Friedrich Wilhelm Christian Carl Ferdinand von Humboldt, kurz: Wilhelm von Humboldt, (* 22. Juni 1767 in Potsdam; † 8. April 1835 in Tegel) war ein deutscher Gelehrter, Staatsmann und Miturheber der Universität Berlin (heute Humboldt-Universität zu Berlin).
Er zählt zu den großen, fortwirkend einflussreichen Persönlichkeiten in der deutschen Kulturgeschichte. Betrachtet man ihn in der Gemeinschaft mit seinem Bruder Alexander, so wird man kaum ein zweites Geschwisterpaar finden, das die eigene geschichtliche Epoche mit solchem Forscherdrang und mit solch universeller Gelehrsamkeit durchdrungen und bereichert hat wie diese beiden. Während Alexander dabei ‒ aber keineswegs nur ‒ der naturwissenschaftlichen Forschung neue Horizonte erschlossen hat, lagen die Schwerpunkte für Wilhelm in der Beschäftigung mit kulturwissenschaftlichen Zusammenhängen wie der Bildungsproblematik, der Staatstheorie, der analytischen Betrachtung von Sprache, Literatur und Kunst sowie in aktiver politischer Mitgestaltung als Reformmotor im Schul- und Hochschulwesen und als preußischer Diplomat.
Schon als 13-jähriger sprach Wilhelm fließend Griechisch, Latein und Französisch und war mit wichtigen Autoren der jeweiligen Literatur vertraut. Sein enormer Studienfleiß weckte nicht selten Besorgnis bei ihm Nahestehenden. Im Zuge der von Kunth arrangierten Studien gelangten die Brüder auch in das Haus des vielseitig interessierten Arztes Markus Herz, der dort philosophische und physikalische Vorlesungen hielt, und in den Salon seiner Frau Henriette Herz, zu der Wilhelm zeitweise eine schwärmerische Zuneigung fasste. Als Mitglied in ihrem „Bund der Freunde“, einem von vielen damals existierenden Tugendbünden, zu dem sowohl eine Satzung als auch eine Geheimschrift gehörte, kam Wilhelm späterhin in Kontakt mit Caroline von Dacheröden, die dem Bund als auswärtiges Mitglied gleichfalls angehörte.
Das Ziel der anspruchsvollen Ausbildung ihrer Söhne lag für die Mutter darin, sie für einflussreiche Staatsämter zu qualifizieren. Wilhelm war für ein Studium der Rechtswissenschaften vorgesehen, Alexander für Staatswirtschaftslehre, die als Kameralia firmierte. Noch unter Kunths Obhut begannen die Brüder ihr jeweiliges Studium an der Universität Frankfurt / Oder, die Wilhelm aber nach einem Semester verließ, um sich im Frühjahr 1788 in Göttingen zu immatrikulieren.
Von seinem Göttinger Studienort aus unternahm Humboldt noch gegen Ende des Jahres 1788 eine Reise in die Rhein/Main-Gegend, bei der er u.a. Bekanntschaft mit dem Weltumsegler Georg Forster und mit Goethes Jugendfreund Friedrich Heinrich Jacobi schloss. Im Sommer 1789 brach er zu einer weiteren Reise auf, die ihn gemeinsam mit seinem vormaligen Lehrer Campe in das revolutionäre Paris führen sollte. Neben dem eigentlichen Revolutionsgeschehen interessierte ihn bei dieser Gelegenheit aber auch die Lage der Pariser Waisenkinder, die er in einem Findelhaus aufsuchte. Über die Weihnachtstage 1789 hielt sich Humboldt mit seiner Verlobten in Weimar auf und hatte dort erste Begegnungen mit Friedrich Schiller und Johann Wolfgang von Goethe.
