Als Verschwörungstheorie bezeichnet man den Versuch, Ereignisse, Zustände oder Entwicklungen durch eine geheime Verschwörung zu erklären, also durch das zielgerichtete, konspirative Wirken von zwei oder mehr Personen zu einem verborgenen, illegalen oder illegitimen Zweck. Der Begriff wird meist zur Abwertung von Ansichten benutzt, die als unbegründet, irrational, abseitig oder sogar paranoid gelten und weltanschaulich geschlossen, also festgefügt betrachtet werden. Im Sinne der Ideologiekritik wird der Begriff auch zur Diffamierung kritischer Positionen missbraucht.
Vertreter von Verschwörungstheorien weigern sich - anders als Wissenschaftler, die Modelle vertreten -, ihre Hypothesen zu explizieren und überprüfbare Bedingungen zu nennen, bei deren Nachweis sie ihre Hypothesen für widerlegt betrachten. Es ist gerade das Charakteristikum von Verschwörungstheorien, dass sie von Gegenständen handeln, die sich tatsächlich oder vermeintlich jeder Nachprüfbarkeit entziehen. In diesem Sinne sind Verschwörungstheorien nicht deskriptiv, sondern präskriptiv, wobei ihnen das Ziel der empirischen Verifizierung fehlt. Das unterscheidet Verschwörungstheorien von wissenschaftlichen Hypothesen. Aufgrund der hochgradig stereotypen und festgefügten Struktur sind Verschwörungstheorien leicht von erklärungsbezogenen Deutungsmustern abgrenzbar. Die Deutungsmuster einer Verschwörungstheorie sind nämlich nicht auf korrekturbasierte Weiterentwicklung hin angelegt.
Grundlage aller Verschwörungstheorien ist ein dezidiertes und vereinfachendes Welt- und Geschichtsbild, das auf der Grundannahme basiert, dass Strukturen der sozialen Wirklichkeit durch Handlungen von Personen direkt steuernd beeinflusst werden können. Vor dem Hintergrund der gegenseitigen strukturellen Abhängigkeiten und hochgradigen Vernetzungen komplexer sozialer Systeme gilt diese Voraussetzung heute jedoch allgemein als unplausibel. Sozialwissenschaftliche Modelle zeigen, dass sich weitreichende Ereignisse in Gesellschaft, Wirtschaft oder Staat nicht allein durch das zielgerichtete Handeln von Personen oder Personengruppen verursachen lassen. Man geht hier vielmehr vom Zusammenwirken vieler verschiedener subjektiver Gründe und objektiver Bedingungen aus, die aus Strukturen, Konjunkturen, Absichten, Gegenabsichten, Irrtümern und schlichten Zufällen bestehen und sich zudem gegenseitig beeinflussen. Die Auffassung, eine relativ kleine Personengruppe könne wichtige gesellschaftliche Ereignisse zentral steuern, gilt daher als unterkomplex.
Für die Anwendung einer solchen Hypothese auf größere Zeiträume und die stereotype Vermutung, hinter verschiedensten Erscheinungen steckten Verschwörungen als Lenkungsursachen, schlug der Historiker Richard Hofstadter in den 1960er Jahren die Bezeichnung „paranoider Stil“ der Welterklärung vor. Der US-amerikanische Journalist Frank P. Mintz prägte dafür den heute im Englischen eingebürgerten Begriff conspiracism, der hier mit „Konspirationismus“ oder „konspirationistisches Weltbild“ übersetzt wird.
Um dem stark wertenden Gebrauch des Wortes „Verschwörungstheorie“ zu begegnen, wird im folgenden zwischen zwei Hauptformen von Verschwörungstheorien unterschieden: der Verschwörungstheorie als Zentralsteuerungshypothese, die ein Phänomen rational mit einer Verschwörung erklärt, und dem irrationalen Konspirationismus.
Die breite Erforschung verschiedener Geheimdiensttätigkeiten im Zweiten Weltkrieg kann als Beispiel für wissenschaftliche Zentralsteuerungshypothesen gelten: Die Forschung nimmt in verschiedenen Bereichen verabredete Geheimpläne kleiner Führungsgruppen an, etwa in der psychologischen Kriegführung oder dem Kampf um die Entschlüsselung von Geheimcodes wie der Chiffriermaschine Enigma. Sie unterstellt hier also konspirative und – aus der Sicht des Spionageziels – illegale Tätigkeiten mit weitreichender Wirkung. Sie versucht diese aufzudecken, um sie zur Erklärung wichtiger historischer Ereignisse heranzuziehen.
