Vishnuismus ist eine der drei Hauptrichtungen des Hinduismus (neben Shivaismus und Shaktismus), die als höchstes Allwesen und höchste Gottheit Vishnu annimmt, dem alle anderen Götter untergeordnet sind.
Hinter dem Begriff Vishnuismus verstecken sich mehrere religiöse Strömungen (Sampradayas) unterschiedlichen Ursprungs. Die drei hervorstehendsten Verehrungsformen beziehen sich auf den vedischen Gott Vishnu, auf Vasudeva Krishna und auf Rama, den heldenhaften Prinzen im Epos Ramayana. Im Selbstverständnis der Vaishnavas sind sie Monotheisten, da sie Vishnu, der ohne einen Zweiten ist, verehren. Andere Gottheiten (Devas, Halbgötter) werden als Diener Vishnus verstanden. Die Vishnuiten lehren, dass sich Vishnu in unzählige spirituelle Gestalten vervielfältigen kann, die alle mit ihm identisch sind. Sie verstehen dies als Ausdruck seiner unbegrenzten Macht, und nicht als die Manifestation unterschiedlicher in Konkurrenz stehender Gottheiten. Um diese Haltung vom traditionellen Monotheismus westlicher Prägung abzugrenzen, wurde sie vom Indologen Max Müller als Henotheismus bezeichnet. In der heutigen religionswissenschaftlichen Literatur wird der Vishnuismus jedoch häufig als Monotheismus angesehen.
Ende des 2. Jh. v. Chr. war die Verehrung Vasudeva Krishnas schon verbreitet. Vishnu selbst wird bereits im Rigveda erwähnt (RV 1.154 - 1.156)[ Siehe Vishnu im Rigveda] und man nimmt an, dass sich im 9.-6. Jh. v. Chr. um ihn eine monotheistische Theologie entwickelte. Rama und Krishna wurden als Inkarnationen Vishnus aufgefasst. Der Begriff Vaishnava (vishnuitisch) wurde ab der Gupta-Zeit für diese Bewegungen verwendet, deren Ursprünge sehr viel weiter zurückliegen.[Diese Zahlenangaben werden von den Vertretern des Veda teils relativiert. Sie sagen, die Verehrungsformen seien uralt und das Wissen darüber sei in früheren Zeitaltern (vor dem Kali-Yuga, das 3102 v. Chr. begann) immer mündlich überliefert worden. Diese Sicht wird auch durch die Bhagavad Gita (4.1-3) vertreten. Gleichzeitig betonen aber die meisten von ihnen, es sei vollkommen unwichtig, wann Wissen (Veda) in der Welt erscheint. Wirkliches Wissen sei anfanglos wie Gott selbst und das Erscheinen von Wissen sei vergleichbar mit dem Erscheinen der Sonne am frühen Morgen. Es sei ein Zeichen von Unwissenheit, wenn man denke, die Sonne würde während der Nacht nicht existieren.]
Nach Vorstellung der Vaishnavas (Vishnuiten) kehrt Vishnu in zahllosen Inkarnationen (Avataras) auf die Welt zurück, wenn Recht und Ordnung (Dharma) schwinden. Sehr bekannt sind die zehn Avataras (siehe unter Vishnu), wovon Kalki erst am Ende des Kali-Yuga erscheinen soll. Die Vorstellung einer Vielheit an Inkarnationen wird in der Bhagavad Gita angedeutet und im Bhagavatapurana sehr ausführlich dargestellt.
Könige und Krieger Kshatriyas, verpflichteten sich auf den Ethos und die Kampfesehre, welche vom Avatara Rama, dem König von Ayodhya, vermittelt wurde. So zierte z.B. Arjunas Streitwagen in der Schlacht von Kurukshetra die Flagge Hanumans, welcher als größter Geweihter Ramas betrachtet wird.
Der Weg zu Erlösung wurde erneut definiert[Krishna in derBhagavad Gita: "Dieses Yoga wurde durch die Linie königlicher Seher weitergereicht. Doch nach einer sehr langen Zeit, ging dieses Yoga hier auf Erden verloren. Dieses uralte Yoga, welches das höchste Geheimnis ist, wird dir jetzt von mir erklärt, da du mein Geweihter bist." (4.2-3)]: einerseits pflichtgemäßes und vor allem selbstloses Handeln in der Gesellschaft und andererseits bedingungslose Hingabe (Bhakti) an ihn, den Gott Vishnu. Bhakti wird zu einem wichtigen Teil der religiösen Praxis, vor allem die liebende Hingabe an die Inkarnationen Krishna oder Rama. Bhakti kennzeichnet die neue Beziehung zwischen Mensch und Gottheit, welche das vedische Opfer ablöst und zugleich die intellektuelle Suche nach erlösendem Wissen in eine starke emotionale Beziehung einbindet. Vor allem in der Bhagavad Gita wird Bhakti-Yoga als höchster Yoga hervorgehoben (6.47).