Anfang 1790 trat er nach Beendigung des viersemestrigen Studiums in den Staatsdienst und erhielt eine Anstellung im Justizdepartement, wo er für die Richterlaufbahn ausgebildet wurde, zugleich aber die Zusatzqualifikation für den diplomatischen Dienst erwarb. Schon im Mai 1791 suchte er mit Hinweis auf Familienumstände um seine Entlassung nach, sei es, dass ihm die Ausübung des Richteramts im vorgegebenen Rahmen auf Dauer zuwider war, sei es, dass seine anderweitig entwickelten Neigungen den Ausschlag gaben oder dass er die Anstellung ohnehin nur betrieben hatte, um vor seiner Mutter und vor seinem Schwiegervater in spe, dem Kammerpräsidenten von Dacheröden, bestehen zu können. Nach der Hochzeit in Erfurt am 29. Juni 1791 lebten die Jungvermählten während der darauffolgenden zweieinhalb Jahre auf den Dacheröden'schen Gütern in Thüringen, wo Humboldt nun mit Caroline seine Studien der altgriechischen Sprache, Kultur, Kunst und Philosophie fortsetzte und in regem Gedankenaustausch mit dem Hallenser Altphilologen Friedrich August Wolf vertiefte. Die Beschäftigung mit der Antike diente ihm zu dem Zweck „der philosophischen Kenntnis des Menschen überhaupt“. Den griechischen Geist begriff er „als Ideal desselben, was wir selbst sein und hervorbringen möchten.“
Mit seiner für die geistesgeschichtliche Epoche des Neuhumanismus charakteristischen Hochschätzung des antiken Griechentums und mit seiner weitreichenden diesbezüglichen Kenntnis kam Humboldt bereits als „‚Juniorpartner‘ der deutschen Klassik“ (Berglar), als er 1794 mit der jungen Familie an Schillers damalige Wirkungsstätte nach Jena umzog. Die Rolle, die er fortan zunächst Schiller, dann auch Goethe gegenüber spielen sollte, war die des scharfen Analytikers, konstruktiven Kritikers und versierten Ratgebers, der u.a. auf Schillers Balladen und sein Wallenstein-Drama ebenso kunstverständig einging wie auf Goethes „Herrmann und Dorothea“. Auf Humboldts idealisierendes Bekenntnis zum antiken Griechenland und seinen nachfolgenden Einfluss auf das deutsche Bildungswesen Bezug nehmend, urteilt Berglar: „Obwohl Humboldt sich an Tiefe nicht mit Goethe, an Dynamik nicht mit Schiller und an Schöpferkraft mit beiden nicht von Ferne messen konnte, hat doch gerade er vielleicht den stärksten, sicher aber den längsten Einfluß auf die deutsche Entwicklung genommen.“ Bis 1797 währte das enge Miteinander Humboldts mit Schiller in Jena. Es wurde 1795/96 unterbrochen und endete im Zusammenhang mit dem Tode Elisabeths von Humboldt, deren Vermögen auf die Söhne überging und diese materiell unabhängig machte. Während Wilhelm Schloss Tegel übernahm, kam Alexander nun zu dem Kapital, mit dem er seine amerikanische Forschungsreise finanzieren konnte.
Im Sommer 1801 kehrte Humboldt mit Frau und Kindern nach Tegel zurück, allerdings nur für gut ein Jahr. Denn bereits im folgenden Frühjahr eröffnete sich für ihn die Chance, nun doch nach Italien zu gelangen, auf bequeme und einträgliche Weise sogar: als preußischer Resident am päpstlichen Stuhl. Nun zahlte sich aus, dass er während seiner Anstellung im Justizbereich zugleich eine Qualifikation für den diplomatischen Dienst und den Titel des Legationsrats erworben hatte. Als Mann von Welt aus dem Adelsstand empfahl er sich für diesen Posten, der möglichen Konkurrenten für nicht sehr attraktiv gelten musste, nachdem der Kirchenstaat unter französischer Vorherrschaft zusammengeschrumpft und der Inhaber des Heiligen Stuhls von Napoleons Gnaden abhängig war. Mit der Aufgabe der konsularischen Vertretung preußischer Untertanen in Rom war Humboldt nicht ernstlich gefordert, so dass er genug Zeit und Gelegenheit hatte, sein repräsentatives Haus, den Palazzo Tomati nahe der Spanischen Treppe, gemeinsam mit Caroline zu einem gesellschaftlichen Mittelpunkt Roms zu machen. Hier verkehrten neben Kurienangehörigen als Gäste u.a. Lucien Bonaparte, noch als Kronprinz der spätere Ludwig I. von Bayern, die Bildhauer Thorvaldsen und Rauch sowie der junge Karl Friedrich Schinkel, Friedrich Tieck und August Wilhelm Schlegel in Begleitung der Frau von Staël.
