Vipassanā oder auch "Einsichts-Meditation" bezeichnet eine Meditationstechnik, die einen Geisteszustand kultiviert, der eine besondere Einsicht in innere mentale Phänomene (Pali: dhammas) erlaubt. Es handelt sich um eine der ältesten Meditationstechniken Indiens. Das Wort bedeutet soviel wie "die Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind". Der Begriff Vipassanā wird auch für eine religiöse Bewegung verwendet, die sich am Theravada Buddhismus orientiert und die Meditationstechniken Vipassanā und Ānāpāna als Haupttechniken lehrt. Als zentraler buddhistischer Text muss in diesem Zusammenhang die Satipatthana Sutta genannt werden.
Synonym für "Vipassanā" wird in Pali das Wort Paccakkha verwendet; was mit "vor den Augen" übersetzt wird. Zu verstehen als "vor der Sehwahrnehmung"; also hindeutet auf das unmittelbare erfahrungsmäßige Schauen (Erkennen). Gegensätzlich hierzu wird das analytische, argumentative, differenzierende Erkennen verstanden.
Nach der buddhistischen Lehre entstehen aus dem Achtfachen Pfad drei Tugenden:
Alle zusammen sind die Voraussetzung für einen erfolgreichen Fortschritt in der Vipassana-Meditation, aber werden auch gestärkt als Ergebnis erfolgreicher Meditation. Sila definiert sich aus 5 Verhaltensrichtlinien:
Erklärt werden diese Regeln damit, dass es durch das Einhalten dieser Regeln zum einen vermieden wird, dass anderen Schaden zugefügt wird. Zum anderen ist es ein Selbstschutz, um den spirituellen Fortschritt nicht zu gefährden. Eine geistige Läuterung ist nur möglich, wenn auf der Ebene der Handlungen ethisches Verhalten praktiziert und damit ein anhaltender Zustand der Reuelosigkeit erreicht wird. Ansonsten ist der Geist zu erregt, zu unruhig und grob, um für die tiefgreifende Arbeit Fortschritte zu machen.
Ab Ende des 19. Jahrhunderts ist das Vipassanâ (als die Praxistradition einer methodisch entwickelten sehenden Achtsamkeit) im Zuge einer großen Reformbewegung, die vor allem von Ledi Sayadaw in Burma in Gang gesetzt worden ist, wieder breiter vermittelt worden. Diese Reform knüpfte an den von Ordinierten wie Laien laut den Reden des Buddha im Pali-Kanon breit verwirklichten Befreiungsweg der Urgemeinde an. Die Reform wandte sich gegen 1) die kulturellen und scholastischen Überformungen der Muttertradition Theravâda, 2) den Monopolanspruch der Klöster auf den höchsten Befreiungsweg und 3) die christliche Missionierung im Rahmen der britischen Kolonialherrschaft in Burma. Die befreiungspragmatische, eine Befreiung im Leben bezweckende Praxislehre des Vipassanâ war die buddhistische Antwort auf die Glaubensreligion der Kolonialmacht und das Mittel, die burmesische Bevölkerung gegen die christlichen Missionierungsversuche unempfänglich zu machen.
Infolge dieser Ausrichtung des Vipassanâ sind in ihm ebenfalls die Glaubenselemente der Theravâda stark in den Hintergrund getreten (etwa die Wiedergeburtslehre in einem wörtlichen Sinne). Diese Skepsis gegenüber Glaubensreligion bedeutet eine weitere Anknüpfung an die Lehre des historischen Buddha, die sich gegen die spekulative Religion der Brahmanen und die Theorien der Waldeinsiedler richtete. Aufgrund dieser Struktur der Praxislehre des Erwachten – keine Glaubensreligion, Spekulation, Metaphysik oder Philosophie und auch keine (als ein Extrem empfundene) Selbstkasteiung oder Askese – gilt sie in der Buddhismuskunde als „Erlösungspragmatismus“ (laut dem Indologie-Pionier Erich Frauwallner). Der Buddha hat gelehrt: „Nur eines lehre ich, jetzt wie früher: Das Leiden und das Ende des Leidens.“ Dieser Erlösungspragmatismus bedeutet auch der Dharma (wörtlich „das, was trägt“), wie der Erwachte den kulturübergreifenden, zeitlosen Befreiungsweg genannt hat.
