Dr. Vivien Theodore Thomas (* 29. August 1910; † 26. November 1985) war ein afro-amerikanischer Chirurg, der die Behandlung von Zyanose bei Babies in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelt hat. Er war ein Assistent von Dr. Alfred Blalock an der Vanderbilt Universität in Nashville, Tennessee, USA und später an der Johns Hopkins Universität in Baltimore, Maryland, USA.
Dr. Thomas wurde in der Nähe von Lake Providence, Louisiana, geboren. Obwohl er sehr intelligent war, hatte er nur eine High School-Ausbildung. Er besuchte die Pearl High School (die jetzt Pearl Magnet High School heißt) in Nashville in den zwanziger Jahren. Obwohl er in einem Bildungssystem erzogen wurde, das durch die Rassentrennung bestimmt war, erhielt er eine sehr gute Schulbildung.
Blalock stellte Thomas als 19jährigen 1930 als Hausmeister ein. Thomas hatte zwar gehofft, dass er aufs College gehen und Medizin studieren könnte, aber die Große Depression vernichtete alle seine Ersparnisse, die er als Zimmermann gemacht hatte. Er arbeitete im Sommer 1929 an der Fisk Universität als Zimmermann, verlor aber seine Arbeit wegen dem Börsencrash. Thomas war froh, den neuen Job zu erhalten, stellte aber fest, dass er nur zwei Drittel seines bisherigen Lohnes erhielt.
Mit der Zeit spielt Thomas eine immer größere Rolle für Blalock. Thomas half ihm, Operationswerkzeuge herzustellen, während Blalock ihm wissenschaftliche Arbeitsweisen beibrachte. Die beiden entwickelten einen großen Respekt zueinander, waren aber niemals gleichberechtigt. Sie lebten in einer Zeit, in der die Rassentrennung die Norm war.
Zusammen erzielten Sie große Erfolge in der Erforschung der Ursachen des Traumaschocks. Diese Arbeit ging später in die Erforschung des Crush-Syndroms über.
1941 wurde Blalock die Position des Chefs der Chirurgie an der Johns Hopkins Universität angeboten und machte Thomas die Offerte, mit ihm dort hin zu gehen. Thomas kam noch im selben Jahr mit seiner Frau Clara und ihrem jungen Kind in Baltimore an. An der Johns Hopkins trug er einen weißen Arztkittel, was gegen die Traditionen der Institution verstieß. Er wurde möglicherweise sogar überredet, ihn auszuziehen, wenn er sich im Hospital bewegte.
1943, während Blalock nach einem neuen Projekt suchte, wurde dieser von Dr. Helen Taussig angesprochen, die eine theoretische Idee hatte, wie man Zynose bei Babies behandlet könnte (Blue Baby Syndrome). Sie schlug vor, einen Teil einer Ader zu verwenden und damit eine neue Verbindung vom Herzen zu den Lungen zu schaffen, um die Durchblutung dorthin zu verbessern. Das wäre aber eine sehr komplizierte Operation, für die viele neue medizinische Instrumente erfunden werden müssten.
Thomas sollte zuerst die Bedingungen der Baby-Zyanose an einem Hund simulieren, um dann später die korrigierende Operation ausprobieren zu können. Zwei Jahre und 200 Hunde später war eine zufriedenstellende Lösung dafür gefunden. Nachdem die Bedingungen nun simuliert werden konnten, war es relativ einfach, eine Methode zu entwickeln, die das Problem lösen würde. Der erste Hund, an dem eine Heilung gelang, hieß Anna. Sie ist das einzige Tier, das als Porträt an einer Wand im Johns Hopkins Institut hängt.
