Der von der Wissenschaft wieder aufgenommene mittelalterliche Ausdruck Bildwirkerei bezeichnet sowohl die Technik des Einwirkens von Bildern und Motiven in ein textiles Flächengebilde, als auch das Erzeugnis dieser Technik, die Tapisserie. Die Bildwirkerei ist nicht zu verwechseln mit der Teppichwirkerei, einer Technik, in der Motive in orientalische Flachteppiche (Wirkteppiche) gewirkt werden.
Schweizer Tapisseur 001.jpg Die Technik der Bildwirkerei ist der Weberei verwandt aber nicht mir ihr identisch, obgleich sie wie die Weberei einen Handwebstuhl oder eine Webmaschine bzw. eine Jacquardmaschine erfordert. Bei der Weberei werden die gefärbten Schussfäden von einer Kante zur anderen durch die gesamte Webebreite durchgezogen, während sie bei der Wirkerei nur bis zu dem Rand der vorgegebenen Farbfläche hin- und zurückgewirkt werden. Die Einarbeitung der Bilder wird Einwirken oder Durchwirken genannt.
Für das Erzeugnis ist neben der Bezeichnung Bildwirkerei auch das erst im 19. Jahrhundert - vornehmlich für die klassischen Werke - aus der französischen Sprache in den deutschen Sprachgebrauch übernommene Synonym Tapisserie zulässig, während die geläufigen aber missverständlichen Wörter Wandteppich und Bildteppich möglichst vermieden werden sollten, da eine Bildwirkerei nicht als Teppich und nicht ausschließlich als Wandverkleidung benutzt wird. Unterschieden wird zwischen echten handgefertigten und unechten maschinell gefertigten Bildwirkereien. Als Gobelins sind ausschließlich echte, in der heute in Paris angesiedelten Gobelin-Manufaktur hergestellte Tapisserien zu bezeichnen. Eine Gobelin-Malerei ist die Fälschung eines Gobelins. Dabei werden die Motive auf ein Gewebe aufgemalt. Die Gobelin-Stickerei * ist eine Imitation. Dabei handelt es sich eigentlich um eine "Petit-Point"-Stickerei.
Bildwirkereien werden als Einzelwerke, als Bildfolgen und als Behänge hergestellt. Eine Bildfolge (französisch: série) besteht aus mehreren, nach der gleichen Vorlage (französisch: carton) serienmäßig angefertigten identischen Bildwirkereien. Der Behang (französisch: ensemble) ist eine Garnitur, die der homogenen Raumausstattung einer Galerie, eines Gemaches oder einer Zimmerflucht dient. Sie setzt sich aus verschiedenen Einzelwerken zusammen, in denen die gleiche Farbgebung und das gleiche Thema in abgewandelter Form jeweils wieder aufgegriffen werden. Zu einem solchen Behang gehören außer mehreren großen Wandbehängen auch kleinere, in Farbgebung und Thema ebenfalls angepasste Werke wie Türbehänge und Möbelbezüge für Sitzmöbel, Sitzkissen, Kaminschirme und dergleichen.
Die kunstvollen Wirkereien hatten neben der schmückenden auch verschiedene praktische Aufgaben zu erfüllen. Da wäre die isolierende und wärmende Funktion, wodurch auch das Raumklima positiv beeinflusst wurde. Weiter halfen sie die Akustikprobleme in großen, hohen Räumen zu lösen. Betrachtet man nur diese praktischen Funktionen von Bildteppichen, wird man der Gattung allerdings nicht gerecht. Daneben haben viele Bildteppiche und Bildteppichfolgen große didaktische Funktionen. So sind z.B. die mittelalterlichen Bildteppiche vom Oberrhein, die Wildleute und/ oder Fabeltiere zeigen, Aufforderungen ein Leben nach höfischen Gesetzen zu leben. Die wilden Gestalten spiegeln das höfisch-ritterliche Ideal wider, was der Betrachter nachahmen soll. Auch die zahlreichen Liebesallegorien derselben Provenienz zeugen davon. Zudem waren diese Bildteppiche vermutlich so hoch unter der Decke der Räume angebracht, daß eine isolierende Wirkung verneint werden kann und muß.
Eine echte handgewirkte Tapisserie entsteht auf einem senkrechten Hochwebstuhl (Hautelisse-Stuhl) oder auf einem waagerechten Flachwebstuhl (Basselise-Stuhl) *. Verarbeitet werden Leinen und Baumwolle für die hochstrapazierten Kettfäden, Wolle, Seide gelegentlich Leinen und, wenn es sich um sehr kostbare Werke handelt, Silber und Goldfäden für den Schuss. Gewirkt wird auf der Rückseite des entstehenden Werkes.
Grundlage für das Motiv ist ein farbiger Entwurf oder auch ein Gemälde. Als Verbindungsglied zwischen dem Entwurf und dem Gewebe dient ein Karton, auf dem die vorgegebenen Konturen, die Grenzen der verschiedenen Farbflächen und die Farbgebung festgelegt worden sind. Dieser Karton wird als Webvorlage entweder im Rücken des Wirkers aufgestellt (Hochwebstuhl) oder unter den Kettfäden befestigt (Flachwebstuhl). Dies bedeutet, dass der Karton für einen Flachwebstuhl spiegelverkehrt gezeichnet werden muss, oder um Übertragungsfehler zu vermeiden, mit Hilfe durchsichtiger Pausen, den calques, diese als gespiegelte Umrisszeichnung übertragen wird. Die Übertragung der Konturen vom Karton auf die Kettfäden ist möglich. In beiden Fällen wird mit Spiegeln gearbeitet und zwar am Hochwebstuhl mit einem großen Spiegel um den Karton im Auge zu behalten, am Flachwebstuhl mit einem kleinen Handspiegel um die Qualität der Vorderseite zu kontrollieren. Also wird der Karton des Hochwebstuhls, den der auf der Rückseite der Tapisserie arbeitende Wirker in einem Spiegel betrachtet, nicht spiegelverkehrt gezeichnet.
Die Webarbeit einer Tapisserie ist sehr zeitaufwändig. Sie kann leicht vier bis acht Wochen pro Quadratmeter betragen.
Croy-Teppich Greifswald.png Die Wirkerei gehört neben der Weberei und der Töpferei zu den ältesten Handwerkskünsten der Menschheit. Sie wurde schon vor Jahrtausenden ausgeübt. Ihre Blütezeit erlebte die Bildwirkerei im Mittelalter und in der Renaissance.
Die ältesten erhaltenen Fragmente von Bildwirkereien sind Grabbeilagen, die sich dank des trockenen Wüstenklimas in Ägypten über Jahrtausende erhalten haben. Aus dem griechischen Altertum sind Vasen mit Darstellungen von Webstühlen bekannt, aus spätantiker und frühchristlicher Zeit Wollwirkereien aus Kleinasien und Ägypten. Eine frühe koptische Wollwirkerei aus dem 4. Jahrhundert nach Christi ist im Kunsthistorischen Museum in Wien zu sehen.
Zu den ältesten westeuropäischen Spuren der Bildwirkerei gehören die mittelalterlichen Werke aus dem 12. und 13. Jahrhundert, die im Dom zu Halberstadt aufbewahrt werden und große, gegen Ende des 13. Jahrhunderts in Frankreich entstandene Zyklen wie die "Apokalypse", die in Angers zu bewundern ist.
Aufgeführt werden
nach den Ländern in denen sie schöpferisch tätig waren und in der chronologischen Reihenfolge der Geburtsjahre geordnet.
N.B.:
Tapiserie | Tapestry | Tapiz | Tapisserie | Arazzo | Wandtapijt
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