Die eigentliche Faszination, die Rom auf Wilhelm von Humboldt ausübte und die sein sechsjähriges Verweilen als preußischer Gesandter dort begründete, erschließt sein Brief vom 23. August 1804 an Goethe: „Rom ist der Ort, in dem sich für unsere Ansicht das ganze Altertum zusammenzieht… Es ist allerdings also das meiste an diesem Eindruck subjektiv, aber es ist nicht bloß der empfindelnde Gedanke, zu stehen, wo jener oder dieser große Mann stand. Es ist ein gewaltsames Hinreißen in eine von uns nun einmal, sei es durch notwendige Täuschung, als edler und erhabener angesehene Vergangenheit, eine Gewalt, der selbst, wer wollte, nicht widerstehen kann, weil die Öde, in der die jetzigen Bewohner das Land lassen, und die unglaubliche Masse der Trümmer selbst das Auge dahin führen… Aber es ist auch nur eine Täuschung, wenn wir selbst Bewohner Athens oder Roms zu sein wünschten. Nur aus der Ferne, nur von allem Gemeinen getrennt, nur als vergangen muß das Altertum uns erscheinen.“
Im Sommer 1805 besuchte der von seiner Amerika-Expedition zurückgekehrte und schon damals als „zweiter Kolumbus“ gefeierte Alexander von Humboldt für mehr als drei Monate den Bruder und die Schwägerin in Rom, bevor er sich in Paris an die umfassende wissenschaftliche Auswertung des gesammelten Forschungsmaterials machte. Dies darf doch wohl als Zeichen genommen werden einer intensiven Kommunikation und herzlichen Verbundenheit der mitunter in starken Kontrast zueinander gesetzten Brüder. Treffender erfasst sein dürfte ihr Verhältnis und komplementäres Wirken mit dem Bild von den „preußischen Dioskuren“.
Anderweitige Verwendung hatte man aber einstweilen in Berlin offenbar nicht für ihn, und so blieb er noch bis zum Oktober 1808 in Rom. Erst ein Urlaubsgesuch zur Regelung von Vermögensangelegenheiten und zur Schadensaufnahme im geplünderten Schloss Tegel schien ihm die Rückkehr nach Deutschland zu ermöglichen. Dort angekommen erfuhr er jedoch, dass er im Zuge der von Stein auf den Weg gebrachten preußischen Reformen die Leitung der „Sektion des Kultus und des öffentlichen Unterrichts“ übernehmen sollte. Es hatte seinen guten Grund, dass der Freiherr vom Stein unbeirrbar daran festhielt, Humboldt sei der zu dieser Zeit an dieser Stelle nötige Mann. Denn der preußische Militärstaat, wie er von Friedrich Wilhelm I. geschaffen und von Friedrich II. auf Expansionskurs gesetzt worden war, hatte vorerst abgewirtschaftet und befand sich Napoleon gegenüber in einer demütigenden Abhängigkeit. Um aus dieser Lage heraus wieder zu Kräften zu kommen, bedurfte es im Sinne Steins und seiner Mitstreiter umfassender Reformen mit dem Ziel, dem mit der Französischen Revolution erwachten Freiheitsstreben der Bürger Raum zu geben, ihre Eigenverantwortung zu fördern und auf diese Weise dem Staat und der Nation neue Ressourcen zu erschließen. Humboldts staatstheoretische Vorstellungen lagen seit langem schon auf dieser Linie. In seiner 1792 verfassten Abhandlung „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“ hatte er z. B. geschrieben:
Für Humboldts Nominierung in dieser Umbruchsituation sprach zudem seine nachdrücklich bekundete Hochschätzung von Bildung für ein menschenwürdiges Dasein:
Als Humboldt nun mit der Berufung in das Amt des für das Bildungswesen Zuständigen konfrontiert war, zögerte er gleichwohl, es anzunehmen, hauptsächlich wohl, weil er nicht als Minister und damit nur dem König verantwortlich, sondern als Sektionschef unter Innenminister von Dohna tätig werden sollte. In erster Linie mag er dabei gefürchtet haben, dass ihm bei der Bedeutung der Aufgabe nicht genügend freie Hand bliebe zur Neuordnung des Unterrichtswesens. Nachdem er sich schließlich in die Umstände gefügt hatte, setzte Humboldt in seiner Amtsführung in Königsberg eine erstaunliche Dynamik frei und reformierte, unterstützt von seinen Mitarbeitern Nicolovius, Süvern und Uhden, sowohl temporeich wie umsichtig Lehrpläne, Lehrerausbildung und Prüfungswesen an Elementar- und Volksschulen, Gymnasien und im universitären Bereich. Als Krönung seines Reformwerks dürfte auch er selber die Gründung der Berliner Universität betrachtet haben, von der Berglar sagt: „Niemals wieder hatte ein deutscher Unterrichtsminister eine stolzere Berufungsliste vorzuweisen.