Auch in der Kontroverse um die Hintergründe des Reichstagsbrands vom 27. Februar 1933 wird eine solche seriöse Verschwörungstheorie diskutiert: Deren Anhänger glauben, die Nazis hätten sich planvoll mit der Brandstiftung einen Vorwand für die am nächsten Tag erfolgte Verordnung zum Schutz von Volk und Staat verschafft. Die Anhänger der Einzeltäterthese nehmen dagegen an, die Nationalsozialisten hätten die günstige Gelegenheit, die Marinus van der Lubbe ihnen bot, in geschickter Improvisation ausgenutzt.
Eine Zentralsteuerungshypothese, die den Anspruch der Wissenschaftlichkeit erhebt, muss in jedem Fall durch empirische Beweise falsifizierbar, also korrekturfähig sein. Sonst wäre sie eben keine Hypothese mehr, sondern bereits eine zum Vorurteil erstarrte pseudowissenschaftliche Glaubensüberzeugung, wie es bei konspirationistischen Verschwörungstheorien der Fall ist.
Werden Zentralsteuerungshypothesen auf größere Ereigniszusammenhänge ausgedehnt und verlieren sie ihren hypothetischen, durch neue Fakten revidierbaren Charakter, dann liegt ein geschlossenes konspirationistisches Welt- und Geschichtsbild vor. US-amerikanische Psychologen haben nachgewiesen, dass Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, sehr wahrscheinlich auch für weitere „Erklärungen“ dieser Art aufnahmebereit sind. Sie neigen also charakterlich dazu, dasselbe Erklärungsmodell stereotyp auf mehrere oder sogar alle Phänomene, die ihnen begegnen, anzuwenden. Um die imaginäre Sichtweise im Unterschied zu diskutablen Verschwörungshypothesen hervorzuheben, spricht Geoffrey T. Cubbit von „Verschwörungsmythos“. Der deutsche Extremismusforscher Armin Pfahl-Traughber sieht darin eine durch Fakten nicht korrigierbare, „festgefügte, monokausale und stereotype Einstellung“ oder „Verschwörungsideologie“. Für Slavoj Zizek, einen slowenischen Theoretiker in der Nachfolge Lacans, stehen Verschwörungstheorien sogar paradigmatisch für die Suche nach dem imaginären „großen Anderen“, der im sozialen Leben die Fäden in der Hand hält.
Allgemeines Merkmal solcher Weltbilder ist ein personalisiertes, d.h. an Einzeltätern oder Gruppen orientiertes, monokausales Erklärungsmuster zur Vereinfachung historischer und gesellschaftlicher Komplexität. Die Tätigkeit der Verschwörer wird als die wichtigste oder sogar einzige Ursache des zu erklärenden Phänomens betrachtet; andere Ursachen und Faktoren werden dabei ausgeblendet oder abgewertet. Damit erscheinen die Verschwörer zugleich als extrem mächtig, weshalb sie trotz ihrer geringen Zahl und Verbreitung Ereignisse von welthistorischer Bedeutung inszenieren können. Auch sollen sie über ausgeklügelte Geheimhaltungsmechanismen verfügen, weshalb außer dem geübten Verschwörungstheoretiker niemand ihre verborgenen Pläne und Absichten erkennen könne.
Diese Personalisierung von Geschichtsursachen vollzieht sich häufig in Verbindung mit einer auf der „Idee des Bösen“ beruhenden Zuschreibung. „Das Böse“ wird als überpersonale, weltbeherrschende Macht gedacht, die sich aber in ganz bestimmten Personengruppen manifestiert und dingfest machen lässt. Darin zeigt das konspirationistische Weltbild seine mythischen, insbesondere neuplatonisch-christlichen Wurzeln. Es versucht eine vereinfachende Antwort auf die Frage zu geben, warum „guten“ Menschen „Böses“ zustößt (Theodizee), und dient damit der Selbstvergewisserung in einer unüberschaubar gewordenen Gesellschaft. Das Ausfindigmachen von „Schuldigen“ geht mit der Schwarz-Weiß-Malerei des moralisierenden Dualismus einher und folgt dem Wunsch, die unterstellten Geheimpläne aufzudecken, abzustellen und zu bestrafen, um so das Böse „ein für allemal“ aus der Welt zu schaffen. Daher bezeichnet man diese Verschwörungstheorien als handlungsleitend. Dass sie sich in der Realität rasch als untauglich erweisen, bestätigt dann scheinbar die ungeheure Macht alter oder neuer Sündenböcke, so dass sich das konspirationistische Weltbild stets selbst erneuert.
