Der Vyšehrad (dts. zuweilen auch Wyschehrad, heute aber eher selten gebraucht) ist einer der bekanntesten frühmittelalterlichen Burgwälle in Böhmen und liegt südlich der Prager Innenstadt unmittelbar am rechten Ufer der Moldau (Vltava). Als zweite Prager Burg der Přemysliden bereits im 10. Jahrhundert gegründet, wurde er in der Romanik und Gotik mehrfach ausgebaut. Die heutige Gestalt wird jedoch wesentlich durch den Umbau zu einer barocken Festung bestimmt.
Der Fürst und erste böhmische König Vratislav II. verlegte um 1070 seine Residenz von der Prager Burg auf den Vyšehrad, wahrscheinlich aufgrund von Machtstreitigkeiten mit seinem Bruder Bischof Jaromír. Vratislav gründete hier das Vyšehrader Kollegiatkapitel St. Peter und Paul, das sich schnell zu einem wichtigen Bildungszentrum entwickelte. Aus dem Jahr 1085 ist der Codex Wyssegradensis, das Krönungsevangeliar Vratislavs II., überliefert, das eines der ältesten bekannten romanischen Buchmalereien darstellt. Am Ende des 11. Jahrhundert entstand neben der Kirche und den Stiftsgebäuden auch der steinerne romanische Wohnbau ("Palas") Vratislavs. Außerdem wurden die St.-Laurentius-Basilika und die St.-Martins-Rotunde errichtet.
Unter Fürst Soběslav I. (1123-40) ist noch einmal eine größere Bautätigkeit zu verzeichnen, doch kehrte der Herrscher am Ende seiner Herrschaft beziehungsweise erst sein Nachfolger Vladislav II. (1140-1172) auf die Prager Burg zurück. Nach rund 70 Jahren Regierungstätigkeit der Přemysliden verfiel die Burg zunehmend.
Fortbestand hatten dagegen die geistlichen Einrichten, allen voran das Kollegiatstift. Der Immunitätsbezirk des Kapitels umfasste Kapitelkirche, Kapitelgebäude, Propstei mit St.-Clemens-Kapelle, Dechantei mit St. Laurentius-Kirche, Kapitelschule und mehrere Chorherrenhöfen (Kurien).
Einen erneuten Aufschwung erlebte der Berg unter Karl IV. Grund hierfür war nicht nur die fortifikatorisch günstige Anbindung an die Befestigung der Prager Neustadt, sondern auch der von Karl immer wieder betonte Bezug auf den heiligen Wenzel und die Přemysliden. Die Burg war der letzte Sitz seiner Mutter, der Přemyslidenfürstin Eliška, die 1330 hier verstarb.
Im selben Zeitraum, in dem die Mauer der Neustadt aufgeführt wurde, errichtete man auch hier eine neue Befestigung mit zwei neuen Toren und 13-15 quaderförmigen Türmen mit einer Breite von sieben Metern, die einen Abstand von etwa 60 Metern zueinander hatten. Auch diese Mauer war wie die der Neustadt mit Zinnen und Wehrgang versehen. Den Hauptzugang zum Vyšehrad bildete im Osten das "Spitze Tor" (Špička), das wie auch die anderen vier Stadttore als porta novem pinarum gestaltet, das heißt mit neun Türmchen versehen, wurde. Den Zugang in die Stadt ermöglichte das Prager Tor (Pražská brána), das spätere Jerusalemer Tor (Jeruzalémská brána). Innerhalb des Mauerrings ließ Karl nach dem Ausbau der Prager Burg auch hier einen neuen Königspalast errichten und die Kollegiatstiftskirche St. Peter und Paul ab 1364/69 zu einer dreischiffigen Kirche mit Seitenkapellen umbauen. Gleichfalls in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts wurden die kleine Kirche der Enthauptung des hl. Johannes (Sv. Jana Stětí) und in der Vorburg an der Nordseite die Kapitelspitalkirche der Jungfrau-Mariä-Demut (Pokory Panny Marie) wohl als zweischiffige Hallenkirchen errichtet.
Karl IV. bemühte sich auch, die kulturelle Tradition des Vyšehrads wiederaufleben zu lassen; er unterstützte die Schulen und erneuerte den feierlichen Gottesdienst mit Kirchengesang. In der Krönungsordnung bestimmte er den Vyšehrad zum Ausgangspunkt des Krönungszuges der böhmischen Könige, den Karls IV. selbst als erster am 1. September 1347 unternahm und der von hier aus über den Viehmarkt, die Altstadt und die Karlsbrücke zum Hradschin führte.
