Als Watergate-Affäre (oder kurz Watergate) bezeichnet man nach einer Definition des amerikanischen Kongresses zusammenfassend eine ganze Reihe von gravierenden „Missbräuchen von Regierungsvollmachten“ (abuses of governmental powers) So die Definition des Presidential Recordings and Materials Preservation Act (PRAMPA) von 1974, 44 U.S.C. § 2111, Sec. 104 (a)(1) *., die es während der Amtszeit des republikanischen US-Präsidenten Richard Nixon zwischen 1969 und 1974 gegeben hatte und deren Offenlegung ab Juni 1972 eine wegen des Vietnamkrieges ohnehin schwelende, gesellschaftliche Vertrauenskrise gegenüber dem amerikanischen Politikestablishment massiv verstärkte. Höhepunkt dieser teils dramatischen Entwicklungen war am 9. August 1974 der Rücktritt Nixons von seinem Amt.
Benannt ist die Watergate-Affäre nach dem im Zentrum von Washington (D.C.) gelegenen Gebäudekomplex, in dem in der Nacht zum 17. Juni 1972 fünf Männer während eines Einbruchs in das dort gelegene Hauptquartier der Demokratischen Partei festgenommen worden waren. Die FBI-Ermittlungen zur Aufklärung der Hintergründe und Bloßstellung der Auftraggeber dieses Einbruchs legten nicht nur bald eine direkte Verantwortung von engen Mitarbeitern Nixons hierfür nahe, sondern führten durch einen Schneeballeffekt auch zur Aufdeckung immer weiterer Verbrechen und Vergehen, die teils auf direkte Anweisung des Weißen Hauses hin begangen worden waren. Nachdem die amerikanische Öffentlichkeit durch eine erstaunliche Serie von Enthüllungen insbesondere ab März 1973 über das Ausmaß dieser Amtsmissbräuche unterrichtet worden war, wuchs der Druck auf Nixon, zur Gesamtaufklärung der Affäre umfassend mit der Staatsanwaltschaft und einem eigens eingesetzten Untersuchungsausschuss des Kongresses zu kooperieren. Seine Weigerung, dies zu tun und seine teils massiven Versuche, die Ermittlungen zu behindern oder zu begrenzen, stürzten die Vereinigten Staaten von Amerika in eine lang gezogene Verfassungskrise. Diese endete nach einer in der amerikanischen Geschichte beispiellosen Konfrontation der drei Staatsgewalten schließlich mit dem bisher einzigen Rücktritt eines US-Präsidenten.
Häufig wird die Watergate-Affäre zugleich als ein Triumph der Pressefreiheit interpretiert, weil Journalisten wesentlich zu ihrer Aufklärung beigetragen hätten. Berühmt wurde in diesem Zusammenhang vor allem die 1973 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Berichterstattung der Washington Post und ihrer zwei Reporter Bob Woodward und Carl Bernstein. Derweil die den Watergate-Einbruch untersuchenden Staatsanwälte diesen, trotz der gegenteiligen Beweise, welche die FBI-Untersuchungen produziert hatten, längere Zeit als das Ergebnis des Übereifers subalterner Figuren akzeptierten, spekulierte die Post früh über eine weit reichende politische Verschwörung unter Einschluss des Weißen Hauses. Basis entsprechender Artikel waren dabei vor allem die verdeckten Hinweise, die Woodward zwischen Juni 1972 und Oktober 1973 von seinem zentralen Informanten Mark Felt erhalten hatte. Bis Juni 1973 war Felt, dem ein Redakteur der Post den in die amerikanische Pressegeschichte eingegangenen Decknamen Deep Throat verliehen hatte, stellvertretender Direktor des FBI und in dieser Funktion mit den Ergebnissen der Watergate-Ermittlungen engstens vertraut. Derweil die oft nachzuweisende Behauptung, Woodward und Bernstein hätten Watergate „aufgedeckt“, nach diesbezüglich einhelliger Darstellung der Fachliteratur sicherlich stark überzogen ist In den wichtigsten und verlässlichsten Watergate-Darstellungen von Kutler, Lukas und Emery (siehe Literaturliste) spielen Woodward und Bernstein und die Berichterstattung der Washington Post jeweils nur eine sehr untergeordnete Rolle. Vgl. hierfür auch den sehr präzise argumentierenden, skeptischen Artikel: Edward Jay Epstein, „Did the Press Uncover Watergate?“, Commentary, Juli 1974, S. 21-4. *, kann ihr Einsatz für die Kontrolle der Staatsmacht durch die „vierte Gewalt“ doch als beispielhaft für couragierten Journalismus gelten.
