Walter Lüthi (* 5. Januar 1901 in Günsberg, Kanton Solothurn; † 3. September 1982 in Adelboden) war ein Schweizer Pfarrer und bekannter Prediger.
Herkunft
Lüthi hatte fünf Geschwister; sein Vater war Dorfkäser und starb 39jährig am
9. Januar 1905. Danach musste die Mutter die Familie alleine mit ihrer Arbeit als Putzfrau durchbringen.
Vinelz und Basel
Nach seinem Theologiestudium war er von
1925 bis
1931 Pfarrer in
Vinelz am
Bielersee und danach bis zum Frühjahr
1946 an der
Oekolampad-Gemeinde in
Basel.
Landsgemeinde der Jungen Kirche
Am
30. August 1942 führte die
reformierte Jugendorganisation
Junge Kirche in
Zürich-Oerlikon eine schweizerische
Landsgemeinde durch. Am Nachmittag hielt
Bundesrat Eduard von Steiger vor den rund 8000 anwesenden Jugendlichen eine Rede, in der er die restriktive Politik der Schweiz gegenüber den
jüdischen Flüchtlingen im
Zweiten Weltkrieg mit dem berühmt gewordenen Bild des "kleinen Rettungsbootes" zu rechtfertigen suchte.
Am Vormittag hatte Walter Lüthi seine Antwort an den Bundesrat bereits vorweggenommen. In seiner Ansprache sagte er u.a.: Allein in der Stadt Basel werden laut amtlicher Statistik über dreitausend noch wohlgenährte Hunde gefüttert. Ich mag ihnen ihr Essen wohl gönnen. Aber solange wir in der Schweiz noch bereit sind, unser Brot und unsere Suppe und unsere Fleischration mit vielleicht hunderttausend Hunden zu teilen, und haben gleichzeitig Sorge, einige zehntausend oder auch hunderttausend Flüchtlinge würden für uns nicht mehr tragbar sein, ist das eine Einstellung von hochgradiger Lieblosigkeit.
Bern: Münsterpfarramt und Kirchenkampf
1946 wurde Lüthi als einer von drei Pfarrern an das
Berner Münster berufen.
Während des Kalten Krieges kam es 1950 im sogenannten Berner Kirchenkampf zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen einer Gruppe von Pfarrern um den Theologen Karl Barth, zu der als prominentestes Mitglied Walter Lüthi gehörte, und dem späteren Bundesrat Markus Feldmann.
Lüthi war ein beliebter Redner an evangelischen Kirchentagen in Deutschland, z.B. hielt er 1956 in Frankfurt am Main eine Bibelarbeit zum Thema Die Heimkehr zum Fest und 1959 in München eine weitere zum Thema Gottes Völklein.
Am 15. September 1968 hielt Lüthi vor zweitausend Menschen im Berner Münster seine Abschiedspredigt.
Ehrungen
Lüthi erhielt für seine Predigttätigkeit
Ehrenpromotionen der
Universität Basel und der
Universität Edinburgh.
Erwähnung bei Dürrenmatt
In seinem
Kriminalroman Der Richter und sein Henker, der im November
1948 in Bern spielt, erwähnt
Friedrich Dürrenmatt auch Lüthi, während er beschreibt, wie der junge Polizist Tschanz vor dem Berner Münster auf Anna, die Braut seines ermordeten Kollegen wartet, die gerade am Gottesdienst im Münster teilnimmt:
Immer strahlender wurde der Morgen, ein leuchtender Schild über dem Verhallen der Glocken. Tschanz wartete, bleich im Licht, das an den Mauern prallte, eine Stunde lang. Er ging unruhig in den Lauben vor der Kathedrale auf und ab, sah auch zu den Wasserspeiern hinauf, wilde Fratzen, die auf das Pflaster starrten, das im Sonnenlicht lag. Endlich öffneten sich die Portale. Der Strom der Menschen war gewaltig, Lüthi hatte gepredigt ...
Publizierte Predigten
Lüthi publizierte zahlreiche Predigtbände, die meistens mehrere Auflagen erlebten und zum Teil ins
Französische,
Englische,
Dänische,
Niederländische,
Ungarische,
Tschechische,
Slowakische,
Japanische,
Afrikaans und
Hindi übersetzt wurde, u.a.:
- Das ewige Jahr. Werktagspredigten, 1937
- Die kommende Kirche. Die Botschaft des Propheten Daniel, 1937
- Habakuk rechtet mit Gott, 1940
- Andachten für alle Tage des Jahres, 1941
- Johannes. Das vierte Evangelium, 1942
- Die Bauleute Gottes. Nehemia, der Prophet im Kampf um den Bau der Stadt, 1945
- Maleachi antwortet den Verzagten, 1948
- Die Zehn Gebote Gottes, 1950
- Der Prediger Salomo lebt das Leben, 1952
- Der Römerbrief, 1955
- Was die Welt zusammenhält. Zeitbilder und Ausblicke, 1957
- Der Prophet Amos. Zwei Jahre vor dem Erdbeben, 1958
- Die Apostelgeschichte, 1958
- Der Apostel. Der zweite Korintherbrief, 1960
- Die Seligpreisungen, 1961
- Das Lukasevangelium (Kapitel 1 bis 10), 1962
- Das Unservater, 1963
- Das erste Buch Samuel, 1964
- Adam. Die Schöpfungsgeschichte (1. Mose 1,1 bis 11,9), 1965
- Abraham (1. Mose 12-24), 1967
- Jakob (1. Mose 25-50), 1968
- Wort zum Werktag. Radiobetrachtungen, 1970
Weblinks
Literatur
- Rainer Oechslen, Resonanz. Walter Lüthi als Vorbild der Predigtkunst, Zürich 1997, ISBN 3290171655
Mann | Schweizer | Reformierter Geistlicher | Geboren 1901 | Gestorben 1982