Ein Beispiel für eine solche monokausale Personalisierung ist die Erklärung der Französischen Revolution aus dem geheimen Zusammenwirken der Freimaurer und Illuminaten. Der bayrische Illuminatenorden wird bis heute dämonisiert, obwohl er zur Zeit der Revolution bereits verboten war und in Frankreich nie mehr als ein Dutzend Mitglieder hatte. Dennoch traute man ihm den 1789 in wenigen Monaten herbeigeführten Sturz einer jahrhundertealten Gesellschaftsordnung zu. Gegenüber dem hochkomplexen Ursachengeflecht, auf das die seriöse Geschichtsforschung die Revolution zurückführt, kann diese Verschwörungstheorie sie scheinbar leichter verständlich machen und zudem konkrete Personen als Schuldige vorweisen.
Auffällig ist, dass die Verschwörer in sehr vielen Verschwörungstheorien angeblich über ein weltweites Beziehungsnetz verfügen: Diese unterstellten internationalen Verbindungen appellieren an die nationalen Gefühle der Rezipienten und lassen die Verschwörer noch bedrohlicher, weil schwerer fassbar, erscheinen. Außerdem sollen die Auslandsverbindungen den Umstand erklären, dass außer den Verschwörungstheoretikern selbst noch niemand dem Treiben der Konspirateure auf die Spur gekommen ist.
Typisch für “conspiracism” ist dabei seine Immunisierung gegen jede Form von Widerspruch. Wer an den angebotenen Erklärungen zweifelt, gilt entweder als getäuscht, erpresst oder gar als Mitwisser der Verschwörung. Die zum Weltbild verdichtete Verschwörungstheorie kann dann nicht mehr widerlegt werden. Gerne wird von Verschwörungstheoretikern gerade das Fehlen von Beweisen als Beweis für eine Verschwörung gewertet, da dies eben die unheimliche Effektivität der Verschwörer zeige. Eine Parodie auf diesen Umstand ist etwa die im Internet zirkulierende „Bielefeldverschwörung“. Da die vermuteten Verschwörungen als strukturell unbeweisbar konstruiert werden, gilt ihnen eine Expertenmeinung nicht als höherwertiger als eine private Spekulation. Auch in der Realität beteiligen sich häufig Privatpersonen und Hobby-Forscher an der vermeintlichen Aufdeckung von Verschwörungen.
Zwar finden Theorien wie etwa David Ickes Behauptung einer Unterwanderung der Menschheit durch reptilartige Außerirdische in der öffentlichen Meinung kaum Rückhalt. Analoge Stoffe sind durch zahlreiche Romane und Drehbücher – bis hin zum Krieg der Welten, einem legendären Hörspiel von Orson Welles – verbreitet; doch das Publikum zieht solche Fiktionen meist nicht zur Wirklichkeitserklärung heran. Häufig sind aber die Grenzen zwischen einer realistischen Befürchtung und einem wahnhaften Verschwörungsmythos fließend. Rationale und ideologische Realitätsdeutung gehen vor allem dort ineinander über, wo eine Zentralsteuerungshypothese sich nicht überprüfen lässt. Denn tatsächliche Verschwörungen sind immer durch strikte Geheimhaltung gekennzeichnet und daher schwerlich nachweisbar. So halten viele Zeitbeobachter z.B. den Verdacht für diskutabel, dass am Attentat auf John F. Kennedy mehr Menschen beteiligt waren als nur Lee Harvey Oswald. Unaufgeklärte Ursachen für einzelne Geschichtsereignisse können also den Glauben an weitere, bisher noch nicht entdeckte Verschwörungen stützen. Dies kann einer Verschwörungsideologie den Schein einer Faktenbasis und legitimen Geschichtsdeutung verleihen, so dass sie in der öffentlichen Wahrnehmung scheinbar eine seriöse Diskussion verdient. Umgekehrt können seriöse Vermutungen aber auch als irrationale Verfolgungshysterie dargestellt und Aufklärungsbemühungen damit abgeblockt werden.
Bei folgenden Beispielen ist fraglich, ob sie einer Zentralsteuerungshypothese oder dem Konspirationismus zuzuordnen sind:
Solche Thesen sind bis auf weiteres nicht beweisbar oder widerlegbar, da die Faktenbasis dafür nicht ausreicht und die Deutung der zugänglichen Fakten Werturteilen unterliegt, die nicht objektiv überprüfbar sind. Zwischen Wahrheit und Täuschung kann hier also nicht absolut entschieden werden. Allenfalls können sich Gruppen von Interessierten durch kommunikatives Handeln auf eine Sichtweise einigen, die aber keine Allgemeingültigkeit beanspruchen kann.