Als 1970 die Vorbereitungen für die Wahl 1972 anstanden, waren seine Aussichten auf eine Wiederwahl keinesfalls so rosig, wie sie sich im Nachhinein darstellten; die Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg waren auf ihrem Höhepunkt und Nixon konnte nicht einmal die Examensfeier seiner Tochter besuchen, weil die Polizei dort seine Sicherheit nicht gewährleisten konnte. Um seine Wiederwahl zu sichern, ließ er das CREEP (Komitee zur Wiederwahl des Präsidenten; engl. Committee to Re-elect the President) unter Leitung seines Justizministers (Attorney General) John N. Mitchell gründen. Die Finanzierung dieses Komitees verliert sich im Dunkeln. Unter anderem waren dort die Drahtzieher des Einbruchs in Watergate beschäftigt. Das Komitee setzte seine Tätigkeit noch fort, als die Wiederwahl Nixons längst gesichert war.
Organisationen, die sich mit den weniger feinen und legalen Aspekten des Wahlkampfs beschäftigen, waren damals - auf beiden Seiten - durchaus nicht unüblich; Nixon brauchte dies nicht zu erfinden.
Wieweit Nixon mit den Einzelheiten der 'Arbeit' des CREEP vertraut war, weiß man nicht. In seinen Memoiren bezeichnete er diesen Einbruch als idiotisch und völlig sinnlos. Seiner Darstellung nach gab es dort nichts zu erfahren, was nicht ohnehin schon bekannt war. Außerdem war seine Wiederwahl zum Zeitpunkt des Einbruchs schon so gut wie sicher.
Die Beteiligung McCords, der mit dem CREEP in Verbindung stand, sorgte für Spekulationen über eine Verstrickung des Weißen Hauses in dieses Verbrechen.
Der Präsident versuchte vergeblich, die CIA einzuschalten, um die Ermittlungen der Bundespolizei FBI (Federal Bureau of Investigation) zu verschleppen, indem nationale Sicherheitsinteressen geltend gemacht werden sollten. Tatsächlich wurde das Verbrechen, neben zahlreichen weiteren „schmutzigen Tricks“, vom Weißen Haus aus vom CREEP-Vorsitzenden und Justizminister John N. Mitchell geplant, und zwar auf Anordnung Präsident Nixons: Eine spezielle Untersuchungseinheit war seit 1971 vom Weißen Haus aufgebaut worden. Dabei handelte es sich um eine Gruppe von „Klempnern“ unter der Direktion von G. Gordon Liddy und E. Howard Hunt, die Informationslecks untersuchte und verschiedene Operationen gegen die Demokraten durchführte. Dreh- und Angelpunkt des Unternehmens war Nixons Paranoia in Bezug auf den Wahlkampfleiter der Demokraten Larry O'Brien, der seit 1968 auf der Gehaltsliste des Milliardärs Howard Hughes stand, von dem auch Nixon selbst mehrfach Spenden- sowie Bestechungsgelder erhalten hatte. Da seine Präsidentschaftskandidatur 1960 an einer Spendenaffäre, in die Hughes und der Bruder Nixons, Donald, verwickelt waren, gescheitert war, fürchtete Nixon, dass O'Brien über Insider-Wissen verfügte, mit dem er Nixons Ruf ruinieren könnte. Der Präsident ordnete die Abhöraktion im Watergate-Hotel an, um herauszufinden, inwieweit O'Brien ihm gefährlich werden könne. Howard Hughes, selbst ein paranoider Neurotiker, verstand diese Zusammenhänge bis an sein Lebensende nicht.
Nixon wollte die Herausgabe der Bänder verhindern und versuchte, Cox anzuweisen, seine Beschlagnahmeforderung fallen zu lassen. Cox verweigerte dies jedoch und wurde daraufhin am 20. Oktober 1973 entlassen – dem so genannten "Saturday Night Massacre", als Nixon zuerst Justizminister Richardson und dann dessen Stellvertreter entließ, auf der Suche nach einem Nachfolger, der bereit war, Cox zu entlassen. Die Suche endete bei Robert Bork, der als neuer Attorney General (Justizminister) Cox entließ.
Während Nixon weiterhin die Übergabe der Bänder verweigerte, stimmte er der Übergabe von Abschriften einer großen Zahl von Bändern zu. Sie bestätigten zum größten Teil die Aussagen Deans und führten zu weiterer Erschütterung, als entdeckt wurde, dass ein entscheidender Teil eines Tonbandes, das niemals den Gewahrsam des Weißen Hauses verlassen hatte, gelöscht worden war.
Anmerkung: Nixon hatte das System mit den Bändern keineswegs selbst erfunden - er fand das System bei seinem Amtsantritt vor. Zunächst ließ er es abbauen. Später wurde es neu installiert - wie er sagte, um die Bänder beim Verfassen seiner Memoiren zu verwenden. John Ehrlichman sagt in seinen Memoiren, Nixon habe die Bänder wieder einbauen lassen um - gegen den Anspruch Henry Kissingers - seinen Anteil an der Außenpolitik dokumentieren zu können.
