Der Begriff Wahrheit bezeichnet im allgemeinen die Übereinstimmung einer Aussage mit der Wirklichkeit. "Wahrheit" ist der deutsche Ausdruck für das altgriechische Aletheia (lat. veritas), das von den Griechen für das Aufdecken eines verborgenen oder versteckten Wissens verwendet wurde. Das Gegenteil von Wahrheit ist die Unwahrheit oder die Falschheit, je nach Zusammenhang. Die Unwahrheit kann absichtlich oder unabsichtlich ausgesagt werden. Die Lüge, als Unterbegriff der Unwahrheit, bezeichnet die absichtliche Falschaussage.
Eine Wahrheitstheorie ist eine philosophische (erkenntnistheoretische bzw. wissenschaftstheoretische) Theorie darüber, was als wahr oder unwahr, aber auch als unentscheidbar, paradox etc. festgestellt werden kann. Solche Theorien behandeln dabei insbesondere das Verhältnis von Realität und Erkenntnis und fragen, wie Erkenntnis generell und wahre Erkenntnis im besonderen erreicht werden kann. In der Sprachphilosophie stellt sich vor allem die Frage, wann Aussagen über die Welt als wahr gelten können. Hervorzuhebende Wahrheitstheorien sind die Korrespondenztheorie, die Konvergenztheorie, die Konsequenztheorie , die Kohärenztheorie und die Konsenstheorie der Wahrheit. Wahrheitstheorien hängen eng zusammen mit den Bereichen der Methodologie der Wissenschaften sowie der Logik. Sie fußen im allgemeinen auf ontologischen Vorentscheidungen.
Aristoteles (384–322 v. Chr.) und viele mittelalterliche Philosophen sehen in der Wahrheit eine Übereinstimmung von Verstand und Sache: „Wahr ist: von etwas, was ist, zu sagen es sei, und von etwas, was nicht ist, zu sagen es sei nicht.“ (Mitunter bezeichnet als klassische Definition der Wahrheit). Die Wahrheit findet sich empirisch, also durch Anschauung und Erfahrung. Beispiel: Ein Stein fällt zu Boden, wenn ihn nichts hält. Für diese Wahrheit ist Erfahrung notwendig.
Später wurde von den Idealisten unter Ausnutzung der Unschärfe der Ansichten von Aristoteles über die Korrelation von Materie und Form das Lebendige, Materialistische in der Aristotelischen Definition eliminiert, und das reale Sein wurde durch Idee, Vernunft, transzendentes Sein u.a. ersetzt, denn nach der Zeit von Aristoteles war die höchste Form die göttliche Vorstellung, deren Sein außerhalb der Materie gedacht wurde. Man begann die Wahrheit als Übereinstimmen von Gedanken und Idee, Gedanke und Vernunft zu behandeln, d.h. als Übereinstimmen des Gedankens von etwas Ideellem mit Realem.
In der klassischen Definition wurde, wie Narski hervorhob, nur eine elementare Beziehung vom Typ der Konstatierung zwischen einem Urteil und des von ihm beschriebenen Sachverhaltes verstanden.
In der materialistischen Dialektik wird die Interpretation der Wahrheit als eine relative Entsprechung behandelt, in deren Rahmen die Bewegung von relativen zu absoluten Wahrheiten (als objektive Wahrheiten betrachtet) über die Entwicklung von Gegensätzen angestrebt wird.
Philosophisch bedeutsam ist vor allem die Frage nach dem Kriterium der Wahrheit. Dieses wurde zuerst bei den Stoikern aufgeworfen. Nach der Auffassung der Skeptiker existiert kein Kriterium der Wahrheit.
Jakob Friedrich Fries definiert das Kriterium wie folgt: „Ein Grundsatz wird ein Kriterium, ein Unterscheidungsgrund der Wahrheit für gegebene Erkenntnisse, wenn ich aus ihm die Wahrheit dieser Erkenntnisse beurteilen kann“
René Descartes vertrat die Position, dass Klarheit und Deutlichkeit (als Evidenz) die Kriterien der Wahrheit seien. In der Philosophie der Mathematik wird heute oft die Meinung vertreten, die Widerspruchsfreiheit einer mathematischen Theorie sei ein hinreichendes Kriterium für deren Wahrheit.
In der marxistischen Philosophie wird die gesellschaftliche Tätigkeit als überprüfbares Kriterium der Wahrheit von Aussagen und Theorien angesehen.
Auch im Pragmatismus wird die Praxis als Kriterium der Wahrheit angegeben. Die Praxis wird als subjektive Erfahrung und subjektive Tätigkeit verstanden und deshalb gilt der subjektive Erfolg und die Nützlichkeit als Wahrheitskriterium.
Eine analytische Wahrheit enthält die Eigenschaft im Gegenstand. Beispiel: „Alle Junggesellen sind unverheiratet.“ Das Substantiv „Junggeselle“ bedeutet bereits „unverheiratet“.