Es gibt heute vier Hauptansätze der Achtsamkeits- oder Einsichtspraxis Vipassanâ, die in weltweiter Hinsicht den größten Einfluss haben. Es handelt sich um zwei „technische“ Methoden aus Burma und zwei „natürliche“ Ansätze aus Thailand.
Die beiden Technikmethoden sind:
1) Das Körperhineinkommen „Body Sweeping“ (in der Tradition ihres Hauptvertreters U Ba Khin mit dessen prägendsten Schülern Sacya Narayan Goenka und Mother Sayama). Laut der internen Statistik der von S. N. Goenka geführten, sehr erfolgreichen Organisation (in ihr wird Body Sweeping etwa mit "systematische Empfindungsbeobachtung" wiedergegeben, nicht mit der eigenen Übersetzung "Körperhineinkommen") fanden weltweit 2003 über 1400 ihrer längeren Kurse statt (primär handelt es sich um die einführenden Zehntageskurse). Daran haben rund 82000 Menschen teilgenommen (11 % mehr als 2001). Dieser Ansatz wird in rund 80 Löndern gelehrt, im deutschsprachigen Raum an drei Zentren mit fast durchgehenden Zehntageskursen. Die Verbreitungszahlen für 2004 liegen mir noch nicht vor (Hans Gruber, bisher sind "Tradition" und "Zusammenfassung" aus eigener Feder; die Empfehlung meines Buches unten an erster Stelle ist älter bzw. stammt nicht von mir).
2) Das Benennen oder Etikettieren „Labelling“ (in der Tradition ihres Hauptvertreters Mahasi Sayadaw mit dessen Schülern). Für die Technikmethoden spielt der dritte Korb des Pali-Kanons die Hauptrolle – die Psychologie und Erkenntnistheorie, "Abhidhamma".
Die beiden Naturansätze sind:
3) „Der Weg der Ordensgemeinschaft“ (in der Tradition ihres Hauptvertreters Ajahn Chah), mit rund 500 Klöstern in Thailand sowie einem größeren Zweig im Westen, in dem alleine abendländische Männer und Frauen ordiniert sind. Hier spielt der erste Korb des Pali-Kanons die Hauptrolle – die Ordensdisziplin, "Vinaya".
4) „Die Natur-Methode oder die Leerheit aller Dinge“ (in der Tradition ihres Hauptvertreters Ajahn Buddhadâsa mit dessen Schülern, etwa Christopher Titmuss). Hier spielt der zweite Korb des Pali-Kanons die Hauptrolle – die Reden des Buddha, "Suttas".
Alle früheren und jetzigen Vipassanâ-Meister, ob Ordinierte oder Laien, sind in den buddhistischen Völkern Asiens besonders populär. Ihre unterschiedlichen Praxisansätze werden der Realität der unterschiedlichen Persönlichkeitstypen gerecht. So richtet sich zum Beispiel 1) der Ansatz des Körperhineinkommens des höchst pragmatischen U Ba Khin, welcher der Leiter der Verwaltung Burmas nach der Kolonialzeit war, oder heute von S. N. Goenka und Mother Sayama mit ihren zahlreichen Zentren an Menschen mit einer starken Körper- bzw. Empfindungs-Anlage; 2) das „Benennen“ des überaus gelehrten Mahasi Sayadaw an Persönlichkeiten mit einer starken Anlage zum Denken; 3) der „Weg der Klostergemeinschaft“ Ajahn Chahs an gemeinschaftsorientierte Menschen mit einer ausgeprägten Gefühls- oder Herz-Anlage und 4) die „Natur-Methode oder Leerheit aller Dinge“ Ajahn Buddhadâsas an Persönlichkeiten mit einer starken Anlage zur Intuition oder Inspiration.
Neben diesen vier besonders prägenden Vipassanâ-Ansätzen gibt es eine Reihe von weiteren Methoden, die zwar in weltweiter Hinsicht nicht ähnlich einflussreich wie die vorgenannten vier sind, aber die in ihren Entstehungsländern trotzdem zum Teil sogar noch größere Bedeutung haben. (Laut der Dissertation von G. Houtman – "The Tradition of Practice among Burmese Buddhists", University of London, 1990 – gibt es alleine in Burma mindestens 24 Vipassana-Ansätze.)