Als Kriterien zur Unterscheidung diskutabler Hypothesen von unseriösen konspirationistischen Weltbildern können zwei Aspekte gelten:
Dient eine Verschwörungstheorie einem offenkundig politischen Zweck und wird aus ihr ein Machtanspruch oder gar die Forderung nach gewaltsamem Handeln abgeleitet, dann liegt der Verdacht nahe, dass es sich um “conspiracism” handelt. Ihre Aufgabe ist dann offenkundig nicht, Transparenz zu schaffen, sondern Mehrheiten zu organisieren oder – mithilfe des Faktors „Angst“ – zu erpressen. Korrekturfähigkeit durch eine rationale Diskussion besteht damit kaum oder gar nicht mehr.
Andererseits kann eine als wahr erwiesene Geschichtsdeutung – wie etwa im Fall der Tatsächlichkeit des Holocaust – kaum darauf verzichten, sich öffentlich gegenüber Deutungsmustern zu behaupten, die diese Tatsächlichkeit bestreiten. Sonst wäre einer verschwörungstheoretischen Holocaustleugnung – unter Umständen mit fatalen politischen Konsequenzen – Tür und Tor geöffnet. Auch im Falle der Terrorismusbedrohung gilt es, das Zusammenspiel politischer Interessen, der Eigenlogik der Medien und konkreter Ereignisse abzuwägen. Damit verweist das Thema Verschwörungstheorie auf das sehr viel umfassendere Problemfeld von Information, Allgemeinbildung und politischem Gestaltungsanspruch.
Andererseits führte man im Mittelalter die Pest auf angebliche Brunnenvergiftungen durch die Juden zurück oder wähnte geheimes und illegales (nämlich den Lehren der Kirche widersprechendes) Glauben und Handeln bei sogenannten Ketzern wie den Katharern, Albigensern, Waldensern oder den Templern. Die Hexenverfolgungen der frühen Neuzeit funktionierten nach demselben Schema: Ein Unglück war geschehen, man identifizierte einen greifbaren Sündenbock, dem man dann den blutigen Prozess machte.
Allgemein aber waren Verschwörungstheorien im Mittelalter eher selten, da die meisten unerfreulichen Ereignisse nicht mit den Machenschaften menschlicher Verschwörer, sondern mit dem unerforschlichen Ratschluss Gottes erklärt wurden.
Dieses Musterbild der vom Ausland gesteuerten Jesuiten-Verschwörung fand ihren Höhepunkt 1678 in der „Papisten-Verschwörung“, dem sogenannten „popish plot“: Angeblich hätten Katholiken geplant, den König umzubringen, um seinen Bruder, den späteren James II. auf den Thron zu setzen. Diese an den Haaren herbeigezogenen Unterstellungen nahm die Whig-Opposition zum Anlass, gegen Königstreue, Konservative und Katholiken Front zu machen, von denen insgesamt 35 wegen Hochverrat unschuldig hingerichtet wurden.
Nachdem der „popish plot“ als Schwindel aufgedeckt und sich nach der Glorious Revolution von 1688 die Gegner des neuen Königs Wilhelm von Oranien als „die loyale Opposition seiner Majestät“ bezeichnet hatten und damit verschwörerischer Umtriebe nicht mehr verdächtig waren, kam es zu einer Beruhigung der politischen Öffentlichkeit in England. Das Bild vom Jesuiten als konservativ-katholischem Konspirateur, der von Rom aus seine verderblichen Fäden zöge, fand aber Eingang in den Diskurs der französischen Aufklärung, zum Beispiel die Encyclopédie Diderots und d’Alemberts.
Nicht zuletzt als Folge dieser Verschwörungstheorie wurde der Orden 1773 aufgelöst. Im 18. Jahrhundert hatten sich in Zusammenhang mit dem „Jesuiten-Staat von Paraguay“ und dessen Zerschlagung einige Jesuiten nämlich gegen die Herrschaftsansprüche der spanischen und der portugiesischen Krone gewandt und schienen damit die antijesuitische Verschwörungstheorie zu bestätigen.
