Wertvorstellungen oder kurz Werte sind Vorstellungen über Eigenschaften (Qualitäten), die Dingen, Ideen, Beziehungen u.a.m. von Einzelnen (sozialen Akteuren) oder von sozialen Gruppen von Menschen oder von einer Gesellschaft beigelegt werden, und die den Wertenden wichtig und wünschenswert sind. Zu unterscheiden ist zwischen Werten als Mittel (z.B. Geld, Werkzeug, Gesetze), die ihren Wert durch ihre Funktion erhalten und Werten, die auf Werterfahrungen durch Fühlen beruhen (z.B. Lust, Glück, Wohlbehagen, Schönheit, Harmonie).
Man kann ferner zwischen materiellen Werten und immateriellen Werten unterscheiden. Werte sind die konstitutiven Elemente der Kultur, sie definieren Sinn und Bedeutung innerhalb eines Sozialsystems (Gruppe, Gesellschaft etc.)
Werte können persönliche Werte (Freundlichkeit, Vertrauen etc. --> was man an jemandem schätzt), Materielle Werte (Geld, Macht, Besitz etc.), geistige Werte (Intelligenz), religiöse Werte (Glaube) und sittliche Werte (Benehmen) sein.
Wer beschäftigt sich wissenschaftlich mit den Werten?
Es ist durchaus möglich, dass anderen die gleichen "Werte" unwert, abscheulich, verfolgenswürdig oder verächtlich vorkommen. Warum und wie so oder anders bewertet wird, bearbeiten die
Sozialwissenschaften; wozu Werte dienen und welche Seinsweise sie besitzen - z. B. objektiv oder subjektiv, individuell oder allgemeingültig, durch Gefühle bedingt oder als objektive Wertqualitäten -, ist Gegenstand der
Philosophie (vergl. auch
Wert, Abschnitt "Wertphilosophie und psychologischer Wertbegriff",
Werttheorie).
Die Wertphilosophie geht bereits seit den Anfängen des philosophischen Denkens der Frage nach dem Charakter und der Seinsweise der Werte nach (vergl. Wert), bei Plato und Aristoteles vor allem unter dem Begriff des so genannten Guten. In jüngster Zeit wird innerhalb der Psychologie und Philosophie der Emotionalen Intelligenz angenommen, dass allein Fühlen durch die Selbstevidenz von Angenehm- und Unangenehmsein (Peter Schmidt 2001, 2005) Werte konstituieren kann, da alle anderen Begründungen am unendlichen Regress des Hinterfragens gescheitert sind, warum etwas ein Wert sei. Nach diesem Konzept reicht der Hedonismus im Sinne bloßer Lust - und Unlust zur Wertbegründung wegen des zu geringen Begriffsumfangs nicht aus. Wertvorstellungen beruhen danach auf Werterfahrungen, die sowohl emotional durch Einfärbungen des Gefühls wie auch material, qualitativ (durch Eigenschaften und Beziehungen der Erfahrungswelt) und kognitiv durch "Werturteile" geprägt sind, z. B. aufgrund von Sozialisation und Erziehung.
Welche Werte als wichtig angesehen werden können, und was überhaupt von wert ist, ist keine empirische Frage und daher stets umstritten. Mit der Begründung von Werten beschäftigt sich in der Philosophie die Axiologie.
Aus Werten leiten sich Regeln und Normen ab
Aus Werten (z.B. dem Wert der Achtung des
Eigentums) lassen sich soziale Normen (konkrete Vorschriften für das soziale Handeln) ableiten - z.B. "Wer eine fremde bewegliche Sache, in der Absicht, sie sich anzueignen, wegnimmt ...". Allerdings gehen historisch konkrete Gebote wie "Du sollst nicht stehlen!" oft ihren Wert-Abstraktionen voraus. Werte sind ein zentraler Bestandteil vieler Verhaltensvorschriften, jedoch sind sie nicht selber Verhaltensvorschriften.
Weitergabe von Werten und Wertewandel
Werte werden i.d.R. über die
Sozialisation an nachfolgende Generationen weiter gegeben. Dies geschieht nicht vollständig, so lässt sich beispielsweise in den westlichen
Industriegesellschaften innerhalb der letzten Jahrzehnte ein
Wertewandel beobachten.
Die Ursachen für den Wertewandel sind vielfältig (veränderte Umweltbedingungen, Konflikthaltung gegenüber anderen Generationen etc.). Werte unterscheiden sich von Einstellungen darin, dass Werte stabiler sind.
Konflikte zwischen einzelnen Werten
Das System aller Werte ist
nicht widerspruchsfrei: Zum einen stehen einige Werte untereinander in einem Konkurrenzverhältnis. So steht z.B. der Wert des
Wohlstands im Konflikt mit dem Wert der
Nachhaltigkeit; oder der Wert der individuellen
Freiheit steht im Widerspruch zu nahezu allen anderen Werten. Zum anderen können in einer konkreten Situation Werte miteinander in Konflikt treten, die abstrakt gesehen miteinander vereinbar scheinen. Es ist dann nicht möglich, sich so zu verhalten, dass man allen Werten gleichzeitig gerecht wird. Jedoch werden auch nicht alle Werte als gleichrangig angesehen, so dass auch in solchen Fällen meist eine mehr oder wenige klare Orientierung gegeben ist.
Gibt es universelle Werte?
