Produktion, Lebenserwartung, Wohlstand und Bevölkerungszahl führen wird. Um dieses Szenario zu verhindern wurde das Konzept der nachhaltigen Wachstumsrücknahme entwickelt, welches konkrete Maßnahmen vorschlägt um einen Kollaps zu vermeiden.

Kritiker des Club of Rome verweisen hingegen darauf, dass Wohlstand den Menschen die Möglichkeit gibt, sich

  • höhere Standards und Kontrollen in Bereichen wie Umweltschutz, Naturschutz, usw. leisten zu können und
  • besser auf Naturkatastrophen (natürlich verursachte Überschwemmungen, Dürren, Klimaänderungen, Missernten usw.) zu reagieren,
sodass sich negative Entwicklungen ausgleichen ließen.

Wissensgesellschaft als möglicher Wachstumsmotor


In der Wirtschaftsgeschichte spricht man von einem gravierenden Umbruch, den man mit der neolithischen Revolution (von der Jäger- und Sammlergesellschaft zur Agrargesellschaft) und der industriellen Revolution vergleicht.

Durch den Wandel zur postindustriellen Dienstleistungsgesellschaft gibt es bei vielen Menschen Zweifel, ob Wachstumsraten wie im 20. Jahrhundert langfristig möglich sind. Wachstum ist erst seit der Entstehung der Industriegesellschaft ein deutlich spürbares Phänomen. In der Agrargesellschaft war Wachstum noch kaum spürbar. Langfristiges Wachstum liegt primär nach einer Theorie an der Rationalisierung bzw. dem technischen Fortschritt. Der technische Fortschritt spielt aber bei Dienstleistungen und Wissensproduktion Wachstumskritikern zufolge nicht so eine grosse Rolle wie in der Industrie.

Auf der anderen Seite scheint die Wissensgesellschaft auch Fortschritte bei Dienstleistungen und Wissensproduktion zu ermöglichen - immer mehr Informationen und Leistungen können immer schneller abgerufen, genutzt und gesteigert werden. Das wirkt sich teilweise auch auf Produktionsprozesse aus, wenn neue Märkte immer schneller gesättigt werden. Dauerte es noch 50 Jahre bis das Festnetz-Telefon vom Luxusartikel zum Standard in den meisten Haushalten avancierte, schaffte das GSM-Handy ähnliches in 10 Jahren. Mithin scheint das zunehmende Tempo des technologischen Fortschritts auch zunehmendes Wachstum zu ermöglichen, bis hin zu einem Phänomen namens Technologische Singularität.

Andererseits muss sich hohes Wachstum von Wissen, Produktion und Dienstleistungen nicht unbedingt in hohem Wirtschaftswachstum niederschlagen, da neue Märkte oft von sehr wenigen Menschen bedient werden können, alte Märkte der Rationalisierung unterliegen, und entsprechender Fortschritt demzufolge mit relativ konstanten Umsätzen einhergehen kann.

Wachstum und Zinsen


Die Goldene Regel der Akkumulation besagt, dass die BIP-Wachstumsrate gleich der Verzinsung des Produktionsfaktors Kapital sein sollte, also gleich der Profitrate oder gleich dem (langfristigen) Zinssatz. Die Differenz zwischen der Rate des Wirtschaftswachstums und dem herrschenden kurzfristigen oder langfristigen Zinssatz für verschiedene Länder ist in den Abbildungen dargestellt. Demnach lagen bis Ende der 70er Jahre die Zinssätze eher zu niedrig, ab den 80er Jahren eher zu hoch.

Bild:ZinsWachsDiff.PNG Bild:KZinsWachsDiff.PNG

Wachstum in der Bundesrepublik Deutschland


"Stetiges und angemessenes Wachstum" ist neben einem außenwirtschaftlichen Gleichgewicht, niedriger Arbeitslosigkeit und niedriger Inflation ein Eckpunkt des "magischen Vierecks", das im Stabilitäts- und Wachstumsgesetz von 1967 verankert ist. Diese Bedingungen sollen der deutschen Wirtschaftspolitik einen Rahmen stecken und zu ausgelasteten Produktionsfaktoren führen.

