Als Viktorianisches Zeitalter (auch Viktorianische Epoche, Viktorianische Ära) wird in der britischen Geschichte der lange Zeitabschnitt der Regentschaft Königin Viktorias von 1837 bis 1901 bezeichnet.
Im Viktorianischen Zeitalter befand sich Großbritannien, sowohl wirtschaftlich als auch politisch, auf dem Höhepunkt seiner internationalen Bedeutung. Innenpolitische Reformen gingen mit einer schrittweisen Demokratisierung einher; Parteien, Verwaltungen und Interessenverbände nahmen heutige Strukturen an.
Die Krone behielt noch lange Zeit Einfluss auf die Regierung, war aber nur bei uneindeutigem Wahlausgang in der Lage, ein Ministerium gegen die Mehrheit des Unterhauses im Amt zu halten. Zum letzten Mal geschah dies 1839, als der mit der Regierungsbildung beauftragte Robert Peel bei der Königin in Ungnade fiel und ihr Mentor, Viscount Melbourne, für kurze Zeit das Amt weiterführte. Auch die Außenminister der ersten Jahrhunderthälfte agierten eigenmächtiger als zuvor, oftmals gegen die Interessen der Krone, die gegen die parlamentarische Unterstützung des Ministers machtlos war.
Die Zeit von 1846–67 war von politischer Instabilität mit Minderheitsregierungen und unvorhersehbaren Abstimmungen geprägt, da die Abgeordneten noch vom Willen der Parteiführung unabhängig waren. Zu dieser Zeit formierte sich mit den Peeliten auch eine Splitterpartei der Konservativen. Später sorgten die Whips der Parteien dafür, dass Abgeordnete sich nach der Parteispitze richteten. Eine Neufassung der parlamentarischen Geschäftsordnung 1882 schränkte die Entscheidungsfreiheit der Abgeordneten weiter ein.
Aufgrund der Wahlrechtsreformen modernisierten sich die Parteien und warben in der breiten Öffentlichkeit um Unterstützung. Seit Ende der 1860er Jahre richteten sie ein organisiertes Netz regionaler Parteibüros ein; charismatische Parteiführer zogen die Aufmerksamkeit auf sich. Als Gladstone 1861 die Stempelsteuer abschaffte und Zeitungen für jedermann bezahlbar wurden, beeinflussten auch diese stark die öffentliche Meinung.
Die Wahlrechtsreform von 1832 hatte bereits einem Großteil der Mittelschicht, nicht aber den Arbeitern, das Wahlrecht zugesprochen – insgesamt nur einem Dreißigstel der Bevölkerung. Im Gegensatz zu späteren Reformen war sie von hohem öffentlichem Druck begleitet und wurde wohl auch aus Angst vor einem Umsturz verabschiedet. Bestechungen und Gewalt waren weiterhin verbreitete Praktiken bei Wahlen, aber der Einfluss der Krone und des Oberhauses auf die Zusammensetzung des Unterhauses war beschnitten.
Die Mehrheit der Liberalen befürwortete eine Ausweitung des Wahlrechts und schlug 1866 unter Premierminister Russell ein Gesetz vor, das aber im Unterhaus an den Torys und dem konservativen Flügel der Liberalen scheiterte. Auf Verlangen Disraelis brachten die nun gewählten Konservativen unter dem Earl of Derby einen erheblich weitreichenderen Gesetzentwurf als denjenigen der Liberalen ein. Dieses Gesetz von 1867 verdoppelte die Zahl der Wahlberechtigten nahezu, behielt jedoch die Trennung zwischen den zwei Arten von Verwaltungseinheiten, den Countys und Boroughs, bei. Während in den Countys der Besitz oder die Pachtung von Land mit einem Mindestertrag zur Wahl berechtigte, durften in den Boroughs Haushaltsvorstände mit eigenem Haus sowie bestimmte Mieter wählen. Dies schloss Arbeiter aus, die häufig ihre Bleibe wechseln mussten. Die Wahlkreise wurden ebenfalls neu eingeteilt, wobei die Wichtung sich an den jeweiligen Bevölkerungszahlen orientierte. Tatsächlich vergrößerte man allerdings durch die Aufwertung ländlicher Kreise die Unausgewogenheit zwischen Countys und Boroughs.
Mit der Reform von 1867 nahm die Macht der jeweiligen Regierung zu. Nicht nur Radikale, sondern auch Konservative befürworteten nun eine stärkere politische Beteiligung der Arbeiter. 1872 wurden geheime Wahlen eingeführt, womit Wähler vom Druck ihrer Grundherren oder Arbeitgeber unabhängig wurden. Die Wahlrechtsreform von 1884 berechtigte die meisten Haushaltsvorstände mit ständigem Wohnsitz zur Wahl. Wiederum änderte man die Wahlkreise; diesmal fielen die Unterschiede zwischen Countys und Boroughs weg. Abgeordnete mit landwirtschaftlichen Anliegen gerieten zugunsten der nunmehr wesentlich einflussreicheren Industriegebiete in die Minderheit. Die Reform zog weitere Gesetze nach sich, die den Einfluss des Adels in den Kommunalstrukturen schwächten.
Ein erster Schritt zur Einführung eines Berufsbeamtentums war die Wiedereinführung der Einkommensteuer 1842, die das Inspektorenwesen, das Geschäftseinkünfte und Arbeitsverhältnisse kontrollierte, auf die Steuererhebung ausweitete. Die Durchsetzung dieser und anderer Regelungen auf Kommunalebene erforderte fachlich ausgebildete Sonderbeauftragte, die ab 1855 von einer Kommission bestimmt wurden. Ab 1870 rekrutierten sich die Kandidaten durch freien Wettbewerb und Prüfungen, wodurch die Bürokratie endgültig Unabhängigkeit erlangte.
Edwin Chadwick hatte sich bereits seit 1820 für ein zentrales Gesundheitsministerium eingesetzt, doch Behörden, Grundstücksbesitzer und Wasserversorgungsunternehmen wehrten sich gegen Maßnahmen, da sie einen Eingriff in Privateigentum und damit einen Angriff auf die traditionelle englische Freiheitsliebe bedeutet hätten. Außerdem würde damit den Arbeitern die Möglichkeit genommen, sich selbst aus ihrer Situation zu befreien. Unter Chadwicks Einsatz und angesichts einer Choleraepidemie, die in England und Wales über 72.000 Tote forderte , wurde 1848 ein Gremium eingerichtet, das alle städtischen Behörden außer in London ab einer bestimmten Mortalität zum Eingreifen zwingen sollte. Wasserwerke erschlossen frischere Wasserquellen; man richtete Wasserspülungen und Kanalisationen ein.