“ Zu den glänzendsten Lehrstuhlbesetzungen gehörten in den Anfängen Schleiermacher, Friedrich Carl von Savigny, Johann Gottlieb Fichte und Barthold Georg Niebuhr. Humboldts Universitätsidee sah für den Hochschulbetrieb und das Verhältnis zwischen Dozenten und ihren Studenten die Einheit von Forschung und Lehre vor. Beide sollten auch von staatlichen Forderungen und Auflagen einengender Art freigehalten werden. Humboldt ging davon aus, dass die Universitäten in verantwortlicher Selbststeuerung auch die staatlichen Zwecke erfüllen, nur sozusagen von einer höheren Warte aus und mit Mitteln, die der Staat aus eigenem Vermögen nicht hervorbringen kann.
Man hat mit Blick auf wirtschaftliche Zwänge und gesellschaftliche Realitäten kritisiert, dass Humboldts Bildungsideal zu eng gebunden war an seine aristokratisch privilegierte Existenz und von daher der Verallgemeinerbarkeit entbehrte. Dabei würde er selber wohl kaum bestritten, sondern ausdrücklich betont haben, dass das seinem Leben die Richtung weisende Luxusmodell individueller Bildung unter anderen Voraussetzungen entsprechend abgewandelt werden musste. Belege dafür - wie auch Anregungen für die Schaffung einer Bürgergesellschaft, in der lebenslanges Lernen möglich werden könnte - enthält sein Bericht an den König vom Dezember 1809:
Den Vorsatz, seine Stellung im Staatsrat aufwerten zu lassen, um unabhängig und gleichberechtigt unter Kabinettskollegen wirken zu können, hatte Humboldt zu keiner Zeit seiner Reformtätigkeit aufgegeben und sich Hoffnungen gemacht, den König von den diesbezüglichen Vorstellungen des Freiherrn vom Stein überzeugen zu können. Als er schließlich erkennen musste, dass er in der Sache nichts ausgerichtet hatte, reichte er ‒ vielleicht in dem Bewusstsein, ein letztes Druckmittel auszuspielen ‒ nach gut einjähriger Tätigkeit im Amt sein Rücktrittsgesuch ein. Es dauerte zweieinhalb Monate, in denen er sowohl für die Leitung des Innen- wie des Außenministeriums im Gespräch war, bis seine Entlassung bewilligt wurde. Da er die Übernahme der Sektionsleitung für Kultus bereits mit der Bitte verknüpft hatte, späterhin in den diplomatischen Dienst zurückkehren zu können, mochte die mit der Entlassung zugleich verbundene Ernennung zum „außerordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Minister in Wien“ sich eignen, seine Enttäuschung abzumildern.
Humboldt ist für sein jeweiliges Ausscheiden aus den Staatsämtern, die er inne gehabt hatte, angegriffen worden. Eigenliebe, Genussucht, Bequemlichkeit und Selbstüberschätzung gehören zu den angenommenen Motiven seiner Rückzüge. Dagegen stehen der enorme Einsatz und der unermüdliche Arbeitseifer, den er, wenn es darauf ankam, auch im Staatsdienst an den Tag legte. Jedoch in einem blieb er sich über die Jahrzehnte hinweg treu: Bedingungslos galt seine Bereitschaft zum Dienst am Gemeinwesen nicht. Wenn die politischen Umstände ihn zu fesseln und seinem Selbstbild zu entfremden drohten, wenn er seinen Gestaltungsanspruch unangemessen beschnitten oder gänzlich gefährdet erkannte, wenn er keine Perspektive mehr sah, seine Überzeugungen geltend machen zu können, dann endete für ihn jegliche Verpflichtung; da war er mit sich im Reinen. Wollte man von dem großen Theoretiker und Lebenspraktiker der individuellen Bildung anderes erwarten?