In den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts hat der Psychologe Shalom Schwartz die Frage aufgeworfen, ob es so etwas wie
universelle Werte gibt. Er entwarf ein Wertemodell und postulierte eine Anzahl von Werten, die alle Menschen in unterschiedlichen Ausprägungen gemeinsam haben müssten. Seine Theorie ging davon aus, dass Werte von folgenden Termini bestimmt würden:
- A) Zielzustand vs. Verhalten: terminale und instrumentelle Werte;
- B) Interesse: kollektive, individualistische und gemischte Werte;
- C) Aktivationstypen: 3 universelle Forderungen von Werten an die menschliche Existenz:
- 1. Biologische Bedürfnisse
- 2. Voraussetzungen für soziale Interaktionen
- 3. Überleben und Wohlergehen der Gruppe
Sein Modell umfasste 10 Wertegruppen:
- Self-Direction (Selbstbestimmung)
- Stimulation
- Hedonism (Suche nach Glück und Genuss)
- Achievement (Das Erreichte)
- Power (Macht, Kraft)
- Security (Sicherheit)
- Conformity (Gruppenzusammengehörigkeit und Gruppendruck)
- Tradition
- Benevolence (Guter Wille)
- Universalism (weltweite Gültigkeit)
Dann führte er zu diesem Modell eine extrem aufwendige Studie mit 20 teilnehmenden Ländern überall auf der Welt durch und konnte diese zehn Wertegruppen bei jeder Nation, Kultur und Sprache nachweisen. Es gibt also bestimmte Werte, die universelle Bedeutung haben und die Menschen der ganzen Welt gemeinsam haben.
Einschränkend lässt sich zu Schwartz' Konzept anmerken: Solche Untersuchungen stellen allerdings nur faktische Wertvorstellungen fest, beinhalten jedoch keine echte Allgemeingültigkeit, bzw. Objektivität, sondern allenfalls Tendenzen, da einzelne Individuen immer anders bewerten können und dies in der Praxis auch geschieht. Solche Relativität der Werte, Bewertungen und Werterfahrungen leitet sich daraus ab, dass das eigentliche „Wertvollsein“ ein subjektiver Faktor ist, der letztlich auf Urteilen und Fühlen beruht. Gefühle sind jedoch „kontingent“, d.h. sie gehören nicht notwendig zu den Wertobjekten, mit denen sie wahrgenommen werden (vergl. Wert, Werttheorie, Emotion, Emotionale Intelligenz).
Durchsetzung von Werten
Problematisch ist auch, wie man die allgemein anerkannten Werte durchsetzt. Aus
egoistischer Sicht ist es manchmal vorteilhafter, sich nicht an Wertvorstellungen zu halten, insbesondere dann, wenn man eine gute Chance hat, nicht erwischt zu werden. Deswegen muss eine Gesellschaft ein
Sanktionssystem aufbauen, damit die Werte möglichst gut von allen eingehalten werden. Ist dieser Druck zu groß, beschneidet man allerdings wieder die individuelle Freiheit des Einzelnen.
Werte im Wirtschaftsleben
Das Thema Werte hat in den letzten Jahren auch in der ökonomischen Diskussion - speziell auf betrieblicher Ebene - eine zunehmende (und neue) Beachtung gefunden. Diskutiert wird insbesondere über das Verhältnis von materiellen und immateriellen Werten in einer wissensbasierten Ökonomie und deren Bewertung (Stichworte u.a.: Nachhaltigkeit, soziale Verantwortung, Wertemanagement, werteorientierte Personalführung, wertebalancierte Unternehmensführung).
Zitate
Der Volkswirt Hans Wilhelm Ritschl hat in seiner
Volkswirtschaftslehre von 1947 (!) angesichts der uferlosen Wertlehren einen nicht unebenen Schüttelreim in einer Fußnote versteckt:
Dem, der da lehrt, wehre | nicht seine Wertlehre. | Denn wer lehrt, | stiftet Lehrwert.
Wir erleben gegenwärtig eine Renaissance der Werte-Diskussion, die auch und gerade vor den Unternehmenstoren nicht halt macht. Bernhard von Mutius
Siehe auch
- Wert, Abschnitt "Wertphilosophie und psychologischer Wertbegriff"
- Ideal (Philosophie)
- Werttheorie
- Ethik, Moral,
- Wertewandel,
- Tugend, Sittlichkeit, Preußische Tugenden, Sekundärtugend,
- Grundgesetz, Grundbedürfnis, Quartiarisierung
Literatur
- Ronald Inglehart, Alejandro Moreno, Miguel Basanez, "Human Values and Beliefs: A Cross-Cultural Sourcebook", University of Michigan Press 1998, ISBN 0472108336
- Hrsg. v. Walter Schweidler. Werte im 21. Jahrhundert. Schriften des Zentrum für Europäische Integrationsforschung (ZEI), Bd.27. Freiburg (NOMOS) 2001, ISBN 3-7890-6976-0
- Karl-Heinz Hillmann, Wertwandel. Ursachen - Tendenzen - Folgen, Würzburg (Carolus) o. J. *, ISBN 3-9806238-1-5
- Josef Wieland (Hrsg.): Handbuch Wertemanagement. Murmann, Hamburg 2004
- Bernhard von Mutius: Wertebalancierte Unternehmensführung, in: HARVARD BUSINESSmanager 5/2002
- Peter Schmidt: Die Kraft der positiven Gefühle. dtv, München 2001.
- Peter Schmidt: Scanning. Beluga New Media, Herten 2005.
Weblinks
Wertvorstellung | Sozialpsychologie
Hodnoty | Value (personal and cultural) | ערך | Ценность | Vrednota