Seit dem beginnenden 19. Jahrhundert jedenfalls ist das Bild des politischen Verschwörers von links, der international vernetzt ist, überall Werte wie Vaterland, Glaube und Familie unterminiert und versucht, Revolutionen anzuzetteln, fester Bestandteil des konservativen Diskurses. Dies Bild steht auch deutlich hinter den Karlsbader Beschlüssen von 1819, mit denen der österreichische Kanzler Metternich überall so genannte Demagogen verfolgen, zensieren und einsperren ließ.
Ihre ganze mörderische Potenz gewannen antisemitische Verschwörungstheorien Anfang des 20. Jahrhunderts, als der russische Geheimdienst unter Verwendung von Schauerliteratur und einer französischen liberalen Polemik gegen Napoleon III., die einfach umgedreht wurde, die Protokolle der Weisen von Zion fabrizierte. Diese Fälschung sollte einer der Schlüsseltexte des Antisemitismus werden. In diese antisemitische Verschwörungstheorie, die im Kern immer noch starke Ähnlichkeit mit ihrem antijesuitischen Urbild hat, wurden nach der Oktoberrevolution noch antibolschewistische Elemente eingefügt.
Das so entstandene Gerücht eines Weltjudentums, das seine Feinde im „Zangenangriff“ durch amerikanischen Finanzkapitalismus einerseits, sowjetischen Kommunismus andererseits halte, bildete den Kern von Hitlers Weltanschauung, der sich in Mein Kampf explizit auf die Protokolle der Weisen von Zion berief. Insofern könnte der Nationalsozialismus als eine große Verschwörungstheorie betrachtet werden. Diese war noch mörderischer als die anderen, weil sie davon ausging, dass die vermeintlichen Verschwörer nicht durch Absprache, sondern durch Abstammung Teil der Verschwörung geworden seien.
Verhängnisvoll aufgeladen war die antisemitische Verschwörungsthese noch durch die Dolchstoßlegende: Bereits kurz nach dem Ersten Weltkrieg hatte die Oberste Heeresleitung verbreitet, Schuld an der deutschen Niederlage wäre nicht etwa die materielle, technische und zahlenmäßige Überlegenheit der Alliierten spätestens seit dem Kriegseintritt der USA gewesen, sondern die Wühltätigkeit der deutschen Sozialdemokratie, die dem angeblich „im Felde unbesiegten“ deutschen Heer mit der Novemberrevolution in den Rücken gefallen sei.
Auch heute noch werden Versatzstücke aus dem Text "Protokolle der Weisen von Zion" zur Untermauerung antisemitischer Verschwörungstheorien verwandt. Sie sind z.B. integraler Bestandteil der Ideologie der Hamas.
Ob Stalin tatsächlich diesem Wahn anhing, dem mehrere Millionen Menschen zum Opfer fielen, oder ob er seine Verschwörungstheorie in kühlem Kalkül nur deswegen propagieren ließ, um potentielle Rivalen ausschalten zu können, ist ungeklärt. In den 1950er Jahren startete der Diktator dann eine, ebenfalls als konspirationistisch zu bewertende, antisemitische Kampagne gegen sog. „wurzellose Kosmopoliten“.
In jüngerer Zeit wurde vereinzelt versucht, den gesamten Leninismus als eine Verschwörungstheorie zu begreifen. Der amerikanische Politologe Daniel Pipes und der deutsche Historiker Gerd Koenen etwa argumentieren, Lenins Imperialismustheorie enthielte, ebenso wie die verwandte Stamokap-Theorie, in ihrem Kern die Behauptung, Großindustrielle und „Monopolherren“ gewönnen einen zunehmenden Einfluss auf den Staat und seine Entscheidungsstrukturen. Durch geheime Lobby-Arbeit, wechselseitigen Personalaustausch zwischen Wirtschaft und Politik, sowie institutionalisierte Bündnisse („Sozialpartnerschaft“) würden die „Monopolherren“ zunehmend Einfluss auf die Staatsleitung gewinnen, um diese schließlich vollständig ihren dubiosen Zwecken zu unterwerfen. Zu diesen Zwecken gehöre auch, den von Marx vorausgesagten tendenziellen Fall der Profitrate durch ökonomische und territoriale Expansion auszugleichen. Dies führe den so agierenden imperialistischen Staat in Konflikte mit anderen imperialistischen Staaten, was nahezu unausweichlich in kriegerische Auseinandersetzungen, wie den Ersten Weltkrieg münde. In diesen Staaten würden also nicht mehr die Entscheidungen ihrer demokratisch oder dynastisch legitimierten Regierungen durchgesetzt, sondern nur noch die profitmaximierenden Interessen der Großindustrie. Damit unterstellten Lenin und andere Theoretiker, die ihm folgten, dass z.B. der Imperialismus und der durch ihn verursachte Erste Weltkrieg das Ergebnis illegitimer und geheimer Einwirkungen eines vergleichsweise kleinen Personenkreises sei, nämlich der „Agenten des Monopolkapitals“. Dieses Deutungsmuster erfüllt alle Kriterien einer Verschwörungstheorie.