Auf dem gleichen Weg wurden am Palmsonntag 1350 die Reichskrönungsinsignien und -heiligtümer, die nach ihrer Übergabe durch den Sohn Ludwigs des Bayern zunächst auf den Vyšehrad gebracht wurden, von Karl IV. in Begleitung des Erzbischofs und des Hofes über die Zwischenstation Viehmarkt in die Prager Burg überführt. Den selben Weg beschritt noch einmal der Trauerzug nach dem Tod Karls IV. am 29. November 1378, wobei dessen Leiche eine Nacht in der Kapitelkirche St. Peter und Paul aufgebahrt wurde.
Nachdem die militärtechnisch veraltete Burganlage 1648 bei einem Angriff der Schweden schwer beschädigt wurde, baute man sie 1654-1680 zu einer Barockfestung aus. Für die gewaltigen Schanzen aus Backsteinmauerwerk und die schweren Eckbasteien, die nach Heiligen benannt sind, wurde die Bevölkerung vertrieben und Gebäude abgerissen. Die Festung wurde 1866 aufgehoben und bald darauf als sechstes Stadtviertel Prag angegliedert. 1911 wurde sie weitgehend geschleift. Sie war unter anderen der Hauptschauplatz in der Rahmennovelle Innocens (1865) des österreichischen Schriftstellers Ferdinand von Saar.
Bereits am Ende des 19. Jahrhunderts, zwischen 1924 und 1935 und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert wurden hier intensive archäologische Forschungen betrieben, bei der einige profane und sakrale Gebäude des romanischen und gotischen Königshofes entdeckt und sichtbar gemacht werden konnten.
Vysehrad_Kostel_Petra_Pavla.jpg Die St. Peter und Pauls Kirche (Kostel sv. Petra a Pavla) wurde in den 1070er Jahren unter Vratislav II. als Kollegiatstiftskirche des Vyšehrader Kapitels gegründet. Gleichzeitig diente sie Grabkirche, in der vier přemyslidische Herzöge bestattet worden sind. Bei dem im Inneren aufgestellten romanischen Steinsarkophag aus dem 11. Jahrhundert oder der Zeit um 1100 mit einen charakteristischem Rundbogenfries, der sogenannten Tumba des heiligen Longinus, handelt es sich wahrscheinlich um die Grablege eines Přemyslidenherzogs. Reste der ursprünglichen romanischen dreischiffigen Basilika haben sich in Südwestecke der heutigen Kirche erhalten, große Teile konnten darüber hinaus bei den Ausgrabungen dokumentiert werden. In den Folgejahren wurde die Kirche mehrfach vergrößert und nach einem Brand frühgotisch erneuert.
Unter Karl IV. begann 1364/69 der Umbau zu einer dreischiffigen Kirche mit Seitenkapellen, der erst Anfang des 15. Jahrhunderts vollendet werden konnte. Von diesem Bau sind heute nur noch die Seitenschiffe und die Kapellen vorhanden, denn die Kirche erfuhr in der Renaissance und im Barock zahlreiche Veränderungen. 1575/76 wurde ein neuer Chor und später die Sakristei angefügt, 1678 der freistehende frühbarocke Glockenturm errichtet 1709-1729 ersetzte František Maximilian Kaňka die gotischen Gewölbe durch barocke und blendete die barocke "gewellte" Front vor. Die heutige Gestalt geht vor allem auf eine 1885-1887 erfolgte neogotische Umgestaltung durch Josef Mocker zurück, die dominierende Doppelturmfassade wurde erst die 1902/03 angefügt. Auch der Fassadenschmuck und die Innenausstattung stammen fast ausschließlich aus dieser Zeit.
Ein besonderes Ausstattungsstück ist gotisches Tafelbild der Jungfrau Maria aus der Zeit um 1360, die Vyšehrader Madonna oder Regenmadonna. Mit ihm wurde in Dürrezeiten bei Prozessionen um Regen gebeten. Es wurde von Karl IV. oder Erzbischof Johann Ocko von Vlasim (Jan Očko z Vlašimi) gestiftet. Das Bild ist mit Tempera auf Holz (Leinwand) gemalt, und nach der Beschneidung oben und unten noch 58 mal 43 cm groß. Es gehört dem Typ der Madonna "Galaktotrophusa" und zeigt die stillende Gottesmutter.