Trotz weiteren Widerstands schritt die Gesundheitspflege in den Städten voran, was sich in einer stark sinkenden Mortalität niederschlug. Dennoch blieben die medizinischen Kenntnisse recht eingeschränkt. Die Keimtheorie setzte sich nur langsam durch, und Impfungen blieben, wenn sie denn sachgemäß durchgeführt wurden, lange auf Pocken beschränkt. Wichtige Entwicklungen waren die Verbreitung der Anästhesie bei Operationen seit den 1840er und die erste Anwendung der Desinfektion durch Joseph Lister in den 1860er Jahren.
Die Public Schools (höhere Privatschulen) nahmen nach und nach ihre heute typische Form an. Während sie sich vorher auf Latein- und Griechischunterricht beschränkt, großzügige Prügelstrafen angewandt und Schüler kaum betreut hatten, förderten sie seit etwa 1860–80 den Sportunterricht und das Ideal der “Stiff upper lip”. Auch Grammar Schools bekamen größeren Zulauf.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts baute man auch das Hochschulsystem stark aus, wovon vor allem Industrieregionen profitierten. Die Universitätslaufbahn wurde 1871 allen qualifizierten Bürgern, unabhängig von sozialem Stand und Religion, geöffnet. Insbesondere in London nahm auch das Angebot an Erwachsenenbildung zu. In South Kensington wurden eine Reihe von Bildungseinrichtungen und Museen gegründet, darunter das Imperial College, die Royal Colleges of Art und Music, die Physical Society, die Royal Geographical Society und das Victoria and Albert Museum.
Die Deportation von Strafgefangenen nach Australien wurde 1867 vollständig abgeschafft, hatte aber schon vorher abgenommen. In der Folge übernahm der Staat die Verwaltung von fünf Gefängnissen. Die Strafmaße blieben lange Zeit hart; die Freiheitsstrafe für unbeglichene Geldschuld etwa wurde erst 1869 aufgehoben. Dennoch reformierte sich das Strafrecht fortlaufend. Nach 1838 wurde nur noch für Mord und Mordversuch gehängt, wenngleich öffentliche Hinrichtungen noch bis 1868 verbreitet waren.
Die von einer eingeschleppten Kartoffelfäule verursachte Hungersnot nahm mangels Industrialisierung, Transportwegen und alternativer Nahrungsquellen katastrophale Ausmaße an. Etwa eine halbe bis eine Million Menschen verhungerten. Innerhalb eines Jahrzehnts wanderten 2,1 Millionen Iren aus, davon etwa drei Viertel in die Vereinigten Staaten, die meisten anderen nach Kanada und Großbritannien . Die Iren machten das Parlament für ihr Unglück verantwortlich; eine Revolte wurde 1848 blutig niedergeschlagen.
Vereinzelte gewalttätige Aufstände machten Großbritannien immer wieder auf die irische Frage aufmerksam. Irland drängte nun auf Home Rule (Selbstverwaltung). 1869 schaffte Gladstone den Status der Staatskirche als Amtskirche in Irland ab. Ein 1870 folgendes Gesetz, das die Rechte der von den englischen Grundherren ausgebeuteten irischen Pächter stärken sollte, hatte nur wenig praktische Auswirkungen. Der irische Wortführer Charles Stewart Parnell erhöhte den Druck auf die Regierung, indem er zu Boykott aufrief und durch Dauerreden den normalen Ablauf des Parlaments lahmlegte. Gladstone gewährte 1881 Pächtern zwar ein gewisses Miteigentum am Land der Grundbesitzer, konnte aber die soziale Unzufriedenheit nur teilweise mildern. In der Folge wurden mehrere englische Beamte ermordet; die Regierung reagierte mit Zwangsgesetzen.
Nach der Wahlrechtsreform von 1884 gewann die neu gegründete Irish Parliamentary Party an Bedeutung, worauf Liberale und Konservative den Iren entgegenkamen, um Stimmen zu gewinnen. Während die Konservativen die Landablösung weiterführten, bemühten sich die Liberalen um die Durchsetzung der Selbstverwaltung. Gladstones Gesetzesentwurf von 1886 scheiterte am Unterhaus, ein weiterer von 1893 nur noch am Oberhaus. Mit den Unionisten bildete sich eine Gegenbewegung, die die Selbstverwaltung ablehnte und mit der Gaelic League eine kulturelle Nationalbewegung. Dies verzögerte weitere Entwicklungen in der Irlandfrage.
Der Philosoph Jeremy Bentham (1748–1832), Mitbegründer des Utilitarismus, entwickelte seine Ethik ausgehend von der Zielsetzung des „größtmöglichen Glücks der größtmöglichen Zahl“. Zur praktischen Durchsetzung dieses Prinzips konnte je nach Situation Laissez-faire oder Kollektivismus angewandt werden. Bentham theoretisierte mehr als jeder andere Denker seiner Zeit über Regierungspolitik. Mehrere namhafte Intellektuelle und Politiker, unter anderem Chadwick, traten für seine Ideen ein. Der „Benthamismus“ wird oft mit der Politik des 19. Jahrhunderts in Verbindung gebracht; inwieweit er tatsächlich die Reformbestrebungen der viktorianischen Zeit bestimmte, ist jedoch umstritten .
Nach dem Tod Palmerstons nahm in der Politik Europa eine geringere Stellung als die außereuropäische Welt ein. Gladstone verfolgte während seiner ersten Amtszeit (1868–1874) eine zurückhaltende Außenpolitik.
Der Erwerb von Kolonien hatte, neben der Sicherung von Rohstoffen und Absatzmärkten, auch ideologische Gründe. Man betrachtete die Neuordnung „unzivilisierter“ Verhältnisse, ebenso wie die Missionierung, als Aufgabe. Nach dem erneuten Amtsantritt Disraelis 1874 begann die „Ära des (neuen) Imperialismus“. Zwar besaß Großbritannien zu dieser Zeit bereits ein großes Kolonialreich, stand aber nunmehr in starkem Wettbewerb mit anderen Kolonialmächten. Das Sendungsbewusstsein nahm in der Politik wie in der Massenpresse rassistische und jingoistische Züge an, ohne Selbstverwaltungen zu erwägen. Nachfolgende liberale Regierungen bemühten sich ebenfalls um eine – zunehmend defensive – Sicherung des Britischen Imperiums. Allerdings unterlag die Politik vor Ort oftmals keiner zentralen Strategie, sondern wurde maßgeblich von den jeweiligen Gouverneuren bestimmt. In den 1890er Jahren übernahm der Staat die koloniale Erwerbspolitik, die vorher auch von privaten Gesellschaften getragen wurde, vollständig.
