Begriff
Herkunft
Würde (von
althochdeutsch wirdî;
mittelhochdeutsch wirde) ist sprachgeschichtlich verwandt mit dem Wort „Wert“ und bezeichnete anfänglich den Rang, die Ehre, das Verdienst oder das Ansehen einer
Person.
Definition
Seit der Aufklärung wurde im Unterschied zur vorherigen konkreten Bedeutung mit „Würde“ verstärkt ein abstrakter sittlicher, moralischer Wert bezeichnet, der letztlich eine Qualität des Handelns (Würde als
Gestaltungsauftrag) oder, noch abstrakter, eine den Menschen allgemein immanente Eigenheit (Würde als
Wesensmerkmal) bezeichnet.
Grafische Übersicht der Bedeutungen von Würde
Wuerde.jpg
Umgangssprache
Umgangssprachlich ist „Würde“
- das gemessene, besonnene und glaubhaft das Absehen von eigenen Nöten signalisierende Verhalten eines Menschen, das anderen Ehrfurcht einzuflößen geeignet ist.
- Man ist einer Ehre oder eines guten Leumunds würdig, wenn man ihnen gerecht werden kann, sie verdient hat.
- Von Würde spricht man im Zusammenhang mit Ritualen (vgl. „eine würdige Feier“).
- Von Würde spricht man im Zusammenhang mit hohen Ämtern (vgl. die „Würde des Amtes“, etwa des Bundespräsidenten, die „nicht beschädigt werden darf“).
Was hier als würdig oder nichtswürdig (würdelos, schändlich) empfunden wird, ist weder allgemein definierbar noch konstant, sondern unterliegt wie alle Wertvorstellungen ständigem sozialen Wandel. Vgl. dazu immerhin Friedrich Schillers Gedicht „Würde der Frauen“.
Umgangssprachliche Redewendungen sind etwa:
- "Das ist unter seiner Würde"
- "Da wird die Würde mit Füßen getreten."
Der Unterschied zu Ehre oder Ruhm ist zu beachten: während Ehre und Ruhm einen äußeren, etwa durch eine Gesellschaft vermittelten Wert darstellen, liegt der Wert der Würde im Inneren eines jeden Menschen selbst.
Politisch-philosophische Darlegungen
Giovanni Pico della Mirandola
Derjenige, der den Begriff der Würde des Menschen (lat.
dignitas hominis) als erster formuliert, ist der Renaissance-Philosoph
Giovanni Pico della Mirandola. Die Würde des Menschen gründet nach Pico della Mirandola darauf, dass, zugespitzt formuliert, die Natur des Menschen darin liegt, dass er keine (festgelegte) Natur hat, dass, mit anderen Worten, er die Freiheit hat, sein Wesen selber zu schaffen. Den Schöpfer lässt Pico zum Adam sagen: „Keinen bestimmten Platz habe ich dir zugewiesen, auch keine bestimmte äußere Erscheinung und auch nicht irgendeine besondere Gabe habe ich dir verliehen, Adam, damit du den Platz, das Aussehen und alle die Gaben, die du dir selber wünschst, nach deinem eigenen Willen und Entschluss erhalten und besitzen kannst. Die fest umrissene Natur der übrigen Geschöpfe entfaltet sich nur innerhalb der von mir vorgeschriebenen Gesetze. Du wirst von allen Einschränkungen frei nach deinem eigenen freien Willen, dem ich dich überlassen habe, dir selbst deine Natur bestimmen.“ Diese Selbstbestimmung des Menschen macht, nach Pico, seine Würde aus.
Immanuel Kant
Es blieb dem Philosophen
Immanuel Kant vorbehalten, in seinen Schriften zur
Ethik dem Begriff der Menschenwürde die gültige Fassung zu verleihen, in der er Eingang in unser Grundgesetz gefunden hat.
Zusammengefasst lautet sein Grundgedanke so:
Der Mensch besitzt Würde, und zwar jedes einzelne Individuum, aufgrund seiner Autonomie. Autonom ist der Mensch aufgrund seiner prinzipiellen Fähigkeit, das eherne Sittengesetz zu erkennen und zu befolgen, d.h. unabhängig von seinem Bildungs- oder sonstigen Stand zu wissen, was richtig oder falsch, moralisch gesprochen: gut oder böse ist und danach zu handeln. Diese Würde ist dem Menschen prinzipiell innewohnend, ganz unabhängig von seinen sonstigen, z. B. charakterlichen oder intellektuellen Eigenschaften und Fähigkeiten, erst recht von äußeren Merkmalen, wie sozialer Stellung o. ä..
Der tiefere Grund für diese universelle Würde liegt darin, dass in jedem einzelnen Menschen das menschliche Gattungswesen repräsentiert ist, bei Kant in der Sprache des 18. Jahrhunderts: Der Mensch ehrt die Würde der Menschheit in seiner eigenen Person, hat Anspruch darauf, dass die Menschheit in seiner Person die Achtung der anderen Menschen erfährt und ist seinerseits dazu verpflichtet, die Menschheit im „Nächsten“ zu achten, eine prinzipiell gebotene Achtung des anderen Menschen, unabhängig von der Hochachtung, die bestimmte Menschen wegen Ihrer Handlungen, ihrer Stellung usw. genießen.