Vishnuismus besteht aus mehreren Richtungen, die voneinander leicht abweichende Philosophien entwickelt haben.
Vaishnava-Schulen (Sampradayas)
Traditionelle Schulen
Der Vishnuismus, d.h. Bhakti, liebende Verehrung zu den Formen
Vishnus, wird nach dem Selbstverständnis einiger Vertreter des Vishnuismus durch vier verschiedene Guru-Sampradayas
[Walther Eidlitz: guru = Lehrer, sam = unverfälscht und treu, pra = weiter, daya = geben] und ihre zahlreichen Zweige, die oft als eigenständige Sampradayas wahrgenommen werden, überliefert:
- Shri-Sampradaya: Der bekannteste Vertreter dieser nach der Göttin Shri Lakshmi benannten Schule ist 1) Ramanuja (1017-1137). Er lehrte vishishta-advaita (Nicht-Dualismus mit unterscheidbaren, bestimmbaren Charakteristiken), wonach ... der all-eine Gott (Narayana) nicht ein all-umfassendes, von sich aus aller Unterschiede bares Sein ist, sondern von Natur aus schon die Einzelseelen und das Unbelebte als Qualitäten besitzt. Ramanuja vertritt das Konzept eines persönlichen höchsten Wesens, welches als Shri Narayana, die Zufluchtsstätte aller Seelen, bekannt sei. Der verbindende Faktor zwischen dem höchsten Wesen und den individuellen Seelen sei göttliche Liebe. In seiner Nachfolgelinie sei es daher das Ziel des menschlichen Lebens, diese göttliche Liebe im Herzen zu erwecken. Die Shri-Ramanuja-Sampradaya bezeichnet sich daher noch heute als eine "monotheistische religiöse Tradition Indiens".
[Selbstdarstellung einer Ramanuja-Guru-Linie] Ein heute eigenständig auftretender Zweig heißt Ramanandi-Sampradaya. Diese Schule geht auf 2) Ramananda (13. Jh.) zurück, der ein Schüler in der Linie Ramanujas war, aber später eigenständig wurde. Er stellte Rama und Sita ins Zentrum der religiösen Verehrung. Der größte Teil der Vaishnava Sadhus sind heute Ramanandis.[ siehe * und Rajesh Bedi, Sadhus, the holy men of India] Das Ramanandi Sampradaya selbst hat zahlreiche Unterzweige.
- Brahma-Sampradaya: Bekannte Vertreter der nach dem Gott Brahma benannten Schule sind: 1) Madhva (1238 –1317), auch Anandatirtha genannt, der den Dualismus (Dvaita) betont. Er unterscheidet streng zwischen Gott, der Welt (Prakriti) und den Seelen. Er schrieb einen Kommentar zu den Vedanta-Sutras namens Purnaprajna-Bhashya. 2) Chaitanya (1486–1533), der sowohl die Dualität betont, aber auch die gleichzeitige Einheit von Gott, den Seelen und der Prakriti. Seine Philosophie wird als Acintya-Bheda-Abheda-Tattva bezeichnet, die höchste Wahrheit (Gott) sei auf unvorstellbare Weise gleichzeitig eins und doch verschieden von allem. Die vielen Äste und Zweige, die von Chaitanyas Linie ausgehen, sind heutzutage kaum überschaubar. Herausragend ist Bhaktisisiddhanta Saraswati Thakuras Gaudiya-Math, aus der die im Westen bekannte Hare Krishna Bewegung als ein Zweig hervorging. Nebst Bhaktisiddhanta sind vor allem die Babajis von Vrindavan und dem Radha-Kunda bekannt.
[Beispiele sind Krishna Das Babaji oder Ananda Das Babaji.] Ihre gemeinsamen Nachfolger allein sind heute in Hunderten von eigenständigen Schulen zu finden, die sich aber alle der Brahma-Sampradaya verbunden fühlen. Über 30 dieser Schulen haben sich in den letzten Jahren (seit 1994) im gemeinsamen Dachverband World Vaishnava Association WVA verbunden. Ein Grossteil der Radha und Krishna verehrenden Sadhus stammt von der Gaudiya-Sampradaya Chaitanyas ab.
- Rudra-Sampradaya: Bekannte Vertreter der nach dem Gott Shiva benannten Schule sind 1) Vishnu Swami (13. Jh.), der in seinem Kommentar Sarvajna-Bhashya Shuddha-Advaita, reine Nichtdualität, etabliert, und 2) Sridhara Swami (1300-1350), der für seinen Kommentar zum Bhagavatapurana von allen Sampradayas geehrt wird, und 3) Vallabhacharya (1479 – 1531), ein persönlicher Freund Chaitanyas.
