Das Willebrand-Jürgens-Syndrom, nach dem finnischen Arzt Erik Adolf von Willebrand (1870 - 1949) und dem deutschen Arzt Rudolf Jürgens (1898-1961), (syn. Angiohämophilie, von-Willebrand-Jürgens-Syndrom, von-Willebrand-Krankheit, ICD10-Code: D68.0) ist die häufigste angeborene Krankheit mit erhöhter Blutungsneigung.
Es handelt sich dabei um eine Gruppe von hämorrhagischen Diathesen, deren gemeinsames Merkmal eine quantitative oder qualitative Abweichung des von-Willebrand-Faktors ist, der eine wichtige Rolle bei der Blutgerinnung spielt.
Viele Betroffene leben ohne die Kenntnis der Erkrankung und ohne wesentliche gesundheitliche Beeinträchtigungen.
Epidemiologie
Das von Willebrand-Jürgens-Syndrom ist eine
genetisch bedingte Erkrankung. Erworbene Formen sind beschrieben, jedoch sehr selten. Männer und Frauen sind etwa gleich häufig betroffen. Ausprägung und Schwere des Syndroms können sehr unterschiedlich sein. Häufig gibt es gibt auch leichte Verlaufsformen. Das Willebrand-Jürgens-Syndrom tritt vermutlich häufiger auf als die
Hämophilie A, wird aber oft nicht oder zu spät diagnostiziert.
Ätiologie
Es handelt sich um eine Gruppe von hämorrhagischen
Diathesen, deren Gemeinsamkeit ein quantitativer oder qualitativer Defekt des
Von-Willebrand-Faktors ist. Durch diesen Defekt wird unter anderem die
Thrombozytenaggregation und deren Vernetzung und/oder (je nach Ausprägung der Erkrankung) der Abbau des Gerinnungsfaktors VIII (siehe
Hämostase) nur noch ungenügend gehemmt.
Das Willebrand-Jürgens-Syndrom als angeborene Koagulopathie wird autosomal-dominant vererbt.
Die erworbene Form tritt meist als Begleiterkrankung bei Herzklappendefekten (vor allem bei der
Aortenstenose), im Rahmen von immun-medierten Erkrankungen (wie zum Beispiel bei der
Purpura Schönlein-Henoch und einigen Autoimmunerkrankungen), bei Erkrankungen des lypmhatischen Systems (zum Beispiel
Malignes Lymphom) und anderen.
Einteilung
Das vWS zählt grundsätzlich zu den Erkrankungen des plasmatischen
Gerinnungssystems, gleichwohl es die zelluläre Kaskade beeinflußt und auch in der klinischen Erscheinung eher einer Mischform zwischen plasmatischer und korpuskulärer Gerinnungsstörung entspricht.
Das von Willebrand-Jürgens-Syndrom tritt in drei Formen auf.
Typ 1
Beim Typ 1 des von Willebrand-Jürgens-Syndroms liegt ein quantitativer Mangel des Willebrand-Faktors vor. 60-80 % der Fälle entsprechen dem Typ1. Klinisch zeigen die meisten Patienten jedoch eine milde Symptomatik. Ein nahezu normales Leben ist möglich. Auffälligkeiten entstehen durch die Neigung der Betroffenen zu langanhaltenden
Blutungen und
Nachblutungen nach operativen Eingriffen, die Ausbildung großflächiger
Hämatome und gehäufte
Menorrhagien bei weiblichen Betroffenen.
Typ 1 wird autosomal-dominant vererbt, die Penetranz ist variabel.
Typ 2
Der Typ 2 des von Willebrand-Jürgens-Syndroms ist bei etwa 15-20 % der Betroffenen festzustellen. Charakteristisch ist dabei das Vorhandensein qualitativer Defekte des Wilebrand-Faktors.
Es werden die fünf Unterformen 2A, 2B, 2C, 2M, 2N des Typ 2 unterschieden . Typ 2A ist darunter am häufigsten anzutreffen. Alle Unterformen außer Typ 2C werden autosomal-dominant vererbt. Typ 2C folgt einem autosomal-rezessiven Erbgang.
Typ 3
Die klinisch am schwersten verlaufende, jedoch auch seltenste Form des von Willebrand-Jürgens-Syndroms ist Typ 3. Die Erkrankten haben eine
homozygoten Mangel für das betreffende Gen, so dass der von-Willebrand-Faktor völlig fehlt. Typ 3 wird autosomal-rezessiv vererbt.
Klinik
Die klinische Symptomatik ist nicht einheitlich. Ein Verdacht sollte sich bei folgenden Symptomen ergeben:
- erhöhte Blutungstendenz
- heftige rezidivierende Epistaxis (Nasenbluten)
- Neigung zur Ausbildung großflächiger Hämatome
- lange und ausgiebige Blutung auch nach kleineren chirurgischen Eingriffen (z. B. Zahnextraktion)
- Menorrhagie
- Gelenkeinblutungen (Hämarthros)
Diagnostik
Die wegweisende Diagnostik ist labormedizinisch durchzuführen. Wegweisend sind dabei Standarduntersuchungen der Blutgerinnung wie das
Blutbild,
PTT,
Quick-Wert (INR), Aktivitätsbestimmung einzelnder
Gerinnungsfaktoren sowie die
Blutungszeit.
Charakteristische Befunde sind hierbei:
Um die verschiedenen Typen und Subtypen unterscheiden zukönnen, müssen sowohl quantitative wie auch qualitative Untersuchungen des Von-Willebrand-Faktors (wie ELISA und Elektrophorese) erfolgen.
Differentialdiagnostisch sind andere hämorrhagische Diathesen auszuschliessen.
Therapie
Eine Dauertherapie ist meistens nicht notwendig. Vor operativen Eingriffen ist die Gabe von
Desmopressin zu empfehlen. Nach einer Desmopressin-Kurzinfusion steigt die Konzentration des Willebrand-Faktors um das bis zu Fünffache.
Bei Typ 2 B wirkt Desmopressin nicht. In diesen und anderen Fällen mit fehlender Wirkung kommt die Substitution des Von-Willebrand-Faktors und in akuten Fällen die Gabe von aktiviertem Faktor VII oder Faktor VIII in Frage.
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