Welche Wachstumsrate "angemessen" ist, lässt sich nicht pauschal festsetzen. Ein Wachstum von knapp 3% wird jedoch unter Wirtschaftswissenschaftlern als nötig angesehen, um langfristig die Arbeitslosigkeit abzubauen und auf das natürliche Niveau zurückzuführen. Diese Annahmen beruhen auf dem Okunschen Gesetz, der einen empirischen Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Arbeitslosigkeit ermittelte. Über die Phillips-Kurve können diese Werte mit der Inflation verbunden werden; jedoch nur unter bestimmten Voraussetzungen.

"Stetiges" Wirtschaftswachstum bedeutet, dass die kurzfristigen Konjunkturschwankungen um den langfristigen Wachstumspfad so weit wie möglich vermieden werden sollen. Rezessionen sollen durch staatliche Intervention abgeschwächt und Boomphasen durch Haushaltskonsolidierung eingeschränkt werden. Diese Wirtschaftspolitik wirkt antizyklisch und wurde entscheidend durch den Keynesianismus geprägt.

Das Wirtschaftswachstum der Bundesrepublik Deutschland beträgt durchschnittlich etwa 2-3%. In den letzten Jahren hat es jedoch stark nachgelassen. Im Jahre 2004 betrug das reale Wirtschaftswachstum Deutschlands 1,6%.

Das Durchschnittswachstum aller westlichen Industrieländer betrug 1,5% im gesamten 20. Jahrhundert.

Notwendigkeit und Ursachen von Wirtschaftswachstum


Sowohl die Ursachen als auch Bedeutung von Wirtschaftswachstum sind umstritten und werden kontrovers diskutiert. Im Folgenden sollen die wichtigsten Strömungen dargestellt werden.

Bedingungen für Wirtschaftswachstum

Während die Neoklassische Theorie das Wirtschaftswachstum nicht erklären kann, da sie eine statische mikroökonomische Theorie ist, behandelt John Maynard Keynes das Wachstum nur implizit. Keynes unterscheidet nicht klar zwischen Konjunktur (also Investitionen ohne Auswirkung auf wachsende Produktionsmöglichkeiten) und dem Wachstum. Der Wachstumseffekt von Investitionen spielt nur implizit eine Rolle in seinem Buch "Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Geldes und Zinses". Die neoklassische Makroökonomie hat keine Wachstumstheorie, da sie an der Konstruktion einer gesamtwirtschaftlichen Produktionsfunktion gescheitert ist. Die keynesianische Wachstumstheorie scheitert daran, dass die Technologie (als Summe von Techniken) nicht in ihr Modell integrierbar ist.

Folgen für die Wirtschaftspolitik

Prinzipiell kann man zwischen den eher marktorientierten Ansätzen (Neoklassische Theorie, Chicagoer Schule...) und den eher lenkungsorientierten Ansätzen (Keynesianismus, Neukeynesianismus...) unterscheiden. Bei marktorientierten Ansätzen wird davon ausgegangen, dass das Wachstum umso höher ist, je besser die Faktorallokation funktioniert, also je freier der Markt agieren kann. Rahmenbedingungen (Gesetze, "Spielregeln") sind zulässig, solange sie nicht auch sinnvollem Wirtschaften zu enge Grenzen auferlegen. Subventionen und die damit verbundenen Steuern werden dagegen i. d. R. abgelehnt. Bei den lenkungsorientierten Ansätzen geht man von regelmäßig auftretenden Schwankungen aus, deren Ausmaß durch antizyklische staatliche Ausgaben in Grenzen gehalten werden soll, um das durchschnittliche Wachstum höher zu halten und die Arbeitslosigkeit niedriger. Hier kann man noch unterscheiden zwischen angebotsorientiert und nachfrageorientiert. Bei angebotsorientierter Wirtschaftspolitik tätigt der Staat hohe Ausgaben in Infrastruktur, Rüstung usw. um die Unternehmen zu fördern. Bei nachfrageorientierter Wirtschaftspolitik wird dagegen viel für Soziales, lohnintensive Arbeiten usw. ausgegeben, bis die Krise überwunden ist.