1839 wurde das Nahostproblem wieder akut, als der Sultan seine Ansprüche geltend machte und Ibrahim in Syrien angriff. Frankreich stellte sich auf die Seite Ägyptens, während Palmerston ein Eingreifen Österreichs, Russlands und Preußens zu Gunsten des Sultans veranlasste. Muhammad Ali gab daraufhin Syrien auf, was Frankreichs Ambitionen einschränkte. 1841 verpflichtete sich die Türkei mit dem Dardanellen-Vertrag, die Dardanellen zu Friedenszeiten für Kriegsschiffe zu sperren. Damit war auch der Einfluss Russlands, das vormals den britischen Zugang vom Nahen Osten bis nach Indien gefährden konnte, zurückgedrängt.
Großbritannien und Frankreich traten den Expansionsbestrebungen Russlands entgegen und entsandten Kriegsschiffe ins Schwarze Meer. Nach Verhandlungen mit Österreich und Preußen zog sich Russland aus den Donaufürstentümern zurück, ohne das jedoch die Belagerung der Festung Sewastopol durch englisch-französischen Expeditionstruppen auf der Krimhalbinsel beendet wurde. Frankreich suchte damit weiterhin einen militärischen Erfolg, und Palmerston erwartete vom Krieg einen Sympathiegewinn bei der russenfeindlichen Öffentlichkeit. Das britische Militär musste angesichts unzureichender Versorgung und mangelnder Hygiene, die zu Epidemien führte, hohe Verluste hinnehmen. Kriegsberichterstatter wie William Howard Russell machten die Öffentlichkeit zudem auf die schlechte Organisation des Stellungskriegs aufmerksam. Florence Nightingale erlangte in diesem Zusammenhang Bekanntheit, indem sie sich um verbesserte Bedingungen in den Lazaretten bemühte.
Mit der alliierten Eroberung Sewastopols endete der Krieg. Der Frieden von Paris 1856 sah die Garantie der türkischen Neutralität und die Entmilitarisierung des Schwarzen Meers vor, konnte aber die „orientalische Frage“ nicht dauerhaft lösen, weshalb die Region instabil blieb.
Im Deutsch-Französischen Krieg 1870–71 blieb Gladstone neutral und sicherte per Vertrag mit den beiden Kriegsmächten die belgische Neutralität. Um einen weiteren Machtzuwachs des Deutschen Reiches zu verhindern, stellte sich Disraeli während der Krieg-in-Sicht-Krise auf die Seite Frankreichs und Russlands.
Im Gegensatz zur liberalen Opposition wandte sich Disraeli während der Balkankrise 1876–77 gegen Russland. Der Frieden von San Stefano bedeutete einen enormen Machtzuwachs für das siegreiche Russland und konnte den Zugang nach Indien gefährden. Daraufhin übte Großbritannien Druck aus, indem es Flotten zu den Meerengen schickte. Der Berliner Kongress von 1878, der eine neue Balkanordnung festlegte und den Einfluss Russlands einschränkte, konnte einen Krieg abwehren. Großbritannien erhielt Zypern und behielt die Möglichkeit, sein Imperium auszubauen. 1887 trat England der Mittelmeerentente bei, um sich gegen die Ambitionen Frankreichs und Russlands zu schützen. Die Krüger-Depesche von 1896 führte zur Distanzierung von Deutschland.
1895 kündigte US-Präsident Cleveland an, er werde alte venezolanische Ansprüche auf das benachbarte Britisch-Guyana durchsetzen. Dieser Konflikt belastete die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten. 1899 erreichte Salisbury eine Einigung zu seinen Gunsten.
Zur Zeit Viktorias versuchten britische Gouverneure wie Dalhousie, die Macht der indischen Fürsten einzuschränken und durch Bautätigkeit sowie Änderungen des Verwaltungs- und Bildungswesens europäische Verhältnisse durchzusetzen. Auch Missionare waren aktiv. Wenngleich der Widerstand gegen diese kulturellen Eingriffe nie aufgehört hatte, bedeutete der Sepoy-Aufstand 1857 einen Einschnitt in der Indienpolitik. Die Meuterei indischer Soldaten belastete nachhaltig die britische Moral und beendete die aggressivste Phase der Einflussnahme auf den Subkontinent. 1858 wurde die Ostindien-Kompanie aufgelöst und Indien formell zur Kronkolonie.
Um die indischen Grenzen zu verteidigen und einer Expansion Russlands vorzubeugen, versuchte Großbritannien mehrmals, die Kontrolle über das benachbarte Afghanistan zu erlangen. 1839 eröffnete die British Indian Army den Ersten Anglo-Afghanischen Krieg, bei dem sie 1842 eine völlige Niederlage erlitten. Erst 1881 gelang es, die Afghanen zu besiegen.
Nach dem Taiping-Aufstand eröffneten Großbritannien und Frankreich 1856 den Zweiten Opiumkrieg, wobei sie Rückendeckung von Russland und den Vereinigten Staaten erhielten und weite Teile des Landes verwüsteten. Trotz einiger Proteste erfuhr Palmerstons Vorgehen in England mehrheitlich Unterstützung. Britische und französische Einheiten marschierten schließlich 1860 in Peking ein. China musste die Errichtung von Botschaften, die Legalisierung des Opiumhandels und die christliche Mission dulden.
Nach dem Mahdi-Aufstand im Sudan versuchte der neue britische Gouverneur des Sudan Gordon Pascha vergeblich die Ausbreitung der Mahdi-Bewegung zu behindern. Am 26. Januar 1885 eroberten die Mahdisten Khartum wobei Gordon Pascha getötet wurde. Die britische Expedition zur Rettung Gordons unter General Wolseley erreichte die Stadt am 28. Januar 1885, zwei Tage nachdem diese gefallen war. Gladstones Ansehen litt unter diesem Rückschlag. Erst 1896 wurde ein britisch-ägyptisches Expeditionskorps unter Kitchener in Marsch gesetzt, das die Mahdisten am 2. September 1898 in der Schlacht von Omdurman besiegte. Der Anglo-Ägyptische Sudan wurde daraufhin ein Kondominium Großbritanniens und Ägyptens.
1898 kam es im Sudan zur Faschoda-Krise zwischen Großbritannien und Frankreich, die mit dem Rückzug Frankreichs und dem Sudanvertrag, der eine neue Grenzziehung festlegte, endete.
Die Unabhängigkeit des Oranje-Freistaats und Transvaals wurde letztendlich anerkannt. Im Süden Afrikas gab es häufig Konflikte zwischen den Kolonialmächten, die stets von kurzer Dauer blieben, bis nach 1870 Gold- und Diamantenfunde zu Einwanderungswellen führten. Auch geostrategische Interessen der Mächte, etwa Cecil Rhodes’ Pläne einer Eisenbahnverbindung bis nach Nordafrika, trugen zur Eskalation bei.