Weitere wichtige Naturansätze des Vipassana sind zum Beispiel:
1) „Berührung und Bewusstheit“ des burmesischen Meisters Sunlun Sayadaw (ursprünglich ein einfacher Bauer, der durch seine Einsicht berühmt geworden ist). Er nennt als Schlüsselwort einer befreienden Praxis: „Mache Dir jede Körperempfindung so bewusst, wie sie ist, ohne Namen; bis bloß noch das reine Wissen im Empfinden selber zurückbleibt“, dies heißt ohne Konzepte von sich und anderen, wie „mein“ oder „Dein Körper“, „Ich“ oder „ein Selbst“.
2) „Der Weg der Atemempfindungen im ganzen Körper“ des thailändischen Waldmeisters Ajahn Lee. Er sieht als das Geheimnis der Befreiung: „Das Atmen im Gespür halten“.
3) „Empfindungen an der Herz-Basis“ von Ajahn Dhammadaro aus Thailand. Er lehrt als den Praxisweg zur inneren Befreiung, alle Sinneserfahrungen allmählich als „Klare Empfindungen“ zu durchschauen, die „an der Herzbasis entstehen und vergehen“.
Eine weitere wichtige, primär am Abhidhamma orientierte Technikmethode stammt von Pa Auk Sayadaw aus Burma. Er lehrt die klassischen Konzentrationsmethoden, um über diesen ebenfalls möglichen Weg die befreienden Einsichten hervortreten zu lassen.
Im Westen gibt es seit den Sechzigern eine wachsende Zahl von männlichen wie weiblichen Vipassanâ-Lehrenden (in ungefähr gleichgewichtiger Aufteilung), die entweder die traditionellen Methoden fortführen oder unterschiedliche Vipassanâ-Ansätze verknüpfen (zum geringen Teil auch mit anderen verwandten buddhistischen Praxismethoden, wie Joseph Goldstein mit dem Dzogchen des tibetischen Buddhismus). Es gibt auch viele Verbindungen des Vipassanâ mit der Psychologie und verschiedenen Gebieten helfenden Engagements, zum Beispiel dem Einsatz in Gefängnissen, der Drogenrehabilitation oder in der Komplementärmedizin (vgl. dazu auch den nächsten Absatz).
Eine Übersicht über Links und nützliche Literatur in Bezug auf die unterschiedlichen Ansätze des Vipassanâ steht hier: http://www.buddha-heute.de/andere-texte.htm. (Bei Darstellungsproblemen, die manchmal vorkommen, lesen Sie bitte die "technischen Anmerkungen" auf der Eröffnungssseite der Website http://www.buddha-heute.de unten.)
Was alle Ansätze gemeinsam haben, ist jedenfalls die methodische Entwicklung einer schlichten Achtsamkeit für die vergänglichen Prozesse von Körper und Geist, um aufzuhören, die Dinge unbewusst zu "ergreifen" (bzw. sich mit ihnen in dem Glauben zu identifizieren, dass sie wahrhaft "Ich", "mein" oder "mein Selbst" seien).
Obwohl sich Anhänger in Technik und Wirkung auf buddistische Schriften berufen, wird in der Vipassana Tradition Wert darauf gelegt, dass sich das Vipassana von einer Glaubensreligion unterscheidet, da das Vipassanâ eine besonders ausgeprägte Praxistradition ist, die von kulturbedingten Formen weitgehend frei ist. Diese Einstellung dient auch der Abgrenzung gegenüber anderen Meditations- und Glaubenssystem, die in den Ursprungsländern mannigfach vorhanden sind. Die grundsätzliche Vipassanâ-Methodik der systematischen Bewusstwerdung der natürlichen Gegebenheiten bzw. fortwährend entstehenden und vergehenden Phänomene (im Unterschied zu den vom Geiste gemachten, konzeptuellen, lediglich vor-gestellten und folglich relativ "statischen" Gegebenheiten) findet in unterschiedliche moderne Kontexte Eingang, zum Beispiel in moderne Achtsamkeitstherapien, neue psychologische Theorien, vielfältige esoterische Strömungen oder ein reformiertes Christentum. Anhänger sehen das als Beweis ihrer Nützlichkeit und Wirksamkeit.
