Wirtschaftsethik ist ein Teilbereich der Wirtschaftswissenschaft sowie der philosophischen Ethik, der sich mit der Frage auseinandersetzt, wie sich die ökonomische Rationalität mit der ethisch-praktischen Vernunft vermitteln lässt.
Wirtschaftsethische Reflexion lässt sich ideen- und theoriegeschichtlich bis auf die Einheit von Ethik, Politik und Ökonomie bei Aristoteles zurückverfolgen . Auch scholastische Studien, die ökonomische Klassik, deren Hauptvertreter wie Adam Smith aus der Moralphilosophie stammen, der Methodenstreit in Deutschland und Max Weber sind als Wegmarken in der Vorgeschichte der heutigen Diskussion anzuführen. Außerdem ist der im deutschen Sprachraum beheimatete Ordoliberalismus zu nennen. Aus dem Blickwinkel der vorherrschenden Richtung der Wirtschaftswissenschaft (Neoklassik, Mainstream) sind das jedoch Randphänomene, die dem ökonomischen Selbstverständnis nach außerhalb des ökonomischen Bezugsrahmens argumentieren. Zu den wenigen Ökonomen, die sowohl als herausragende Wirtschaftswissenschaftler als auch Wirtschaftsethiker gelten, gehört Frank Knight, der als Begründer der Chicago-Schule in die Theoriegeschichte eingegangen ist.
Seit der Aufgabe der Vereinbarungen von Bretton Woods Anfang der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, welches ein System fester Wechselkurse festgelegt hatte, hat sich eine starke Finanzindustrie entwickelt. Heiner Geißler (CDU) hierzu (Zitat): "Osama Bin Laden finanziert seinen Terrorismus mit Hilfe dieser gigantischen Finanzindustrie, an der er im Übrigen mit beteiligt ist." Die angekündigten Entlassungen bei der Deutschen Bank kommentiert Geißler in einem Spiegel-Interview vom 24. April 2005 (Zitat): "Wegen der Erhöhung der Kapitalrendite auf 25 Prozent, das erleben wir dort jetzt, wird die Existenz von sechstausend Menschen aufs Spiel gesetzt. ... Ein Wirtschaftssystem, das sich so definiert, dass der Börsenwert eines Unternehmens umso höher steigt, je mehr Menschen entlassen werden, ist zutiefst unsittlich. Und auch ökonomisch falsch."
Seit Mitte der 1980er Jahre ist das Interesse an der Wirtschaftsethik wiedererwacht. Stichworte wie Shareholder Value, zunehmende Umweltzerstörung oder wachsende Massenarbeitslosigkeit werfen die Frage nach den normativen Grundlagen des Wirtschaftens auf. Wirtschaftsethik kommt als Krisenreflexion auf den Weg. Wesentliche Impulse für die Wiederentdeckung der Wirtschaftsethik gingen vom Verein für Socialpolitik, kirchlichen Akademien und verschiedenen Universitäten aus. Arbeitsgruppen, Diskussionsforen, Buchreihen, akademische Verbände, Seminare und Vorlesungen lassen die Wirtschaftsethik seit etwa 1990 zu einem eigenen Forschungs- und Lehrgebiet heranwachsen.
Im englischsprachigen Raum wird Business Ethics seit längerem als Fach an Hochschulen gelehrt. Trotz großer Überschneidungen im Gegenstandsbereich liegt der Fokus der englischsprachigen Diskussion wesentlich auf anwendungsbezogenen und empirischen Fragestellungen, während die deutschsprachige Diskussion stark durch theoretische Kontroversen gekennzeichnet ist.
