Wing Chun () ist ein (süd-)chinesischer Kampfkunststil (in China mit dem Oberbegriff Wushu, im Westen mit dem Begriff Kung Fu bezeichnet).
Gelehrt wird Wing Chun in Deutschland in zahlreichen kommerziellen und nicht-kommerziellen Schulen, Verbänden und Vereinen. Der Name der Kampfkunst stammt aus dem Kantonesischen, deswegen gibt es keine eindeutige Romanisierung des Begriffes. Aus markenrechtlichen Gründen und um sich von anderen Schulen und Verbänden abzugrenzen (siehe weiter unten), sind zahlreiche Schreibweisen gebräuchlich, so z.B. Wing Tsun (WT), Ving Tsun (VT), Wing Tzun, Wing Chung, Wing Shun, Wing Tsung, Weng Chun, Ving Chung, Ving Chun, aber auch gänzlich andere Namen, wie z.B. taonamics oder Tao Concepts. Auf Hochchinesisch (Mandarin) lautet die Bezeichnung Yong Chun (nach dem offiziellen Romanisierungssystem Pinyin).
Ein typisches Element einiger Wing-Chun-Stile ist der Kettenfauststoß, von denen ein geübter Wing-Chun-Kämpfer ca. 9-13 Schläge pro Sekunde ausführt.
Die Kraft des Gegners wird durch die Anwendung von Winkel- und Drehprinzipien neutralisiert und gegen ihn verwendet (Gleichzeitigkeit von Angriff und Abwehr), d.h. während ein Schlag abgewehrt wird, erfolgt ein Angriff zur selben Zeit. Es gilt: Der Angriff ist die Verteidigung. Ein Schlag des Gegners wird so z.B. durch einen konternden Gegenschlag abgewehrt.
Der Stil ist auch durch seine Trittarbeit charakterisiert, die nur sehr wenige Grundtritte umfasst und mit der im Allgemeinen nur niedrige Ziele (bis Hüfthöhe) angegriffen werden. Ein Ziel dieser Tritte ist insbesondere das Kniegelenk und der Oberschenkelansatz des Gegners.
Anders als bei Kampfsportarten mit genau definierten Regeln wie zum Beispiel Judo und Karate gibt es bei Wing Chun keine Wettkämpfe mit Punktesystem. Da in den höheren Graden Techniken erlernt werden, mit denen man einen Gegner in kürzester Zeit effektiv außer Gefecht setzen kann, würden solche Wettkämpfe schwerwiegende Verletzungen hervorrufen. Hieraus resultiert allerdings der Nachteil, dass Wing Tsun alleine zur Selbstverteidigung eher ungeeignet ist, da dem normalen Wing-Chun-Schüler die Kampferfahrung fehlt, die ein Boxer beispielsweise hat.
Aufgrund der hier kurz erläuterten allgemeinen Charakteristik gilt Wing Chun bisweilen als der Stil der Meister fortgeschrittenen Alters: Diese konnten sich auf diese Weise gegen die jungen, kräftigen und biegsamen Meister behaupten und sich somit den Respekt verschaffen, den manch junger Mönch vermissen ließ.
Die hier aufgeführten Prinzipien stellen eine kleine, beispielhafte Auswahl dar, wie sie in unterschiedlichen Wing-Chun-Stilen vorkommen können. Die Prinzipien variieren von Stil zu Stil mitunter sehr stark. Im Wing Tsun und dessen Derivaten z.B. lehrt man folgende Prinzipien:
Die Kraftprinzipien:
Die Kampfprinzipien:
Weitere Prinzipien können u.A. sein:
Dies sind nur einige Beispiele von sogenannten Kuen Kuits.
Die Formen sind:
Der Ablauf der Formen ist seit Jahrhunderten überliefert. Yip Man und Wong Shun Leung erarbeiteten eine systematische Lehrmethode der Formen. In der Entwicklungsgeschichte des Wing Chun haben viele Lehrer immer wieder Weiterentwicklungen und Änderungen eingeführt, sowohl was die Ausführung im Detail betrifft, als auch in Bezug auf den ganzen Ablauf. In den verschiedenen Stilvarianten des Wing Chun finden wir heute deshalb recht unterschiedliche Varianten der Formen - vor allem außerhalb der Yip Man und Wong Shun Leung Linie. Diese Unterschiede spiegeln natürlich auch das unterschiedliche Verständnis der Techniken und Prinzipien in den verschiedenen Stilvarianten bzw. die unterschiedlichen Wissensstände der Lehrer wider. Auch heute noch werden von verschiedenen Lehrern zuweilen Änderungen in der Ausführung eingeführt, was mit der Lebendigkeit der Kampfkunst erklärbar ist. Hierzu gibt es Meinungsverschiedenheiten bei den Anhängern verschiedener Stilrichtungen.
