Walter Bendix Schönflies Benjamin (* 15. Juli 1892 in Berlin; † 26. September 1940 in Portbou vermutlich durch Suizid auf der Flucht) war ein deutscher Philosoph, Gesellschaftstheoretiker, Literaturkritiker und Übersetzer (Balzac, Baudelaire, Marcel Proust u. a.) jüdischer Herkunft; er war Schwager von Hilde Benjamin und Cousin von Gertrud Kolmar und Günther Anders.
1917 siedelte er nach Bern über, wo er zwei Jahre später mit der Arbeit "Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik" bei Richard Herbertz promovierte. Benjamin lebte 1920 bis 1933 als freier Schriftsteller in Berlin. Seine 1921 erschienene philosophische Schrift: Zur Kritik der Gewalt beeinflusste viele bedeutende Denker. Nachdem sein Versuch, eine Zeitschrift mit dem Titel "Angelus Novus", der auf ein Bild Paul Klees zurückging, herauszugeben, gescheitert war, versuchte er 1923/24, in Frankfurt am Main die philosophische oder germanistische Habilitation zu erlangen. Er lernte hier Theodor W. Adorno und Siegfried Kracauer kennen. Seine Habilitationsschrift "Ursprung des deutschen Trauerspiels" erwies sich jedoch als zu unorthodox für den akademischen Betrieb; um sich eine offizielle Ablehnung zu ersparen, zog Benjamin sein Habilitationsgesuch 1925 zurück. Benjamin war bis zu seinem Tod mit Hannah Arendt befreundet, mit der er einen regen Briefwechsel unterhielt. Beide unterstützten sich gegenseitig im unfreiwilligen Exil .
1926 und 1927 hielt Benjamin sich jeweils einen großen Teil des Jahres in Paris auf, wo er, teilweise gemeinsam mit Franz Hessel, an der Übersetzung der Werke von Marcel Proust arbeitete und als Publizist tätig war. Sein im Jahr 1924 beginnendes Engagement für den Kommunismus führte ihn im Winter 1926/27 nach Moskau. Trotz einer gewissen Idealisierung der Sowjetunion wurde Benjamin jedoch nie Mitglied der KPD, sondern bewahrte sich seine Freiheit in einem - wie er selbst es nannte - "linken Außenseitertum". Zu Beginn der 1930er Jahre verfolgte Benjamin in Berlin zusammen mit Bertolt Brecht publizistische Pläne und arbeitete für den Rundfunk. 1932 begann er, an einem Buch über seine Kindheit und Jugend zu arbeiten, das damals den Titel "Berliner Chronik" hatte und dann zur "Berliner Kindheit um Neunzehnhundert" umgearbeitet wurde, beide Fassungen blieben zu Benjamins Lebzeiten ungedruckt.
Die Machtübernahme der Nationalsozialisten zwang Benjamin, im März 1933 ins Exil nach Paris zu gehen. Als Mitarbeiter des nach New York emigrierten Instituts für Sozialforschung ermöglichte Max Horkheimer ihm ein bescheidenes Überleben. In den Pariser Exil-Jahren arbeitete Benjamin weiter an seinem Fragment gebliebenen "Passagen-Werk", außerdem verfasste er den Aufsatz "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" und mehrere Studien zu Baudelaire.
Von 1937-1939 war Benjamin Mitglied des von Georges Bataille, Michel Leiris und Roger Caillois gegründeten Collège de Sociologie und nach Stephan Moebius (2006) auch von dessen Geheimgesellschaft Acéphale , oblgeich er den Bestrebungen des Collège, den Faschismus mit seinen eigenen Mitteln zu bekämpfen, kritisch gegenüber stand. Ein geplanter Vortrag Benjamins über die Mode konnte wegen des Kriegsausbruchs nicht mehr stattfinden. Bei Kriegsausbruch wurde er für drei Monate mit anderen deutschen Flüchtlingen in einem Sammellager bei Nevers interniert. Nach der Rückkehr im November 1939 schrieb er seinen letzten Text, die Thesen "Über den Begriff der Geschichte".
