Der vorzeitige Samenerguss (auch vorzeitige Ejakulation oder vorzeitiger Orgasmus, lateinisch Ejaculatio praecox) ist eine sexuelle Störung des Mannes, bei der dieser nicht in der Lage ist, den Zeitpunkt der Ejakulation beim Geschlechtsverkehr selbst zu steuern. Es handelt sich um die häufigste sexuelle Funktionsstörung bei Männern unter 40 Jahren (Prävalenz in den USA: 30–70 %).
Da die oben beschriebenen Schwierigkeiten bestehen, wird eine Diagnose der Ejaculatio praecox nur dann gestellt, wenn eine fehlende Kontrollierbarkeit des Orgasmus und damit der Ejakulation vorliegt oder wenn die Partnerin trotz normaler Orgasmusfähigkeit aufgrund der fehlenden Ejakulationskontrolle des Mannes nicht zum Orgasmus kommen kann.
Männer, die unter der Ejaculatio praecox leiden, beschreiben ihr eigenes Interesse an der Sexualität als normal bis stark ausgeprägt und haben im Normalfall keine Probleme mit der Erektionsfähigkeit. Der vorzeitige Orgasmus tritt bei ihnen meistens kurz nach der Einführung des Penis in die Vagina auf, oft jedoch auch bereits davor. Zu diesem Zeitpunkt ist bei ihnen bereits ein Erregungsniveau erreicht, in dem die Kontrolle der Ejakulation nicht mehr möglich ist. Die Betroffenen selbst empfinden allerdings häufig keine besonders stark ausgeprägte Erregung, sondern meistens eher eine allgemeine Aufgeregtheit und Anspannung.
Insgesamt geben etwa 20 Prozent aller Männer an, unter der Ejaculatio praecox zu leiden. Bei nichtklinischen Stichproben unter amerikanischen Männern wurden allerdings auch Zahlen zwischen 25 Prozent und 40 Prozent erreicht. Diese Daten legen die Vermutung nahe, dass die Ejaculatio praecox mit Abstand die häufigste sexuelle Störung des Mannes darstellt. In Beratungsstellen oder ärztlichen Praxen klagen dagegen nur etwa 20 Prozent der Ratsuchenden über Ejaculatio praecox, über 60 Prozent der Männer suchen hier eine Behandlung für die erektile Dysfunktion.
Die Diskrepanz zwischen der Anzahl der betroffenen Männer und der Anzahl der Männer, die Hilfe suchen, lässt sich wahrscheinlich vor allem mit der Scheu der Betroffenen erklären, ein solch intimes Problem preiszugeben. Die meisten Betroffenen haben außerdem gemeinsam mit ihrer Partnerin einen Weg gefunden, wie der vorzeitige Orgasmus weniger Probleme bereitet. Dabei gibt es Paare, bei denen der rasche Orgasmus nicht als Problem empfunden wird, sowie solche, bei denen die Frauen die Schnelligkeit sogar als angenehm empfinden, da sie selbst nur sehr wenig Interesse an sexuellen Begegnungen haben. Besonders Männer mit sexuell anspruchsvolleren Partnerinnen erscheinen dagegen in der Beratung oder beim Arzt.
Einig ist man sich darüber, dass es sich bei Ejaculatio praecox in den allermeisten Fällen um ein psychologisches oder kognitives Problem handelt. Zu den favorisierten Erklärungsansätzen gehören folgende:
Neben diesen Erklärungsmodellen auf der Basis der Kognition gibt es auch Versuche, Fälle von Ejaculatio praecox auf der Basis der Tiefenpsychologie zu erklären. Hier werden zum Beispiel unterdrückte Triebe im Sinne einer prägenitalen Strebung der Urethralerotik angenommen. Auch grundsätzliche Feindseligkeiten gegenüber der Frau, basierend auf einem gestörten Mutter-Kind-Verhältnis, werden als Erklärung in Betracht gezogen.
Stress und Probleme in der Paarbeziehung stellen einen weiteren Komplex der Ursachenmodelle dar. So ist nachgewiesen, dass sich Streit und Stress mit der Partnerin bei fast allen Betroffenen finden lassen und es gilt auch als gesichert, dass diese Konflikte die sexuelle Störung dahingehend beeinflussen, dass sie anhaltend ist. Eine ursächliche Wirkung von dieser Art der Probleme konnte allerdings bislang nicht nachgewiesen werden.
Organische Ursachen spielen bei einer geringen Anzahl Betroffener ebenfalls eine Rolle. Sie sind bei einem dauerhaften Problem mit Ejaculatio praecox bislang noch nie als Ursache beschrieben worden, bei akuten Problemen sind sie jedoch als Teilfaktor denkbar. In diesem Kontext sind besonders schmerzhafte Entzündungen des Urogenitaltraktes, Tumorerkrankungen oder Ähnliches zu nennen.