In einer modernen Welt sind die Spielregeln (Rahmenbedingungen) der systematische Ort der Moral. Hingegen scheitert der Versuch, Moral durch Appelle zu implementieren systematisch daran, dass der Einzelne gezwungen ist, gegen seine Eigeninteressen zu handeln; es werden die empirischen Bedingungen nicht berücksichtigt und es besteht die Gefahr der unangemessenen Forderungen (normativistischer Fehlschluss). Daher müssen die Anreizwirkungen der Rahmenbedingung so gestaltet werden, dass individuelles Handeln von Akteuren zu einem gesellschaftlich erwünschten Zustand führt. Aufgabe der Ökonomik (im obigen Sinne!) sei es daher, Institutionen so zu gestalten, dass die Anreizwirkungen so gesetzt werden, dass die Personen zum gegenseitigen Vorteil interagieren (Überwindung der Dilemmasituation). Eine prägnante Zusammenfassung liefern sie selbst: "Der systematische Ort der Moral in einer Marktwirtschaft ist die Rahmenordnung." bzw. "Die Effizienz in den Spielzügen, die Moral in den Spielregeln." (Homann, K./Blome-Drees, F., Wirtschaftsethik, 1992, S. 35)
Ulrichs Antwort auf die zwar Prägnante aber falsche Zusammenfassung Homanns " ...die Effizienz in den Spielzügen, die Moral in den Spielregeln“:
„Der Versuch der strikten Lokalisierung der Moral in der Rahmenordnung und die restlosen Entlastung der Wirtschaftssubjekte von Moralzumutungen nicht nur im Markt, sondern auch in ihren politischen Strategien, bricht in sich zusammen und mit ihm das ordnungsethische Prinzip, ...die effizienz in den Spielzügen, die Moral in den Spielregeln".
Peter Ulrich ist einer der Prominentesten Kritiker Homanns. Wie in weiten Teilen ökonomischer Theorie der Politik, werde bei Homann"...demokratische Legitimation kategorial auf Pareto-Effizienz verkürzt; Ethische Legitimität reduziert sich auf strategische Akzeptanz; der demokratische Gesellschaftsvertrag wird als generalisierter Vorteilstausch interpretiert (Tauschgeschäft). Innerhalb des Methodologischen normativen Individualismus, deckt sich demnach Pareto-Effizienz mit dem Legitimitätserfordernis des Konsenses.
"Mit einem politisch-philosophischen fundierten Verständnis von (republikanisch-deliberativer) Demokratie, hat eine so ansetzende ökonomische Konzeption Demokratischer Ordnungspolitik nichts zu tun. Hinter der Konstitutionellen Ökonomik, kommt vielmehr eine ökonomische Reduktion Demokratischer Politik, auf rein ökonomische Logik zum Vorschein.“
Die Rahmenordnung des Marktes sei, entgegen Homanns Ausführungen (s. o.), nicht Systematischer Ort der Moral. "Genau genommen, ist die Rahmenordnung vielmehr Ort der Moralimplementierung. Gedanklicher Ort der Moralbegründung ist die unbegrenzte Öffentlichkeit aller mündigen Bürger. Ulrich erkennt hier einen Kategoriefehler innerhalb Homanns Konzept.
Ein weiterer entscheidender Einwand an Homanns Konzept betrifft den ökonomischen Begründungszirkel der Rahmenordnung. „Die Rahmenordnung des Marktes, die diesen legitimieren soll, wird letztlich selbst wiederum unter dem rein wirtschaftlichen Gesichtspunkt der Markteffizienz begründet.“ Ulrich kennzeichnet dies innerhalb seiner Ausführungen als ordnungspolitischen Ökonomismus.
Mit der „integrativen Wirtschaftsethik“ eröffnet Ulrich eine Diskursethisch fundiertes Gegenkonzept. Hauptaufgabe der integrativen Wirtschaftsethik ist: Die Ökonomismuskritik, die Sicherstellung des Vorrangs der Politik vor der Ökonomik sowie der Ausbau der ökonomischen Rationalität zum Konzept der Lebensdienlichkeit.
Den methodologischen Individualismus, der innerhalb Homanns Konzeption zum Vorschein komme, könne man auch als methodischen Zynismus charakterisieren. „Die Subjekte geben ihre Willensfreiheit gleichsam in der Garderobe ab, bevor sie als Homines oeconomici, die nicht anders können den Erwerbsorientiert zu denken und zu handeln, die Bühne des Freien Marktes betreten.“
"Der Zynismus beginnt mit dem Gedankenexperiment, ob ein institutionelles Arrangement auch im „schlechtesten Fall“, wenn sich alle Individuen als strikt eigennützig agierende Homines oeconomici verhalten würden, noch „funktioniert“ (H-O-Test), und findet seinen Höhepunkt in der Normativen Wendung dieses >>worst case<< zum Prinzip der guten Gesellschaftsgestaltung.
