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Wilhelm Tell ist ein sagenhafter schweizerischer Freiheitskämpfer und Tyrannenmörder, der an der Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert in der Innerschweiz gelebt haben soll. Bereits im Mittelalter war er dort als legendäre Gestalt lebendig und kam damals schon in Theaterspielen vor. Der Dichter Friedrich Schiller verfasste in seiner späten Schaffensphase das berühmte gleichnamige Bühnenwerk. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ist er der Nationalheld der Schweiz.

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Entstehung einer Legende

Der Chronist Aegidius Tschudi verdichtete um 1570 verschiedene, mündlich und schriftlich überlieferte Versionen der Tell-Erzählung zu einer Sage, die dann vor allem durch die Dramatisierung Friedrich Schillers, aber auch durch den Historiker Johannes Müller zunächst in Europa und später weltweit bekannt wurde.

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In Tschudis Tell-Legende lässt der habsburgische Landvogt Gessler zu Altdorf einen Hut auf eine Stange stecken und befiehlt den schweizerischen Untertanen, diesen jedes Mal zu grüssen, wenn sie an ihm vorüber gehen. Wilhelm Tell, ein weitherum bekannter Armbrustschütze, verweigert den Gruss und der Vogt befiehlt ihm daraufhin, einen Apfel vom Kopf seines Sohnes zu schiessen. Sein Kind müsse andernfalls mit ihm sterben. Tell tut widerstrebend, wie ihm geheissen, und trifft den Apfel. Als er aber auf die Frage nach dem Zweck des zweiten Pfeils, den er zu sich gesteckt hatte, antwortet, dass derselbe für den Vogt bestimmt gewesen sei, wenn er sein Kind getroffen hätte, befiehlt dieser, ihn gefesselt auf seine Burg nach Küssnacht zu überführen. Auf dem Vierwaldstättersee aber bringt ein Sturm das Schiff in Gefahr, und Tell wird seiner Fesseln entledigt, um dasselbe zu lenken. Geschickt steuert er es gegen das Ufer, wo der Axenberg sich erhebt, springt dort von Bord auf eine hervor ragende Felsplatte, welche noch heute Tellsplatte heisst, eilt darauf über das Gebirge nach Küssnacht, erwartet den Vogt in einem Hohlweg, Hohle Gasse genannt, und erschiesst ihn aus sicherem Versteck mit der Armbrust.

Von Tells weiterem Leben wird nur berichtet, dass er 1315 in der Schlacht bei Morgarten mitgefochten und 1354 in dem Schächenbach beim Versuch der Rettung eines Kindes den Tod gefunden habe.

Nachdem schon der Freiburger Guillimann 1607, dann die Basler Christian und Isaak Iselin, der Berner Pfarrer Uriel Freudenberger 1760 sowie Voltaire („Annales de l'Empire”) die Geschichte Tells als Fabel bezeichnet hatten, kam im 19. Jahrhundert der Historiker Kopps u. a. zum Ergebnis, dass die Tell-Gestalt in keinem zeitgenössischen Schriftdokument erwähnt wird. Erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts taucht die Tellsage auf, und zwar in mindestens zwei Versionen. Quellenmässig ist die Erzählung fassbar in einem um 1499 entstandenen Volkslied, sodann in der Luzerner Stadtchronik, die 1482 bis 1488 von Melchior Russ geschrieben wurde. Russ erblickt in Tell den Haupturheber der Befreiung und Stifter des gegen die habsburgische Herrschaft gerichteten Bundes der Eidgenossen.

Im Weißen Buch von Sarnen, anonnym verfasst um 1470 und basierend auf einem Urtext von 1420, wird Tells Tat krampfhaft mit dem Bund von 1291 in Verbindung gebracht; die Initiative im Freiheitskampf wird aber vornehmlich der Gestalt des Werner Stauffacher zugeschrieben. Diese Version erscheint auch in der 1507 gedruckten Chronik des Luzernes Etterlin. Erst Tschudi hat die beiden Traditionsstränge zu einer Gesamtsage verwoben, die dann im Lauf der Jahrhunderte noch mancherlei Zusätze bekam. Tellskapelle.jpg

Die so genannten Tellskapellen auf der Tellsplatte, in Bürglen und in der Hohlen Gasse stammen erst aus dem 16. Jahrhundert und sind zum Teil nachweislich zu Ehren von Kirchenheiligen gestiftet worden. In Uri liess sich keine Familie Tell ermitteln; die Erkenntnisse der Urner Landsgemeinden von 1387 und 1388, welche Tells Existenz bezeugen sollten, sowie die den Namen „Tello” und „Täll” enthaltenden Totenregister und Jahrzeitbücher von Schaddorf und Attinghausen sind als Erdichtungen und Fälschungen nachgewiesen.

