Mit Vulgärlatein wird das gesprochene im Unterschied zum literarischen Latein bezeichnet. Die Bezeichnung geht auf das lateinische Adjektiv vulgaris („zum Volke gehörig, gemein“) zurück (sermo vulgaris „Volkssprache“) und steht in klassischer Zeit im Gegensatz zum sermo urbanus, der literarisch kultivierten Hochsprache der römischen Oberschicht. Aufgrund der negativen Bedeutungsaspekte des Ausdrucks vulgär ist der neutralere Ausdruck Volkslatein oder gesprochenes Latein oder Sprechlatein vorzuziehen. Das Vulgärlatein ist nicht einfach mit „spätem“ Latein gleichzusetzen und als historische Sprachstufe aufzufassen, da es als Varietät des Lateinischen schon in den frühen Komödien des Plautus und des Terentius bezeugt ist und somit von einer frühen, bereits in altlateinischer Zeit einsetzenden Trennung von gesprochenem und geschriebenem Latein auszugehen ist, die später durch die Sprechgewohnheiten latinisierter Kelten und Germanen noch weiter vertieft wurde und im frühen Mittelalter schließlich zur Herausbildung der romanischen Sprachen führte.
pompeii-graffiti.jpg in Pompeji, war die Sprache des Volkes im Römischen Reich, die sich vom Klassischen Latein der Literatur unterschied.]]
Da es aus alter Zeit keine Sprachaufnahmen geben kann, muss das gesprochene Latein erschlossen werden; dazu dienen folgende Quellen:
Die Erschließung des Sprechlateinischen hängt ab von der Möglichkeit, die in solchen Quellen belegten Einzelphänomene unter dem Gesichtspunkt ihrer Lautgesetzlichkeit anhand von Regeln zu beschreiben und unter Berücksichtigung andersprachiger Einflüsse sowie außersprachlicher (geschichtlicher, sozialer und geographischer) Faktoren zu erklären.
„Vulgärlatein“ kann in der Sprachwissenschaft je nach Kontext unterschiedliche Bedeutungen haben:
In altlateinischer Zeit ist der Unterschied zwischen Sprech- und Schriftlatein noch vergleichsweise geringfügig. In klassischer Zeit, seit dem 3. Jahrhundert v.Chr., wird er durch die Normierung des Schriftlateinischen unter dem Einfluss des Griechischen – vermittelt durch griechische Sprach- und Rhetoriklehrer in Rom und durch die Nachahmung griechischer Literatur – verstärkt. Mit dem Zerfall des römischen Reiches und der Entstehung keltischer und germanischer Oberschichten intensiviert sich diese Entwicklung, die in der latinisierten Bevölkerung zu einer irreversiblen Zweisprachigkeit – Sprechlatein als Mutter- oder Erstsprache gegenüber Schriftlatein als sekundär erworbener Verkehrs-, Amts- und Literatursprache sowie Sprache des Kultus – und damit zur Herausbildung selbständiger romanischer Sprachen aus dem regional diversifizierten Sprechlatein führt. Die entscheidenden Übergänge in dieser Entwicklung sind zuerst für Nordfrankreich, und zwar für die Zweisprachigkeit spätestens durch das Konzil von Tours (813) und für die Selbständigkeit des Romanischen durch die Straßburger Eide (842) dokumentiert.
| Buchstabe | Klassisch | Vulgär | |
|---|---|---|---|
| kurzes A | ă | /a/ | /a/ |
| langes A | ā | /aː/ | /a/ |
| kurzes E | ĕ | /e/ | /ɛ/ |
| langes E | ē | /eː/ | /e/ |
| lurzes I | ĭ | /i/ | /ɪ/ |
| langes I | ī | /iː/ | /i/ |
| kurzes O | ŏ | /o/ | /ɔ/ |
| langes O | ō | /oː/ | /o/ |
| kurzes V | ŭ | /u/ | /ʊ/ |
| langes V | ū | /uː/ | /u/ |
| kurzes Y | y | /y/ | /ɪ/ |
| langes Y | y | /yː/ | /i/ |
| AE | æ | /ai/ | /ɛ/ |
| OE | œ | /oi/ | /e/ |
| AV | au | /au/ | /o/ |
Die Diphthonge AE und OE wurden beide zu /e/. AV veränderte sich von /aw/ zu /o/, nachdem das originale O sich bereits verändert hatte.
So verschwand die klassisch lateinische Unterscheidung zwischen langen und kurzen Vokalen. Wegen dieser Veränderung wurde die Betonung auf betonten Silben viel ausgeprägter als im klassischen Latein. Deshalb schwand die Ähnlichkeit zwischen den unbetonten Silben.