Fast jede Schule variiert zumindest die Siu Nim Tao minimal - etwa indem vier anstelle von drei Schlägen einer festen Abfolge ausgeführt werden - oder andere belanglose Kleinigkeiten werden verändert. Insider können an winzigen Details der Ausführung, die wie ein "Markenzeichen" wirken, erkennen, bei wem der Schüler gelernt hat.
Das Chi Sao gehört zu den wichtigsten Partnerübungen im Wing Chun. Dabei stehen sich zwei Trainingspartner in einer festgelegten Ausgangsstellung gegenüber und nehmen mit den Armen Kontakt zueinander auf ("fühlende Hand"). In der Regel wird dann mit festgelegten Anfangsbewegungen (z.B. "rollende Arme") begonnen, worauf dann zu freier Anwendung verschiedener Techniken übergegangen wird.
Chi Sao kann entweder als feste Folge von Techniken mit verschiedenen Übergängen trainiert werden, die dann frei variiert werden können, oder es wird das sogenannte Go Sao trainiert, welches eine Art Sparring auf Chi Sao Distanz darstellt. Hierbei gibt es keinerlei Regeln zu Abläufen, es ist ein Freier Kampf in der Nahdistanz.
Die Besonderheit am Chi Sao ist, dass der Schüler von den langsameren visuellen Reflexen weg zur taktilen Wahrnehmung hin erzogen wird. Es wird hier davon ausgegangen, dass es in der Nahdistanz, die oft auch als Trappingdistanz bezeichnet wird, nicht mehr rechtzeitig möglich ist, gegnerische Aktionen visuell zu erkennen und abzuwehren. Daher wird mit dieser Trainingsmethodik der Kontakt zum Gegner ausgenutzt, um dessen Aktionen über den schnelleren Sinn der Taktilität erkennen zu können.
Da Chi Sao auf unterschiedliche Weise trainiert und interpretiert werden kann, differiert es innerhalb der einzelnen Wing-Chun-Stile. So legt "Wing Tsun" viel Wert auf das "Kleben der Arme", um den Gegner zu fesseln, während "Ving Tsun" den Kontakt leichter löst, um direkte Schläge anzubringen. Chi Sao ist keine eigenständige Technik für den freien Kampf sondern ein Trainingshilfsmittel. Es bildet durch fortgesetzte Übung eine hervorragende Grundlage für schnelle, instinktive Abwehr samt daraus resultierendem Gegenangriff.
Im Wing Chun verstehen sich Chi Sao und andere Formen auch nicht als "Technik", vielmehr als Prinzip, welches je nach Anforderung angewendet wird. Dabei spielt die Physionomie des Gegners nur noch eine untergeordnete Rolle.
Beide konnten gut mit diesen Waffen umgehen und passten die Übungen und Formen den Idealen von Wing Chun an. So wurde zum Beispiel in die Langstock-Form der Aspekt der Zentrallinie eingebracht.
Dies ist allerdings historisch nicht belegbar.
In der am weitesten verbreiteten Version der Entstehungsgeschichte wird beschrieben, dass die Nonne Ng Mui versuchte, ein Kampfsystem für körperlich Unterlegene zu entwickeln, das mit der kraftvollen Shaolin-Kampfkunst der Mönche konkurrieren konnte. Ihr Wissen gab sie an ein Mädchen weiter, das sich gegen einen lokal ansässigen Kämpfer zur Wehr setzen musste, der sie immer wieder bedrängte. Dieses Mädchen hieß Yim Wing Chun (Yim = Geheimnis; Wing = ewig; Chun = Frühling).
