Volks-Uni ist ein Sammelbegriff für Bildungsinitiativen, die sich jenseits von Prüfungsordnungen selbstorganisiert als Alternativen - und nicht als Ergänzung - zu den bestehenden Universitäten verstehen. Sie firmieren auch unter den Titeln Kritische Universität, Gegen-Uni oder Volx-Uni.
Im Proletkult der frühen Sowjetunion war die Idee der Arbeiteruniversität angedacht. In Polen betätigte sich Henryk Grossmann nach 1921 als Vorsitzender einer kommunistisch dominierten Volksuniversität (Uniwersytet Ludowy).
Ursprünglich war mit Volkshochschule und Volksuniversität das selbe gemeint.
In Deutschland gab es ähnliche, aber gemäßigertere Entwicklungen. Bereits 1967 zu Beginn der Außerparlamentarische Opposition (APO) gab es in verschiedenen Städten wie Hamburg, Berlin, München und Frankfurt am Main Kritische Universitäten. Im Sommersemester 1968 fand ein gemeinsamer Kritischer Studententag, vorbereitet von Vertretern und Vertreterinnen der Kritischen Unis, der Studentengewerkschaft und den Republikanischen Klubs statt. Die Republikanischen Klubs waren wissenschaftspolitsche Diskussionszirkel, aus denen die Kritischen Universitäten hervorgingen. Diese wissenschaftspolitischen Klubs versuchten die Trennung von Politik und Wissenschaft aufzuheben, hierzu gehörte auch sich Wissenschaft selbst anzueignen ohne jede Form einer als Herrschaftkommunikation bezeichneten Vermittlung von Wissen durch Dozenten. Dies hieß allerdings nicht, dass Dozenten nicht geduldet waren. Einige linke Dozenten beteiligten sich in gleichberchtigter Weise an den Republikanischen Klubs.
Diese Bewegung wurzelte vor allem in der sogenannten antiautoritären Linken. Sie berief sich in ihren Argumentationen auf Wilhelm Reich, Sigmund Freud und Peter Brückner. Vorlesungen seien überflüssig, wurde argumentiert, seit der Buchdruck erfunden sei - auch Seminare seien keine Lösung, da diese autoritär von Dozenten bestimmt würden. Die Alternative hierzu sei die kollektive Arbeit.
Gefordert wurden:
Anfang der 70er Jahre fand diese Bewegung ein vorläufiges Ende.
Innerhalb der Frauenbewegung, die eine Frauenforschung und Feministische Wissenschaftstheorie etablierte, entstanden Sommer-Universitäten. Parallel hierzu und mit einigen Überschneidungen entwickelte sich die Alternativbewegung, die sich wissenschaftskritisch mit Großtechnologien wie der Atomenergie auseinander setzten. Innerhalb dieser Bewegung entstanden Wissenschaftsläden. Ende der 70er Jahre schließlich fanden - hauptsächlich von den Allgemeinen Studierenden Ausschüssen (ASten) organisiert - Gegenuniversitäten statt.
In diesem Kontext entstand die VolksUni Berlin, die noch bis heute zu Pfingsten tagt. Der Name VolksUni war angeregt von der Stockholmer Folkuniversitet, die vom Centrum för Marxistik Samhällestudier (CMS), das der schwedischen Linkspartei nahesteht, jährlich veranstaltet wurde. Wolfgang Fritz Haug brachte diesen Namen für die von ihm 1979 mitgegründeten VolksUni Berlin mit nach Deutschland.
In ihrem Gründungskonzept von 1980 heißt es:
In einer dreitägigen Reihe von Vorlesungen und Diskussionen fanden seitdem jährlich Beiträge zu Theorie, Geschichte und aktuellen Problemen der Arbeiterbewegung und der alternativen Kultur statt. Träger der Volksuni sind Gewerkschafter und Gewerkschafterinnen, Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, aber keine Organisationen. Ziel war es linksorientierte Menschen aus dem Bildungssystem mit Menschen aus den Gewerkschaften und Betriebsräten zusammenzubringen:
Im Februar 1985 wurde eine Bundeskontaktstelle Volksuni gegründet. Bei den bundesweiten Treffen zeigten sich Differenzen zwischen den VolksUnis. Während in Bonn, Gießen, Köln, Aachen, Göttingen, Heidelberg, Marburg, Karlsruhe, Bochum und Münster die VolksUnis von den ASten finanziert wurden und sie ihre Schwerpunkte im selbstbestimmten Lernen sahen, finanzierten sich die VolksUnis in Berlin, Hamburg und Zürich über Spenden und Mitgliedsbeiträgen. Hier stand die Vernetzung linker Kräfte im Mittelpunkt und es fanden eher Vorträge linker Intellektueller statt.
Zum Lernfest der VolkUni in Zürich heißt es in einem Interview:
Die Lernfeste der Volksuni hatten eine unglaubliche Anziehungskraft. Es kamen auch Leute, die ich noch nie im Kanzlei oder an einer Demo gesehen hatte. Das Kanzlei wurde immer mehr zu einem Treffpunkt für verschiedenste Gruppen. Es gab unter anderem ein Kafi, das Kino Xenix, die Frauenetage, einen Kindergarten, den historischen Verein Aussersihl, verschiedene AusländerInnen-Gruppen, eine Videowerkstatt und eine Frauen-Mitfahr-Zentrale. *
Die VolxUnis führten mitunter auch zu konkreten Ergebnissen wie dem Wyberrat in Zürich (einer Vernetzung von verschiedenen Fraueninitiativen) oder der Schwarze Witwe (einem Frauen-Lesben-Archiv) in Münster.
Aufgrund politischer Inhalte konnten einige VolksUnis nicht stattfinden, da einige Rektorate und der RCDS intervenierten.
Ende der 80er Jahre war auch diese Bewegung wieder vorbei. Eine Fortsetzung fand sie in der Koordinierung von Alternativen Vorlesungsverzeichnissen und besetzten Universitäten.
Heute existieren diverse Formen von VolksUnis. Neben der klassisschen VolksUni Berlin finden jährlich Sommerakademien von Attac statt. Auch die jährlich stattfindende Bundeskonferenz entwicklungspolitischer Gruppen (BUKO) oder die Sozial Foren haben den Charakter von VolksUnis.
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