Demgegenüber sind synthetische Wahrheiten solche, bei denen der Eigenschaftsbegriff nicht in der Gegenstandsbezeichnung enthalten ist, wie beispielsweise in dem Satz: „Alle Junggesellen sind glücklich.“
Als notwendige Wahrheiten bezeichnet man Aussagen, deren Verneinung zu einem logischen Widerspruch führen würde: „Alle Kreise sind rund.“ Wäre die Figur nicht rund, wäre sie kein Kreis.
Außerdem gibt es kontingente (zufällige) Wahrheiten, deren Verneinung nicht zu einem logischen Widerspruch führt. Beispiel: „Die Anzahl der Planeten in unserem Sonnensystem ist gleich neun.“ Vgl. Kontingenz.
Seit der Antike sind semantische Antinomien vom Typ des Lügner-Paradoxons bekannt; dabei handelt es sich um Aussagen, die ihren eigenen Wahrheitsgehalt thematisieren und sich damit selbst widersprechen; im einfachsten Fall:
Wenn diese Aussage wahr ist, dann ist sie falsch – denn falsch zu sein ist ihre Aussage. Wenn sie aber falsch ist, dann ist es nicht richtig, dass sie falsch ist – ist sie also wahr. Es ist demnach nicht möglich, der Aussage einen Wahrheitswert zuzuordnen, weil jeder Versuch, es zu tun, zu einem Selbstwiderspruch führt.
Eine abgeschwächte Variante ist das Paradoxon des Epimenides, demzufolge der Kreter Epimenides Folgendes aussage:
("Es hat einer von ihnen gesagt, ihr eigener Prophet: Die Kreter sind immer Lügner, böse Tiere und faule Bäuche. *", Epimenides, De oraculis)
Spräche Epimenides die Wahrheit, dann hätte er etwas Falsches ausgesagt – seine Aussage wäre also paradox. Spricht er aber die Unwahrheit (ist er also ein Lügner), wäre seine Aussage zwar falsch, aber harmlos: Er hätte dann lediglich ausgesagt, dass nicht alle Kreter immer lügen, und das ist logisch möglich, soferne er nicht der einzige Kreter und seine Aussage nicht die einzige jemals von einem Kreter getätigte Aussage ist.
Hier stehen Wahrheit und Lüge gegenüber, der Wahrheitsbegriff ist in gewisser Weise subjektiv; vgl. Subjektivismus. Es geht darum, was eine bestimmte Person für sich als Wahrheit hält, darum, worüber sie Gewissheit besitzt. Eine subjektive Beobachtung kann auch falsch sein. So ist der Satz von Detlef: „Ich habe Peter gesehen“ subjektiv für Detlef unter Umständen wahr, Detlef hält ihn für wahr, obwohl es Hans, der bis dahin unbekannte Zwillingsbruder war, den er gesehen hatte.
Mithilfe eines Lügendetektors kann man heute in gewissem Maße feststellen, wann ein Mensch lügt. Dabei geht man davon aus, dass die Lüge einen Menschen so unter Stress setzt, dass sein Herzschlag steigt und sich auf seiner Haut Schweiß bildet. Ein hundertprozentiger Beweis ist das nicht, denn ein Mensch kann sich auch aus anderen Gründen in einer Situation aufregen, in der er befragt wird. Anderseits setzt das Lügen manche Leute nicht messbar unter Stress.
Die Verhaltenspsychologie hat zahlreiche Mutmaßungen darüber entwickelt, wie man bei einem Gesprächspartner erkennen kann, ob man angelogen wird. Für die Unwahrheit sprechen geweitete Pupillen, Handbewegungen in Richtung Gesicht, vor allem in Richtung Mund und allgemeine Nervosität. Außerdem verändert sich beim Lügen die Stimme. Die Stimmbänder spannen sich an, die Stimme wird höher und gepresster. Auch das kann man mit Apparaten messen. Doch auch hier gilt, dass ein Mensch aus anderen Gründen nervös wirken mag, oder dass jemand ein so routinierter Lügner ist, dass man ihm nichts anhört oder anmerkt.
Offensichtlich ist es dem Menschen ein dringendes Bedürfnis, die Wahrheit von der Lüge unterscheiden zu können. Und offensichtlich ist die Lösung des Problems noch nicht gefunden. Die meisten Gesellschaften sanktionieren darum die Lüge. Kinder werden meist hart bestraft, wenn sie nicht die Wahrheit sagen. Aus dieser Furcht vor Strafe bei der Lüge mag auch herrühren, dass Menschen für Lügendetektoren taugen, die Stressreaktionen messen.
Die Empfindungen von Wahrheit, zum Beispiel im zwischenmenschlichen Bereich oder bei der Selbstreflexion sind vielschichtig und individuell geprägt: Wahre Begegnung zwischen Menschen, offener Umgang miteinander, echte Selbstoffenbarung führen vielleicht zu dem, was der Schweizer Theologe Emil Brunner einmal mit „Wahrheit als Begegnung“ formuliert hat.