Die andere Version der Entstehungsgeschichte besagt, dass sich einige sehr gute Kämpfer im alten China in einem Kloster in der Halle des "ewigen Frühlings" trafen und dort zusammen diesen hoch effektiven Stil entwickelten.
Die beiden ersten Versionen berichten von einem südlichen Shaolin-Kloster, das zu der damaligen Zeit bestanden habe. Die Existenz dieses Klosters ist heute weder bewiesen noch widerlegt (im Gegensatz zum nördlichen Shaolin-Kloster, das bis heute besteht).
Am Tai-Leung-Berg machte Ng Mui die Bekanntschaft mit einem gewissen Yim Lee und dessen Tochter Wing Chun, was so viel bedeutet wie "ewiger Frühling". Diesem jungen Mädchen hat das System der Nonne Ng Mui angeblich auch seinen wohlklingenden Namen zu verdanken. Zu jener Zeit lebte Ng Mui im Weißen Kranich-Tempel am Tai Leung-Berg. Dort pflegte sie mehrere Male im Monat den Marktplatz des nahen Dorfes zu besuchen, um einzukaufen. An einem Stand verkaufte das junge Mädchen Yim Wing Chun mit ihrem Vater Tofu. Die beiden waren aus ihrer Heimat in der Kwantung-Provinz geflüchtet, da ihr Vater unglücklicherweise in eine Gerichtssache verwickelt war (man sagt unschuldig), die ihn das Leben hätte kosten können. Als Schüler des Shaolin-Klosters hatte er, Yim Lee, einige Kampftechniken erlernt und sorgte in seiner Gegend für Gerechtigkeit, wenn es sich als nötig erwies. Dadurch geriet er in Schwierigkeiten, die ihn zwangen seine Heimat zu verlassen und an die Grenze der Provinzen Szechwan und Yunnan zu fliehen und sich am besagten Tai Leung-Berg niederzulassen. Yim Wing Chun entwickelte sich zu einem aufgeweckten und hübschen Mädchen. Ihre Schönheit und ihr freundliches Wesen sollten aber auch die Ursache für ein schlimmes Problem werden. Im Ort gab es einen notorischen Schläger namens Wong, der ständig Streit suchte. Aber die Dorfbewohner konnten ihm nichts anhaben, da er ein Kampfkünstler war und einer Geheimgesellschaft angehörte. Angezogen von der Schönheit Yim Wing Chun hielt er um ihre Hand an. Doch Wing Chun war schon als kleines Kind dem Jüngling Leung Bok Chau, einem Salzkaufmann aus Fukien versprochen. Wong schickte ihr daraufhin einen Boten, setzte ihr eine Frist und drohte Gewalt anzuwenden, falls sie sich ihm verweigerte. Vater und Tochter lebten also in großer Sorge um ihre Zukunft. Ng Mui war im Laufe der Zeit zur regelmäßigen Kundin von Yim Lee und seiner Tochter geworden und unterhielt sich oft mit den beiden. Eines Tages erkannte sie, dass die beiden von großen Sorgen gequält wurden. Auf ihre Fragen erzählte ihr Yim Lee von Wong. Da Ng Mui einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn hatte, beschloss sie Wing Chun zu helfen. Aber sie wollte den Bösewicht nicht selbst bestrafen, da sie einerseits nicht ihre Tarnidentität aufgeben wollte, andererseits wäre ein Kampf zwischen ihr, der berühmten Meisterin aus dem Shaolin-Kloster und einem unbekannten Dorfschläger unfair und ruhmlos gewesen. Deshalb wollte sie Yim Wing Chun helfen, indem sie ihr die Kunst des Kämpfens mit ihrem neuen Kampfsystem beibrachte. Nach nur drei Jahren Privatunterricht hatte sie die ihr gezeigte Methode gemeistert. Ng Mui schickte sie nach der Ausbildung im Weißen Kranich-Tempel wieder zurück zu ihrem Vater. Kaum kehrte Wing Chun ins Dorf zurück, wurde sie wieder von dem Schläger Wong bedrängt. Doch dieses Mal lief sie nicht vor ihm davon, sondern forderte ihn zum Kampf auf. Der Rowdy war sich seines Sieges sicher und freute sich darauf, das schöne Mädchen endlich zu erringen. Aber er sollte sich getäuscht haben, denn Wing Chun schlug ihn zu Boden, wo er hilflos liegen blieb. Nachdem Wing Chun den Schläger ohne Probleme besiegt hatte, setzte sie ihre Kampfübungen fort. Als Ng Mui beschloss, wieder weiterzureisen, ermahnte sie Wing Chun, einen würdigen Nachfolger zu finden und nur die richtigen Schüler zu unterweisen. Diese Mahnung wurde auch von den folgenden Generationen befolgt.