Am Tag vor dem Einmarsch der Deutschen in Paris verließ Benjamin die Stadt und begab sich nach Lourdes; von hier reiste er zunächst weiter nach Marseille, bevor er im September 1940 vergeblich versuchte, nach Spanien zu flüchten. Im Grenzort Portbou, wo er mit der Auslieferung an die Deutschen bedroht wurde, nahm er sich am 26. September durch Morphium das Leben. Die einzige Quelle für seinen Suizid ist der Abschiedsbrief an Theodor W. Adorno, den er seiner Mitflüchtenden Henny Gurland diktierte. Sein Grab findet man auf dem Friedhof von Portbou. Zu seinem Gedenken existiert eine begehbare Landschaftsskulptur des israelischen Künstlers Dani Karavan. Sein Tod wurde in der Oper Shadowtime (Musik: Brian Ferneyhough, Libretto: Charles Bernstein) künstlerisch verarbeitet.
Durch die emphatische Beziehung der Philosophie auf die Sprache versuchte Benjamin, den herrschenden naturwissenschaftlich orientierten Erkenntnisbegriff derart umzubilden, daß dieser wieder der Erfahrungen der Theologie mächtig würde.
In den zwanziger Jahren verschob sich die Thematik von Benjamins Texten immer stärker von sprachphilosophischen Gegenständen auf solche der Ästhetik, so mit den Abhandlungen "Goethes Wahlverwandtschaften" und "Ursprung des deutschen Trauerspiels". Nachdem der letztgenannte Text als Habilitationsschrift von der Frankfurter Universität zurückgewiesen worden war, widmete er sich mit Vorrang literaturkritischen Arbeiten. In dieser Wendung drückt sich der antiidealistische, gegen philosophische Systematik überhaupt gerichtete Charakter seines Denkens aus, dessen Intention aufs Konkrete den Werken von Ernst Bloch, Franz Rosenzweig und Florens Christian Rang verwandt ist.
Zunächst zögernd, seit Anfang der dreißiger Jahre immer entschiedener, vertrat Benjamin die Positionen des dialektischen Materialismus; in dieser letzten Phase fanden seine Freundschaften mit Adorno und Brecht einen produktiven Niederschlag. Wie sich Benjamins Konzeption einer "Dialektik im Stillstand", die das im Fluss Befindliche, Geschichte so anschauen wollte, dass aus den isolierten Details gleichsam physiognomisch die Wahrheit sich entziffern ließe, den offiziellen Versionen der Dialektik als universaler Vermittlung nie beugte, so enthalten auch seine marxistischen Schriften theologische Motive, vorab solche des jüdischen Messianismus. Das Spezifische seiner Philosophie, die Insistenz vor dem einzelnen Daseienden, bestimmt auch ihre literarische Form: in der "Einbahnstraße" (1928) bediente Benjamin sich des Aphorismus, in "Deutsche Menschen. Eine Folge von Briefen." (1936) des Kommentars zu überlieferten Texten, in der "Berliner Kindheit um Neunzehnhundert" (1950) der autobiographischen Skizze.
Dem als Hauptwerk geplanten, unvollendeten Buch über die "Pariser Passagen", einer Geschichtsphilosophie des 19. Jahrhunderts, an dem Benjamin seit 1927 arbeitete, hatte er zeitweilig die Form einer surrealistischen Zitatmontage zugedacht.
Bei allem Wandel von Methode und Gegenstand, der sich in Benjamins œuvre dokumentiert, bewahrt es doch seine Kontinuität. Es versucht sich auf allen Stufen, von der Hegemonie des Allgemeinbegriffs zu lösen, der Vergötterung des Wesens gegenüber dem Unwesentlichen, des Bleibenden gegenüber dem Vergänglichen und Nichtigen Widerpart zu leisten.