Der Autor Max Frisch schrieb eine eigene „Version”, nämlich „Wilhelm Tell für die Schule”, in der er u.a. auch auf die dänische Sage Bezug nimmt.

Herkunft der Apfelschuss-Sage


Die Sage vom Apfelschuss ist ein uralter indogermanischer Mythos, der in anderem Gewand auch in der persischen, dänischen, norwegischen und isländischen Heldensage vorkommt. In Letzterer wird der Held Eigil genannt, von dessen Sohn, König Orentel, Tell vielleicht den Namen erhalten hat. In der dänischen Variante heisst der Held Toko. In der Schweiz ist die offenbar schon vor 1400 im Volk verwurzelte Variante dieses Mythos von den Chronisten des 15. Jahrhunderts zur Ausschmückung der Befreiungssage übernommen worden.

Der Berner Pfarrer Uriel Freudenberger (1738 bis 1743 Prediger am Inselspital in Bern, Pfarrer von Frutigen und 1747 bis 1752 in Ligerz) betätigte sich als Geschichtsforscher und stellte 1760 die These auf, dass es sich beim schweizerischen Wilhelm Tell um die Nachdichtung einer Episode aus den Gesta Danorum des dänischen Geschichtsschreibers Saxo Grammaticus (ca. 1140 bis 1220) handele. Aus Angst vor den Auswirkungen veröffentlichte er die Abhandlung anonym. Die Saga des Schützen Toko, im Dienste des dänischen Königs Harald Blauzahn (939-966), besagt, dass dieser prahlerische Schütze vom König gezwungen wurde, einen Apfel vom Kopf seines Sohnes zu schiessen und Toko den König als Rache während eines Liebesabenteuers erschoss. Gottlieb Emanuel Haller übersetzte die Abhandlung ins Französische und veröffentlichte sie wegen der Befürchtungen Freudenbergers unter seinem eigenen Namen.

Schillers Drama "Wilhelm Tell" von 1804


Handlung

Die erste Szene beginnt idyllisch. Die Harmonie wird jäh gestört durch habsburgisch-kaiserliche Söldner, die den Schwyzer Konrad Baumgarten verfolgen. Er hatte den Burgvogt erschlagen, als dieser seine Ehefrau vergewaltigen wollte. Verzweifelt fleht Baumgarten den Fischer Ruodi an, ihn über den Vierwaldstätter See zu rudern, doch der Familienvater weigert sich wegen eines aufziehenden Unwetters. Nun erscheint der Meisterschütze Tell und rudert den tödlich bedrohten Flüchtling über den See. Als Vergeltung setzen die Verfolger die Behausungen der Seeanwohner in Brand.
Der Zorn über die Brutalität der habsburgischen Besatzungsmacht wächst. Tell rät jedoch zur Zurückhaltung und beteiligt sich weder an den Vorbereitungen für eine Erhebung noch am Rütli-Schwur der Eidgenossen aus den drei Urkantonen Uri, Schwyz und Unterwalden. Ich kann nicht lange prüfen oder wählen, bedürft ihr meiner zur bestimmten Tat, dann ruft den Tell * (1. Aufzug, Dritte Szene). Die reiche Erbin Berta von Bruneck kann unterdessen den habsburgischen Parteigänger Ulrich von Rudenz für die eidgenössische Sache erwärmen.
Später wird auch Tell in das Geschehen einbezogen. Er verweigert einem aufgesteckten Hut des Vogtes Hermann Gessler den Gruss. Dieser zwingt ihn daraufhin, einen Apfel vom Kopf des eigenen Kindes zu schiessen. Tell entnimmt seinem Köcher zwei Pfeile und trifft den Apfel. Der Frage des Reichsvogtes, wofür der andere Pfeil bestimmt gewesen sei, weicht er zunächst aus. Gessler verspricht ihm, sein Leben zu schonen, wie immer die Antwort auch ausfalle. Darauf gesteht Tell dem Tyrannen, dass der zweite Pfeil für ihn bestimmt gewesen wäre, wenn er seinen Sohn getroffen hätte. Gessler hält zwar sein Versprechen, lässt ihn aber gefangennehmen.
Während der Seeüberfahrt zieht ein Sturm auf und Tells Häscher kommen in Bedrängnis. Sie überlassen ihm das Steuer, und er kann schliesslich mit einem Sprung ans Ufer entkommen. In der hohlen Gasse bei Küssnacht lauert der Meisterschütze Geßler auf und erläutert in einem Monolog das Motiv: dem "teufelischen" Treiben des gefühlsrohen, herrschsüchtigen Vogtes ein Ende zu setzen. Ein Pfeil durchbohrt dessen Herz.
Dies ist der Funke am Pulverfass und die allgemeine Erhebung beginnt. Berta wird gefangen genommen und von Rudenz wieder befreit. Die Gestalt des Johannes Parricida, Herzog von Schwaben, tritt auf. Dieser hatte seinen Onkel, den Kaiser, aus selbstsüchtigen Motiven ermordet und bittet nun Tell um Beistand. Tell weist auf den grossen Unterschied beider Morde hin und bewegt ihn, nach Italien zu gehen und dort dem Papst die "grässliche" Tat zu beichten. In der letzten Szene kündigen Berta von Bruneck und Ulrich von Rudenz ihren Ehebund an. Dieser beschliesst das Drama mit den Worten: Und frei erklär ich alle meine Knechte.