Friedrich Schiller
Friedrich Schiller sieht in der Würde den Ausdruck einer
erhabenen Gesinnung. Dabei sieht Schiller im freien
Willen des Menschen den entscheidenden Unterschied zum Tier. Würde entstehe dann, wenn sich der Wille des Menschen über seinen Naturtrieb erhebe: "Beherrschung der Triebe durch die moralische Kraft ist Geistesfreiheit, und Würde heißt ihr Ausdruck in der Erscheinung." (Friedrich Schiller, Über Anmuth und Würde)
Schiller sah die Würde indes nicht als idealistische Träumerei, sondern aufbauend auf der Befriedigung elementarer Bedürfnisse und der Überwindung materieller Not: "Würde des Menschen. Nichts mehr davon, ich bitt euch. Zu essen gebt ihm, zu wohnen. Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst." - Friedrich Schiller (1797, in: Gesammelte Werke Bd. 3, Gütersloh 1976, S. 438).
Bertolt Brecht
Fast synonym zu Schiller's
Epigramm über die Würde des Menschen (s. o.) schrieb
Bertolt Brecht in seiner
Dreigroschenoper: "Erst kommt das Fressen, dann die Moral". Bertolt Brecht schlägt in seinem Text „Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit“ vor, das Wort „Ehre“ durch das Wort „
Menschenwürde“ zu ersetzen und weist damit auf den fundamentalen Unterschied zwischen beiden Prinzipien hin:
Die Ehre ist etwas Äußeres, die Würde etwas Inneres.
Im Recht
Rechtlich gibt es mehrere Begriffe der Würde:
- Verfassungsrechtlich ist die Würde jedes Menschen („Menschenwürde“) nach Artikel 1 Absatz 1) Grundgesetzes unantastbar, sie wird als unveränderliches (vorkonstitutionelles, axiomatisches) Grundrecht angesehen und beginnt bereits mit seiner Zeugung (umstritten). Sie ist unmittelbar geltendes Recht, nicht nur eine Absichtserklärung. Die Würde des Menschen ist oberster Wert des Grundgesetzes, vgl. BVerfGE 54, 148). Nach herrschender (aber jüngst bestrittener) Rechtsmeinung verbietet somit die „Menschenwürde“ z. B. die Folter, sei die Auskunft noch so dringlich und der Gefolterte noch solch ein Schurke. Darüberhinaus sollen die allgemeinen Menschenrechte ein würdevolles Dasein sichern. Die Menschenwürde wird somit einerseits zum "tragenden Fundament der Menschenrechte" , andererseits aber auch zu deren höchstem Ziel, wenn auch vielleicht unerreichbaren Ideal (Franz Josef Wetz, Die Würde des Menschen: antastbar?, S. 16). Für Wetz besteht weltanschauungsneutral der "wahre Gehalt menschlicher Würde in verwirklichten Menschenrechten - einem Leben in körperlicher Unversehrtheit, freiheitlicher Selbstbestimmung und Selbtachtung sowie in sozialer Gerechtigkeit" (Franz Josef Wetz, Die Würde des Menschen: antastbar?, S. 16).
- Altertümlich ist öffentlichrechtlich „eine Würde“ eine hohe Titulatur (vgl. „jemanden in Amt und Würden einsetzen“ - historisches Beispiel: ein mittelalterlicher Kaiser wie Otto der Große hatte dies als Würde inne, aber er amtete kraft dessen, dass er zugleich der deutsche König war).
- Der strafrechtlich bewehrte Schutz der Totenruhe in Deutschland geht implizit davon aus, dass der Mensch auch als Toter eine Würde hat (so 2005 in der Strafrechtsprechung anlässlich eines Falles von Kannibalismus).
In der Religion
Religiös fundiert sind zahlreiche Zuerkennungen von Würde, z. B. die Auffassungen von der
Würde eines Gotteshauses oder der
Würde der Kreatur.
Christlich ließe sich argumentieren, dass die Menschen dadurch besonders gewürdigt worden seien, dass Gott als
Jesus Mensch geworden sei, so dass der Mensch einer besonderen (eben göttlichen) Würde teilhaftig geworden sei. Die Beweislage ist hier schwierig, da diese Erkenntnis einzig durch
Offenbarung gewonnen werden könnte, was z. B. in der
Wissenschaft als unprüfbar (also als nicht „
wahrheitsfähig“) gilt.
Siehe auch
Literatur
Philosophie der Antike
Aufklärung
Deutsche Klassik
Aktuelle Publikationen
- Michael Fischer (Hg.): Der Begriff der Menschenwürde, 2. Aufl., Frankfurt a. M. u.a.: Lang 2005, ISBN 3631542232
Weblinks
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