Am 29.11.1944 wurde die neue Operationsmethode das erste Mal an einem Menschen durchgeführt, an Eileen Saxton. Die Zyanose hatte ihre Lippen und Finger blau gefärbt, auch das Gesicht hatte eine leicht bläuliche Färbung. Sie konnte nur wenige Schritte gehen, bevor Sie kaum noch Luft bekam. Während der Operation stand Thomas hinter Blalock und gab ihm Hinweise zur Durchführung der Prozedur, weil er die Operation selbst an Hunden viel öfter durchführte als Blalock. Die Operation war zwar nicht so erfolgreich wie erhofft, verlängerte das Leben der Patientin jedoch um weitere zwei Monate. Blalock und sein Team operierten daraufhin ein elfjähriges Mädchen, diesmal aber mit durchschlagendem Erfolg. Die Patientin konnte das Krankenhaus drei Wochen nach der Operation verlassen. Als nächstes wurde dann ein sechsjähriger Junge operiert, dessen Gesichtsfarbe sich fast schon dramatisch am Ende der Operation von Blau auf Rosa änderte. Diese drei Fälle waren die Grundlage für den Artikel im Journal of the American Medical Association im Mai 1945, das als Urheber der neuen Methode Blalock und Taussig nannte. Thomas wurde nicht erwähnt.
Gleich nachdem der Artikel erschien, ging diese Meldung um die Welt, die Wochenschauen berichteten ebenfalls darüber. Dadurch wurde das Ansehen des Johns Hopkins Institute wesentlich gesteigert (und übrigens auch von Blalock, dessen Karriere kurz zuvor am seidenen Faden hing). Die Mitwirkung von Thomas wurde aber immer noch nicht erwähnt. Innerhalb eines Jahres wurden mehr als 200 solche Operatinen durchgeführt. Eltern brachten dazu ihre Kinder aus den größten Entfernungen nach Baltimore.
Thomas begann, andere in der Operationsmethode auszubilden, aber er wurde noch immer nicht angemessen bezahlt. Er arbeitete manchmal noch als Barkeeper. Das führte zu Situationen, in denen er Leuten Drinks servierte, die er früher am Tag noch unterrichtete. Nach Verhandlungen mit Blalock war Thomas der am höchsten bezahlte Techniker am Johns Hopkins im Jahre 1946 und der am höchsten bezahlte Afro-Amerikaner dort in dieser Zeit. Die Aufzeichnungen des Hospitals zeigen in den Jahren 1943 bis 1947, dass Blalock jedoch das zehnfache Gehalt erhielt.
1947 versuchte Thomas nochmals, das College zu besuchen, um seinen Traum, Arzt zu werden, wahr zu machen. Er trug sich an der Morgan State Univercity ein, stellte aber bald fest, dass er, wenn er die gesamte Ausbildung durchlaufen würde, 50 Jahre alt wäre, bevor er überhaupt praktizieren könnte. Er gab diese Idee daher auf.
Das Verhalten von Blalock gegenüber Thomas wegen dessen Rasse war sehr kompliziert. Einerseits verteidigte er ihn und durchbrach manche Rassenschranke, um ihn als Techniker behalten zu können. Das war zu dieser Zeit undenkbar. Auf der anderen Seite gab es gewisse Grenzen in seiner Toleranz, speziell wenn es um Geld, akademische Bildung und soziale Kontakte außerhalb der Arbeit ging. Als Blalock seinen 60. Geburtstag im Southern Hotel in Baltimore im April 1960 feierte, bestand er darauf, dass Thomas nicht eingeladen wurde. Die Organisatoren der Party konnten aber arrangieren, dass Thomas die Geschehnisse hinter einem Vorhang verfolgen konnte, was dieser als Erniedrigung empfand. Blalock starb später im Alter von 65 und hatte bis zu diesem Zeitpunkt 34 Jahre mit Thomas zusammengearbeitet.
1976 wurde Thomas von der Johns Hopkins Universität die Ehrendoktorwürde verliehen. Wegen geltender Beschränkungen bekam er jedoch den Ehrendoktor des Rechts und nicht den der Medizin. Thomas erhielt jedoch ein größeres Einkommen, nachdem er in die Fakultät des Johns Hopkins Instituts ohne akademischen Grad aufgenommen wurde.
Thomas schrieb eine Autobiografie, "Partners of the Heart". Er starb im Alter von 75 Jahren, sein Buch erschien nur wenige Tage später.
Chirurg | US-Amerikaner | Mann | Geboren 1910 | Gestorben 1985
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