Im August wurde ein zuvor unbekanntes Tonband vom 23. Juni 1972, also nur wenige Tage nach dem Watergate-Einbruch, publik, worin Nixon und sein Stabschef Haldeman den Plan zur Blockierung der Ermittlungen durch fiktive Gründe der nationalen Sicherheit schmiedeten. Dieses Band wurde als "Smoking Gun", also als unumstößlicher Beweis, bezeichnet. Aufgrund der Last dieses letzten Beweisstücks wurde Nixon nun auch von seinen letzten verbleibenden Anhängern im Stich gelassen. Die zehn Kongressabgeordneten, die zuvor gegen den Amtsenthebungsartikel im Ausschuss gestimmt hatten, kündigten nun an, dass sie die Amtsenthebung in ihrem Hause unterstützen würden. Auch Nixons Unterstützung im Senat war nun sehr schwach. (Fairerweise muss man bemerken, dass viele Senatoren sich dabei nicht nur von der Empörung über Watergate leiten ließen, sondern an ihre Wiederwahl dachten, die mit diesem Präsidenten stark gefährdet gewesen wäre.)
Nachdem die republikanischen Senatoren Nixon mitgeteilt hatten, dass eine Mehrheit für eine Verurteilung stand, entschied sich Nixon zurückzutreten, was er am 9. August 1974 tat.
Letztendlich wurde Nixon nicht des Amtes enthoben und niemals verurteilt, da sein Rücktritt die Angelegenheit nichtig machte. Sein Nachfolger Gerald Ford erließ wenige Wochen nach seiner Ernennung zum Präsidenten am 8. September 1974 eine Begnadigung für Nixon.
In dem Wissen, dass er bei den Präsidentschaftswahlen von 1972 seinem Gegner George McGovern weit voraus war, lehnte es Nixon ab, mit seinem politischen Gegner zu debattieren. Kein Präsidentschaftskandidat zuvor war je dazu in der Lage gewesen, solche Debatten abzulehnen.
Seit Franklin D. Roosevelt hatten viele Präsidenten ihre Gespräche aufgezeichnet, aber nach dem Watergate-Skandal wurde diese Praxis faktisch abgeschafft.
Watergate läutete eine neue Epoche ein, in der die Massenmedien viel aggressiver, aber auch zynischer bei der politischen Berichterstattung wurden. Eine neue Generation von Journalisten, die selbst zu den neuen Woodward und Bernstein werden wollten, widmete sich dem investigativen Journalismus, in der Hoffnung, neue Politskandale aufzudecken.
Da der Begriff Watergate nun untrennbar mit umfangreichen politischen Verschwörungen verknüpft war, wurde er gerne für ähnliche Skandale mitverwendet. Beispiele waren die Waterkant-Affäre (Barschel-Affäre) und die Whitewater-Affäre (Immobilienskandal der Familie Bill Clintons), die in den Medien zu "Waterkantgate" und "Whitewatergate" wurden. Viele weitere politische Skandale in den USA wurden mit Namen bezeichnet, die auf "-gate" enden (List of scandals suffixed with gate).
1976 drehte Alan J. Pakula einen Film über die Watergate-Affäre nach dem Buch von Woodward und Bernstein: All the President's Men (deutscher Titel: "Die Unbestechlichen"). Robert Redford und Dustin Hoffman spielten die beiden Reporter.
1995 kam unter der Regie von Oliver Stone der Film Nixon mit Sir Anthony Hopkins als Nixon in die Kinos.
Auch zahlreiche andere Filme, die sich nicht unmittelbar mit Watergate beschäftigen, nehmen - meist satirisch - auf die Affäre Bezug. Zum Beispiel beschwert sich Tom Hanks als "Forrest Gump" ganz unschuldig darüber, dass er auf Grund von Geräuschen im gegenüberliegenden Watergate-Gebäude nicht schlafen könne. In der "Rocky Horror Picture Show" wiederum hören Brad und Janet auf ihrer Fahrt durch den Regen Richard Nixons Abschiedsrede im Autoradio.
Das Dead Kennedys-Lied "I Am The Owl" beschäftigt sich teilweise mit der Watergate-Affäre. So heißt es im Text:"I am your plumber(Klempner)*I still bug your bedrooms" beziehungsweise "Watergate hurt; But nothing really ever changed; A teeny bit quiter; But we still play our little games ".
Am 31. Mai 2005, als das US-Magazin Vanity Fair die Geschichte über Deep Throat veröffentlichte, bestätigte Bob Woodward, dass Felt in der Tat Deep Throat ist. Inzwischen kaufte Tom Hanks die Filmrechte und Mark Felt will ein Buch über die Geschichte in teils autobiographischem und biographischem Stil im Laufe des Jahres 2006 veröffentlichen.
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