Auf dem Wiener Kongress und bei den Verhandlungen über den Deutschen Bund fungierte Humboldt als Hardenbergs rechte Hand und trug mit zahlreichen Memoranden zur inhaltlichen Ausgestaltung der Bundesakte bei. Das in dieser wichtigen Phase der Neuordnung Europas bestehende Einvernehmen mit Hardenberg hielt jedoch nicht dauerhaft vor, wobei Verlauf und Ausgang des Kongresses die Weichen dafür bereits gestellt haben dürften. Denn in dem zunehmend von Metternichs restaurativen Strebungen geprägten Klima gerieten Humboldts liberale Grundsätze und Impulse mehr und mehr ins Abseits, während Hardenberg sich in die Entwicklung schickte. Nach Abschluss der Verhandlungen war aufgrund des deutlich gewordenen Gegensatzes zwischen Metternich und Humboldt dessen Rolle in Wien ausgespielt. Er wurde zunächst für das ganze Jahr 1816 zu Anschlussverhandlungen über offene Territorialfragen im Deutschen Bund nach Frankfurt geschickt, danach auf den Botschafterposten in London versetzt, was einer Kaltstellung gleichkam. Humboldt war von Hardenberg selbst wiederholt ein Ministeramt in Aussicht gestellt worden und hatte diesem ‒ quasi als Voraussetzung für die Bereitschaft zur Übernahme eines Ministeriums ‒ eine Reform des Staatsrats empfohlen, die auf kollegiale Entscheidungsstrukturen hinauslief. Hardenberg wähnte sich in seiner Autorität und Leitungsfunktion durch Humboldt angegriffen und forderte daraufhin die zügige Abreise des 1817 während mehrerer Monate als Mitglied des Staatsrats im Berliner politischen Geschäft mitmischenden Humboldt nach London.
Nur gut ein halbes Jahr fügte sich Humboldt dieser Abschiebung, dann bat er ‒ vorgeblich aus familiären Gründen ‒ um seine Abberufung. Hardenberg, der ihn von Berlin fernhalten wollte, kassierte das Gesuch, und erst ein zweites, direkt an den König gerichtetes brachte einen halben Erfolg: Humboldt sollte erneut die preußischen Interessen beim Deutschen Bund in Frankfurt a.M. wahren. Im Januar 1819 schließlich wurde er doch noch in ein Ministeramt berufen, und zwar in das für ständische Angelegenheiten. Unter anderen Voraussetzungen hätte sich hier die Chance bieten können, liberale Grundlagen für eine konstitutionelle Monarchie zu schaffen und so das Verfassungsversprechen Friedrich Wilhelms III. im Geiste Humboldts zu verwirklichen. Die Aussicht auf diese Möglichkeit dürfte ihn bewogen haben, seine nochmals vorgebrachte Forderung nach einer Reform des Staatsrats auf sich beruhen zu lassen und das angebotene Ministerium zu übernehmen - trotz Hardenbergs anhaltender Reserviertheit und ungeachtet dessen eigener Verfassungspläne. Die interessierte Öffentlichkeit, deren Erwartungen wohl bereits für die Offerte an Humboldt den Ausschlag gegeben hatten, reagierte entsprechend erfreut auf seine Zusage. Hardenberg jedoch, der die Weichen in der Verfassungsfrage bereits vor Humboldts Eintreffen in Berlin gestellt haben wollte, hielt diesen bis in den Sommer hinein mit seinen Frankfurter Aufgaben befasst, ehe er ihn nach Berlin einbestellte.
