Unter einer Weltanschauung versteht man heute vornehmlich die auf Wissen, Erfahrung und Empfinden basierende Gesamtheit persönlicher Wertungen, Vorstellungen und Sichtweisen, die die Deutung der Welt, die Rolle des Einzelnen in ihr und die Sicht auf die Gesellschaft betreffen. Soweit sich diese Überzeugungen zu einem zusammenhängenden Ganzen fügen, kann von einer geschlossenen Weltanschauung gesprochen werden. Solche Systeme können auch von eine Gruppe, einer Gesellschaft und selbst einem Kulturkreis als ganzes geteilt werden.
Weltanschauungen sind teils soziokulturell determiniert (d.h. traditionsgebunden), teils durch transkulturelle philosophische oder religiöse Vorstellungen geprägt und drittens von der Summe objektiver einzelwissenschaftlichen Erkenntnisse bestimmt. Somit kann der normative Anspruch einer Weltanschauung einerseits als absolut-exklusiv verstanden werden, andererseits deutet der Begriff „Weltanschauung“ zugleich auf die Möglichkeit, dass auch andere Ansichten möglich sind und zugelassen werden.
Themenkreise, die von einer Weltanschauung in organischer Gesamtheit abgedeckt werden können, betreffen häufig Inhalte und Beziehungen zwischen Wissenschaft, Philosophie und Religion, Politik und Wirtschaft, Natur und Kultur, Brauchtum und Moral.
Zu Unterscheiden von einer „Weltanschauung“ im engeren Sinn sind die philosophischen Disziplinen (z.B. Metaphysik, Ethik, Erkenntnistheorie), die großen Religionen und der Begriff des Weltbilds, obwohl all diese im alltäglichen Sprachgebrauch häufig synonym mit diesem Begriff verwendet werden. Im Unterschied zur Ideologie bezeichnet "Weltanschauung" eher eine ganzheitliche, weniger theoretisch ausformulierte Sicht auf die Welt und den Menschen.
Zunehmend wichtig wird Begriff Weltanschauung ab 1800 in der Romantik, soweit sie sich gegen einen als überzogen empfundenen Rationalismus der Aufklärungsepoche wendet und diesem einen holistischen und integrierenden Ansatz entgegenhält. Verwendungen des Begriffes sind etwa belegt bei Friedrich Schelling (1799) und Novalis (vor 1801):
Insofern lässt sich schon hier ein entscheidender Bedeutungswandel des Begriffes feststellen: in den Vordergrund tritt das subjektive Empfinden, das persönliche Bild von der Welt als Summe eben nicht nur von rationaler Erkenntnis, sondern auch von Erfahrung und Gefühl. Damit Behauptet die Weltanschauung auch ein unhintergehbares Eigenrecht gegen andere (persönliche) Anschauungen und aus dem Singular Weltanschauung wird der Plural der Anschauungen.
Friedrich Schleiermacher formuliert 1813 in den Vorlesungen über Pädagogik entsprechend:
Weltanschauung wird dabei nicht als bloß subjektiv-spekulatives Meinen über die Dinge in der Welt verstanden, sondern als ein prozessualer Bildungsweg der zunehmenden persönlichen Integration von Wissen über Naturwissenschaft und Geschichte, die die "höchste Selbsttätigkeit des menschlichen Geistes" voraussetzt und deren Ziel ein "zusammenhängendes Ganzes" sei.
Für Johann Wolfgang Goethe versteht sich gerade der Begriff der Anschauung als dem des bloßen intellektuellen Verstehens entgegengesetzt und wohl überlegen: versucht doch der Blick, das Ganze in seinem organischen Zusammenhang zu fassen, während das Verstehen - das ein Hören oder Hören als Lesen ist- stets nur ein bearbeiten des Partikularen sein kann, dass der Sache nicht gerecht wird. In dieser Hinsicht ist Goethes Optizismus, seine Bevorzugung des Augenscheins gegenüber einer intellektuellen, sezierenden Analyse für die weitere kulturelle Bedeutung des Begriffes entscheidend: sie rechtfertigt gerade das Unterlassen der intellektuellen Analyse zugunsten der Anschauung als einer Anderen -überlegenen- Form der Erkenntnis (vrgl. hierzu die Kontroverse über Goethes Farbenlehre). Gerade in der Goethe-Rezeption am Anfang des 20. Jahrhunderts wird diese Eigenheit als eine spezifisch deutsche -und das soll heißen besonders tiefgründige- Betrachtungsweise den anderen europäischen Erkenntnismethoden entgegengesetzt: als schauendes Denken.