Zwar stießen die Versuche, den gesamten Leninismus als Verschwörungstheorie zu beschreiben, in der Forschung kaum auf positives Echo, einzelne konspirationistische Elemente scheinen aber vor allem im Vulgärmarxismus auf der Hand zu liegen. In den siebziger und achtziger Jahren wurden vielfach so genannte „Kartell- oder Agenturtheorien“ diskutiert, nach denen der bürgerliche Staat und seine Repräsentanten nichts als Weisungsempfänger von personal auftretenden Vertretern industrieller Interessen seien. Diese allzu schlichte und personalisierende Beschreibung des Verhältnisses zwischen Staat und Kapitalinteressen wird heute auch von den meisten Marxisten abgelehnt.
Ein Beispiel für eine solche konspirationistische Beschreibung ist etwa die zeitweise in der DDR-Geschichtswissenschaft vertretene Auffassung, vor allem die Großindustrie habe in der Weimarer Republik die NSDAP finanziert und durch direkte Einwirkung auf Entscheidungsträger (wie zum Beispiel durch die Industrielleneingabe vom November 1932) an die Macht gebracht. Daher, so die Behauptung, sei das personale Handeln der Großindustriellen der wichtigste Faktor, der zu der Übergabe der Macht an die Nationalsozialisten beigetragen hätte. Hier wird im Sinne des konspirationistischen Weltbildes ein zentrales weltgeschichtliches Ereignis auf das zielgerichtete verborgene Wirken einer kleinen Minderheit zurückgeführt. Die Kanzlerschaft Hitlers ist dieser monokausalen Auffassung zufolge alleiniges Ergebnis der Expansionsinteressen verborgen handelnder Kapitalisten. Andere Faktoren wie die nationalsozialistische Massenbewegung, die Weltwirtschaftskrise, die Folgen des als nationale Schmach empfundenen Versailler Vertrags und der Mangel an entschiedenen Verteidigern der Republik werden demgegenüber ausgeblendet. Die historische Forschung nimmt heute dagegen an, dass der Anteil der Großindustrie an der Finanzierung der NSDAP gering war, unbeschadet der Tatsache, dass sie durchaus aktiv an der Zerstörung der Weimarer Republik mitgewirkt hat. Auch wird die Einflussnahme einzelner Großindustrieller nicht geleugnet, aber in ein komplexes multifaktorielles Ursachengeflecht aus institutionellen Rahmenbedingungen, ökonomischer Entwicklung, politischer Kultur, sozialem Gefüge und ideologischen Einflüssen eingeordnet.
Alles in allem scheint aber das allgemeine Problem, in welchem Verhältnis Leninismus und Verschwörungstheorien zueinander stehen, noch lange nicht ausdiskutiert zu sein.
Auch in der Folge nahm deren Zahl und Verbreitung in den USA nicht ab. Seit 1963 bietet das Attentat auf John F. Kennedy Anlass zu Verschwörungstheorien, die nachzuweisen versuchen, die CIA habe gemeinsam mit der Mafia, Exilkubanern, Vizepräsident Lyndon B. Johnson und Vertretern des militärisch-industriellen Komplexes den Mord an den Präsidenten zu verantworten. Dahinter stecke ein Staatsstreich, der Kennedys Politik zunichte gemacht habe. Manche sehen die Mafia auch als alleinigen Drahtzieher des Attentats, weil die Regierung für die Organisierte Kriminalität eine akute Bedrohung darstellte. Eine weitere Version sieht hinter dem Mord das Castro-Regime, das den ständigen Widersacher Kennedy angeblich „beseitigen“ wollte. Diese Vorstellung wurde auch von Präsident Johnson nahegelegt.
Seit 1969 verstummen auch die Zweifel an der tatsächlichen Mondlandung nicht, siehe „Mondlandungslüge“.
Anfang der 1980er Jahre führte die sog. „October-Surprise“-Verschwörung sogar zu einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss: Danach sollen Persönlichkeiten aus dem Umfeld von Ronald Reagan den iranischen Revolutionsführer Ayatollah Khomeini dazu gebracht haben, die Geiseln in der amerikanischen Botschaft erst nach seiner Wahl zum Präsidenten freizulassen. Obwohl Reagans Vorgänger Jimmy Carter diese These unterstützte, konnte der Untersuchungsausschuss keine stichhaltigen Belege für dieses Komplott finden.