Nachdem die Buren im Oranje-Freistaat und Transvaal von der britischen Krone vergeblich Bürgerrechte gefordert hatten, eröffneten sie 1899 den Burenkrieg. Um der Guerillataktik der Buren entgegenzutreten, wandten die Briten die Taktik der verbrannten Erde an und errichteten Konzentrationslager, deren teils katastophale Bedingungen mehr Opfer als auf dem Schlachtfeld forderten. Mit dem Frieden von Vereeniging 1902 wurden die beiden Burenrepubliken britisch.
1884–85 fand die Kongokonferenz statt, bei der die Aufteilung Afrikas geregelt wurde. Großbritannien, das mit Stanley und Livingstone viel zur Entdeckung des inneren Kontinents beigetragen hatte, musste Einbußen in Kauf nehmen.
1890 tauschte Salisbury Helgoland gegen ein Zurücktreten des Deutschen Reichs in Sansibar, Uganda, Kenia und am oberen Nil ein.
Den australischen Kolonien wurde 1861 die Selbstverwaltung zugebilligt; 1901 wurden sie zu einem Bundesstaat vereinigt.
Währenddessen ermöglichten Fortschritte im Maschinenbau durch Ingenieure wie Whitworth die Massenproduktion von präzise genormten Werkzeugen, Maschinenteilen und anderen in den Fabriken benötigten Geräten. Im Ausland wuchs die Nachfrage nach Kohle und Maschinen; bis 1849 verdreifachten sich die Kohleexporte. Die mechanisierte Textilindustrie und ihr wichtiger Baumwollsektor blühte weiterhin und überschwemmte mit ihren Produkten den internationalen Markt. Paradoxerweise unterlagen die britischen Waren wegen der hohen Produktionszahlen einem stärkeren Preisverfall als die importierten Rohstoffe. Nur dank der Einnahmen aus Versand und Versicherung konnte das Handelsbilanzdefizit problemlos überbrückt werden.
Bis zur Jahrhundertmitte waren die Auswirkungen der Industriellen Revolution, vor allem der Eisenbahn, und nicht etwa landwirtschaftliche Produktivitätssteigerungen der Grund, weshalb die schnell wachsende britische Bevölkerung ausreichend ernährt werden konnte. Dessen ungeachtet wurden die meisten britischen Produkte weiterhin von diversen Handwerkern in kleinen Werkstätten gefertigt.
Der Ausbau des Bahnnetzes förderte die Etablierung neuer Kommunikationssysteme. Der 1840 gegründeten staatlichen Post, die Briefe zum billigen Pauschaltarif beförderte, folgte 1846 eine allgemeine elektrische Telegrafengesellschaft. Die Post trug allerdings auch zum Staatsdefizit bei. Peel gelang es, den Haushalt zu festigen, indem er die Einkommensteuer erhöhte und die Geldmenge begrenzte.
Aufgrund der Bankkrise von 1837 schrumpfte das Kapital der Eisenbahngesellschaften, was zu Arbeitslosigkeit führte. Zusammen mit Ernteverlusten in den zwei kommenden Jahren hatte dies eine Wirtschaftsflaute zur Folge, die bis 1843 andauerte und dazu beitrug, dass Arbeiterbewegungen gewalttätig wurden. 1847 kam es wiederum zu einer Bankkrise und einer kurzen Phase der Depression.
Seit 1815 beschränkten die Getreidegesetze den Getreideimport durch Zölle. Bürgerliche Industrielle, die staatlicher Reglementierung misstrauten, schlossen sich 1839 zur Anti-Corn Law League zusammen, welche sich dem Protektionismus widersetzte und die Aufhebung der Getreidegesetze forderte. Nachdem das Parlament im selben Jahr die Forderung dieser Bewegung abgelehnt hatte, zog sie eine großangelegte Kampagne auf, die eine Senkung des Brotpreises zugunsten der Armen und eine Ausweitung des Absatzmarktes für britische Waren verhieß. Auch die Arbeiterschaft sah hierin eine Aussicht auf Besserung. Auf die Abschaffung der Getreidegesetze 1846 hatte dieser Manchesterliberalismus nur indirekten Einfluss. Sie entsprang vor allem Peels eigenem Sinneswandel, womit er eine Spaltung seiner Partei riskierte. Befürchtungen, das Land würde nun von ausländischem Getreide überschwemmt werden, erwiesen sich als unbegründet, denn nach dem Krimkrieg blieb der Getreidepreis weiterhin auf hohem Niveau. Die Abschaffung der Navigationsakte 1849 war ein weiterer Schritt zum Freihandel.
Die Hochkonjunktur, oft „großer viktorianischer Boom“ genannt, dauerte von der Jahrhundertmitte bis zu den 1870er an und ging mit allgemein steigender Lebensqualität einher. Die Industrie drängte die Landwirtschaft an zweite Stelle. Die wachsende Bevölkerung, vor allem aber das Ausland, bildete große Absatzmärkte. Auch die Auslandsinvestitionen nahmen zu, verfolgten aber selten absatzsteigernde Ziele. Die Hälfte der Investitionen floss in die Vereinigten Staaten und Kontinentaleuropa, der Rest hauptsächlich nach Indien sowie Mittel- und Südamerika. Beliebt waren vor allem ausländische Wertpapiere sowie Bergbau- und Hafenbauunternehmen. Die erste Weltausstellung von 1851, auf der neueste Maschinen und Kunstwerke gezeigt wurden, verherrlichte die Führungsrolle des britischen Imperiums, das die Hälfte der Ausstellung beherrschte.
Finanzminister Gladstone senkte im Zuge des britisch-französischen Handelsvertrages von 1860 die Zölle auf französische Importe und hob sie später ganz auf; der Freihandel setzte sich endgültig durch. Außerdem beschränkte er die Steuern auf wenige einträgliche Konsumgüter und senkte die Einkommensteuer, womit er der Wirtschaft einen weiteren Auftrieb gab und Arbeitsplätze schuf.
Grundlegende technische Neuerungen kamen in dieser Zeit aus zwei Bereichen. Das 1856 von Henry Bessemer entwickelte und in den 1860er Jahren verbesserte Windfrischverfahren erlaubte es erstmals, Stahl in effizienter Massenproduktion herzustellen. In den 1870er Jahren wurde das Schienennetz auf Stahl umgestellt. Im Schiffbau ermöglichten stählerne Dampfkessel und Dreifach-Expansionsdampfmaschinen, die 1874 zum ersten Mal auf einem britischen Schiff zum Einsatz kamen, eine wesentlich effizientere Nutzung der Kohle. Diese Neuerungen, zusammen mit dem neueröffneten Suezkanal, der nur mit den manövrierfähigen Dampfschiffen befahren werden konnte, markierten den Niedergang der Segelschifffahrt.