Goethes Einfluss auf Philosophie und Denkweise vor allem Arthur Schopenhauers führt bei diesem zu einem philosophischen System, dessen zentrale Denkfigur die weltanschauliche Perspektive ist, obwohl der Begriff selbst an keiner zentralen Stelle auftaucht: Die Welt als Wille und Vorstellung von 1818. Für Schopenhauer ist "alle Anschauung intellektual", d.h. sie ist je schon eine Arbeit des Verstandes.
Friedrich Nietzsche paraphrasiert Schopenhauer am Anfang von "Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinn" und zieht aus dem Perspektivismus die Konsequenz, daß eine Entscheidung des Willens vonnöten ist: die Gestaltung der eigenen, individuellen Weltanschauung, – als sei man ein Künstler seines eigenen Lebens.
Einen wichtigen Beitrag zur Relativierung von Wahrheitsansprüchen bietet nicht nur die soziologische Beobachtung gesellschaftlichen Pluralismus' und sozialer Wirklichkeitskonstruktion (in diesem Sinne ist auch der Anspruch von Simmels Philosophie des Geldes zu verstehen), sondern sie wird schon als Diskussion in der Philosophie selbst geführt. Zunächst noch im Bemühen um eine normative –nicht relativistische oder historische– Grundlegung des Verhältnisses der Naturwissenschaften zu den Geisteswissenschaften hatte etwa Wilhelm Windelband noch aus der "allgemeinen Gesetzmäßigkeit der Dinge" den "festen Rahmen unseres Weltbildes" abzuleiten versucht. Sein Schüler Heinrich Rickert (s.a.: Neukantianismus, südwestdeutsche Schule) entledigt sich dieses normativen Anspruchs zugunsten einer Problematisierung geisteswissenschaftlicher Methodologie und versteht menschliche Kultur, wie soziales Leben allgemein, als Wertebeziehung (s.a.: Wertphilosophie und Axiologie). Damit fokussiert sich die Problemstellung künftig auf das Phänomen der Geltung von Werten, und nicht mehr auf dessen –wie auch immer verstandenen– Realitätsbezug.
Wilhelm Dilthey versucht eine Typologie der Weltanschauungen in seiner "Weltanschauungslehre". (Die Typen der Weltanschauung und ihre Ausbildung in den Metaphysischen Systemen, Berlin 1919.) Sie stellt weiter den Versuch dar, die existierenden philosophischen Systeme in ihrem Zusammenhang mit dem Leben, der Kultur und Religion, den spezifischen Erfahrungen des Menschen zu verstehen und beansprucht letztlich eine "Philosophie der Philosophie" zu sein. Dilthey formuliert als seinen "Hauptsatz" der Weltanschauungstheorie:
Auch das Thema des Kampfes der Weltanschauungen untereinander taucht bei Dilthey auf.
Karl Jaspers' Psychologie der Weltanschauungen (Berlin 1919) versucht sich an einer Analyse der Elemente von Weltanschauungen. Er unterscheidet als die "statischen Elemente" einer Weltanschauung: auf der einen Seite Verhaltensweisen des Subjektes (gegenständliche, selbstreflektierte, enthusiastische) und auf der anderen Seite Weltbilder (sinnlich-räumliche, seelisch-kulturelle, metaphysische). Diese Anschauungen zerbrechen in existentiellen Situationen wie Leiden, Kampf und Tod und zeigen dabei den Charakter des Menschen.