Aufgrund der bereits angesprochenen Probleme, die Ursache der Störung genau zu erfassen, ist Diagnostik entsprechend schwierig. Für die klinische Praxis wurden aufgrund qualitativer sowie quantitativer Merkmale diagnostische Maßstäbe entwickelt, vollständig durchgesetzt haben sich bisher keine.
Heute wird eine Ejaculatio praecox vor allem dann diagnostiziert, wenn der Patient die Frage nach der willentlichen Kontrolle der Ejakulation verneint und die Partnerin beim Geschlechtsverkehr seltener als jedes zweite Mal zum Orgasmus kommt. Diese Diagnose ist also vor allem von den qualitativen Aussagen des Mannes abhängig. Nach Sigusch 1979 (zitiert nach Hanel 2003) handelt es sich entsprechend um eine Ejaculatio praecox, wenn
Dabei wird allerdings auch vorausgesetzt, dass dieser Zustand dauerhaft besteht und nicht etwa nur bei längerer Abstinenz oder einer neuen Partnerin auftritt.
Die sekundäre Form der Ejaculatio praecox tritt erst später ein, vor allem in einem höheren Lebensalter. Sie kann ebenfalls mit einer fortschreitenden Erektionsstörung gekoppelt sein oder es sind organische Ursachen erkennbar. Im letzteren Fall ist der frühzeitige Samenerguss häufig nur eine akute Begleiterscheinung einer Erkrankung, etwa einer Entzündung der Prostata oder der Harnröhre.
Die Anamnese umfasst dabei vor allem eine Befragung nach den sexuellen Vorlieben, Eigenschaften und Problemen des Patienten sowie zu seinem allgemeinen Gesundheitszustand und den genauen Umständen des Ejakulationsprozesses. Je nach Möglichkeit sollte diese Befragung auch gemeinsam mit der Partnerin erfolgen. Auch eine Befragung der sozialen Hintergründe, persönlichen sexuellen Tabus oder einfach nur nach sozialen Freizeitbeschäftigungen kann Hinweise auf die Ursachen der Ejaculatio praecox geben.
Neben der Befragung fällt auch einer medizinischen Untersuchung eine wichtige Rolle der Anamnese zu. Zum einen können auf diese Weise tatsächlich vorhandene medizinische Gründe festgestellt oder ausgeschlossen werden, zum anderen bieten sie dem untersuchten Mann die Sicherheit, dass seine Beschwerden ernst genommen werden. Der Patient entwickelt in der Regel selbst eine somatische Erklärung, die ausgeschlossen werden muss, damit eine Therapie Erfolg haben kann.
Eine Differentialdiagnose ist erforderlich, um andere Gründe für die frühzeitige Ejakulation auszuschließen. So müssen von der Ejaculatio praecox vor allem unterschieden werden:
Für die meisten Fälle von Ejaculatio praecox kommt als Sexualtherapie vor allem eine Sensibilisierung für den Ejakulationszeitpunkt in Frage. Über verschiedene Techniken sollen die betroffenen Männer lernen, den Prozess bis zu dem Zeitpunkt, der als „Point of no return“ bekannt ist, wahrzunehmen und ihn zu beeinflussen. Vor allem die Squeeze- und die Stopp-Start-Methode nach Masters und Johnson haben sich in der Behandlung bewährt, auch diese sind allerdings nicht vollständig unumstritten.
Bei der Squeeze-Methode soll der Mann zuerst über ein Sensualitätstraining seine Erregung bewusster wahrnehmen. Danach erlernt er, den Zeitpunkt der ungewollten Ejakulation genauer wahrzunehmen und in einem weiteren Schritt zu beeinflussen. Im optimalen Fall wird diese Methode in der Paartherapie eingesetzt, das bedeutet, dass die Frau dem Mann bei der Erfahrung hilft. Bei all den Techniken darf die Frau natürlich nicht nur als Werkzeug dienen, der Mann sollte im Gegenteil eine besondere Aufmerksamkeit auch auf die Erfüllung ihrer sexuellen Wünsche legen.
In einem ersten Schritt wird der Mann durch die Frau in einem Petting stimuliert, so dass eine Erektion zustande kommt. Nun wird der Penis weiter zärtlich gestreichelt und massiert, bis der Mann das Gefühl hat, dass eine Ejakulation bevorsteht. Durch einen Druck über mehrere Sekunden wird der Penis nun von der Frau oder dem Mann mit den Fingern „gequetscht“, wodurch der Ejakulationsdrang nachlässt. Nach etwa 20 Sekunden erfolgt eine erneute Stimulation. Insgesamt sollten sich Stimulation und Squeeze-Technik über einen Zeitraum von etwa 20 Minuten abwechseln.