Gegenstand der Verdächtigungen ist also häufig die eigene Regierung, der unter anderem von fundamentalistischen Christen, Rechtsanarchisten und der National Rifle Association (NRA) unterstellt wird, im Bunde mit der UNO, anderen übernationalen Mächten oder sogar Außerirdischen daran zu arbeiten, Freiheit und Moral der Bevölkerung zu unterminieren und eine „neue Weltordnung“ errichten zu wollen. Anlass hierzu bot zuletzt das Massaker von Waco (Texas) 1993.
Diese gegen die eigene Regierung gerichteten Verdächtigungen wurden auch im Zuge der Terroranschläge am 11. September 2001 in den USA fortgesetzt und fanden auch in Europa weite Verbreitung. Demnach sei die Bush-Regierung selbst für die Angriffe auf das World Trade Center und das Pentagon verantwortlich, um ihre Kriegspläne gegen Afghanistan und den Irak umzusetzen und eine unilaterale Dominanz zu etablieren – siehe hierzu Verschwörungstheorien zum 11. September 2001.
Ab dem 18. September 2001, kurz nach dem Anschlag auf das World Trade Center, wurden mit Milzbrand verseuchte Briefe an Regierungsstellen versandt. Fünf Menschen starben. Die Urheber dieser Briefe wurden bis heute nicht gefasst und geben Anlass für Verschwörungstheorien, da diese Briefe eine zusätzliche weltweite Hysterie auslösten, aber sehr schnell aus dem Blickfeld der Medien verschwanden, als bekannt wurde, dass der oder die Attentäter wahrscheinlich US-Bürger waren.
Viele aktuelle Verschwörungstheorien in den USA kreisen um die Tätigkeit der nationalen Geheimdienste. Beispielsweise wird behauptet, dass ein Versuchsprojekt der CIA zur Bewusstseinskontrolle mit dem Codenamen MKULTRA, das von den 1950ern bis in die 1970er Jahre mit Wahrheitsdrogen experimentierte, keineswegs eingestellt worden sei. Auch die NSA mit ihrem mächtigen Abhörapparat Echelon weckt konspirationistische Befürchtungen, wie sie zum Beispiel 1998 der Film Der Staatsfeind Nr. 1 mit Will Smith und Gene Hackman illustrierte. Besonders stark verbreitet sind Verschwörungstheorien unter der afroamerikanischen Bevölkerung der USA: Hinter den Morden an Malcolm X und Martin Luther King werden innerhalb dieser sozialen Gruppe oftmals Geheimdienste oder die Regierung vermutet. Auch die Thesen, dass Schusswaffen, Crack und AIDS - Phänomene, von denen die afroamerikanische Bevölkerung überdurchschnittlich betroffen ist - von interessierter Seite absichtlich in deren Wohngebiete gebracht worden wären, finden hier weite Verbreitung. Genährt wurden diese Verdächtigungen u.a. durch die Tatsache, dass die CIA den Kokain-Schmuggel der Contras in die USA tolerierte.
Ein solcher antiamerikanisch-antizionistischer Verschwörungsdiskurs hat sich in den letzten Jahren als teilweise anschlussfähig auch für globalisierungskritische Linksextremisten erwiesen.
Die tiefe Verwurzelung konspiratistischen Denkens in der islamischen Welt zeigt sich übrigens auch daran, dass die Kritiker der islamistischen oder patriarchal-autoritären Regime nicht davon frei sind. Die ägyptische Menschenrechtlerin Nawal al-Saadawi zum Beispiel kann sich die Schwäche der Demokratie im arabischen Raum und die fast unangefochtene Herrschaft der Diktatoren nur personalisierend und monokausal damit erklären, dass diese „immer im Auftrag des amerikanischen und israelischen Kolonialismus“ gestanden hätten.
Der Zusammenhang ist notwendiger Bestandteil der scheinrationalen Logik des konspirationistischen Weltbilds: Wenn die Bedrohung durch die als übermächtig vorgestellten Verschwörer so groß ist und wenn es auf Grund der ideologischen Selbstabdichtung keinerlei Mittel gibt, diese Phantasievorstellung zu widerlegen, muss buchstäblich jedes Mittel recht sein, sich ihrer zu erwehren.
