Ein „Volkslied ist ein Lied, das im Gesang der Unterschicht eines Kulturvolks in längerer gedächtnismäßiger Überlieferung und in ihrem Stil derart eingebürgert ist oder war, dass, wer es singt, vom individuellen Anrecht eines Urhebers an Wort und Weise nichts empfindet.“ (Alfred Götze, Das deutsche Volkslied, 1929)
„Volkslied heißt entweder ein Lied, das im Volke entstanden ist (d. h. dessen Dichter und Komponist nicht mehr bekannt sind), oder eins, das in den Volksmund übergegangen ist, oder endlich eins, das ‚volksmäßig‘, d. h. schlicht und leicht fasslich in Melodie und Harmonie komponiert ist.“ (Hugo Riemann, Musiklexikon, 1916)
Merkmale
Im Laufe der Sammlung und der Erforschung von Volksliedern wurden folgende Merkmale von Volksliedern (engl.
traditional) herausgestellt:
- Sie unterliegen oft einem langen Prozess mündlicher Tradierung.
- Sie unterliegen starken Änderungen hinsichtlich Form- und Gestalt und erfahren kulturell oder regional typische Ausprägungen. So existieren Varianten der Texte wie auch der Melodie.
- Weiterhin ist Volksliedern gemein, dass sie eine weite Verbreitung im Volk erfahren und dass sie, in Abgrenzung zum Schlager, ein gewisses Alter besitzen. Alter und mündliche Weitergabe sind die Ursachen dafür, dass die Urheber dieser Lieder sehr häufig unbekannt sind.
Bedeutung
Das Volkslied ist immer Ausdruck einer bestimmten Lebenssituation: Thematisch umfassen Volkslieder praktisch alle Lebensbereiche. Entsprechend finden sich zum Beispiel Liebes-, Trink-, Kinder-, Wiegen-,
Arbeits-, Tanz-, Arbeiter-, Soldaten-, Studenten-, Seemanns-, (berufs)ständische, an religiösen Festen orientierte, Heimat-, Morgen-, Abend-, Jahreszeiten-, Abschieds-
Lieder.
Regionale Ausprägung
Jede Region bildet vor allem in der
Volksmusik und im Volkslied hinsichtlich Rhythmus und Harmonik einen völlig eigenständigen Stil heraus. Dennoch bleiben Volkslieder in ihrer Wirkung nicht an ihren Entstehungsort gebunden. Sie wandern zuweilen durch die Zeiten von Volk zu Volk.
Bezüge zur Kunstmusik
Die Melodik der Volkslieder hat Komponisten aller Zeiten in ihrem kreativen (Kunstmusik-)Schaffen inspiriert.
Romantik
Johann Gottfried Herder löste mit seiner romantischen Definition des Volksliedes als etwas Natürliches, Urzuständliches und für eine Nation Kennzeichnendes die für die
Romantik charakteristische Bewegung nach Natürlichkeit und Einfachheit aus.
Nach Herder sind Kennzeichen eines Volksliedes schlichte Formen, ruhige Rhythmen, kleiner Ambitus, leicht zu singen, ohne schwierige Intervalle und Harmonien, leicht zu behalten, mit übersichtlicher Gliederung entsprechend den gereimten Textzeilen.
Diese Merkmale stellen aber ein idealisiertes Bild dar, dem das „lebendige“, vom Volk praktizierte Lied („erstes Dasein“) nicht entsprach. Viele Tonsetzer komponierten diesem einfachen Modell folgend Lieder, die zum Teil ins „Volksliedgut“ eingingen. Sie sind aber auf Grund ihrer Entstehung Kunstlieder und können den Volksliedern im engen Sinn nicht zugerechnet werden.
Deutschlandlied
Manchmal gehen die Volkslied-Melodien auch in andere Musikgattungen über. So wird aus dem alt böhmischen Prozessionslied „Ubi est spes mea?“ (deutsch: Wo ist meine Hoffnung?) zunächst im 16. Jahrhundert der Choral „Mein lieber Herr ich preise dich!“. Gut 200 Jahre später,
1797, formt
Joseph Haydn hieraus die Melodie zur
österreichischen Kaiserhymne „Gott erhalte Franz, den Kaiser“. Haydn selbst löst diese Melodie wieder vom Text und macht sie zum Zentrum des „Kaiserquartetts“ (op. 76 Nr. 3).
1841 dichtet
Hoffmann von Fallersleben zu dieser Melodie neue Verse: Das
Deutschlandlied ist geboren. Seit
1922 wird es offiziell als deutsche Nationalhymne verwendet. Diese Melodie war zu verschiedenen Textbearbeitungen bis
1920 und von
1929 bis
1949 auch die Nationalhymne Österreichs. Aus dem alten böhmischen Prozessionslied heraus hat sich ebenfalls der weit bekannte deutsche Kanon „O wie wohl ist mir am Abend“ entwickelt. (Darstellung dieses kulturhistorischen Zusammenhangs um das Deutschlandlied nach:
Hans Renner: Grundlagen der Musik, 8. Aufl., Stuttgart (
Philipp Reclam 1969), p. 84 ff und auch
Hans Renner: Geschichte der Musik, p. 345, Stuttgart 1985 (DVA): Haydns "letztes schönstes Lied, die Weise zu >Gott erhalte Franz den Kaiser< ... hat eine weitverzweigte Ahnenreihe ... die sich bis auf ein uraltes böhmisches Prozessionslied zurückführen lässt."
Volksliedforscher
Volksliedsammlungen
Mit Herder begann auch das sogenannte „zweite Dasein“ des Volksliedes, das in Volksliedsmmlungen niedergeschrieben und damit
kodifiziert wurde. Diese Sammlungen bilden bis heute nicht nur die Grundlage der wissenschaftlichen Erforschung des Volksliedes sondern auch der Volksmusikpflege, die damit aber nicht mehr aus den ursprünglichen Wurzeln der Tradierung und Veränderung gespeist werden.
Die ersten Volksliedsammlungen entsprachen der romatischen Idelaisierung und waren zunächst nur Textsammlungen. Erst im 20. Jahrhundert wurde damit begonnen, die Sammlung von Volksliedern auf Grund wissenschaftlciehr Kriterien anzulegen.
Deutsche Volkslieder sammelt seit 1914 das Deutsche Volksliedarchiv an der Universität Freiburg.
Literatur
- Suppan, Wolfgang et al.: Volksgesang, Volksmusik, Volkstanz; in MGG1
Weblinks
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