Die Wiener Kanalisation umfasst ein rund 2.300 km langes Kanalnetz, welches sämtliche Abwässer Wiens zur Hauptkläranlage der Entsorgungsbetriebe Simmering, einer hundertprozentigen Tochter der Stadt Wien, an den tiefst gelegenen Punkt Wiens, weiterleitet. Dies sind jährlich rund 220 Millionen m³. Das Netz der Hauskanäle ist 6.300 km lang. Rund 400 der 700 Mitarbeiter der Magistratsabteilung 30 in Wien, der Wien Kanal, sind für die Instandhaltung, Räumung und Kontrolle des Kanalisationssystems zuständig.
Nachdem bei einer Cholera-Epidemie zwischen 1830 und Dezember 1831 rund 2.000 Menschen starben, wurden nach und nach alle wichtigen Bäche der Stadt eingewölbt und in Bachkanäle umgewandelt. Mit den beiden parallel zum Wienfluss verlaufenden Sammelkanälen wurden die ersten großen Abwasserkanäle errichtet, welche in die Donau mündeten. Dennoch kam es immer noch regelmäßig zu Todesfällen durch verunreinigtes Wasser, nicht zuletzt deshalb, da bei Regenfällen das Wasser der Kanäle in den Wienfluss überliefen, welcher selber immer wieder zu Überflutungen gut war, und auf jeden Fall das Grundwasser belastete. Vor allem seit 1873, als die Stadt erstmals eine flächendeckende Wasserversorgung durch die Erste Wiener Hochquellenwasserleitung bekam, nahm die Abwassermenge mit fortschreitender Anschließung der Wiener Haushalte an das Trinkwasser- und Abwassersystem rasant zu. Da dies neben hygienischen Problemen, vor allem bei Hochwasser, auch eine enorme Geruchsbelästigung bedeutete, wurden rasch Maßnahmen erforderlich.
Zwischen 1893 und 1894 wurde daher der linke Hauptsammelkanal am nördlichen Ufer des Donaukanals errichtet, zwischen 1894 und 1904 der wesentlich größere rechte Hauptsammelkanal am südlichen Ufer des Donaukanals, und ab 1895 wurde der Wienfluss reguliert. Im Zuge dieser Bauarbeiten, an denen rund 5.000 Menschen Arbeit fanden, wurden parallel zum Fluss einerseits die Wiener Stadtbahn errichtet, und andererseits die beiden Wienflusssammelkanäle ausgebaut, welche in den Rechten Sammelkanal münden. Bei starken Regenfällen ist ein Überlaufen der beiden Wienflusssammelkanäle durch zahlreiche Überlaufrinnen in die Wien auch heutzutage noch möglich, allerdings wird aktuell eine Entlastungsrinne geplant, welche dieses Problem lösen soll.
Der Linke Wienflusssammler besitzt bis zur Stadtgrenze eine Länge von ca. 15 km und mündet bei der Stubenbrücke in den rechten Wienflusssammler. Dieser wiederum beginnt beim Lainzer Tiergarten, weist eine Länge von 12,5 km auf, und mündet in den rechten Hauptsammelkanal. Die Profilgrößen für beide Sammler weisen am oberen Ende 0,80/1,20 m, und 1,90/2,50 m bei der Mündung in den rechten Hauptsammelkanal auf. Wegen des starken Gefälles sind abgesehen von der Räumung der Schotterfänge nur selten ablagerungsbedingte Räumungsmaßnahmen erforderlich.
Wegen des geringen Gefälles muss der Kanal laufend von Ablagerungen am Grund gesäubert werden. An durchschnittlich 70 Tagen im Jahr werden aufgrund des Regens 60% bis 100% des Trockenwetterabflusses über die Regenüberläufe in den Donaukanal geleitet. Dadurch wird dieser mit durchschnittlich 4,2 Millionen m³ Abwasser bzw. 1,8 Millionen kg BSB5 belastet. Durch die Verbindung des linken mit dem rechten Hauptsammelkanals sollen diese Ausleitungen künftig vermieden werden können.
Am Ende des Linken Donausammelkanals befindet sich ein Absturzbauwerk zum Düker unter der Neuen Donau. Für jede der beiden Profilröhren sind zwei Absturzschächte vorhanden, von denen der erste Schacht zum Schmutzwasserdüker und weiter zum Schmutzwasserpumpwerk auf die Donauinsel führt, von wo wiederum der Schmutzwasserabfluss kontinuierlich über den Donau-Düker zur Hauptkläranlage befördert wird.
Bei einer Belastung des Kläranlagenzulaufes durch Mischwasserzuflüsse aus dem übrigen Kanalnetz wird die Leistung des Schmutzwasserpumpwerkes gedrosselt und ein Staubetrieb im Linken Donausammelkanal eingeleitet. Nach der Füllung der Zulaufkanäle beginnt das Regenwasserpumpwerk, die ankommenden Mischwassermengen in die Donau zu heben.
Teile der Wiener Kanalisation in der Innenstadt sind, sofern es nicht gerade geregnet hat, begehbar. Sowohl die Stadtverwaltung als auch einige private Fremdenführer bieten Führungen für Besuchergruppen unter Tage an.
Weltweit bekannt wurden die unterirdischen Gänge der Kanalisation durch den Agentenfilm Der dritte Mann, welcher im Wien der Nachkriegszeit spielte.
Da die Fertigstellung der Wiener Kanalisation in die Zeit rasanten Wachstums der Stadt fiel, wo viele die erhoffte Arbeit nicht finden konnten, oder aus anderen Gründen obdachlos waren, entdeckte man bald die Zufluchtsmöglichkeit im Untergrund. Da die Kanalisation weitgehend begehbar ist, in den Hauptkanälen auch ungebückt, und die Kanalisation viele Verzweigungen und auch Kammern und Gänge aufweist, die auch bei Regen trocken bleiben, bot die Kanalisation für viele einen optimalen Unterschlupf, der vor allem in der kalten Jahreszeit Überlebensgrundlage war. Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts wagten sich mit Max Winter und Emil Kläger zwei Journalisten zu den Strottern und Obdachlosen, und begründeten mit ihren Berichterstattungen in den Zeitungen die Sozialreportage.
Als 1934 die Gemeinde Wien die „Kanalbrigade“ zur Vertreibung der illegalen Kanalbewohner ins Leben rief ging deren Zahl rasch zurück. Abgesehen vom Zweiten Weltkrieg und der Nachkriegszeit, als auch zahlreiche Geheimagenten der Alliierten die Kanalisation der geteilten Stadt für sich zu nutzen wussten (woraufhin auch der berühmte Film Der dritte Mann entstand), ist die Kanalisation als Notunterkunft heute weitgehend unbedeutend. Hauptgrund dafür sind natürlich die zahlreichen Sozialeinrichtungen, deren Errichtung in der Zeit des „Roten Wiens“ fiel, als die Sozialdemokraten die Stadt regierten und zahlreiche soziale Projekte in Angriff nahmen.
This article is licensed under the GNU Free Documentation License.
It uses material from the
"Wiener Kanalisation".
Home Page • arts • business • computers • games • health • hospitals • home • kids & teens • news • physicians • recreation• reference • regional • science • shopping • society • sports • world