"Hinter dem methodologischen worst-case-Interesse als vorwissenschaftliches, Erkenntnisleitendes Interesse, kommt ein radikaler normativer Individualismus zum Vorschein: Es geht um das Praktische Ziel, die Individuen möglichst restlos von moralischen Ansprüchen zu entlasten, damit sie ihr unterstelltes Bedürfnis nach strikter Eigennutzmaximierung (vulgärpsychologischer Hedonismus) ausleben dürfen. Der Modellinterne schlechteste Fall entpuppt sich als der Modellexterne, für die Gestaltung der Gesellschaft intendierte, besten Fall".
„Der Methodische Ökonomismus erweise sich somit vor allem, als eine Methode des Abbruchs der Reflexion auf die Legitimität der Handlungsleitenden zwecke und Interessen“. „Die durch den Ökonomischen Determinismus, zum alleinigen Rationalitätskriterium erhobene Funktionale Bedingungen des Real Existierenden Wirtschaftssystems, fungiert im Sachzwangdenken als geistiger Schließmechanismus des Wirtschaftsethischen Diskurses.“
"Ob die Sachzwänge des Marktwirtschaftlichen Systems als Gesellschaftsordnung (Marktgesellschaft) herrschen oder ob es eine ihn beherrschende und kontrollierende Gesellschaftsordnung gibt (Primat der Politik vor der Logik des Marktes), ist als Praktische Frage des Politischen willens zu begreifen. Absolute Sachzwänge des Marktes, losgelöst von Lebensweltlichen Vorgaben, existierten nicht.
Alle wirksamen Sachzwänge seien letztlich als Moment einer Politisch von irgendjemand gewollten und durchgesetzten Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zu verstehen. Das bedeute, dass alle Sachzwänge, die nicht naturgesetzlich determiniert sind, Ausdruck kritisch zu hinterfragender, institutionalisierter Normenzwänge darstellen.
„Die Sachzwangproblematik wirtschaftsethisch ernst zu nehmen hieße, sich nicht mit einem Reflexionsstopp vor den vorgefundenen empirischen Bedingungen der Selbstbehauptung jedes Wettbewerbsteilnehmers zu begnügen, sondern dem sich naturwüchsig entfaltenden Eigensinn der ökonomischen Systemdynamik, beharrlich auf den dahinter liegenden normativen Grund zu leuchten und ihn ethisch - kritischer Argumentation zugänglich zu machen.“
Ulrichs Antwort auf die zwar Prägnante aber falsche Zusammenfassung Homanns " ...die Effizienz in den Spielzügen, die Moral in den Spielregeln“:
„Der Versuch der strikten Lokalisierung der Moral in der Rahmenordnung und die restlosen Entlastung der Wirtschaftssubjekte von Moralzumutungen nicht nur im Markt, sondern auch in ihren politischen Strategien, bricht in sich zusammen und mit ihm das ordnungsethische Prinzip, ...die effizienz in den Spielzügen, die Moral in den Spielregeln".
Auch Ulrich fordert (im Bewusstsein der Unvollkommenheit) die Rahmenordnung zur Moralentlastung (nicht -befreiung!) der Individuen. Worin besteht also der grundsätzliche Unterschied zwischen Homanns und Ulrichs Konzeption?
Bei Homann findet an entscheidender Stelle ein Reflexionsabbruch statt. Zwar sollen Unternehmen (bzw. Unternehmer!) die Rahmenordnung einer kritischen Reflexion unterziehen, um so die Defizite zu erkennen, und diese durch individuelle moralische Bemühungen zu kompensieren. Allerdings endet bei Homann die Pflicht der Reflexion unmittelbar vor dem neoliberalen Paradigma der Gewinnmaximierung von Unternehmen und der nun nicht mehr zu hinterfragenden Prämisse, der Markt sei der beste Ort der Handlungskoordination in der Gesellschaft: Langfristige Gewinnmaximierung wird zur "sittlichen Pflicht der Unternehmen" (Homann/Blome-Drees 1992, S. 51). Abgesehen von der Trivialität, dass die Quantität der Gewinne nicht von der ethischen Qualität ihrer Realisierung abzulösen ist (Ulrich 1998, S. 408), findet bei Homann keine Auseinandersetzung mit der Frage statt, in welchen Bereichen das Prinzip der Marktkoordination tatsächlich die beste Lösung ist. Homanns auf - nach dieser Ansicht - neoliberalen Prämissen basierender wirtschaftsethischer Ansatz greift in sofern zu kurz.
Weitere wichtige Ansätze der Wirtschaftsethik im deutschsprachigen Raum stammen von Wieland sowie Steinmann und Löhr.
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