- Kumara-Sampradaya: Bekanntester Vertreter der nach den Kumaras
[Die vier Kumaras sind Sanaka, Sananda, Sanatana und Sanatkumara. Es sind Söhne von Brahma, die zu Beginn der Schöpfung aus seinem Geist geboren wurden. Nicht zu verwechseln mit den Ashvini-Kumaras, zwei Devas, die unter den Halbgöttern für ihre heilerischen Fähigkeiten berühmt sind.] benannten Schule ist Nimbarka (ca. 12. Jh.). Er etabliert die Philosophie der Dvaita-Advaita, gleichzeitige Einheit und Unterschiedlichkeit. Sein Kommentar zu den Vedanta-Sutras heisst Parijata-Saurabha-Bhashya. Er war bekannt als Verehrer des göttlichen Paares Radha-Krishna. [Nimbarka]
In allen vier Schulen ist die liebende Hingabe (Bhakti) zu den Avataras Krishna, Rama oder Vishnu-Narayana der zentrale Punkt ihrer Verehrung und Lehre.
Die meisten der heutigen vishnuitischen Lehren leiten sich von einem dieser Philosophen ab.
Reformierte Gruppen
Es gibt ca. 12 reformierte Gruppen
- Sakhi Sampradaya
- Mahanubhoa Pantha
- Harshachandi Pantha
- Kabira Pantha, geht auf Kabir zurück, einem der bekanntesten Schüler Ramanandas
- Swaminarayan, gegründet im 18. Jhd. vor allem in Gujarat verbreitet, unterhalten weltweit Tempel und Zentren, so etwa den größten hinduistische Tempel in Europa in London
[ Webseite des Londoner BAPS Tempels *].
Weitere Details werden in Vaishnava Orden beschrieben.
Die Avataras Vishnus
Nach Vorstellung der Vishnuiten gibt es zehn Hauptavataras, die
Dashavataras, nämlich
Matsya,
Kurma,
Varaha,
Narasimha,
Vamana,
Parashurama,
Rama,
Krishna,
Buddha oder Balarama und
Kalki. Daneben gibt es unzählige weitere Avataras, die aus ganz unterschiedlichen Gründen, z.B. für die Wiederherstellung von Recht und Ordnung (
Dharma) erscheinen. Sie werden in folgende Kategorien unterteilt:
- Lila-Avataras. Es gibt 24 Lila-Avataras. Sie heissen so, weil sie zum Spiel (Lila) gemeinsam mit ihren ewigen Begleitern herabkommen. Sie werden auch Kalpa-Avataras genannt, weil sie mit wenigen Ausnahmen nur einmal an einem Tag Brahmas (Kalpa) erscheinen. Zu ihnen werden auch die 10 Hauptinkarnationen Vishnus (von Matsya bis Kalki) gezählt.
- Manvantara-Avataras und Yuga-Avataras. An einem Tag Brahmas, der 4.32 Milliarden Jahre dauern soll, gibt es hintereinander 14 Manvantara-Avataras: Yajna, Vibhu, Satyasena, Hari, Vaikuntha, Ajita, Vamana-Upendra, Sarvabhauma, Rishabha, Vishvakshena, Dharmasetu, Sudhama, Yogeshvara und Brihadbhanu. Sie halten sich in Svarga, der vergänglichen Himmelswelt auf und werden dort von Indra und den anderen Devas verehrt. Sie werden in jedem Yuga auf der Erde Avatara, zumeist in der Gestalt eines Weisen (Rishi), und verkünden die Hauptform der Religion (Yuga-Dharma), welche sich für das jeweilige Yuga am besten eignen.
- Purusha-Avataras. Die Purusha-Avataras gehören zum äußeren Spiel Gottes, das heißt, sie haben ausschließlich mit der materiellen Schöpfung Gottes (Prakriti) zu tun. Sie sind bekannt als: 1) Maha-Vishnu, der große Vishnu. Der Veda sagt, während er ausatmet, strömen aus seinen Poren unzählige Universen. Ein einziges Ausatmen dauert die Lebensspanne eines Brahma. 2) Garbhodakashayi-Vishnu, der in jedem einzelnen Universum auf dem Garbha-Ozean liegt. Der Mythologie zufolge sprießt aus seinem Nabel eine mystische Lotosblume, auf der das erste Wesen, Brahma, der Schöpfergott, erscheint. 3) Kshirodakashayi-Vishnu (der auf dem Milchozean weilt). Wenn die Devas für das Erscheinen Vishnus beten, begeben sie sich nach Svetadvipa, wo dieser Vishnu auf Ananta-Shesha, einer mythischen Schlange im Milchozean ruhen soll.