Theatergeschichtliches

Das Schauspiel Wilhelm Tell wurde 1803-1804 von Friedrich Schiller geschrieben und am 17. März 1804 am Weimarer Hoftheater uraufgeführt.

Johann Wolfgang Goethe hatte zwischen 1775 und 1795 mehrmals die Schweiz besucht und war von der Gegend um den Vierwaldstättersee und der Tellsage angetan. Goethe beschaffte sich auch Tschudis Schweizer Chronik und erwog, die Schweizer Befreiungssage dichterisch umzusetzen. Goethe machte Schiller mit der Sage bekannt und schilderte ihm seine Eindrücke von der Gegend. Schiller, welcher niemals in der Schweiz weilte, aber sich als Historiker gut zu unterrichten wusste, schrieb darauf das Tell-Drama in fünf Aufzügen und zeigte dabei eine bemerkenswert genaue Ortskenntnis.

Schiller stellt in seiner Interpretation den Schritt Tells aus der sittlichen Reinheit dar, in die er nach dem Tyrannenmord nicht wieder zurück kehren kann. Während Tell zu Anfang des Stückes intuitiv handelt und alles mit wortkargen Kurzstatements erläutert, wird er im letzten Aufzug zu einer fast schon philosophischen Gestalt. Schon im 19. Jahrhundert wurde der fünfte Aufzug allerdings entweder stark gekürzt oder gar nicht gespielt, da gemäß der seit Ludwig Börne herrschenden Lesart Tell hier eine unzeitgemässe Freiheitsauffassung zum Ausdruck bringe.

Im Dritten Reich wurde das Stück zunächst in die Nazi-Propaganda integriert. In den ersten Jahren wurde es als „Führerdrama” gepriesen und häufig aufgeführt. Die Hauptfiguren Tell und Werner Stauffacher wurden als ideale Führerpersönlichkeiten interpretiert, Tell-Zitate fanden sich in den meisten Lesebüchern. Schillers Motiv des gerechtfertigten Tyrannenmords scheint jedoch nach mehreren Attentaten auf Hitler (verübt u. a. von dem Schweizer Maurice Bavaud) zu einer völligen Abkehr der Nazis vom Tell geführt zu haben; die Änderung der Einstellung war so dramatisch, dass das Stück am 3. Juni 1941 auf Anweisung Hitlers verboten wurde.

1941 war auch das Jahr, in dem die Schweiz ihr 650jähriges Bestehen feierte. Im Rahmen dieser Feierlichkeiten wurde oft Bezug auf Wilhelm Tell und insbesondere Schillers Stück genommen; so führte die Tellspiel-Gesellschaft von Altdorf am 1. August die „Rütlischwur”-Szene auf dem Rütli auf. Es ist möglich, dass diese intensive Bezugnahme auf Schillers Tell als Darstellung eines Schweizervolks, das seine Freiheit und Unabhängigkeit erkämpft, mit dazu beitrug, dass er in Deutschland so plötzlich unerwünscht war.

2004 wurde das Stück zu seinem 200-Jahr-Jubiläum erstmals auf dem Rütli aufgeführt und zwar vom Deutschen Nationaltheater Weimar.