Auch die Landwirtschaft entwickelte sich weiter. Da Rohrleitungen dank industrieller Fertigung wesentlich billiger wurden und die Regierung Subventionen bereitstellte, investierten viele Bauern in bessere Drainage. Die hohe Beliebtheit von Mineraldünger und Guano trug ebenfalls zu besseren Böden bei. Erst jetzt fanden Landmaschinen, darunter auch dampfbetriebene, weite Verbreitung. Allerdings waren diese Neuerungen nicht unter 120 Hektar, 1851 die Größe zwei Drittel aller Betriebe, rentabel .
Großbritannien bekam auch Konkurrenz von neuen Industriestaaten, sodass sich das Wachstum in diesem Bereich verlangsamte. Insbesondere die Vereinigten Staaten und Deutschland holten nicht nur ihren Rückstand – etwa in der Stahlproduktion – auf, sondern konnten auch moderne chemische und elektrotechnische Industrien aufbauen. Die Preise fielen insgesamt, wovon vor allem Geschäftsleute und Anleger betroffen waren.
Der Grund für das Zurückfallen der britischen Industrie lag hauptsächlich darin, dass wegen ausreichender Arbeitskraft zur Bewältigung der Aufgaben Industrielle keinen Anreiz in der Entwicklung neuer Maschinen sahen. Eine Neuerung hätte die völlige Umstrukturierung der Produktionsanlagen und die Umschulung der Arbeiter erfordert. Außerdem gab es in England keine großen Zusammenschlüsse von Firmen, die genug Handelsreisende eingestellt und eine bessere Abstimmung zwischen Produzent und Exporteur ermöglicht hätten. Ein weiterer Grund war möglicherweise das Defizit in der technischen Bildung gegenüber anderen Staaten.
Das starke Bevölkerungswachstum ist auch angesichts der Opferzahlen der irischen Hungersnot und der während des gesamten 19. Jahrhunderts beständigen Auswanderung bemerkenswert. Vor allem während der Wirtschaftskrise und der irischen Hungerkatastrophe der 1840er Jahre hofften viele Arme auf ein besseres Leben in Übersee, aber auch der Staat unterstützte und subventionierte die Emigration. Hauptziele waren – neben den Vereinigten Staaten – Kanada, Südafrika, Indien, Australien und Neuseeland. Hinzu kamen die schätzungsweise 137.000 Strafgefangenen, die nach Australien deportiert wurden .
Die Landarbeiter waren 1851 die größte Beschäftigungsgruppe und stellten 1851 etwa ein Viertel aller männlichen erwachsenen Erwerbstätigen dar . In vielen Regionen waren die Löhne sehr gering und die Arbeitstage lang; oft fehlte eine feste Behausung. Die Nahrung war knapp und hing von der Region, den Ernteerträgen und der Bereitschaft der Landherren, überschüssige Lebensmittel zu spenden, ab. Oft waren Arbeiter auf ihre Kleingärten angewiesen; Wilderei war riskant. Mit der Implantation von Fabriken in ländlichen Gegenden wechselten Landarbeiter verstärkt zur Industrie.
Ford Madox Brown - Work.jpg: Work (1852–1865). Dieses sozialrealistische Bild zeigt im Vordergrund verschiedene Arbeiter; links im Hintergrund und rechts befinden sich Angehörige der Mittel- und Oberschicht.]] Auch in den Fabriken waren die Arbeitsbedingungen beklagenswert. Die allermeisten Unternehmer hatten nur wenig Kapital, hingen von kurzfristigen Krediten ab und standen unter großem Konkurrenzdruck. Daher schienen akzeptable Gewinne nur mit möglichst hoher Maschinenauslastung und möglichst geringen Löhnen erzielbar. Der Arbeitstag dauerte meist zehn bis zwölf Stunden ohne Unterbrechung, in Textilfabriken bis zu 16 Stunden. Häufig gingen nicht nur Männer, sondern auch deren Frauen und Kinder arbeiten. Um die Familie zu ernähren, wurden bereits Fünfjährige mit Gewalt zu harter Arbeit gezwungen, was zu schweren Gesundheitsschäden und einem frühen Tod führte. Besonders übel waren die Bedingungen in Kohlebergwerken. Entspannung fanden viele Arbeiter im Alkohol und in gelegentlichen Prügeleien mit den Iren, die nach der großen Hungersnot verstärkt zuwanderten.
Um von der Armut abzuschrecken, verbot das Armenrecht von 1834 staatliche Züschüsse an Arbeitsfähige; man errichtete Arbeitshäuser. Die Depression, die bis in die 1840er Jahre andauerte, schuf jedoch eine Situation, für die das Gesetz nicht ausgelegt war. Viele verloren ihre Arbeit und verarmten. Angesichts der abschreckenden Arbeitshäuser sahen Arbeitgeber keine Notwendigkeit für Lohnerhöhungen. Ob der Lebensstandard der Arbeiter in der frühviktorianischen Zeit insgesamt stieg oder sank, ist umstritten . Die Depression der letzten Jahrzehnte des Jahrhunderts erhöhte zwar die Gefahr von Arbeitslosigkeit, die Löhne jedoch blieben bei sinkenden Lebenshaltungskosten konstant, sodass sich die Situation der Arbeiter eher verbesserte.
In den 1830er und 40er Jahren regelten mehrere Gesetze die Arbeitsbedingungen von Kindern und Frauen neu. Weitere Gesetze zur Regelung der Arbeitszeiten folgten. Entgegen kritischen Vorhersagen führten sie nicht zu Umsatzeinbrüchen, da gesündere und weniger müde Arbeiter die Produktivität steigerten. Dennoch blieb die Arbeit oftmals gefährlich. Allein 1875 starben 800 Bahnarbeiter bei Unfällen; jedes Jahr verunglückten um die 1000 Grubenarbeiter .
Der Begriff „Arbeiteraristokratie“ bezeichnet diejenigen 10 % der Industriearbeiter und Handwerker, die eine langjährige Ausbildung hinter sich hatten, zum Beispiel Maschinenbauer. Im Gegensatz zu ungelernten Arbeitern, die mit der gesamten Familie in einem einzigen Zimmer oder Kellerraum hausten, konnten sich einige der besser bezahlten ausgebildeten Arbeiter ein kleines Reihenhaus in den Elendsvierteln mit zwei oder drei Zimmern leisten. Seit den 1840er Jahren strebten sie nach einem bürgerlichen, respektablen Lebenswandel, was sich etwa in eigenen Zeitungen und Genossenschaften ausdrückte.