In dem für seine Verfassungsvorstellungen denkbar ungünstigsten Moment musste Humboldt nun die Amtstätigkeit aufnehmen. Parallel zu seiner Amtseinführung wurden zwischen den preußischen und österreichischen Regierungsspitzen die Karlsbader Beschlüsse verhandelt und verabschiedet, die die Unterdrückung und Verfolgung der liberalen Bestrebungen an den Universitäten und im öffentlichen Leben vorsahen. Zwar kam es auch danach noch zur Vorstellung der Verfassungsentwürfe Hardenbergs und Humboldts in der vom König unter anderen Vorzeichen berufenen Verfassungskommission, doch waren die Würfel gegen eine konstitutionelle Entwicklung in Preußen mit der Karlsbader Übereinkunft bereits gefallen, und Humboldts Kampf, für den er zeitweise sogar noch eine Reihe seiner Kollegen gewinnen konnte, fand auf längst verlorenem Posten statt. Sein energisches Eintreten gegen polizeiliche Willkürmaßnahmen im Zuge von „Demagogen“-Verfolgungen führten zu seiner Entlassung am 31. Dezember 1819, die er in der für ihn bezeichnenden Gelassenheit hinnahm.
1829 setzte nach dem Tod Carolines, die ihn in allen Lebenslagen ermutigt und gestärkt hatte, ein beschleunigter Alterungsprozess ein, begleitet von den Symptomen der Parkinson-Krankheit. Doch allabendlich diktierte der verwitwete Humboldt, der auch ansonsten in seinem Tegeler Domizil an einem klar gegliederten Tagesablauf festhielt, quasi aus dem Stegreif ein Sonnett. Das vom 26. Dezember 1834 enthält die Zeilen:
Seine Nachkommen haben ‒ über alle geschichtlichen Wechsellagen des 19. Und 20. Jahrhunderts hinweg ‒ mit einer Konsequenz, die aller Ehren wert ist, an der Einlösung dieser Vision mitgewirkt und die von Humboldt angelegte Doppelnutzung von Schloss Tegel als Familienwohnsitz einerseits und interessierten Besuchern in Teilen zugängliches Museum andererseits bis in die Gegenwart fortgeführt. Es steht zu hoffen, dass nach den laufenden Restaurierungsarbeiten diese noble Tradition in Schloss und Park fortlebt. Dann behielte auch Fontanes Dictum in den Wanderungen durch die Mark Brandenburg für jedermann sichtbar seine Gültigkeit:
Neben den o.a. schon in jungen Jahren erlernten Fremdsprachen erstreckte sich die Sprachbeherrschung Wilhelm von Humboldts auf Englisch, Italienisch, Spanisch, Baskisch, Ungarisch, Tschechisch, Litauisch; seine wissenschaftlichen Untersuchungen galten den Eingeborenensprachen Amerikas, dem Koptischen, dem Altägyptischen, dem Chinesischen, dem Japanischen und dem indischen Sanskrit. Quell dieses umfassenden sprachlichen Forschungsdrangs war Humboldts Menschenbild, in dem Sprache die Schlüsselrolle schlechthin inne hatte: „Denn da das menschliche Gemüt die Wiege, Heimat und Wohnung der Sprache ist, so gehen unvermerkt, und ihm selbst verborgen, alle ihre Eigenschaften auf dasselbe über.“ In einer Abhandlung über den Nationalcharakter der Sprachen heißt es u.a.:
Zwischenmenschliches Verstehen in entwickelter Form setzt eine gemeinsame Sprache voraus; und das ist nach Humboldt Triebfeder und Medium auch des wissenschaftlichen Fortschritts:
Ein in diesem Sinne besonders fruchtbares Zusammentreffen von Gedankensphären hat das Tegeler Brüderpaar miteinander erlebt ‒ und die Nachwelt davon profitieren lassen. Es lag nahe, dass Wilhelm in Ausübung seiner politischen Ämter derjenige von beiden Brüdern war, der mehr preußischen Patriotismus entwickelt und diesen bei dem lange Zeit im damaligen Forschungsmekka Paris weilenden Alexander gelegentlich vermisst hat. Doch im Grunde ging beiden jegliche vaterländische Borniertheit ab, und bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit einte sie ihr kosmopolitischer Ansatz. So wird man Herbert Scurla folgen können, der in den nachstehenden Sätzen Wilhelm von Humboldts, auf die Alexander im „Kosmos“ ausdrücklich verwiesen hat, ein gemeinsames Vermächtnis der Humboldt-Brüder sah:
Werkausgaben:
Einzelausgaben:
Mann | Deutscher | Preußischer Staatsrat | Pädagoge (18. Jh.) | Philosoph (19. Jh.) | Altphilologe | Kulturpolitiker | Sprachwissenschaftler | Geboren 1767 | Gestorben 1835
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