„Wilhelm Tell“ im Schulunterricht

„Wilhelm Tell“ ist Schillers letztes, vierzehn Monate vor seinem Tod fertiggestelltes Bühnenwerk. Wegen seines sittlichen Gehalts, aber auch wegen seiner vollendeten künstlerischen Form galt es nach dem Untergang des „Dritten Reichs“ als wichtigstes Theaterstück im gymnasialen Deutschunterricht, welches noch in den sechziger Jahren meist im 10. Schuljahr behandelt wurde.

In dem freiheitssinnigen Werk verbünden sich für die Revolution nicht nur die Orte Uri, Schwyz und Unterwalden, sondern auch Frauen und Männer, Jugendliche, Männer und Alte, Bauern, Adelige und Arme - also drei Kantone, beide Geschlechter, drei Generationen, drei Stände. Das wird bereits in der Exposition bereits glänzend verflochten - dabei auch der kennzeichnende Zug eingeführt, dass bei den Bauern, im Adel und den armen Leuten Frauen die radikaleren sind und sich so äußern. So mahnt Gertrud ihren Gatten Werner Stauffacher: „Zu Schwyz sich alle Redlichen beklagen ob dieses Landvogts Geiz und Wüterei * Ihr seid auch Männer, wisset eure Axt zu führen“; Bertha gewinnt Rudenz für die gemeinsame Sache; Armgard hebt bei Gesslers Tod ihre Kleinen hoch: „Seht Kinder, wie ein Wüterich verscheidet.“

Dass das Leitmotiv - Tell gegenüber allen anderen Figuren als der "natürliche Mensch" - bereits im Auftaktlied und dann überall in Schlüsselszenen festgehalten wird (vgl. Tells Fehlen auf dem Rütli, aber der entscheidende Schuss auf Gessler), hat eine anspruchsvolle rechtsphilosophische Fundierung: Tell handelt natürlich und nicht menschlich-planend. Deswegen argumentiert er bei Schiller auch sehr ungern, und wenn er etwas rechtfertigt, spricht er in volkstümlichen (1805 also: in 'natürlichen') Weisheiten (Sentenzen und Gnomen, die Schiller selbstverständlich selbst erfunden hat): „Die Axt im Haus erspart den Zimmermann.“ Tells natürliche Sittlichkeit ist für die Schweizer Revolution unverzichtbar, daher ist er auch Schillers Titelheld. Also liegt nach Schillers Auffassung erst in einer Verbindung von natürlicher mit gesellschaftlicher Revolution ihre Rechtfertigung, und das ist die Frage nach der Möglichkeit eines Naturrechts.

So etwas war vor 16-jährigen schwerer abzuhandeln, und so galt bei ehemaligen Schülern Schillers formal und denkerisch raffiniertestes Drama nicht selten als sein simpelstes und sein hochkomplexer Held als Sprücheklopfer.

Rossinis Oper


1829 komponierte Gioacchino Rossini die Oper Guillaume Tell. Die Tell-Ouvertüre daraus wurde weltbekannt (Hörprobe).

Tell als nationalstaatliches „Maskottchen


Wer nicht an die geschichtliche Existenz des Freiheitskämpfers Tell glaubte, galt in der Schweiz des 19. Jahrhunderts schon fast als Vaterlandsverräter: In der Eidgenossenschaft gehörte diese Optik zum Widerstand der „Konservativen” gegen die wirtschaftsliberale Staatsauffassung, welche zumindest teilweise auf den Ideen der Französischen Revolution von 1789 fusste. Als um 1830 der liberale Luzerner Historiker Kopp es wagte, die auf Schillers Tell basierenden patriotischen Deutungen in Zweifel zu ziehen, geschah auf dem Rütli ein weiteres „Attentat”: eine Kopp darstellende Puppe wurde verbrannt.

Dass sich bei der Gestaltung des schweizerischen Bundesstaates von 1848 die liberalen Kräfte durchsetzten, bedeutete jedoch keineswegs das Ende der Tell-Verehrung. 1848 wurde Tell - neben Helvetia - offiziell als Freiheitssymbol der jungen Schweiz eingeführt. Anlässlich der Feiern „600 Jahre Eidgenossenschaft” 1891 wurde Tell sogar zum Symbol der nationalen Identität erhoben.

Siehe auch


Weblinks


Schweizerische Geschichte

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