Teils als Reaktion auf die enttäuschende Wahlrechtsreform von 1832, teils aus bereits im 18. Jahrhundert zu Tage getretenen Bürgerrechtsbestrebungen entstand die ausgedehnte Chartistenbewegung, die in der 1838 von einigen Radikalen und Unterhausabgeordneten verfassten People’s Charter unter anderem das allgemeine Wahlrecht forderte. Zu den der Bewegung angehörenden Verbänden zählten zahlreiche regionale Gewerkschaften. Das Unterhaus lehnte eine Debatte über die Satzung ab, worauf es zu Unruhen kam. Weitere Versuche der Chartisten scheiterten, da sie sich nicht auf eine weitere Vorgehensweise einigen konnten und den Repressionsmaßnahmen des Staates nicht gewachsen waren.
Nach dem Scheitern der Chartisten fanden die Gewerkschaften, die sich vor allem für kürzere Arbeitszeiten, bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne einsetzten, verstärkt Zulauf. Sie agierten aber lange Zeit nur auf lokaler Ebene und vertraten lediglich die Arbeiteraristokratie. Streiks betrachtete man nur als letztes Mittel, zumal bei Arbeitslosigkeit die Unternehmer Arbeitskräfte einfach austauschen und mangels gesetzlicher Anerkennung der Gewerkschaften sogar kriminalisieren konnten. Die Gewerkschaften versuchten durch ein Bündnis mit den Liberalen die Abgeordnetenkandidaten der Liberalen für ihre Interessen zu gewinnen (Liberal-Labour-Bewegung) und bildeten 1868 den Dachverband Trade Union Congress. 1874 wurden erstmals Arbeiter ins Unterhaus gewählt. Es gründeten sich sozialistische Bewegungen, die, abgesehen von der 1884 von Intellektuellen gegründeten Fabian Society, meist unbedeutend waren.
Die Lebensumstände der Landarbeiter erschwerten gewerkschaftliche Zusammenschlüsse. 1873 gründete Joseph Arch eine Gewerkschaft, die den Anstoß für weitere Vereinigungen gab. Die Agrarkrise, mit der die Zahl der Landarbeiter nachließ, machte weitere Bestrebungen zunichte.
Als eine der ersten Arbeiterparteien wurde 1883 die Independent Labour Party gegründet. In Folge der Londoner Dockarbeiter-Streiks von 1889 schlossen sich auch eine große Zahl ungelernter Arbeiter in nunmehr radikaleren Gewerkschaften zusammen; diese Entwicklung wird New Unionism genannt. Anstelle der „Lib-Labs“ strebte man eigene Arbeiter als Abgeordnete an. 1900 gründete sich das Labour Representation Committee, das später in die Labour Party überging.
1855 und 1862 verabschiedete die Regierung Gesetze, die die Bildung von Aktiengesellschaften (Ltd.) förderten. Damit gingen Unternehmensvermögen immer mehr an Aktieninhaber über. Der große Boom brachte neue spezialisierte Berufe wie Ingenieure und Architekten hervor, die eigene Gesellschaften und Institute gründeten. Der Dienstleistungssektor gewann an Bedeutung und ermöglichte manchen einen Aufstieg in die obere Mittelschicht. Ein Beleg für den zunehmenden Wohlstand der Mittelklasse ist die steigende Zahl von Dienstmädchen, die 1851 das zweitgrößte Berufsfeld darstellten.
Mit zunehmender Verstädterung zogen die Mittelschichten von den Stadtzentren in die Vorstädte, was öffentliche Transportmittel für Pendler hervorbrachte und die Segregation zwischen Armen und Wohlhabenderen förderte. In London wurde 1863 die erste U-Bahn eröffnet.
Schockierend wirkte die Volkszählung von 1851, nach der weniger als die Hälfte der englischen Bevölkerung am Sonntag die Kirche besuchte. Daraufhin entstanden neue Bemühungen, die religiös ungebildete Unterschicht zu missionieren. Zu diesem Zweck gründete der Methodistenprediger William Booth 1865 die später so genannte Heilsarmee. Die Anglikalische Kirche intensivierte ihre Aktivität im Schulwesen, konnte aber nicht mit dem schnellen Wachstum der Städte Schritt halten. Sowohl in der Staats- als auch in den Freikirchen bildeten sich, etwa unter Frederick Maurice und Charles Kingsley, christlich-sozialistische Gruppen, die christliche Werte mit dem Ideal einer gleichen Gesellschaft zu verbinden suchten und Kontakte zu den Chartisten und Gewerkschaften knüpften. Innerhalb der Methodisten gab es in den 1830er und 40er Jahren wegen der als zu selbstherrlich empfundenen Führung von Jabez Bunting und der konservativen Haltung in sozialen Fragen Spannungen.
Die Oxford-Bewegung erreichte mit John Henry Newmans Tract 90 von 1841, der die anglikanische Bekenntnisschrift nicht im Widerspruch zu den zentralen Gedanken des katholischen Glaubens sah, ihren brisanten Höhepunkt. Eine andere Gruppe innerhalb der Bewegung um Edward Bouverie Pusey hatte bedeutenden Einfluss auf die zunehmende Ritualisierung des Gottesdienstes, was sich etwa in der Einführung von Kirchengewändern ausdrückte.
Neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse beunruhigten die Kirche. Geologen stellten fest, dass die Erde nicht 4004 v. Chr. erschaffen wurde; die 1859 von Charles Darwin vorgestellte Evolutionstheorie schien den Schöpfungsbericht und die Sonderstellung des Menschen anzuzweifeln. Die Religiosität der theologisch naiven Bevölkerung blieb von der Kontroverse weitgehend unberührt.
Kirchliche Fragen bestimmten häufig die Debatten des Unterhauses. Peel ordnete eine Kommission an, die einen Bericht über den Zustand der Staatskirche liefern sollte. Daraufhin wurden 1836–40 drei wichtige Gesetze verabschiedet, die die Grenzen der Diözesen neu festlegten, einen Kirchenausschuss zur Finanzverwaltung vorsahen, die Anzahl der gleichzeitig ausgeübten Kirchenämter begrenzten und weitere finanzielle Anpassungen vornahmen. Man richtete ein staatliches Personenstandsbuch ein, damit Nonkonformisten nicht mehr in anglikanischen Kirchen heiraten mussten. Edward Mialls Liberation Society ging ein Bündnis mit den Liberalen ein und erreichte, dass 1868 die universelle Kirchensteuer (Church Rate) fakultativ wurde.
