Wilhelm Reich, (* 24. März 1897 in Dobzau, Galizien; † 3. November 1957 in Lewisburg, Pennsylvania, USA) war Psychoanalytiker und Begründer der Körperpsychotherapien und einer der Begründer des Freudomarxismus.
Wilhelm Reich ging anschließend nach Wien und studierte, nach einem Semester Jura, Medizin. Er wurde durch ein Seminar zur Sexualität, das sein Kommilitone Otto Fenichel außeruniversitär organisiert hatte, auf Sigmund Freud und die Psychoanalyse aufmerksam. 1921, noch als Student, wurde er - eine große Ausnahme - in die Wiener Psychoanalytische Gesellschaft aufgenommen. Ohne jemals eine Lehranalyse abgeschlossen zu haben, praktizierte er mit kaum 23 Jahren als Psychoanalytiker. Von 1924 bis 1930 war er Leiter des Seminars für Psychoanalytische Therapie, wo man praktische Probleme der Behandlung systematisch erforschte. Aus den Diskussionen in diesem Seminar und aus einer konsequenten Weiterentwicklung der Freudschen Libidotheorie zur Orgasmustheorie (1927) gingen seine therapietechnischen Innovationen hervor: von der Widerstandsanalyse zur Charakteranalyse (1933), danach zur körperorientierten Vegetotherapie und schließlich zur Orgontherapie.
Durch die Formulierung der Orgasmustheorie (orgastische Potenz als Kriterium für psychische Gesundheit und also Therapieziel) geriet Reich in einen schwelenden Konflikt mit Freud, der schließlich 1934 zu seinem Ausschluss aus allen psychoanalytischen Organisationen führte. Seit Mitte 1927 hatte Reich außerdem, parallel zu seiner Arbeit innerhalb der Psychoanalyse, eine Synthese von Marxismus und Psychoanalyse (siehe: Freudomarxismus) auf theoretischer wie praktischer Ebene versucht. Er war 1930 von Wien nach Berlin gegangen, wo er der KPD beitrat und sexualpolitische Agitation (Sexpol) betrieb. Auch diese Arbeit war so konfliktträchtig, daß er 1933, vor allem aber wegen seines Buches Massenpsychologie des Faschismus, aus der Partei ausgeschlossen wurde.
Unmittelbar nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler (30.1.1933) emigrierte Reich zunächst nach Dänemark und später nach Norwegen, wo er die Charakteranalyse zur Vegetotherapie entwickelte und elektrophysiologische und mikrobiologische Forschungen betrieb. Er lernte in Oslo den Pädagogen Alexander S. Neill kennen, mit dem ihn zeitlebens eine enge Freundschaft verband.
Kurz vor Beginn des Krieges emigrierte Reich in die USA. Dort übte er großen Einfluss auf Psychotherapeuten wie Ronald D. Laing, Alexander Lowen und Fritz Perls aus. Beachtung fand Reich vor allem mit seiner Beschreibung psychischer Blockaden, die er als "Charakterpanzer" bezeichnete, und die sich in der Verspannung bestimmter für die praktische Arbeit abgrenzbarer Muskelgruppen ("Muskelpanzer") äußern würden. Reich übernahm von dem damals zu den führenden Physiologen zählenden Friedrich Kraus das Konzept der "vegetativen Strömung" und entwickelte so seine Charakteranalyse weiter zur Vegetotherapie. zur - in seiner Sicht - Entdeckung der Bione (1938), vesikulären Gebilden an der Grenze zwischen Anorganischem und Organischem, und schließlich zum Postulat einer spezifischen Energieart, die er Orgon nannte.
Diese Energieform sei die biophysikalische Grundlage für die Wirksamkeit der Psychotherapie, wirke bakterizid, töte Krebszellen und sei in Akkumulatoren konzentrierbar. Ein gerichtliches Verbot der Verwendung dieser Orgon-Akkumulatoren sowie die Verfügung, diese Geräte selbst sowie alle seine Bücher zu vernichten, wurde von Reich nicht akzeptiert, da es sich um eine wissenschaftliche Frage handele. Nachdem ein Mitarbeiter Reichs gegen die Anordnung des Gerichts, Orgon-Akkumulatoren nicht über die Staatsgrenzen zu transportieren, verstieß, wurde Reich 1956 zu einer zweijährigen Haftstrafe wegen Missachtung des Gerichts verurteilt. Während der Haft starb Reich an plötzlichem Herztod.
Reichs Arbeiten wurden als "Werbeschriften" für den "Orgon-Akkumulator" unter Aufsicht der FDA verbrannt. Die FDA bestand auf der Verbrennung aller Arbeiten Reichs, in denen zum einen das Wort Orgon auftauchte und denen zum anderen gedankliche Vorarbeit für dieses Konzept unterstellt wurde. So wurden auch Schriften zur "Charakteranalyse" verbrannt, die 1933 erschienen, also viele Jahre bevor Reich überhaupt erste Gedanken in Richtung auf die Orgon-Energie gefasst hatte oder sich gar mit Akkumulatoren beschäftigte.