Wirklich schwierig ist die Wahrheit dann festzumachen, wenn sie auf riesigen Datenmengen basiert. Etwa: Was ist der richtige Weg, um die Klimakatastrophe zu verhindern? Zunächst einmal muss festgestellt werden, ob es überhaupt eine Klimakatastrophe gibt. Einigt man sich darauf, Computerdaten so zu interpretieren, so sieht man sich einem Chaossystem gegenüber, das man bestenfalls in Ausschnitten betrachten kann. Der wahre Lösungsweg ist auf diese Weise i.a. nicht eindeutig zu erkennen.
Wahrheit muss dann formal auf eine Wahrscheinlichkeitsaussage reduziert werden.
Für weniger komplizierte – künstliche – Sprachen wie etwa die Prädikatenlogik kann man jedoch einen Wahrheitsbegriff definieren (vgl. Wahrheitswert. Die Sprache, für die man den Wahrheitsbegriff definiert, und die damit Gegenstand der Untersuchung ist, nennt man nach Tarski Objektsprache, die Sprache, in der die Definition formuliert wird, dann Metasprache.
Siehe auch: Faktizität, Fiktionalität
Viele Philosophen der Postmoderne weisen den Gedanken einer einzigen Wahrheit als Mythos zurück (Gilles Deleuze:Die Begriffe Wichtigkeit, Notwendigkeit, Interesse sind tausendmal entscheidender als der Begriff der Wahrheit.). Dabei geht es aber nicht etwa darum, dass Naturgesetze angezweifelt würden (siehe dazu auch Schrödingers Katze), sondern um die Frage, ob es nicht vielerlei Sichtweisen desselben Gegenstands gibt, ob Wahrheiten in einer Kultur nicht meist Konstruktionen sind, abhängig vom Betrachter; Vgl. Relativismus. Der radikale Konstruktivismus geht etwa von sovielen Wahrheiten aus, wie es Betrachter gibt, siehe auch Intersubjektivität. Diese Sichtweise, die der Unverbindlichkeit und Beliebigkeit Tür und Tor öffnet, führt geradewegs in den - liberal verkleideten - Nihilismus, der aus der aufgegebenen Allgemeingültigkeit von Wahrheit eine allumfassende Ungültigkeit als alternativen Mythos ableitet.
Mystiker praktisch sämtlicher spiritueller Richtungen haben, um ihre Ziele zu umschreiben das Wort "Wahrheit" benutzt. Weil der Gottes-Begriff in vielen zeitgenössischen spirituellen Bewegungen außerhalb der großen Religionen als zu männlich oder als zu persönlich wahrgenommen wird, gewinnt das als neutral empfundene Wort Wahrheit gegen Ende des 20. Jahrhunderts immer mehr an Bedeutung. In der westlichen Satsang - Bewegung etwa gilt die "Wahrheit des Moments" als Synonym für innere Freiheit, ihre permanente Verwirklichung wird mit dem ebenfalls oft als zu emotional besetzt empfundenen Begriff Erleuchtung gleichgesetzt.
Der Wahrheitsbegriff unterscheidet sich in diesen meist aus den asiatischen Philosophien hervorgegangenen Kreisen jedoch erheblich von dem der westlichen Religionen. Werden in letzteren aufgrund von "geglaubten" Überlieferungen bestimmte Daten als wahr vorausgesetzt (z.B. die Existenz eines persönlichen Gottes), so stellen etwa die Anhänger des Advaita Vedanta alles in Frage, was nicht direkt gewusst werden kann. Dies gilt auch für die als trügerisch angesehene Möglichkeit der Wahrheitsfindung über die Sinne. Losgelöst von den Vorstellungen und Bewertungen des Verstandes kommt man zu dem Ergebnis, dass es im Grunde nichts gibt, das wirklich gewusst werden kann, außer der Tatsache der eigenen Existenz. Wahrheit sei demnach auf die simple Erkenntnis zu reduzieren, dass man existiere. In der subjektiven Einsicht, nichts wissen zu können, liege daher die letzte Wahrheit begründet, deren lebendiges Erkennen zu der unbeschwerten Heiterkeit führe, von der die Mystiker seit Jahrtausenden berichtet haben. Weil diese Form der Bewußtheit nur jenseits von Gedanken erlebt werden könne, wird dem Verstand die Funktion als Mittel zur Wahrheitsfindung abgesprochen. Ihm wird stattdessen die alleinige Funktion als Werkzeug zum Umgang mit der Welt zugewiesen. Neben dem indischen Advaita Vedanta vertreten Zen-Buddhismus, Taoismus, und der westliche Agnostizismus einen ähnlich radikalen Standpunkt. Als führende Vertreter im deutschsprachigen Raum können Samarpan oder Eckhart Tolle genannt werden.
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