Vor allem Angehörige der Mittelschicht suchten sich von der unzivilisierten Unterschicht und den Ausschweifungen des Adels abzugrenzen, indem sie häufig in der Bibel lasen, den Sonntag heiligten und in der Familie gemeinsam beteten, was noch im 18. Jahrhundert unüblich war. Predigtbücher waren Verkaufsschlager. Als schändlich galten unter anderem Glücksspiele und Alkohol. Abweichungen von den Moralvorstellungen, etwa Scheidungen, führten oftmals zum öffentlichen Skandal und zur sozialen Isolation. Die intrinsische Sündhaftigkeit des Lebens wurde mit Sparsamkeit, harter Arbeit, Anständigkeit und „guten Taten“ aufzuwiegen versucht – entweder, um am Jüngsten Gericht milder beurteilt zu werden, oder weil sozialer Aufstieg ein Indiz für göttliche Belohnung zu sein schien. Zudem wirkte die Rechtschaffenheit der Krone als Vorbild. Es gibt Hinweise darauf, dass gegen Ende des Jahrhunderts die Frömmigkeit der Massen kaum abnahm, obwohl das Familiengebet sowie der Gang zur Kirche seltener wurde und kirchliche Berufe an Beliebtheit verloren.
Ab den 1830er Jahren gab es Bestrebungen, die sich gegen diese Verhältnisse wandten. Caroline Norton spielte eine entscheidende Rolle bei der Durchsetzung des Sorgerechts 1839. Zusammen mit Barbara Bodichon setzte sie sich mit ihren Schriften für eine Stärkung der Frauenrechte bei Scheidung ein, was 1857 in einem entsprechenden Gesetz gipfelte (1873 und 1878 erweitert). Das Gesetz von 1870, das Frauen ein gewisses Eigentum nach der Ehe zusprach, entstand ebenfalls unter dem Einsatz einer Vereinigung von Frauenrechtlerinnen. Erst 1882 erwarben Frauen das Recht auf sowohl vor als auch nach der Ehe erworbenes Eigentum, nachdem ein Gesetzesentwurf von 1857 gescheitert war. 1869 erlangten Frauen das eingeschränkte Wahlrecht bei Gemeindewahlen, das sie bis 1835 hatten, wieder. Ein weiterer Gesetzesentwurf von 1870 über allgemeines Frauenwahlrecht, für das John Stuart Mill ein Jahr zuvor mit utilitaristischen Prinzipien argumentiert hatte, wurde von Gladstone abgelehnt. Eine militante Frauenrechtsbewegung kam gegen Ende des Jahrhunderts unter Emmeline Pankhurst auf.
Als Beispiel für viktorianische Doppelmoral wird oft die ausufernde Prostitution genannt, die scheinbar der oftmals gepriesenen Selbstbeherrschung und ehelichen Treue widerspricht. Tatsächlich tendierten viele Männer des Mittelstands dazu, die Heirat bis zum Aufbau einer gewissen finanziellen Sicherheit aufzuschieben und Zuflucht bei Prostituierten – deren tatsächliche Gesamtzahl schwer zu ermitteln ist – zu suchen. Umgekehrt erschien die Prostitution vielen Frauen, hauptsächlich aus der Unterschicht, als Möglichkeit zur Aufbesserung des Einkommens. Nach zahlreichen Fällen von Geschlechtskrankheiten im Militär wurden in den 1860er Jahren die Contagious Diseases Acts verabschiedet, die ärztliche Zwangsuntersuchungen bei mutmaßlichen Prostituierten, nicht aber bei Soldaten, anordneten. Dies schien legitim, da „gefallene Mädchen“ als bereits verdorben galten. Unter Josephine Butler formierte sich organisierter Widerstand, der das Thema in der Öffentlichkeit politisierte und letztendlich zur Aufhebung der Gesetze 1886 führte. 1885 wurde ein Gesetz verabschiedet, das das Schutzalter anhub, höhere Strafen für Bordellbesitzer festlegte und homosexuelle Handlungen kriminalisierte.
Bemühungen gab es auch um verbesserte Frauenbildung. Barbara Bodichon und Emily Davies gründeten 1869 das erste Frauencollege Großbritanniens mit Wohnheim, das spätere Girton College. Die University of London war die erste, die Frauen unter gleichen Bedingungen wie männliche Studenten aufnahm, und ermöglichte ihnen ab 1878 den Erwerb akademischer Grade. Die Bildungsreform von 1870 eröffnete Frauen neue Berufsmöglichkeiten im Schulwesen. Florence Nightingale trug zur Emanzipation der Frauen in der Krankenpflege bei. Einige Ärztinnen, etwa Elizabeth Blackwell, erwarben ihre Qualifikationen im Ausland und mussten sich gegen den Widerstand ihrer männlichen Berufskollegen durchsetzen. Weitere Berufe öffneten sich den Frauen besonders in der Telekommunikation, der Post und der Eisenbahn, die gegen Ende des Jahrhunderts das Dienstmädchen und die Fabrikarbeiterin als gewöhnliche Beschäftigung für Frauen der Unterschicht abzulösen begannen. Kindermädchen waren nach wie vor gefragt, da wohlhabendere Frauen zunehmend von einem rein häuslichen Leben Abstand nehmen wollten.
Das Konzept der Sexualität selbst entstand im 19. Jahrhundert und wurde von Wissenschaft, Kriminalistik und Justiz aufgegriffen; in den 1890er Jahren leisteten Havelock Ellis und andere wichtige Beiträge zur Sexualforschung . Sexualität wurde kategorisiert, so etwa entstand der Begriff des „Homosexuellen“. Sex galt als tierisch-primitive Verhaltensweise, die kontrolliert werden und mit der sparsam umgegangen werden musste, da andernfalls die Karriere des Einzelnen oder gar die gesamte Wirtschaft leiden könnte. Diese Betrachtungsweise lässt sich auf den Evangelikalismus zurückführen, der in seiner extremen Form jegliches Vergnügen als unmoralisch betrachtete. Dank der Erschließung neuer, das Privatleben betreffender Textquellen in Archiven stellt sich jedoch heute das Sexualleben der Viktorianer differenzierter dar, als die gängige Meinung nahelegt.
Die spätviktorianische Prosa fächerte sich auf und reichte von den eher einfachen Erzählungen Robert Louis Stevensons und Henry Rider Haggards bis zu den unkonventionellen Werken von Oscar Wilde. In den 1870er Jahren kam auch eine naturalistische Bewegung auf. Die Romane von Thomas Hardy behandeln mit dem Leben der einfachen Landleute, die gegen ihr Schicksal ankämpfen, ein bis dahin kaum beachtetes Thema. Der Einfluss des französischen Naturalismus ist auch in den Werken George Moores, George Robert Gissings und Joseph Conrads, die sich vom früheren Fortschrittsglauben und Optimismus distanzierten, erkennbar.