Karl Mannheims Ideologie und Utopie von 1929 untersucht die weltanschaulichen Kämpfe der Moderne vor allem unter sozialhistorischen Gesichtspunkten. Er formuliert die Idee einer Wissenssoziologie, die als wertfreie Ideologieforschung konzipiert ist und den "allgemeinen totalen Ideologiebegriff" in Relation zur eigenen wissenschaftlichen Position setzen soll, indem sie den Zusammenhang von jeweiliger "sozialer Seinslage" und "historisch bewußtseinsmäßiger Perspektive" herausarbeitet. Unter "totalem Ideologiebegriff" versteht Mannheim: die "totale Bewußstseinsstruktur eines ganzen Zeitalters" – welche in diesem Fall genau der Umstand einer tiefgreifenden Ideologisierung ist. Sinn des Unterfangens ist letztlich die "Selbstkorrektur" nicht nur der sozialwissenschaftlichen Methodologie und die Zurückweisung der zunehmenden Ideologisierung in der Soziologie ("partikulare Ideologie" als gegenseitige Ideologieunterstellung), sondern letztlich überhaupt die "Offenheit des Denkens" –wieder– zu gewährleisten. Dass Mannheim hier nahezu durchgehend von Ideologie und nicht von Weltanschauung spricht, obwohl die Wissenssoziologie genau auf das weltanschauliche Denken zielt, deutet auf zwei Sachverhalte: zum einen glaubt sich die Ideologieanalyse als "Metatheorie der Weltanschauung" der weltanschaulichen Perspektive enthoben, zum anderen hat sich der Begriff bereits auf eine engere, d.h. politisch rechte Bedeutung zurückgezogen.
Das Wesentliche für Mohler ist: "daß in ihr [der Weltanschauung Denken, Fühlen, Wollen nicht mehr reinlich geschieden werden können."
Damit wird Weltanschauung geradzu zu einem Kampfbegriff gegen den Begriff der Ideologie gesetzt.
Von entscheidendem Einfluss für die spätere nationalsozialistische Verwendung des Begriffes Weltanschauung dürfte nicht zuletzt auch Oswald Spenglers universalhistorische Ausweitung des Begriffes in Der Untergang des Abendlandes von 1918 sein: nicht nur lehnt sich Spenglers eigene wissenschaftliche Erkenntnismethode eng an Nietzsche Perspektivismus (s.o.) und Goethes Metamorphosenlehre (vrgl. Goethe:"Metamorphose der Pflanzen", 1790) an, -und versteht sich in dieser Hinsicht als besonders deutsch und tiefgründig. Auch stellt sich für Spengler die Geschichte der Kulturen als ein Kampf der Weltanschauungen dar. Weltanschauungen sind in diesem Verständnis kollektive, unausgesprochen geteilte Ansichten über Gestalt und Sinn der Welt und Bestimmung des Menschen. Seine besondere Betonung liegt auf der Unausweichlichkeit einer einmal getroffenen Anschauungsweise für den gesamten Werdegang einer Kultur, sie bestimmt dessen Schicksal bis zum Schluss. Im Laufe der Geschichte einer Kultur, würden letztlich nur die Grundmotive einer spezifischen Weltanschauung stilistisch variiert. Dabei deutet aber gerade der konkrete Begriff "Weltanschauung" für den kulturpessimisten Spengler, bereits auf eine Reflexion der eigenen Grundlagen und der eigenen Perspektive und damit schon auf dessen innere Schwäche und ihren Niedergang.
Eine komplexe und kritische Beschäftigung mit dem Thema Weltanschauung stellt Martin Heideggers Vortrag Die Zeit des Weltbildes von 1938 dar (In: Holzwege, FaM 1950, S.73ff). Für Heidegger stellt das Weltbild ein Mittel der technisch-wissenschaftlichen Zurichtung der Welt in der Neuzeit dar, auf welche die abendländische Metaphysik letztlich hinausliefe. Damit wird für Heidegger die Vor-stellung von der Welt gerade zum Symptom der Vergegenständlichung des Seins ausschließlich als bloß Seiendes (s.a. Ontologische Differenz) und damit zur Abkehr von einer wie auch immer gedachten Besinnung (Ebd.: S.90ff):
In der aktuellen soziologischen Theoriebildung kommt dem Begriff der Weltanschauung keine analytische mehr Bedeutung zu: der unhintergehbare Perspektivismus sowohl der beteiligten Individuen, wie gesellschaftlicher Subsysteme geht in der Analyse der Kommunikationsbedingungen und -situationen als Interaktionssysteme vollständig auf. So ist "Sinn" etwa für Luhmann nur eine Mittel zur Reduktion von Komplexität in einer gegebenen Umwelt, welche die Kommunikation selbst ist – und damit eine der Kommunikation letztlich untergeordnete Funktion, die nur die Anschlussfähigkeit der Kommunikation selbst sicherstellen soll (s.a.: Systemtheorie (Luhmann)). Auch das Interesse Jürgen Habermas' richtet sich eher auf die Möglichkeit gelingender Interaktion im Diskurs, als auf ein statisches Konzept existierender Positionen. Die Soziologie ersetzt also den tendenziell zum Solipsismus neigenden Begriff der Weltanschauung zugunsten einer Beobachtung der Dynamik von Kommunikationsprozessen und intersubjektiver Wahrheit (s.a.: Intersubjektivitätsphilosophie).
