Der Vertrag von Chambord vom 15. Januar 1552 ist ein Abkommen zwischen der protestantischen Fürstenopposition gegen Kaiser Karl V. unter der Führung von Kurfürst Moritz von Sachsen mit dem König Heinrich II.von Frankreich. Moritz benötigte den Beistand dieser katholischen Großmacht, weil er und seine protestantischen Bundesgenossen nicht über genug Geld und vor allem Streitkräfte verfügten, um gegen den Kaiser vorgehen zu können.
Der Vertrag kam durch die Vermittlung von Markgraf Albrecht Alcibiades von Brandenburg-Kulmbach zustande. Im Gegenzug für die Unterstützung durch hohe Geldzahlungen wurden dem französischen König das Reichsvikariat über die Reichsstädte (und faktisch auch die Grenzbistümer) Toul, Verdun, Metz und Cambrai in Lothringen zugesichert.
Dieser Vertrag war letztendlich eine entscheidende Voraussetzung für den erfolgreichen Angriff von Moritz, der eigentlich laut den Befehlen des Kaisers gegen Magdeburg hätte vorgehen sollen, gegen den Kaiser bei Innsbruck in Tirol. Der Passauer Vertrag ist die Folge dieses Ereignisses. Im weiteren Verlauf ist dieser Vertrag aber auch der rechtliche Vorwand unter dem Frankreich sich die Reichsstädte und Fürstbistümer Metz, Toul, Verdun und Cambrai aneignet, um später von hier aus weitere Gebiete des deutschen Reichs zu gewinnen.
Da Kaiser Karl den Vertrag von Chambord und dessen Vereinbarungen nicht anerkennen konnte, nahm er 1552 den Krieg mit Frankreich um Metz, Toul, Cambrai und Verdun auf, konnte sich aber militärisch bis 1556 gegen Frankreich nicht durchsetzen. Sein Nachfolger Kaiser Ferdinand I. stellte den Krieg ein, so dass die Städte unter französischer Kontrolle blieben.
Wir sehen vor Augen die List, wodurch unsere Wiedersacher vermeinen, unsere Religion einzuschränken und zuletzt gar auszutilgen. Wir haben angesehn, wie die Römische Kaiserl. Majestät dahin trachtet, daß sie nicht allein die Kurfürsten und Fürsten, sondern auch die Grafen, Herren, die übrigen vom Adel, die ehrbaren Städte und gemeinen Untertanen unseres hochgeliebten Vaterlandes, der deutschen Nation, von ihren alten Freiheiten zu einer solchen viehischen, unerträglichen und ewigen Knechtschaft wie Spanien bringen möchte ...
So haben wir bei uns erwogen, daß wir lieber Not und Tod gewärtigen wollen, denn einer solchen Schande länger unterwürfig zu sein und haben uns zur Durchsetzung unseres Willens vertraunensvoll in eine Verständigung mit Herrn Heinrich, König zu Frankreich, eingelassen, also daß wir wollen mir Heereskraft das beschwerliche Joch der Knechtschaft von uns werfen, und die alte Freiheit unseres geliebten Vaterlandes, der deutschen Nation, erretten ...
Zur Erhaltung des Kriegsvolkes will und soll der König uns gutwillig jeden Monat reichen und erlegen 70.000 Goldkronen. Es soll nicht mehr als ein oberster Feldhauptmann geordnet werden ... Hierzu ist der Kurfürst von Sachsen ... durch uns andere zum Generaloberst gewählt worden. Es wird auch für gut erachtet, daß die Königl. Majestät zu Frankreich sofort die Städte, so zum Reich von alters her gehört haben und nicht deutscher Sprache sind, als nämlich Cambrai, Toul, Metz und Verdun, ohne Verzug einnehme und die als Vikar des Reiches innehabe und behalte.
Der Vertrag von Chambord war ein typischer "Vertrag zu lasten Dritter". Die auf deutscher Seite agierenden Reichsfürsten haben Frankreich eine Zusage gemacht, zu der sie weder Vollmacht noch Berechtigung hatten. Sie haben einem ausländischen Herrscher Rechte über Reichsterritorium abgetreten, die ihnen gar nicht zustanden. Der Vertrag hätte daher nach rechtlichen Maßstäben eigentlich keine Bedeutung. Unabhängig von der zweifelhaften Rechtsnatur dieses Vertrages und unter Ausnutzung der momentanen Schwäche des Kaisers, hat Frankreich dieses Abkommen aber als Vorwand genutzt, um die Städte Metz (militärische Besetzung gegen den Widerstand der Bevölkerung: 10. April 1552), Verdun, Toul, und Cambrai unter seine Herrschaft zu bringen, sie militärisch zu besetzen und sie später völlig aus dem Verband des deutschen Reiches herauszubrechen und in das eigene Territorium einzugliedern.
Dieses Vorgehen der französischen Krone war symptomatisch für die französische Politik der nächsten Jahrzehnte, die darauf gerichtet war, Konflikte innerhalb Deutschlands zwischen Kaiser und den Fürsten auszunutzen und die jeweiligen Gegner des Kaisers zu unterstützen, um daraus eigene Vorteile zu ziehen.
Reformation | Christentumsgeschichte (Reformationen) 1552 | Lothringen
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