Positiv möchte Benjamin dem von der Philosophie immer Vergessenen, dem Unwiederholbaren, intentionslosen Konkreten gerecht werden, es, wo möglich, "retten". Wichtige Einsichten in Benjamins Denken verdanken sich der Kritik vorliegender Theoreme. Im Gegensatz zu dem positivistischen, an den Einzelwissenschaften orientierten Modell von Philosophie opponiert die Benjaminsche der ubiquitären Verdinglichung der Sprache zum bloßen Zeichensystem; ihre Erkenntnistheorie, die wesentlich Sprachphilosophie ist, will das in Begriffen nicht Fixierte, überhaupt begrifflich nicht Fixierbare dennoch einholen.
Anders aber auch als die neueren Ontologien, die unabhängig von wissenschaftlicher Verpflichtung zu ausweisbarer Wahrheit das Sein selber ausdenken zu können beanspruchen, ist der Philosophie Benjamins das Bewusstsein wesentlich, daß keine ewigen Wahrheiten existieren "Entschiedene Abkehr vom Begriffe der 'zeitlosen Wahrheit' ist am Platz. Doch Wahrheit ist nicht - wie der Marxismus es behauptet - nur eine zeitliche Funktion des Erkennens, sondern an einen Zeitkern, welcher im Erkannten und Erkennenden zugleich steckt, gebunden. Das ist so wahr, daß das Ewige jedenfalls eher eine Rüsche am Kleid ist als eine Idee." Das Besondere, Nichtbegriffliche erweist sich als Substantielles nur, wo es in Konstellationen mit dem Allgemeinen, als ein gesellschaftlich Vermitteltes aufgesucht wird.
"Ausdruck" ist Benjamin zufolge dasjenige Medium, in dem Sprache über die bloße Signifikation hinausgeht; Sprache als Ausdruck ist – in Benjamins theologischer Terminologie – der Versuch, den "Namen" zu nennen; ein Versuch, der am ehesten noch in der Kunst hin und wieder gelungen ist. In den Kunstwerken sind Wahrheitsgehalt und Sachgehalt unlöslich aneinander gebunden; Wahrheit gelangt durch sie zur Erscheinung, darin liegt die Provokation der Kunst für die Philosophie, der Benjamin sich immer wieder mit ästhetischen und kunstsoziologischen Arbeiten gestellt hat.
Beruhten in der traditionellen Kunst die utopischen Gehalte auf dem schönen Schein, der "Aura" von Kultwerten, so analysiert Benjamin an der modernen Kunst seit Baudelaire (vgl. "Charles Baudelaire. Ein Lyriker im Zeitalter des Hochkapitalismus" einen fortschreitenden Verfall des Auratischen, mit dem die Kunst – vor allem der Surrealismus und das epische Theater Brechts (vgl. "Versuche über Brecht" [1966), auf andere Art der Film (vgl. "Das Kunstwerk im Zeitalterseiner technischen Reproduzierbarkeit") – in den Dienst einer materialistischen Entmythologisierung eintritt und unmittelbar eine Funktion im Emanzipationskampf der Gesellschaft übernimmt.
Diesem gelten auch Benjamins Beiträge zur Geschichtsphilosophie. Seine letzte Arbeit, die Thesen "Über den Begriff der Geschichte", ist ein Zeugnis seines "Erwachens aus dem Schock des Hitler-Stalin-Paktes" (Scholem). Gegenüber der Geschichtsphilosophie des Idealismus mit ihrer, vom Marxismus geteilten Fetischisierung des Fortschrittsbegriffs, demzufolge der immanente Verlauf der Geschichte ein bereits fortschreitender sein, selbsttätig und unaufhaltsam aus dem Grauen der "Vorgeschichte" in menschliche Verhältnisse einmünden soll, fordert Benjamin eine Kopernikanische Wendung, die der jüdischen Lehre des "Eingedenkens" zu ihrem Recht verhelfen würde.