Yip Man soll Wing Chun nicht von einem einzigen Meister, sondern von zweien erlernt haben. Der eine Lehrer soll ein Geldwechsler (Chan Wah Shun) gewesen sein, der andere war Leung Bik, Sohn des legendären Leung Jan, eines bekannten Kräuterarztes und Apothekers aus Foshan in der Provinz Guangdong. Diese Geschichte ist allerdings umstritten. Leung Bik ist selbst den Schülern von Yip Man nicht bekannt. Die Figur wurde vermutlich von einem Reporter in Hong Kong erfunden.
Dieses Problem wurde vor allem in jüngster Zeit noch dadurch verstärkt, dass Wing Chun durch zunehmende Popularität immer besser kommerziell verwertbar wurde und einige Schreibweisen in manchen Ländern als Warenzeichen angemeldet wurden.
Die Schreibweise Ving Tsun wird international häufig als übergreifende Bezeichnung aller auf Großmeister Yip Man zurückgehenden Stile benutzt. In Europa hat sich allerdings Wing Chun als übergreifende Bezeichnung weitgehend durchgesetzt.
Die direkten Schüler Yip Mans prägten die folgenden Schreibweisen:
In Deutschland sind heutzutage zahlreiche Namensvarianten zu finden, wie sie auch am Anfang des Artikels zu finden sind.
Im alten China wurde das Wing Chun in einem "familiären" Charakter jeweils von Lehrer zu Schüler weitergegeben. Der Lehrer, der die persönliche Verantwortung für die gesamte Ausbildung der Schüler hatte, wurde als "Vater-Lehrer" (Sifu) angesehen. Der Unterricht fand gegen Bezahlung oft im Wohnhaus des Lehrers statt, eine persönliche Bindung zwischen Lehrer und Schüler, mit bestimmten gegenseitigen Verpflichtungen, war die Regel. In Hongkong wurden die ersten öffentlichen Schulen gegründet. Seitdem nahm der Unterricht im Wing Chun stärker einen kommerziellen und "modernen" Charakter an. In Europa und insbesondere in Deutschland hat sich eine starke Kommerzialisierung durchgesetzt, die sich teilweise an der Rechtsform der Verbände und ihrer öffentlichen Selbstdarstellung erkennen läßt. Speziell im Bereich der Kampfkunst stehen viele kommerziell orientierte Wing-Chun-Verbände den zahlreichen Sportvereinen mit ihrer gemeinnützigen Struktur und ihrer breitensportlichen Ausrichtung gegenüber. Trotzdem wird bis heute in vielen kommerziellen Verbänden an der Idee des "Familiensystems" festgehalten. Es ist fragwürdig, inwieweit diese Idee wirklich noch der Realität der heutigen Ausbildung entspricht. So ergibt sich in heutigen Verbänden sehr häufig die Situation, dass der "Vater-Lehrer" (Sifu) an der Ausbildung seiner Schüler kaum noch beteiligt ist, und diese ihn so kaum kennen. Vielmehr ist ihr tatsächlicher Lehrer oft an der Stelle des "älteren Bruders" (Sihing) bzw. der "älteren Schwester" (Sije). Auch werden heute immer noch traditionelle Verpflichtungen des Schülers gegen den Sifu betont, die der Situation in einer kommerziellen Schule in keiner Weise entsprechen.
In Südchina wie auch in der ehemaligen Kronkolonie Hongkong wurde Wing Chun traditionell ohne Schülergradsysteme gelehrt. Der Unterricht erfolgte traditionell ohne feste Lehrpläne. Die Lehrergrade wurden teilweise erst in Hongkong eingeführt, die Schülergrade in Europa. In dieser Zeit wurden auch feste Lehrpläne eingeführt. Über Sinn und Zweck der Graduierungen bestehen unterschiedliche Ansichten, sie existieren nicht in allen Verbänden.
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