Vysehrad_hrbitov_cemetary1.JPG An die Kirche schließt sich der Vyšehrader Friedhof (Vyšehradský hřbitov) an, der bedeutendste Prager Friedhof, auf dem unter anderem die Komponisten Antonín Dvořák, Bedřich Smetana und Rafael Kubelík und der Dichter und Journalist Jan Neruda ihre letzte Ruhe gefunden haben, ebenfalls die große tschechische Opernsängerin, Emmy Destinn (Ema Destinová), fand hier ihre letzte Ruhestätte. In den 1870er Jahren wurde er als nationale Begräbnisstätte geschaffen. Im Zentrum steht der Slavín aus den Jahren 1889-93, die gemeinsame Ehrengruft der verdienten Persönlichkeiten des tschechischen Volkes (unter anderem auch Alfons Mucha).
Die Kapelle der Jungfrau Maria an den Schanzen (Kaple Panny Marie v hradbách) ist eine Wallfahrtsstätte aus der Mitte des 18. Jahrhunderts für die Figur der Jungfrau Maria von Loreto (heute in St. Peter und Paul). Die Kirche wurde 1784 durch Joseph II. aufgegeben, knapp ein Jahrhundert später jedoch neu geweiht.
Dicht hinter der Kapelle am Abhang zum Nusle-Tal stand ursprünglich die Kirche St.-Johanni-Enthauptung, eine zweischiffige Hallenkirche des späten 14. Jahrhundert. Nach der Verwüstung durch die Hussiten wurden auch ihre Reste durch den Festungsausbau beseitigt.
Die Alte Propstei (Staré proboštství) entstand in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts und zeigt noch Fragmente alter Freskogemälde. Die Neue Propstei (Nové propoštství) ist ein neogotischer Bau aus dem Jahr 1872.
Nach Errichtung der Barockfestung wurde sie profanisiert und diente als Pulvermagazin. 1878-89 wurde sie renoviert und in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt, wobei jedoch der Eingang auf der Westseite zugemauert und durch ein überdimensioniertes neogotisches Portal im Süden ersetzt wurde. Auch der Marmoraltar im Inneren ist neogotisch wie auch die Ausmalungen am Portal und den Innenwänden, die Motive aus dem Vyšehrader Krönungskodex (Ende des 11. Jahrhunderts) aufgreifen.
Bei der St. Laurentius Basilika (Kostel sv. Vavřince), einer romanischen Basilika aus der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts, handelt es sich um die ursprüngliche, von Vratislav II. errichtete Pfarrkirche der Burg. Erst vor wenigen Jahren konnten die Fundamente eines Sakralbaus mit kreuzförmigem Grundriss freigelegt werden. Die Kirche wurde in den Hussitenkriegen vernichtet. In der Spätgotik wurde unter Verwendung der romanischen Mauern ein neues Domherrenhaus gebaut und die Nordapsis der Kirche in die Hauskapelle des Gebäudes eingebaut, die das Patrozinium übernahm.
Der Park befindet sich an der Stelle des romanischen Wohnbaus ("Palas") und des gotischen Königshofs Karls IV. 1655 wurde hier ein Zeughaus errichtet, das 1927 niederbrannte. Am nördlichen Rand der Grünfläche sind Reste der romanischen Brücke ausgegraben und sichtbar gemacht worden, die den Zugang zu dem südlich davon liegenden Burgareal bildete.
Das Burggrafenhaus an der südwestlichen Ecke des Berges ist ein Teil des Palastbezirks Karls IV., der im 16. Jahrhundert umgebaut wurden. Westlich davon sind weitere Reste des 14. Jahrhunderts erhalten, ebenso im ehemaligen Burgturm, der jedoch barock überformt wurde. Er beherbergt eine Ausstellung mit Stichen und alten Darstellung des Vyšehrads. Unterhalb liegt dicht am Felshang die Ruine eines mittelalterlichen Wachgebäudes. Im Volksmund heißt dieser Platz seit der Romantik "Libussas Bad". Doch diente der Durchlass mit der Felsspalte nicht etwa, um Libusses abgelegte Liebhaber nach unten in die Moldau, sondern um mit Schiffen ankommende Waren nach oben zu befördern.
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