Die Sprachen durchliefen diesen Prozess in unterschiedlicher Schwere. Das /e/ in ferrum, "Eisen", blieb im französischen fer und dem portugiesischen ferro erhalten, wurde aber im spanischen hierro diphthongiert.
| Klassisch | Vulgär | Deutsch |
|---|---|---|
| sidus | stella | Stern |
| pulcher | bellus | schön |
| ferre | portare | tragen |
| ludere | iocare | spielen |
| os | bucca | Mund |
| domus | casa | Haus |
| magnus | grandis | groß |
| emere | comparare | kaufen |
| equus | caballus | Pferd |
| esse | essere | sein |
| posse | potere | können |
Einige dieser Wörter, die im Romanischen verloren wurden, wurden später als lateinische Fremdwörter wieder aufgenommen. Die Vokabularveränderungen betrafen sogar die wichtigsten grammatischen Partikel wie an, at, autem, donec, enim, ergo, etiam, haud, igitur, ita, nam, postquam, quidem, quin, quod, quoque, sed, utrum, und vel.
Hin und wieder findet man lateinische Fremdwörter in lateinischen Sprachen, die mit ihren natürlich weiterentwickelten Formen koexistieren. Beispielsweise wurde das vulgärlateinische fungus auf spanisch zu hongo, mit dem für Spanisch üblichen F-zu-H-Wandel. Aber zusätzlich gibt es noch fungo, das im Mittelalter neu aus dem Lateinischen übernommen wurde.
| Kasus | Klassisch | Vulgär |
|---|---|---|
| Nominativ: | rosa | rosa |
| Genitiv: | rosae | rose |
| Dativ: | rosae | rose |
| Akkusativ: | rosam | rosa |
| Ablativ: | rosā | rosa |
Auch die Pluralbildung veränderte sich. Im Portugiesischen, Spanischen, Sardischen und Französischen wurde der Singular vom Plural mit einem -s am Schluss unterschieden, wie im Plural des Akkusativs im klassischem Latein. Im Italienischen und Rumänischen wurde die lateinische Pluralbildung beibehalten: -i maskulin, -e feminin, -a neutrum.
| Substantive | Adjektive | |||
|---|---|---|---|---|
| Sg. | Pl. | Sg. | Pl. | |
| m | uomo | uomini | buono | buoni |
| f | donna | donne | buona | buone |
| n | uovo | uova | buono | buone |
Linguisten streiten sich darüber, ob es im Italienischen noch ein Neutrum gibt. Formen wie l'uovo fresco (das frische Ei) / le uova fresche (die frischen Eier) werden normalerweise mit der Behauptung wegerklärt "uovo" sei maskulin, habe aber einen unregelmäßigen Plural. Stattdessen ist "uovo" aber ein regelmäßiges Substantiv im Neutrum. (< ovum, Plural ova)
Außer im Rumänischen gibt es in anderen großen romanischen Sprachen keine Substantive im Neutrum mehr, aber alle haben noch Pronomen im Neutrum. Französisch: celui-ci, celle-ci, ceci; Spanisch: éste, ésta, esto ("dieses"); Italienisch: gli, le, ci ("ihm", "ihr", "ihm"); Katalanisch: el, la, ho ("ihn", "sie", "es"); Portugiesisch: todo, toda, tudo ("alles" m., "alles" f., "alles" n.).
Das klassische Latein hatte verschiedene Suffixe, um Adverbien aus Adjektiven zu bilden: carus, "lieb, teuer", wurde zu care; acriter, "scharf", aus acer; crebro, "oft", aus creber. Alle diese Formen gingen im Vulgärlateinischen verloren und wurden durch einen Ablativ und die Form mente, den Ablativ von mens, ersetzt, was "mit einem _____ Geist" bedeutete . So wurde velox ("schnell") statt zu velociter zu veloce mente ("schnellen Geistes", "schnellgeistig") Diese Veränderung fand schon im ersten Jahrhundert vor Christus statt und findet sich beispielsweise bei Catullus:
Einige Tochtersprachen wie altfranzösisch, entwickelten durch die Lautverschiebungen neue grammatikalische Unterscheidungen. Beispielsweise gab es auf Latein ámo, amámus, (Ich liebe, wir lieben); weil ein betontes A auf altfranzösisch zu einem Diphthong wurde, konjugierte man j'aime ("Ich liebe") aber nous amons ("wir lieben") (Neufranzösisch: nous aimons). Viele dieser "starken" Verben haben heute vereinheitlichte Formen, doch manche behielten die Diphthongierung: je viens ("Ich komme") aber nous venons ("wir kommen").
Das Futur wurde in den romanischen Sprachen ursprünglich über Hilfsverben ausgedrückt. Das war daher der Fall, weil /b/ zwischen Vokalen zu /v/ wurde, das Futur "amabit" war so vom Perfekt "amavit" nicht mehr unterscheidbar. Ein neues Futur wurde entwickelt, ursprünglich mit dem Hilfsverb habere: *amare habeo, wörtlich "ich habe zu lieben". Wie aus folgenden Beispielen ersichtlich, wurde aus habeo ein Futursuffix:
Das Futur in der sardischen Sprache wird weiterhin mit app'a (appo a) ( lat.habeo) + Infinitiv gebildet .
Ein Vergleich von klassischem Latein, Vulgärlatein und vierer romanischer Sprachen in der Konjugation des regelmäßigen Verbs "amare" und des Hilfsverbs "esse":
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Siehe auch: Küchenlatein
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