Insofern ist zu vermuten, dass die vergleichende Genozidforschung künftig auf noch mehr Beispiele konspirationistischen Denkens stößt, wie es jüngst erst bei der Erforschung des Völkermords an den Armeniern geschah: Auf Grund der Erfahrungen des griechischen Unabhängigkeitskrieges (1821 – 1829), als eine christliche Minderheit sich gewaltsam mit Hilfe einer europäischen Großmacht aus dem Osmanischen Reich gelöst hatte, fürchtete die jungtürkische Regierung im Jahre 1915 Ähnliches: Sie vermutete, die christlichen Armenier würden insgeheim im Bunde stehen mit Russland, das schon lange Interesse an der Kontrolle der Meerengen besaß. Daher schalteten sie mit den Todesmärschen in die mesopotamische Wüste diese vermeintliche „fünfte Kolonne“ des Kriegsgegners aus.
Doch Gewalt ist nicht nur die Folge staatlicher Verschwörungstheorien „von oben“: In den beiden großen Freiheitskämpfen des 18. Jahrhunderts spielen Verschwörungstheorien „von unten“ für die Motivation der Revolutionäre eine nicht zu unterschätzende Rolle. Von George Washington etwa ist bekannt, dass er hinter dem konfliktträchtigen Handeln der britischen Regierung, das zum amerikanischen Unabhängigkeitskrieg führte, eine Verschwörung witterte: Die Besteuerung der Kolonisten ohne ihre Repräsentation im Parlament erschien ihm nicht als rationale Verfolgung britischer Interessen, die nur eben den seinen widersprachen und die politisch, das heißt durch Verhandlung und Kompromiss, zu regeln wäre, sondern als absichtliche und vor den Amerikanern lange geheim gehaltene Böswilligkeit, die es zu bekämpfen gelte – eine Interpretation, die den Kämpfern für die Unabhängigkeit gewiss mehr Anhänger zuführte, als wenn er sie rein rational dargestellt hätte.
Noch deutlicher wird der Zusammenhang von revolutionärer Gewalt und Verschwörungstheorie im vorrevolutionären Frankreich, wo unter der Landbevölkerung immer wieder Gerüchte von Hungerverschwörungen aufflackerten. Die berühmteste und wohl auch folgenreichste war das im Frühjahr 1789 massenhaft kolportierte Gerücht, Adel und König würden absichtlich die Getreideversorgung verknappen, um in der folgenden Hungerkrise den beim Volk beliebten Finanzminister Jacques Necker entlassen und die von ihm empfohlene Einberufung der Generalstände aussetzen zu können. Diese Verschwörungstheorie trug nicht unwesentlich zur Delegitimierung des Ancien Régime und zur Bereitschaft der von einer Hungersnot bedrohten Massen bei, auch Gewalt einzusetzen.
Die Gerüchte um Hungerverschwörungen ließen in der Folgezeit aber nicht nach. Tatsächlich waren ähnliche Sorgen der Pariser Sansculotten im Zusammenhang mit der durch Inflation bedrohten Revolutionswährung, den Assignaten, einer der Auslöser für den massenhaften Terror des Wohlfahrtsausschusses. Die Verschwörungstheorie, die revolutionäre Gewalt „von unten“ motiviert hatte, war zur Rechtfertigung staatlichen Terrors „von oben“ geworden.
Seit einiger Zeit werden Verschwörungstheorien vor allem in der amerikanischen Literatur thematisiert. Hier lassen sich drei Aspekte ausmachen, die sie für Autor und Leserschaft interessant machen: Spannung, Satire und Postmoderne; bei vielen Büchern kommen mehrere dieser Aspekte zum Tragen:
Soziologie | Verschwörungstheorie | Pseudowissenschaft
نظرية المؤامرة | Konspirativna teorija | Konspirační teorie | Konspirationsteori | Θεωρία συνωμοσίας | Conspiracy theory | Konspira teorio | Teoría de la conspiración | Vandenõuteooria | Salaliittoteoria | Théorie du complot | תאוריית קשר | Összeesküvés-elmélet | Teoria del complotto | 陰謀論 | 음모론 | Sąmokslo teorija | Complottheorie | Konspirasjonsteori | Teoria spiskowa | Teoria da conspiração | Теория заговора | Konspirationsteori | ทฤษฎีสมคบคิด | Komplo teorisi | Теорія змови | 陰謀論
This article is licensed under the GNU Free Documentation License.
It uses material from the
"Verschwörungstheorie".
Home Page • arts • business • computers • games • health • hospitals • home • kids & teens • news • physicians • recreation• reference • regional • science • shopping • society • sports • world