Wenn der Mann anhand der Squeeze-Technik gelernt hat, über den Zeitpunkt der Ejakulation Kontrolle zu erlangen, sollte diese durch eine passive Einführung in die Vagina der Frau weitergeführt werden. Zu diesem Zweck hockt sich die Frau über den Mann und führt den erigierten Penis in ihre Vagina ein, ohne durch Beckenbewegung eine gesteigerte Erregung zu bewirken. Kommt es auch hier zu einem Ejakulationsbedürfnis, wendet die Frau auf den Hinweis des Mannes erneut die Squeeze-Technik an. Danach führt sie den Penis wieder ein und der Vorgang beginnt von neuem und kann bei zunehmenden Fortschritten auch von Beckenbewegungen durch ihn weitergeführt werden. Gelingt es ihm auch hier, seine Ejakulation zu kontrollieren, sollte in einer letzten Phase der Geschlechtsverkehr in seitlicher Lage ausgeführt werden, da hier die besten Möglichkeiten zur Reaktion auf die Erregung bestehen.
In der Praxis wird diese Methode häufig erfolglos ausprobiert, da die Kontrolle noch nicht soweit fortgeschritten ist, dass ein einfaches Stopp-Signal ausreicht um die Ejakulation zu verhindern. Entsprechend wird oft parallel zu dieser Methode auch weiterhin regelmäßig die Squeeze-Methode angewendet.
Als lokale Betäubungsmittel (Lokalanästhetika) wirken verschiedene Sprays und Salben, die die Erregbarkeit des Penis herabsetzen sollen. Als Wirkstoffe werden dabei etwa Lidocain oder Prilocain genutzt. In der Praxis gibt es mit diesen Mitteln Erfolge, bei denen Patienten nach der Anwendung von einer Orgasmusverzögerung von bis zu acht Minuten berichteten. Problematisch hierbei sind allerdings alle Orgasmusreize, die nicht von der direkten Stimulation des Penis ausgehen und entsprechend im Gehirn verarbeitet werden. Der Ejakulationsreiz bleibt entsprechend unvermindert bestehen. Auch dauert eine Anwendung in der Regel etwa 20 Minuten bis zur Wirkung des Mittels und kann im Verlauf des Geschlechtsverkehrs oder in der Folge auch die Genitalien der Partnerin betäuben. Um diesen Nachteil zu vermeiden, haben Hersteller von Kondomen Produkte entwickelt, die das Betäubungsmittel auf der Innenseite des Kondoms tragen. Somit kann erreicht werden, dass nur der Kondomträger im Empfindungsvermögen eingeschränkt wird, die Partnerin den Sex jedoch unbeeinträchtigt empfinden kann.
Psychopharmaka, also Medikamente, die direkt auf die Gehirnaktivität wirken, stellen zum Beispiel Thioridazin, Clomipramin und Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) dar. Als Wirkfaktor lassen sich sowohl die Angst lösende und stimmungsaufhellende Wirkung der SSRI als auch die Lockerung einer evtl. vorhandenen Überfokussierung auf das Problem vermuten. Ursprünglich fielen bei dieser Substanzgruppe eine verminderte Libido und Erregbarkeit als Nebenwirkungen auf - Effekte, die man teilweise erfolgreich in der Therapie der Ejaculatio praecox einsetzen konnte. Nachteilig sind die bisher lange Halbwertszeit und damit verbunden schlechte Flexibilität in der Dosierung und beim Auftreten von Nebenwirkungen. Hier kommen in Zukunft wohl kurz wirksame SSRI zum Einsatz.
Weitere Medikamente, die nachgewiesenermaßen als Nebenwirkung die Ejakulationsmöglichkeiten hemmen: verschiedene Alphablocker, Betablocker wie Phenoxybenzamin, trizyklische Antidepressiva wie Clomipramin und Serotonin-Inhibitoren wie Fluoxetin und Sertralin. Die Verzögerung des Orgasmus beträgt bei diesen Präparaten etwa fünf Minuten, allerdings müssen sie teilweise zwischen zwei und sechs Stunden vor dem Geschlechtsverkehr eingenommen werden.
Bei allen Formen der medikamentösen Behandlung bleibt eine Heilung der Ejaculatio praecox allerdings aus, das Problem besteht nach dem Absetzen der Medikamente weiterhin. Hinzu kommen mögliche negative Nebenwirkungen der Präparate, weshalb eine medikamentöse Behandlung erst als letztes Mittel eingesetzt werden sollte.
Auch wenn der E. p. eine organische Störung zugrundeliegen sollte (bisher unklar), spielt eine psychische Komponente sicher eine zentrale Rolle; durch medikamentöse Ansätze wird zwar primär das Symptom als solches behandelt, durch den Wegfall der psychischen Komponente (Unsicherheit, Stress) kann dadurch aber langfristig mit einer Heilung gerechnet werden.
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