Die behaupteten Wirkungen von Vipassana sind noch nicht in standardisierten Untersuchungen bewiesen worden. Anhänger verweisen auf die hohe Zahl an Kursteilnehmern und renommierte Mediziner, die die Wissenschaftlichkeit der Methode beweisen sollen. Der amerikanische Medizinprofessor John Kabat-Zinn etwa hat die größten Vipassanâ-Ansätze in Form seines angeblich sehr erfolgreichen komplementärmedizinischen Anti-Stressprogramms (MBSR) umgesetzt, das in den USA an Hunderten von Klinken und Gesundheitszentren und auch zunehmend in Deutschland eingesetzt wird.
Für die Vipassanâ-Retreats gelten im Allgemeinen strenge Verhaltensregeln, die optimale Bedingungen für eine konzentrierte Meditationspraxis schaffen sollen. Je nach Gruppierung fallen die Regeln unterschiedlich streng aus, bis hin zum totalen Kommunikationsverbot und absoluter Gehorsamkeit gegenüber dem Lehrer oder Meister. Diese Regeln orientieren sich an den Verhältnissen in den buddhistischen Klöstern und haben zum Zweck, deren günstige Praxisbedingungen auf die zeitlich begrenzten Retreats für Laien zu übertragen. Auf diese Weise sollen auch den Laienpraktizierenden möglichst weitgehende Resultate ermöglicht werden. Für Anhänger des Vipassana ergeben die strengen Regeln von diesem Standpunkt aus betrachtet plötzlich einen großen Sinn, auch wenn sie von Anderen leicht missverstanden werden können (indem sie etwa mit sektenähnlichen Strukturen verglichen werden). Der Übergang zur Sekte ist bei manchen Gruppierungen von außen nicht leicht zu beurteilen. Interessenten sollten eine Mitgliedschaft der von ihnen favorisierten Gruppe in der Deutschen Buddhistischen Union (DBU) überprüfen.
Die buddhistische Tradition der Achtsamkeits- oder Einsichtspraxis Vipassanâ ist entsprechend dem frühbuddhistischen Selbstverständnis bzw. der Lehre des Erwachten zurückhaltend. Sie tritt zum Beispiel kaum aktiv werbend in die Öffentlichkeit. Trotzdem wächst sie stark, weil sich ihre Wirkungen herumsprechen. Sie ist heute neben dem Zen und dem tibetischen Buddhismus die dritte Haupttradition des Buddhismus im Westen. "Komm und sieh für Dich selbst", hat der Buddha laut den ältesten Quellen betont.
In der Vipassanâ-Tradition wird das traditionelle Spendenprinzip "Dâna" auch wieder abhängig von der Gruppierung mehr oder weniger streng beachtet. Westlich orientierte Kurse verlangen Kursgebühren, in stark traditionellen Richtungen wird ausschließlich "Dâna" gezahlt - man gibt, was man kann oder will. Diese Entlohnung in Form einer freiwilligen Spende macht es nach dem deutschen Rechtssystem fast unmöglich, sein Geld zurückzuverlangen, falls die Spende übereilt gegeben wurde, falls z.B. Gruppenzwang oder Euphorie einen Teilnehmer zu einer Spende veranlassen, die über seinen finanziellen Möglichkeiten liegt. Begründet wird dieses Prinzips damit, möglichst vielen, also unabhängig von deren finanzieller Lage, Zugang zu einer befreienden Praxis zu eröffnen. Dies sei auch im Sinne der Vorgaben des historischen Buddha und wende sich auch gegen moderne Marktprinzipien oder Gewinninteressen, die angesichts der "preislosen", selbstlosen Lehren des voll erwachten Weltlehrers nicht am Platze seien.
Einige Vipassana Organisationen sind finanziell äußerst erfolgreich. Die gemeinnützige deutsche Vipassana Vereinigung e.V. betreibt in Deutschland ein Meditationszentrum, und nach eigenen Angaben sind über 120 finanziell unabhängige Zentren in aller Welt verteilt. Die Finanzierung basiert ausschließlich auf Spenden ehemaliger Kursteilnehmer. Von anderen Personen, auch von Kursabrechern, werden Spenden zurückgewiesen. Nach dem deutschen Vereinsrecht werden die Finanzen jährlich vom Finanzamt nach den Kriterien der Gemeinnützigkeit überprüft und sind auf Verlangen öffentlich einsehbar.
Kurszentren in Deutschland:
Kurszentren Weltweit:
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