Philosophie habe den Blick auf die Trümmer der Geschichte und die geschichtlichen Katastrophen zu lenken, auf all das, was "verraten, unterdrückt und vergessen" wurde. Während die traditionelle Geschichtsphilosophie, zumal in der Hegelschen Gestalt, ihr movens in der Verklärung des Untergangs hat, im Tode des Endlichen das Unendliche, Absolute feiert, ist Benjamins Gegenstand gerade das "Unzeitige, Leidvolle, Verfehlte", das Geschichte immer noch in bloßer Naturgeschichte verhalte. Weit entfernt von jeder Apologetik, wird das Denken Benjamins grundiert durch die Trauer des Allegorikers. "Solange es noch einen Bettler gibt, solange gibt es noch Mythos", heißt es in einem Fragment des "Passagen-Werks".
Auch Walter Benjamins kleineren Arbeiten, etwa zu Siegfried Kracauers "Die Angestellten" oder zu Erich Kästners "Gebrauchslyrik" Anfang der 1930er Jahre, wollen durch "eingreifendes Denken" (Bertolt Brecht) emanzipatorische Prozesse zugleich theoretisch vorbereiten wie praktisch befördern.
Insofern ist es auch nur folgerichtig, wenn Walter Benjamin als kritischer Intellektueller jene, deren politische Botschaft er, wie die Erich Kästners, für "linksradikal" und insofern "anti-emanzipativ" hält, kritisiert: "Dieser linke Radikalismus ist genau diejenige Haltung, der überhaupt keine politische Aktion mehr entspricht. Er steht links nicht von dieser oder jener Richtung, sondern ganz einfach links vom Möglichen überhaupt. Denn er hat ja von vornherein nichts anderes im Auge als in negativistischer Ruhe sich selbst zu genießen. Die Verwandlung des politischen Kampfes aus einem Zwang zur Entscheidung in einen Gegenstand des Vergnügens, aus einem Produktionsmittel in einen Konsumartikel - das ist der letzte Schlager dieser Literatur" ("Linke Melancholie"; in: Die Gesellschaft 2.1931; zit. nach GS 3, Ffm. 1972, 279 ff.)
Den "Neuen Medien" in der Zeit vor dem 2. Weltkrieg näherte sich Benjamin nicht nur theoretisch, sondern er hat in zahlreichen Rundfunksendungen seine Spuren hinterlassen. Voller Experimentierfreude gestaltete er Sendungen für den "Kinderfunk", die "Bücherstunde" sowie Erzählungen und Hörspiele.
Nachdem Adorno und Scholem nach dem Zweiten Weltkrieg Benjamins Schriften neu, zum größeren Teil erstmalig ediert hatten, vor allem seit 1970 bis 1989 eine umfangreiche, praktisch vollständige Ausgabe seiner "Gesammelten Schriften" erschienen war, verkehrte sich Benjamins Wirkung in das Gegenteil der Erfolglosigkeit, die sein Schaffen zu Lebzeiten erfahren hatte. Seine Dissertation im Jahr 1920 war von der Fachöffentlichkeit kaum wahrgenommen, seine Habilitationsschrift von der Frankfurter Universität sogar abgelehnt worden. Nach seinem Tod wurde Benjamin zum Anreger verschiedener geistes- und sozialwissenschaftlicher Fächer, die seinen gesellschaftskritischen Impetus wiederaufnahmen.
In neuester Zeit wurde Benjamins Sprachphilosophie als indirekt dem Poststrukturalismus vorgreifend bezeichnet.
Mann | Philosoph (20. Jh.) | Kritische Theorie | Soziologe (20. Jh.) | Autor | Literatur (20. Jh.) | Literatur (Deutsch) | Literaturkritik | Sachliteratur | Übersetzung (Literatur) | NS-Opfer | Geboren 1892 | Gestorben 1940
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