Die berühmtesten Dichter der Zeit waren der Poet Laureate Alfred Tennyson sowie Elizabeth Barrett Browning und Matthew Arnold, die lange Gedichte in Erzählform oder moralische Betrachtungen verfassten. Immer mehr Autoren beschäftigten sich hauptsächlich oder ausschließlich mit Kinder- und Jugendliteratur und verschafften ihr einen Auftrieb, darunter diverse Verfasser von Abenteuergeschichten oder die Hauptvertreter der Nonsensliteratur, Lewis Carroll und Edward Lear. Die Bühnenkunst erfuhr erst gegen Ende des Jahrhunderts zunehmend Würdigung von Oscar Wilde, George Bernard Shaw und William Butler Yeats.
Die Sachliteratur grenzte sich meist streng von der Belletristik ab, abgesehen von der Geschichtsschreibung mit ihren bekanntesten Vertretern Thomas Babington Macaulay und Thomas Carlyle. Berühmte Kunstkritiker waren John Ruskin und Matthew Arnold, die oft nach moralischen und religiösen Prinzipien urteilten und sich gegen den Industrialismus wandten. In der Philosophie entwickelte John Stuart Mill den Benthamismus weiter, ohne sich auf christliche Werte zu berufen; Herbert Spencer vertrat evolutionistische Thesen. Die Sozialforscher Charles Booth und Benjamin Seebohm Rowntree untersuchten um die Jahrhundertwende die Lebensverhältnisse der armen Unterschicht. Eine berühmte, in den 1840ern erschienene Artikelreihe des Journalisten Henry Mayhew zum Thema war noch stark von sentimentaler Sozialkritik geprägt.
Einen Bestseller des viktorianischen Zeitalters stellte das Book of Household Managament von Isabella Beeton dar, das 1861 erschien und schon innerhalb weniger Jahre 2 millionenfach verkauft wurde. Das Buch, das seine Autorin zur englischen Ikone machte, richtete sich an die aufstrebende Mittelschicht und versuchte auf detaillierte Weise in geradezu enzyklopädischer Form Kenntnisse über Kochen und Haushaltsführung zu vermitteln. Das über tausendseitige Werk enthielt mehr als 2000 Ratschläge und Rezepte für die moderne Hausfrau, von der Verwendung industriell hergestellter Lebensmittel bis zur Warnung vor den Auswirkungen ärmlicher Lebensumstände für das Aufwachsen von Kindern.
In den letzten Jahrzehnten des Jahrhunderts jedoch gründeten sich neue musikalische Bildungseinrichtungen wie die Guildhall School of Music (1880). In einigen Großstädten wurden permanente Orchester eingerichtet. Henry Wood brachte mit seinen Promenadenkonzerten die Musik einer größeren Audienz nahe. Gilbert und Sullivan schrieben 1875–1895 zahlreiche Opern, die aktuelle politische und soziale Angelegenheiten satirisch kommentierten. Komponisten wie Arthur Sullivan, Hubert Parry oder Charles Villiers Stanford erlangten außerhalb von Großbritannien keine größere Bekanntheit. Edward Elgars Enigma-Variationen (1899) und das Oratorium The Dream of Gerontius (1900) trugen letztendlich den Namen eines englischen Komponisten auch ins restliche Europa.
Vor allem in den Jahrzehnten nach 1880 erlebten Buch- und Zeitschriftenillustrationen dank großer Nachfrage sowie neuer effizienter Druckverfahren, insbesondere der Autotypie, eine Blütezeit. Beispiele für bekannte Illustratoren sind Richard Doyle, Arthur Rackham und John Tenniel.
Die Viktorianische Architektur war durch verschiedene Stile geprägt, darunter der Neoklassizismus und die mit der Gothic-Revival-Bewegung aufkommende Neugotik.
Alfred Harmsworth spielte eine wichtige Rolle in der Entwicklung der Massenpresse zu einem Medium, das den Bedarf der Leserschaft nach Emotionen deckte. Er kürzte Artikel auf das Wesentliche, wobei er dem Klatsch und „menschlichen Blickwinkel“ großen Raum gab. Außerdem hielt er das Interesse des sehr patriotischen Mittelstands wach, indem er die britische Überlegenheit schilderte. 1896 gründete er die aggressiv imperialistische Daily Mail. Die Kronjubiläen 1887 und 1897 markierten den Höhepunkt des nationalen Selbstbewusstseins, das durch den Burenkrieg etwas gedämpft wurde.
In den 1860er Jahren wurde Rugby zum ernsthaften Vereinssport. Auch Fußball professionalisierte sich zusehends. Die 1863 gegründete Football Association stellte um 1870 heute übliche Spielregeln auf. Das erste Pokalspiel fand 1871 und das erste Spiel im Ligasystem 1888 statt. Cricket war wahrscheinlich populärer als Rugby oder Fußball und bereits seit längerem ein – vor allem von reichen Leuten – organisierter Sport. Das erste Länderspiel einer englischen Mannschaft fand 1877 gegen Australien statt.
An den in der spätviktorianischen Zeit neu aufkommenden Sportarten Rasentennis und Fahrradfahren war bemerkenswert, dass sie sowohl von Männern als auch von Frauen ausgeübt wurden. Das Fahrrad, mit dem man längere Strecken zurücklegen konnte, wurde ein außerordentlich populäres Verkehrsmittel; Automobile konnten sich nur Wohlhabende leisten.
Die kompetentere Stadtverwaltung und die zunehmende Konzentration des Schienennetzes führte dazu, dass London sich zur künstlerischen und intellektuellen Metropole entwickelte. Zu den billigen Gaststätten kamen Restaurants und Cafés hinzu. Um die Jahrhundertwende konnten Stummfilme im Kino angesehen werden. Gehobene Unterhaltung gab es im beliebten Empire Theatre und dem Café Royal in der Regent Street. Nach langem Widerstand wurden 1896 erstmals die Museen sonntagnachmittags der Allgemeinheit geöffnet. Es gab immer mehr öffentliche Bibliotheken, die die weltliche Literatur zugänglicher machten.
Angesichts des eher geringfügigen Einflusses der Monarchin, deren Herrschaft das Viktorianische Zeitalter formell definierte, versuchten einige Historiker, einen Zeitabschnitt mit bestimmten Merkmalen des „Viktorianismus“ zu definieren. Die Vorschläge gehen dabei weit auseinander.
Viele Zeitgenossen sahen das bereits von ihnen so genannte Viktorianische Zeitalter als Ära des Reichtums und der Sicherheit. Im 20. Jahrhundert wandelte sich diese Einstellung zum Negativen. Samuel Butler (The Way of All Flesh) und Lytton Strachey (Eminent Victorians, 1918) etwa übten Sarkasmus an der viktorianischen Heuchelei und dem bloßen Streben nach Besitz und Wohlstand. Später kamen jedoch auch eher nostalgisch geprägte Standpunkte auf . Gelegentlich wurde die Epoche als „gute alte Zeit“ betrachtet, was ein differenziertes Bild, das gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Probleme einbezieht, nicht zulässt.
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