- Guna-Avataras. Die Guna-Avataras gehören ebenfalls zum äußeren Spiel Gottes. Sie sind bekannt als Brahma, Schöpfer des Universums und Verwalter des Guna Rajas, Vishnu, Erhalter des Universums und Verwalter des Guna Sattva und Shiva, Zerstörer des Universums und Verwalter des Guna Tamas. Der Guna-Avatara Vishnu ist identisch mit dem Purusha-Avatara Kshirodakashayi-Vishnu.
- Avesha-Avataras. Diese Sondergruppe besteht aus besonders ermächtigten Seelen (Atmans), die zur Ausführung einer bestimmten Aufgabe mit einem Teil der Kraft (Shakti) Gottes erfüllt sind. Sie werden daher auch Shakti-Avesha-Avataras genannt.
[Avataras in Walther Eidlitz': Krsna-Caitanya - Sein Leben und Seine Lehre, Verlag Almqvist & Wiksell, Stockholm 1968; Seite 71-72/527-530]
- Bhagavata-Avesha-Avataras. Grosse Bhaktas, in die Vishnu persönlich eingeht und sich mit ihnen identifiziert, um bestimmte Missionen zu erfüllen.
[Beispiel ist Rishabha oder der Lila-Avatara Kapila, der Sohn Devahutis (siehe Bhagavatapurana, drittes Buch). Es gab nach dem Lila-Avatara noch einen anderen Philosophen namens Kapila, der eine atheistische Lehre predigte.]
Bei aller Abstufung und Vielfalt in der Manifestation der Avataras, sehen die Vishnuiten diese immer als eine Vielheit in der Einheit des einen Gottes. Der Vishnu-Bhakta versteht sich daher immer als Monotheist.
Die Wurzeln des Vishnuismus reichen sehr weit zurück, obwohl erst seit dem 5.Jh.n.Chr. die verschiedenen Zweige des Krishna/ Vasudeva/ Narayana/ Vishnu-Kultes gemeinsam als Vishnuiten oder Vaishnavas bezeichnet werden. Im Veda selbst werden sie allgemein Bhaktas genannt, jene, die einer Gestalt Vishnus liebende Verehrung, Bhakti darbringen. Z.B. spricht Krishna in der Bhagavad Gita öfters von seinen Bhaktas, die ihn liebend verehren und Krishna bezeichnet jenen, der immer an ihn denkt und ihn liebend verehrt, gar als den höchsten aller Yogis (6.47).
Bhakti Yoga gilt als zentrale Tätigkeit der Vishnuiten und ist das verbindende Element aller vier Schulen. Ihre Lehre besagt, Bhakti-Yoga, die Rückbindung an das Absolute durch liebende Verehrung, erfordere zwingend ein dualistisches Gottesverständnis. Es benötige den Liebenden, den Verehrenden und den Geliebten, den Verehrten, die immer zwei sind und nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt zu eins werden. Sie akzeptieren jedoch eine qualitative Einheit (Gott und seine Energien sind eins, Brahman) lehnen aber die Vorstellung einer Einheit, im Sinne einer Verschmelzung ab, da diese Vorstellung das Objekt ihrer Liebe und Verehrung vernichte. Die Nachfolger dieser vier Sampradayas lehren auch heute ein philosophisches Konzept der qualitativen Einheit - alles ist Brahman, spirituelle Energie - und der individuellen Verschiedenheit - Vishnu ist der einzige höchste Herr, die Seelen, Tatastha- oder Jiva-Shakti, sind individuell und der Materie, Prakriti oder Maya-Shakti, übergeordnet, und gleichzeitig sind alle Seelen und die Materie Vishnus untergeordnete Energien.
Die wichtigsten Texte des Vishnuismus:
Der Vishnuismus ist heute vielleicht die nach der Zahl der Gläubigen größte unter den indischen Religionen, dicht gefolgt vom Shivaismus. Er beherrscht heute den indischen Mittelstand und ist in Nordindien vor allem durch die Brahma-Sampradaya und in Südindien hauptsächlich durch die Shri-Sampradaya vertreten. Viele berühmte Menschen waren Anhänger Vishnus, so der Dichter Kabir, der Dichter Tulsidas oder Mahatma Gandhi, der Zeit seines Lebens ein Rama-Mantra benutzte.
Der erste bekannte westliche Vishnu-Geweihte war Heliodorus (2. Jh. v.Chr.), ein griechischer Botschafter am Hof von König Kasiputra Bhagabhadra.[Die Garuda-Säule von Heliodurus.]
Quellen
Siehe auch
Weblinks
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