Angebotsorientierte Wirtschaftspolitik scheint dort recht erfolgreich zu sein, wo noch viele Investitionen zu tätigen sind, die von der Wirtschaft mangels einziehbarem Gewinn nicht getätigt werden - also z. B. Straßenbau. Marktwirtschaft mit geringen Subventionen scheint dagegen unter allen anderen Bedingungen recht positive Resultate zu produzieren, wenn auch mit Schwankungen. Nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik hat dagegen bislang noch nicht mit besonders hohem Wachstum aufwarten können, hat dafür aber Vorteile im sozialen Bereich.

Demokratie, Markt und Wettbewerb scheinen sehr nützlich dabei zu sein, schädliche Extreme in alle Richtungen zu reduzieren und gelten daher vielerseits als wichtige Voraussetzungen für dauerhaftes angemessenes Wirtschaftswachstum.

Bedeutung von Wirtschaftswachstum

Die Bedeutung von Wirtschaftswachstum wird vor allem im Zusammenhang mit der sogenannten Beschäftigungsschwelle diskutiert. Diese gibt an, ab welchem Wirtschaftswachstum neue Stellen entstehen. Ursache für die Beschäftigungsschwelle sind Rationalisierungen, durch die Arbeitskräfte freigesetzt werden. Um diesen Abbau auszugleichen muss (bei gleich bleibendem Arbeitsangebot) die Wirtschaft wachsen. Bei einem Produktivitäts-Fortschritt von 0 würde auch die Beschäftigungsschwelle auf 0 sinken.

Die Beschäftigungsschwelle liegt in Deutschland bei rund 2% Wirtschaftswachstum. Durch die sogenannten Hartz-Reformen wird von den meisten Ökonomen ein Absinken der Beschäftigungsschwelle erwartet. Grund dafür ist die Annahme, dass durch die Reform auch entstehende unattraktivere Stellen angenommen werden.

Ein zentrale Rolle spielt das Wirtschaftswachstum in der Theorie der Freiwirtschaftslehre, nach der dem Kapitalismus ein Zwang zum Wachstum innewohne. Die Freiwirtschaftslehre spielt jedoch heute kaum eine Rolle mehr.

Literatur


  • Douglas E. Booth: Hooked on Growth, 2004, ISBN 0742527182
  • Herman E. Daly: Beyond Growth - The Economics of Sustainable Development, 1997, ISBN 0807047090
  • Georg Erber, Harald Hagemann, Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung, in: Neue Entwicklungen in den Wirtschaftswissenschaften, Ed. K. F. Zimmermann, Studies in Contemporary Economics, Editorial Board H. Bester, B. Felderer, H. J. Ramser, K. W. Rothschild, Physica-Verlag, 2002, 277-319.
  • G.R.Funkhouser, Robert R. Rothberg: Das Dogma vom Wachstum, 2000, ISBN 3409191151
  • Elhanan Helpman: The Mystery of Economic Growth, 2004, ISBN 067401572X
  • Charles I. Jones: Introduction to Economic Growth, 2002, ISBN 0393977455
  • Athanasios Karathanassis: Naturzerstörung und kapitalistisches Wachstum, 2003, ISBN 3899650182
  • Reinhard Steurer: Der Wachstumsdiskurs in Wissenschaft und Politik - Von der Wachstumseuphorie über 'Grenzen des Wachstums' zur Nachhaltigkeit, 2002, ISBN 3897003384
  • Korotayev A., Malkov A., Khaltourina D. Introduction to Social Macrodynamics: Compact Macromodels of the World System Growth. Moscow: URSS, 2006, ISBN 5484004144 *.

Zitate


Weblinks


Makroökonomie

Икономически растеж | Economic growth | Ekonomia kresko | Crecimiento económico | Talouskasvu | Croissance économique | צמיחה כלכלית | 経済成長 | Economische groei | 经济增长

 

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