Im "Fall Reich" (s. Lit.), d.h. hinsichtlich seiner Ächtung durch Freud und die organisierte Psychoanalyse, liegt noch immer eine unklare Faktenlage vor. Ebenso uneinheitlich sind die Einschätzungen seiner Leistungen; sie reichen heutzutage von der Aussage, er "habe einige wertvolle Beiträge zur Charakterforschung geleistet, ehe er 'schizophren oder zum Scharlatan' geworden sei" bis hin zu der Aussage Laings, der behauptete, es sei eine Neubewertung der Reichschen Theorien gerade in der Jugend im Gange, die selbst seine späteren Arbeiten zur Biophysik nicht mehr so leicht "ins Kuriositätenkabinett" verweisen könnten. Je genauer er sich selbst mit den Arbeiten Reichs beschäftige, desto ernster nehme er sie. Physiker hingegen, die für Energiearten eher kompetent sind als der Psychoanalytiker Laing, haben Reichs Arbeiten über Orgon bisher nicht in den Bestand der Universitätsphysik aufgenommen. Aber auch in der akademischen Psychologie, in der sogar Freud nur noch als historische Figur geachtet wird, ist Reich allenfalls eine marginale Figur.
Die objektive Einschätzung seiner Arbeiten wird wohl vielen unmöglich sein, da sie sich über verschiedene wissenschaftliche Forschungsbereiche erstrecken und teilweise in Anlehnung akzeptierter Theorien, teilweise in einem klaren Widerspruch zu gängigen Theorien stehen, welche (sofern damals schon vorhanden) Reich aber in seinen Arbeiten stets als Alternativmodelle anführt und deren Erklärungsgehalt mit dem seiner Theorie verglich.
Reichs Theorien waren nach seinem Tod 1957 ziemlich schnell in Vergessenheit geraten. Ein Jahrzehnt später wurde er von der Studentenbewegung in den USA und Westeuropa wiederentdeckt, zum einen als Freudo-Marxist, zum anderen als Künder einer Sexuellen Revolution. Einige Jahre später entdeckte man ihn als Begründer der körperorientierten Psychotherapie, und bald auch als Entdecker der "primordialen" Lebensenergie Orgon. Unabhängig von dieser breiteren Rezeption hat sich seit 1967 in den USA das "College of Orgonomy" etabliert.
Reichs Orgontheorie wird gelegentlich mit anderen "alternativen" Energietheorien, etwa denen Nikola Teslas, Carl Reichenbachs oder Viktor Schaubergers, sowie mit ostasiatischen Energielehren in Verbindung gebracht.
In Deutschland stützen sich heutzutage alle körperorientierten Psychotherapieverfahren auf Reichs Ideen.
Bernd A. Laska, der von 1975-1982 die Zeitschrift "wilhelm-reich-blätter" herausgab, versucht in seinem 1985 begonnenen "paraphilosophischen" LSR-Projekt Reichs Rang als Aufklärer aus seinem Gegensatz zu Freud (als dem einflussreichsten Aufklärer im 20. Jahrhundert) abzuleiten, wobei er es für nebensächlich hält, welchen wissenschaftlichen Status nicht nur Reichs spätere Orgontheorie, sondern auch die psychologischen Theorien Freuds und Reichs aktuell haben. Reich ist dabei eine von drei "Schlüsselfiguren", deren Schicksale in der Geschichte der neuzeitlichen Aufklärung trotz unterschiedlichster Kontexte erstaunliche Ähnlichkeiten aufweisen und auf prinzipiell gleiche inhaltliche Positionen zurückzuführen sind: neben Reich, der von Freud ins Abseits "verdrängt" wurde (s. Weblink unten) La Mettrie, dessen Ideen im 18. Jh. von Voltaire, Rousseau u.a. ausgeschaltet wurden wie die Stirners im 19. Jh. von Marx und Nietzsche. Es handelt sich also offenkundig um ein sehr ambitioniertes Projekt.
1973 veröffentlichte der niederländische Autor Harry Mulisch Het seksuele bolwerk, das unter Das Sexuelle Bollwerk, Sinn und Wahnsinn von Wilhelm Reich (ISBN 3499224356) auch in Deutschland erschien. Mulisch versucht hier mit Hilfe von psychoanalytischen Verfahren auf einer narrativen Ebene Reichs wissenschaftliche Werke anhand seiner Biographie zu erklären.
Als Einführung sei "Ausgewählte Schriften: Eine Einführung in die Orgonomie" W.Reich bspw. 1976 Verlag Kiepenheuer& Wirtsch Köln empfohlen
Im Verlag und Vertrieb Zweitausendeins erschienen 1995-1997 Reichs "Späte Schriften" in deutscher Übersetzung in 6 Bänden: 1) Die Bionexperimente; 2) Orop Wüste (Artikelsammlung), 3) Das ORANUR-Experiment - Erster Bericht; 4) Das ORANUR-Experiment - Zweiter Bericht; 5) Die kosmische Überlagerung; 6) Christusmord
Postum erschienen außerdem einige Bücher mit (auto-)biographischem Material:
Psychoanalytiker | Sexualforscher | Autor | Altösterreicher | Deutschsprachige Emigration | US-Amerikaner | Mann | Geboren 1897 | Gestorben 1957
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