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Vertragsrevisionismus (von lat. revidere – erneut ansehen, überprüfen) bezeichnet in der Geschichte der Politik das Bestreben, bestimmte, häufig in der Folge von Kriegen zu vertraglichem Recht gewordene Fakten rückgängig zu machen. Hauptsächlich sucht der Revisionismus, bestimmte, zum Territorium eines anderen Landes gehörende, Gebiete als legitimen und ursprünglich eigenen Besitz darzustellen, und deren (Rück)-Erwerb zu erreichen.

  • Das Bestreben, den als ungerecht, als unerfüllbar und als Diktat empfundenen Versailler Vertrag zu ändern, war das Zentralmotiv der gesamten deutschen Außenpolitik der Zwischenkriegszeit. Dieser Revisionismus wurde von sämtlichen Parteien und fast allen Bevölkerungsgruppen mitgetragen (eine Ausnahme bildete die frankophile Weltbühne und ging soweit, dass jedem Schulkind neben der Weimarer Reichsverfassung eine entsprechend gestaltete Ausgabe des Versailler Vertrags übereignet wurde). Der Vertrag und das Bestreben, ihn zu ändern, waren also sozusagen das zweite Grundgesetz der Weimarer Republik.

Der Weimarer Revisionismus richtete sich zuallererst gegen die im Art. 231 des Vertrags und in seiner Mantelnote aufgestellte Behauptung, Deutschland trage die Verantwortung am Ersten Weltkrieg.
Ebenfalls den einhelligen Zorn der Bevölkerung erregten die auf dem Kriegsschuldartikel basierenden Reparationsverpflichtungen, die Deutschland zunächst auf sich nehmen musste, ohne die genaue Summe zu kennen. Empörend wirkte auch, dass der Anschluss, für den die österreichische Nationalversammlung sich mit übergroßer Mehrheit bereits im November 1918 ausgesprochen hatte, durch den Vertrag von Saint-Germain und den von Versailles verboten worden war – dies widersprach ganz offensichtlich dem Selbstbestimmungsrecht der Völker, auf dem nach den Ankündigungen des amerikanische Präsidenten Woodrow Wilson die Friedensverträge doch eigentlich basieren sollten.
Die Neugestaltung der deutschen Ostgrenze, die ohne Volksabstimmung Ostpreußen vom Rest des Reichs abgeschnitten hatte, war wahrscheinlich der Punkt, der die tiefsten Ressentiments auslöste und die deutsch-polnischen Beziehungen während der gesamten zwanziger Jahre vergiftete. Erst der Diktator Hitler vermochte zwischen 1934 und 1938 ansatzweise gutnachbarliche Beziehungen zwischen beiden Ländern zu schaffen.

Auffallend ist, dass andere Punkte des Versailler Vertrags zu keinen revisionistischen Aufwallungen der Bevölkerung Anlass boten: Die Änderungen der West- und der Nordgrenze, die Rüstungsbeschränkungen und der Verlust des Kolonialreichs wurden mit vergleichsweiser Gelassenheit hingenommen.

Der Revisionismus der Weimarer Republik begünstigte die rechten und rechtsradikalen Parteien. Denn diese führten traditionell eher nationale und nationalistische Parolen als Gedanken der Völkerverständigung und der sozialen Gerechtigkeit. Außerdem waren sie im Unterschied zu den Parteien der Mitte nie (wie die NSDAP) oder nur selten (wie die DNVP) an der Regierung beteiligt. Es war also leicht für sie, mit kompromisslosen Radikalforderungen wie „Weg mit Versailles!“ auf Stimmenfang zu gehen. Die von der SPD und den gemäßigten bürgerlichen Parteien getragene Verständigungspolitik Gustav Stresemanns war dagegen immer auf Kompromisse mit dem mächtigen Nachbarn angelegt und wurde deshalb von den Rechtsradikalen als „Erfüllungspolitik“ und „Vaterlandsverrat“ denunziert.

Dennoch war diese Politik recht erfolgreich: Den demokratischen und halbdemokratischen Regierungen der Weimarer Republik gelang es in den Jahren 1925 bis 1932, die französische Besetzung des Rheinlands zu beenden, die Reparationen bis auf einen symbolischen Restbetrag zu streichen und die Zusicherung zu erhalten, dass Deutschland rüstungspolitisch mit den ehemaligen Siegermächten gleichberechtigt war. Die Früchte dieser Politik erntete 1933 dann die Regierung Hitler, die ihr Revisionstempo teils drosselte (siehe oben zur Verständigung mit Polen), teils aber erheblich erhöhte: 1935 begann die deutsche Aufrüstung, 1936 marschierte die Wehrmacht ins entmilitarisierte Rheinland, 1938 fielen Österreich und das Sudetenland „heim ins Reich“. Diese spektakulären Erfolge der nationalsozialistischen Revisionspolitik, die auf den Vorarbeiten vor allem Stresemanns und Heinrich Brünings basierte, trug mit bei zur begeisterten Massenzustimmung der deutschen Bevölkerung zum Nazi-Regime, wie sie sich in den – zum großen Teil nicht gefälschten – Volksabstimmungen von 1933, 1936 und 1938 zeigte.

  • Nach 1945 wurde die Oder-Neiße-Linie, die im Zuge des Potsdamer Abkommens durch die Sieger als polnische Westgrenze festgelegt wurde, von der Bundesrepublik Deutschland lange Jahre nicht anerkannt. Insbesondere die Vertriebenenverbände wollten die Oder-Neiße-Linie auch nach 1970 nicht als deutsche Ostgrenze akzeptieren. Im Zuge der Wiedervereinigung 1990 wurde die Oder-Neiße-Linie jedoch vom deutschen Bundestag als deutsch-polnische Ostgrenze akzeptiert. Mittlerweile vertritt nur noch eine kleine Minderheit in Deutschland öffentlich ihre revisionistischen Standpunkte. Die folkloristisch anmutenden Vertriebenenverbände haben sich angepasst und in die Parteien integriert, so dass ihre Anliegen sich mittlerweile reduziert haben auf persönliche Wiedergutmachung für erlittenes Unrecht. Ob sie damit in der Mitte der Gesellschaft und im Konsens der Demokraten angekommen sind oder lediglich vom Vertragsrevisionismus zum Geschichtsrevisionismus überwechselten, ist umstritten.

Siehe auch


Politikgeschichte

 

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