Der Begriff der Weltanschauung taucht in der Soziologie und Politologie allenfalls noch dort auf, wo es um eine Ideologiekritik im engeren Sinne geht, wo also eher in der Tradition Mannheims verfahren wird, etwa bei Ernst Topitschs Weltanschauungsanalyse als Kritik des Marxismus.
Unbenommen seiner Verwendung in der Alltagssprache, ist der Begriff der Weltanschauung damit aus dem wissenschaftlichen und auch aus dem philosophischen Sprachgebrauch nahezu verschwunden.
Das deutsche Wort Weltanschauung ist in vielen Sprachen der Welt ein Germanismus. Im englischen Sprachgebrauch sind dabei sowohl die Lehnübertragungen World view, „world outlook“, als auch der Xenismus „Weltanschauung“ verbreitet. Der kollektive und soziokulturelle Aspekt scheint hier im Vordergrund zu stehen. Lehnbildungen in den germanischen Sprachen sind zum Beispiel: niederländisch: wereld-aanschouwing oder wereld-beschouwing, dänisch: verdensanskuelse, schwedisch: världsåskådning. Eine weitere Lehnbildung findet sich im spanischen: Cosmosvisión. Im Japanischen (世界観) setzt sich der Begriff zusammen aus den Schriftzeichen für "Welt" und "Ansehen" oder aber auch "Mensch", "Leben" und "Ansehen" und kann in der Alltagssprache auch die Bedeutung von "virtuelle Welt" annehmen. Im französischen heisst es: weltanschauung (...)
Die Welt betreffend:
Den Einzelnen betreffend:
Das Sollen betreffend:
Die Gemeinschaft betreffend:
Den Glauben betreffend:
Erstrebenswerte Güter:
Wenn im Zusammenhang mit Naturwissenschaft von einer Weltanschauung gesprochen wird, so ist meist der Naturalismus gemeint, der im Gegensatz zur Naturwissenschaft die Aussage macht, die Axiome der Naturwissenschaft seien tatsächlich wahr. Beide Begriffe werden häufig von Anhängern unwissenschaftlicher Theorien sowie im Widerspruch zur Naturwissenschaft stehender Weltanschauungen gleichgesetzt. Dadurch soll der Eindruck erweckt werden, letztendlich stünde Naturwissenschaft mit allen Weltanschauungen auf einer Ebene, obwohl es sich nicht um vergleichbare Begriffe handelt.
Möglich ist im Gegensatz dazu der Vergleich von anderen Weltanschauungen mit dem Naturalismus. Beim Versuch, neue Anhänger zu finden, wird von Vertretern dem Naturalismus widersprechender Weltanschauungen oft betont, alle Weltanschauungen seien gleichwertig. Dabei wird zwar manchmal erwähnt, dass man die Wahrheit der Axiome der Naturwissenschaft anzweifeln muss, um eine dem Naturalismus widersprechende Weltanschauung in Erwägung zu ziehen, jedoch werden äußerst selten diese Axiome konkret aufgelistet (z.B. die Widerspruchsfreiheit der Logik), und so gut wie nie wird erwähnt, warum sie äußerst plausibel sind (z.B. dass es bis heute trotz täglicher Verwendung der Logik niemandem gelungen ist, diese Widerspruchsfreiheit zu falsifizieren).
Siehe auch Wikibuch: Grundlagen des naturwissenschaftlichen Weltbildes
Theoretisch-systematische Schriften:
Enzyklopädische Schriften:
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